Strahlendes Erbe

Eine Atommülldeponie vor der Haustür? Fast überall wäre das der Super-GAU. Im niedersächsischen Wendland aber schweißte ein geplantes Endlager Alteingesessene und Zuzügler zusammen. Nun sucht die Region jenseits gemeinsamer Kampferfahrung nach einer Perspektive.




Fürchtete radioaktiv verseuchte Milch: der Bauer Hans-Werner Zachow

Die Gorleben-Geschichte

Eigentlich wollten Bundes- und Landesregierung im niedersächsischen Wendland nicht nur ein Endlager, sondern auch eine Wiederaufbereitungsanlage für die radioaktiven Abfälle der deutschen Atomkraftwerke errichten. Nach Protesten wurde auf die Wiederaufbereitungsanlage verzichtet und über dem Salzstock ein Erkundungsbergwerk errichtet.

Gleich nebenan im Wald bei Gorleben ist seit 1995 ein oberirdisches Zwischenlager in Betrieb (Foto vorige Seiten), in das Castor-Behälter mit hochradioaktivem Material überwiegend aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague transportiert und gelagert werden. Wo der endlos strahlende Atommüll seine letzte Ruhe finden soll, ist offen.

Zurzeit werden in der ganzen Bundesrepublik Standorte für das Endlager geprüft. Gorleben ist weiterhin eine Option.

• Der Tag, an dem das niedersächsische Wirtschaftsministerium unbeabsichtigt den Anstoß zu einer Öko-Kommune gab, war ein ganz normaler Sitzungstag im November 1976. Eigentlich ging es gar nicht um eine Hippie-WG, sondern um den Standort für ein geplantes nukleares Entsorgungszentrum, was eine beschönigende Umschreibung für eine ewig strahlende Atommülldeponie war. Entsprechend mühsam gestaltete sich die Kandidatensuche. In jenen Novembertagen tauchte auf der Liste potenzieller Standorte, die eine interministerielle Arbeitsgruppe zusammentrug, erstmals dieser Name auf: Gorleben.

Das Dorf im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg schien für die Deponie wie geschaffen. Das Wendland, wie die Region genannt wird, ragte als eine Art einsamer Außenposten der Bundesrepublik ins Gebiet der damaligen DDR. Aus westlicher Sicht markierte es das Ende der (freien) Welt, entsprechend dünn besiedelt und strukturschwach war das sogenannte Zonenrandgebiet. Kein Autobahnanschluss, kaum nennenswerte Industrie, keine größeren Städte, dafür eine stockkonservative Landbevölkerung und ein unterirdischer Salzstock mit viel Raum für Atommüll.

Dort, so dachte man offenbar in Hannover, müsste jeder neue Arbeitsplatz und jede D-Mark an Steuereinnahmen für strahlende Gesichter sorgen.

Ein gewaltiger Irrtum. Zwar stimmte der Gorlebener Gemeinderat für das Projekt, doch schon drei Wochen nach der Standortverkündung versammelten sich im Ort 20.000 Menschen – zahlenmäßig fast die Hälfte der Landkreisbevölkerung –, um gegen die Pläne des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zu protestieren. Im März 1979 brachen Hunderte Landwirte aus dem Wendland auf ihren Traktoren zu einem „Albrecht, wir kommen!“-Treck gen Hannover auf, wo sie sich mit 100.000 Atomkraftgegnern zu einer der größten Demonstrationen vereinigten, die die Bundesrepublik je erlebt hat.

Einer, der damals gen Hannover tuckerte, war Hans-Werner Zachow, ältester Sohn einer Landwirtsfamilie aus dem Wendlanddörfchen Fließau. Die Zachows bewirtschaften dort seit drei Generationen 150 Hektar Land mit 100 Milchkühen. „Die Arroganz der CDU-Landesregierung ging uns gehörig auf den Zeiger“, sagt der heute 64-Jährige. „Uns war klar: Wenn im Endlager irgendwas schiefgeht, sind wir als Erste dran. Verstrahltes Gemüse oder Milch will niemand kaufen.“

