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„Wenn man sich richtig anstrengt, geht überall was“

Sagt Tobias Chilla, Geografie-Professor und Fachmann für Regionalentwicklung. Ein Gespräch über Provinz als Ansichtssache und die Vorteile des Suburbanismus.




Tobias Chilla, 46,

ist Professor am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg-Erlangen mit dem Schwerpunkt Regionalentwicklung und auch in der Politikberatung tätig. Zu seinem Thema kam er früh: „Ich bin im Münsterland aufgewachsen, wo man schon in den Achtzigerjahren über die grüne Grenze in die Niederlande fahren konnte, um billig zu tanken oder Lakritze zu kaufen. Urlaub haben wir im Bayerischen Wald gemacht, wo der Eiserne Vorhang an der Grenze zur Tschechoslowakei stand. Den Kontrast zwischen diesen beiden ländlichen Regionen fand ich faszinierend.“

brand eins: Herr Chilla, derzeit wird viel über abgehängte Landbewohner diskutiert, an denen die Segnungen der Globalisierung vorbeigegangen und die dankbare Opfer von rechten Demagogen geworden sind – was stimmt an diesem Klischee?

Tobias Chilla: Wenig bis nichts. Denn erstens gibt es keine eindeutige Spaltung zwischen Stadt und Land. So existieren einerseits sehr erfolgreiche ländliche Regionen – das gilt zum Beispiel für fast ganz Süddeutschland – sowie andererseits urbane Ballungszentren wie das Ruhrgebiet, die deutlich schlechter dastehen. Und zweitens lässt sich kein kausaler Zusammenhang herstellen zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Neigung von Menschen, die extreme Rechte zu wählen. Denn das passiert auch in Kreisen, denen es ökonomisch gut geht und in denen Arbeitslosigkeit kein Thema ist.

Wer die Peripherie fördert, fördert also nicht automatisch die Demokratie.

Das ist leider so. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, für gesellschaftlichen Zusammenhalt im ganzen Land zu sorgen: Jeder sollte die Chance haben, auch jenseits der Metropolen ein gutes Leben zu führen.

Dass der Staat zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse beitragen muss, steht im Artikel 72 des Grundgesetzes. Aber was bedeutet das konkret?

Die öffentliche Hand muss dafür sorgen, dass überall im Land eine gewisse Basis vorhanden ist, damit die Menschen sich entfalten können. Dazu gehören vor allem Verkehrsverbindungen, Zugang zu Schulbildung und eine angemessene Gesundheitsversorgung. Gleichwertigkeit heißt aber nicht Gleichheit. Es ist also durchaus zumutbar, dass man für ein Studium umziehen muss. Und jeder Landbewohner hat Anspruch auf eine angemessene Anbindung ans Internet, aber nicht zwingend in derselben Qualität wie Stadtbewohner.

Manche Wissenschaftler stellen die Förderung des ländlichen Raumes infrage. Der Ökonom Reint Gropp vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle schlug jüngst vor, staatliche Fördermittel vor allem an Städte zu verteilen, da die Milliardensubventionen für die ostdeutsche Provinz unter dem Strich nichts gebracht hätten. Was halten Sie dem entgegen?

Zunächst einmal kann man den ostdeutschen Transformationsprozess nicht als rundweg gescheitert bezeichnen. Dort ist es in den vergangenen Jahrzehnten enorm aufwärtsgegangen, das gilt auch für ländliche Regionen. Der Aufholprozess ist noch nicht abgeschlossen, und es wurden auch politische Fehler bei der Entwicklung gemacht, aber diesen Raum deshalb aufzugeben wäre fatal. Wenn man das konsequent durchdenkt, müsste man solche Gegenden entvölkern – und das kann ich mir in einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland nicht vorstellen.

Die Menschen zieht es weltweit in die Städte. Ist das nicht zu begrüßen, weil die Wege dort kürzer sind und die öffentliche Infrastruktur optimal ausgelastet wird?

Da ist was dran. Aber mir ist dieses Argument zu technokratisch. Theoretisch wäre es am effizientesten, die gesamte Bevölkerung in einem gigantischen Hochhaus unterzubringen – dann gäbe es keine Verkehrsstaus, man müsste nur mit dem Fahrstuhl hoch- und runterfahren. Ich plädiere für eine dezentrale Konzentration, also dafür, zu überlegen, an welchen Orten Investitionen in Wohnen, Gewerbe und Handel sinnvoll sind, wo man sich bes- ser zurückhält oder aus demografischen Gründen Infrastruktur zurückbaut. Und zwar sowohl in Städten als auch auf dem Land, wo es zum Teil eine fantastische Lebensqualität gibt. Es wäre widersinnig, die aus Effizienzgründen aufzugeben.

Gibt es hierzulande überhaupt Provinz?

Provinz ist ein schillernder Begriff und vor allem Ansichtssache. Ich stand mal mit einer Freundin aus den USA auf einem Mittelgebirgsgipfel, wir haben – nach meinem Dafürhalten – in die grüne Landschaft geschaut, und sie hat gesagt, es sei schon verrückt, in Deutschland gebe es nirgendwo Natur. Für sie war das alles erschlossenes Land. Und da hat sie in gewisser Weise recht. Es gibt hierzulande kaum Gegenden mit sehr geringer Bevölkerungsdichte, in denen sich wirtschaftlich nichts tut.

