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Was wäre, wenn …

Ein Szenario.





• Krieg ist schon lange verboten. Alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen haben sich laut deren Charta von 1945 verpflichtet, „jede gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates gerichtete oder sonst mit den Zielen der Vereinten Nationen unvereinbare Androhung oder Anwendung von Gewalt“ zu unterlassen. 1970 wurde dies ergänzt: „Kein Staat (…) hat das Recht, (…) in die inneren oder äußeren Angelegenheiten eines anderen Staates einzugreifen. Folglich sind die bewaffnete Intervention und alle anderen Formen der Einmischung oder Drohversuche gegen die Rechtspersönlichkeit eines Staates oder gegen seine politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Teilelemente völkerrechtswidrig.“

Was wäre, wenn diese Vorgaben wirklich befolgt würden? Wenn auf der ganzen Welt Frieden herrschte?

Kriege zwischen zwei oder mehr Staaten sind seit 1945 weltweit zurückgegangen, ebenso die durch sie verursachten Tode. Die Zahl bewaffneter Konflikte – ohne staatliche Armeen –, nahm bis in die Neunzigerjahre zu, seitdem ist sie rückläufig wie auch die Zahl der Menschen, die durch solche Konflikte sterben. Trotzdem sind die Militärausgaben weltweit so hoch wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr: Laut einem Bericht des schwedischen Friedensforschungsinstituts Sipri waren es 2017 rund 1,6 Billionen Euro. Die USA führen die Liste mit 544 Milliarden Euro an, China folgt mit 203 Milliarden, Deutschland liegt mit 38,4 Milliarden Euro auf Platz neun. Die Rüstungsausgaben machen hierzulande etwa 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, in den USA sind es 3,1 Prozent. Spitzenreiter sind Oman (12,1 Prozent) und Saudi-Arabien (10,3 Prozent).

Doch selbst wenn plötzlich Weltfrieden herrschte, wäre nicht sicher, ob diese Ausgaben komplett aus den staatlichen Budgets verschwänden und für andere Aufgaben zur Verfügung stünden. Das hinge davon ab, ob dieser Frieden unumstößlich garantiert wäre oder nur auf gegenseitiger Abschreckung beruhte. Außerdem werden Armeen in vielen Ländern schon jetzt auch für zivile Zwecke eingesetzt, sei es Katastrophenschutz, Amtshilfe für Behörden oder Grenzsicherung.

Militärausgaben sind nicht die einzigen Kosten eines Krieges. Siri Rustad, Forschungsdirektorin am Peace Research Institute Oslo: „Egal ob wir von offiziellen Kriegen sprechen oder von bewaffneten Konflikten wie Bürgerkriegen, die Kosten für die Gesellschaft sind enorm. Schulen werden bombardiert, Krankenhäuser zerstört – das alles wirft die Entwicklung eines Landes zurück und beeinflusst den Wohlstand meist stärker als die reinen Militärausgaben.“

Das Institute for Economics and Peace, ein australischer Thinktank, hat errechnet, dass gewalttätige Auseinandersetzungen die Weltgemeinschaft 2017 insgesamt 14,8 Billionen Dollar gekostet haben. Das entspricht 12,4 Prozent des weltweiten BIP oder 1988 Dollar pro Erdenbürger. Seit 2012 seien diese Kosten um 16 Prozent gestiegen – das liege vor allem an dem Bürgerkrieg in Syrien und dem Erstarken der Terrorgruppe Islamischer Staat.

Frieden lohnt sich laut der Studie: Während der vergangenen 60 Jahre sei das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum in Ländern, in denen Frieden herrschte, dreimal höher gewesen als in solchen, in denen das nicht der Fall war. In den vergangenen zehn Jahren habe sich dieser Unterschied auf den Faktor sieben erhöht. Syrien, Afghanistan und Irak litten am stärksten: Diese Länder hätten 51 bis knapp 69 Prozent ihres BIP durch gewalttätige Konflikte eingebüßt.

Eine Auflösung oder starke Reduzierung des Militärapparats hätte auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. „Weil der Bedarf an Rüstungsgütern sank, gab es nach dem Zweiten Weltkrieg vielerorts, auch unabhängig von Kriegsschäden, hohe Arbeitslosigkeit“, sagt Siri Rustad. „Eine komplette weltweite Demilitarisierung würde wohl erst mal zu einem starken wirtschaftlichen Abschwung führen, auch wenn die meisten westlichen Länder davon weniger betroffen wären, da ihre Volkswirtschaften besser diversifiziert sind.“ In den USA waren Ende Februar 2019 beispielsweise knapp 1,4 Millionen Menschen im aktiven Militärdienst, dazu kommen etwa 800 000 Reservisten. Weitere zwei Millionen Amerikaner arbeiten in der Rüstungsindustrie.

Louis Uchitelle, ein ehemaliger Wirtschaftsredakteur der »New York Times«, rechnet in seinem Buch „Making It – Why Manufactoring Still Matters“ vor, dass Rüstungsgüter ungefähr zehn Prozent der 2,2 Billionen Dollar Wirtschaftsleistung der amerikanischen Fabriken ausmachen. Bestellt werden sie vor allem vom US-Verteidigungsministerium. „Auf neun in amerikanische Fabriken produzierte Autokotflügel kommt ein Gewehrlauf“, schreibt Uchitelle und weist darauf hin, dass die öffentliche Hand viele dieser Fabriken mit Steuervergünstigungen, kostenlosem Bauland und sonstigen Subventionen fördert, in der Hoffnung, dass diese Arbeitsplätze gewähren.

Aber auch für andere Branchen würde sich etwas ändern, sagt die Friedensforscherin Siri Rustad, zum Beispiel für die Erdölindustrie. „Fördergegenden wie das Nigerdelta oder der Sudan sind aktuell ziemlich gefährlich. Würde überall Frieden herrschen, wäre die Arbeit dort weniger riskant und es könnten größere Mengen günstiger gefördert werden.“ Allerdings sei das Öl in vielen Fällen der Grund für die Auseinandersetzungen. „Generell wäre es wichtig, das Geld, das durch Demilitarisierung gespart wird, in die Beilegung der grundlegenden Konflikte zu stecken, also etwa um Ungleichheit zu reduzieren.“

In einer friedlichen Welt fiele ein wesentlicher Grund für Migration weg: 68,5 Millionen Menschen waren 2017 wegen bewaffneter Konflikte auf der Flucht. Vor zehn Jahren waren es laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen nur halb so viele. In den zehn Staaten mit den größten Fluchtbewegungen herrschte Krieg oder ein bewaffneter Konflikt. „Grundsätzlich wäre es natürlich gut, wenn die Migration aufgrund von Krieg und Gewalt aufhörte“, sagt Rustad. Aber: Es gäbe nach wie vor Gründe, weshalb Menschen ihre Heimat verlassen – Wassermangel etwa oder andere Folgen der Erderwärmung. Außerdem seien unter anderem viele europäische Länder auf Einwanderer angewiesen.

Der Krieg hat einiges hervorgebracht: Schwarzpulver, Funkgeräte, plastische Chi- rurgie oder das Internet – viele Innovationen wurden vom oder für das Militär erfunden oder von diesem vorangetrieben. Möglicherweise könnte sich dies in einer friedlichen Welt verlangsamen, sagt Rustad. Aber sie glaube nicht, dass der Effekt groß wäre. „Ich habe bereits jetzt den Eindruck, dass mehr Innovationen ohne militärische Hilfe entstehen als beispielsweise zurzeit des Kalten Krieges.“ ---