Zachow, damals ein Jungbauer von Mitte 20, setzte sich mit an die Spitze der Protestbewegung. „Ich musste meinem Vater nur versprechen, mich nicht verhaften zu lassen, schließlich wurde ich jeden Morgen beim Melken gebraucht.“ Mit Freunden gründete er die „Bäuerliche Notgemeinschaft“, eine Protesttruppe, die Polizei und Endlagerplanern über Jahre das Leben schwer machen sollte. Möglich war das nur, weil die landwirtschaftlichen Lokalpatrioten schnell Verstärkung von Atomkraftgegnern aus der ganzen Bundesrepublik erhielten. Denn mit den Hundertschaften der Bereitschaftspolizei, den Endlager-Erkundungstrupps und den Kamerateams, die im Wendland einfielen, strömte ein buntes Völkchen aus Querköpfen, Spontis und Andersdenkenden nach Ostniedersachsen. Auf den toten Winkel Westdeutschlands wirkte der Zustrom wie eine Frischzellen-Injektion. Unfreiwillig hatte Niedersachsens Landesregierung mit ihrer Standortentscheidung eine Art alternatives Ansiedlungsprogramm in Gang gesetzt.


Links: Gab sein Land nicht für das Endlager her: Andreas Graf von Bernstorff
Rechts: Engagiert sich für die Zukunft der Region: Fried Graf von Bernstorff

Eine Koalition aus Adeligen, Bauern und Ökos

„Ohne den Protest gegen das Endlager wäre das Wendland heute eine abgehängte Region wie viele andere“, sagt Nicole Servatius, Leiterin der Stabsstelle „Regionale Entwicklungsprozesse“ beim Landkreis Lüchow-Dannenberg. Der Bauer Zachow sagt: „Gorleben hat uns einen Boom beschert, weil es Leute aus den Städten herbrachte, die merkten: Hier kann man anders leben.“ Und Fried Graf von Bernstorff ergänzt: „Wir haben hier jahrzehntelang zivilen Ungehorsam geübt und eine Protestkultur geschaffen, wie man sie selten findet.“

Von Bernstorff, 40 Jahre alt und Betriebswirt, ist der Spross einer alteingesessenen Adelsfamilie, die im Wendland seit rund 300 Jahren riesige Ländereien bewirtschaftet. Sein Vater Andreas Graf von Bernstorff, ein konservativer Adeliger alten Schlages, schockte 1978 die Landesregierung mit seiner Weigerung, Land für das geplante Endlager herzugeben – und bescherte den Planern die erste schwere Schlappe. Der Graf, der seinem Ausschluss aus der CDU durch einen Parteiaustritt zuvorkam, avancierte schnell zur Ikone des Widerstands. „Mein Vater hätte die mehr als 30 Millionen D-Mark, die man ihm offiziell anbot, natürlich gut gebrauchen können“, sagt von Bernstorff junior, der mittlerweile die Geschäfte führt, „zumal ihm inoffiziell sehr viel mehr Geld in Aussicht gestellt wurde. Aber unser Familienstatut untersagt uns nun einmal kurzsichtiges Profitdenken.“

Und so kam es im Wendland zu einer kuriosen Koalition aus besorgten Adeligen, erbosten Landwirten und Protestpendlern aus den Großstädten. Zusammengeschweißt wurden sie durch den gemeinsamen Gegner Atomindustrie und das Wissen, dass jeder von den Fähigkeiten und Möglichkeiten der anderen profitiert. Wenn einem Bauer wie Hans-Werner Zachow bei einer Straßenblockade der Trecker beschlagnahmt wurde, war fast immer „irgendein Freak“ (Zachow) in der Nähe, der ihn nach Hause fuhr. Die Städter erwiesen sich auch als geübt im Formulieren von Flugblättern (Zachow: „Wir auf dem Land reden nicht gern“) und verfügten über Kontakte zu Presse, Anwälten und prominenten Unterstützern. Zachow erinnert sich noch gut an die Zech-Runden mit dem Juso-Vorsitzenden und Anwalt Gerhard Schröder, der damals Bauern vor Gericht vertrat.