In Skandinavien, auf der Iberischen Halbinsel oder in den USA ist das ganz anders. Wenn ich Leuten von dort zeige, wie viele Weltmarktführer es hierzulande im ländlichen Raum gibt und wie viele Arbeitsplätze, erscheint ihnen das märchenhaft. Diese Gegenden wirken ländlich, sind aber erfolgreich in die Weltwirtschaft integriert – also das Gegenteil von provinziell.

Ist der Föderalismus das Erfolgsrezept?

Er ist ein entscheidender Faktor. Vor allem in unserem Teil Europas gibt es Regionen, die von einer gewissen Eigenständigkeit gegenüber ihren nationalen Regierungen profitieren. Dazu zählen Süddeutschland, die österreichischen Bundesländer, die Schweizer Kantone oder Norditalien. Sie alle stehen sehr gut da – vergleichbar mit den großen Metropolregionen Europas.

Nur sind die ökonomisch erfolgreichen Landstriche leider sehr ungleich über den Kontinent verteilt.

Das Bild ist in der Tat konzentrisch: In Mitteleuropa und in Skandinavien gibt es viele starke Regionen, aber an den Rändern nur wenige. Das hatten sich Europapolitiker anders vorgestellt, vor allem rund ums Mittelmeer hätten sie sich mehr erfolgreiche ländliche Räume gewünscht.

Was haben diese Politiker falsch gemacht?

Europa trägt nicht die Hauptschuld, es sind die Nationalstaaten. Die Kernfrage ist, welches Gewicht und welche Eigenständigkeit sie den Regionen zugestehen, damit diese sich nach ihren eigenen Vorstellungen entwickeln können – da liegt ungeheuer viel Potenzial brach.

Allerdings neigen Menschen in prosperierenden Landesteilen zu Autonomiebestrebungen, wie etwa in Katalonien.

Das ist für mich kein Grund zu ernsthafter Sorge. Solche Bestrebungen gab es auch in Südtirol, man hat das Problem durch Zugeständnisse an die Leute dort politisch in den Griff bekommen – und der Separatismus ist heute Italiens kleinste Sorge. Ich bin optimistisch, dass sich das Katalonien-Problem ebenso lösen lässt, indem die Region etwas mehr Verantwortung und einige Privilegien erhält.

Gibt es auch Gegenden, die so benachteiligt sind, dass dort eine Entwicklung beim besten Willen nicht möglich ist?

Nein. Denken Sie nur an den Alpenraum, eine lange schwer zugängliche Bergregion, die als hinterwäldlerisch galt und aus der die Menschen in Scharen abwanderten. Heute hat sich dieser einst gehandicapte Teil der Welt sehr gut entwickelt dank des Tourismus und dank innovativer mittelständischer Betriebe vor allem in der Schweiz und in Österreich oder Südtirol. Das Beispiel zeigt, was sich mit Ideen und politischem Willen erreichen lässt. Es gibt keinen Determinismus nach dem Motto: Wo keine Metropole in der Nähe ist, geht nichts. Wenn man sich richtig anstrengt, geht überall was.

Noch schwieriger als die Entwicklung abgelegener Landstriche scheint der Struktur- wandel in Industrieregionen wie dem Ruhr-gebiet zu sein. Woran liegt das?

Je später ein solcher Wandel angegangen wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Der Niedergang der Schwerindustrie zeichnete sich hierzulande bereits in den Sechzigerjahren ab, doch es wurden viel zu spät wirtschaftspolitische Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen. Die Verantwortlichen waren zu sehr eingenommen von dem Erfolgsmodell der Vergangenheit. Klüger waren die Luxemburger, die mit ihrer Schwerindustrie – wenn auch in kleinerem Maßstab – vor einem ähnlichen Problem standen. Dort haben sich Politiker, Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter Mitte der Siebzigerjahre zusammengesetzt und gefragt: Was könnte das Geschäftsmodell der Zukunft sein? Ein wichtiges Ergebnis war die Fondsindustrie, also Investitionen in den Finanzsektor.

Das Geschäftsmodell beruhte allerdings auf Steuervermeidung zulasten anderer Länder.

Ja, aber auch auf zahlreichen kompetenten Fachleuten in den staatlichen Behörden, dank denen Fonds sehr schnell genehmigt werden. Deshalb funktioniert das Geschäftsmodell noch immer, obwohl Steuervermeidung wegen einer geänderten Gesetzeslage kaum noch möglich ist. Ich finde am Luxemburger Beispiel das Prinzip interessant: Wenn sich alle Beteiligten zu einem frühen Zeitpunkt gemeinsam überlegen, wohin die Reise gehen soll, kann Strukturwandel gelingen.

Was bevorzugen Sie persönlich, das Leben in der Stadt oder auf dem Land?

Ich bin bekennender Suburbanist und wohne in einem 2000-Einwohner-Dorf, zehn Kilometer von Erlangen entfernt. Was ich dort besonders mag, ist, dass man sich gut kennt und mischt. Bei uns in der Dorfschänke treffe ich Handwerker, Unternehmer oder Landwirte. Das ist ein großer Vorzug des Landlebens. ---