Umgekehrt spielten die Landwirte ihren Heimvorteil gegenüber Polizei und Endlagerplanern bauernschlau aus. So kesselten sie mit ihren Treckern wochenlang die Bohrfahrzeuge ein. Bohrlöcher für die Endlagererkundung ließen sie – versehentlich, versteht sich – mit Gülle volllaufen. Und wenn die Bürgerinitiative die Zufahrtsstraßen zur Baustelle blockieren wollte, verstreute die Bäuerliche Notgemeinschaft zuvor Stroh auf dem Asphalt, damit es die Demonstranten bequemer hatten.

Erfreulicher Nebeneffekt aus der Sicht der Landbevölkerung: Endlich war mal etwas los hier. „Meine ehemaligen Klassenkameraden hatten sich nach der Schule alle Richtung Berlin, Hannover oder Hamburg aus dem Staub gemacht“, erinnert sich Hans-Werner Zachow.

Weil aber auch Umweltaktivisten nicht nonstop protestieren, blieb den Ökos aus den Städten Zeit, Gorlebens Umland zu erkunden. Sie machten Bekanntschaft mit der rauen Schönheit der Elbtalaue und ihren Kranichen und Bibern, den alten Rundlingsdörfern, die wendische Urväter im 18. Jahrhundert angelegt hatten. Sie verliebten sich in eine Region, in der es bis heute nur elf Verkehrsampeln gibt und verschlafene Fachwerkdörfer mit Namen wie Pudripp, Plumbohm oder Wedderien. Vor allem entdeckten sie leer stehende Höfe und Ländereien, die weitläufig genug waren, um Aussteigerfantasien auszuleben, ohne bei den Alteingesessenen anzuecken. Im Wendland wurden Langhaarige und Latzhosenträger von der Landbevölkerung akzeptiert.

„Die Dörfler sprachen tatsächlich stolz von ,unserer Wohngemeinschaft‘, wenn sie uns Kommunarden meinten“, erinnert sich Martin Donat. Der Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz war 1980 als junger Atomkraftgegner von Hamburg hergekommen. Donat zimmerte damals an der „Freien Republik Wendland“ mit, einem improvisierten Hüttendorf, das 5000 Atomkraftgegner im Mai 1980 auf dem Gelände einer geplanten Tiefbohrstelle errichteten.


Früher »Stern«-Redakteur in Hamburg, heute im Wendland zu Hause: Rolf Dieckmann

Widerständler werden Wendländer

Als die Siedlung nach nur einem Monat von einem Großaufgebot aus Bundesgrenzschutz und Polizei geräumt wurde, blieben Donat und seine Freunde kurzerhand in der Region. Im Örtchen Fließau mieteten sie einen brachen Resthof, kauften Schafe und Ziegen und alte Landwirtschaftsbücher, aus denen sie sich das allernötigste Selbstversorgerwissen anlasen. Sommers wie winters legten die Hardcore-Ökos weiteste Wege auf dem Fahrrad zurück, denn das Automobil lehnten sie selbstverständlich ab. „Naive Neoromantik“ nennt Donat das heute, „aber wir kamen mit wenig aus und schlugen uns durch. Das imponierte den Alteingesessenen.“

Aus Widerständlern wurden so im Laufe der Zeit Wendländer, die heute so selbstverständlich zur Region gehören wie das Elbufer und die Rundlingsdörfer. Mehrere Hundert Anti-AKW-Demonstranten, schätzt Donat, sind im Laufe der Jahrzehnte in der Region hängen geblieben. Er selbst wurde irgendwann Vater zweier Töchter, schaffte seine Schafe ab und ein Auto an, nahm eine Stelle als Garten- und Landschaftsbauer an und diente seiner neuen Heimat zeitweilig sogar als stellvertretender Landrat.

Der äußerste Rand der Republik entwickelte sich so zu einem provinziellen Sonderfall: einer Region, die zwar weitgehend menschenleer, aber nicht von allen guten Geistern verlassen ist. Eine Gegend, in der es viel unberührte Natur, aber auch eine quicklebendige Kultur gibt, weil die Neuzuzügler ihre Fähigkeiten und Freunde, Leidenschaften und Hobbys mitbrachten. Wobei im Wendland eine gewisse Spleenigkeit nicht als Makel, sondern eher als Vorzug gilt.

„Hier brauchst du nur ein paar große Steine in den Vorgarten zu stellen und behaupten, das sei konzeptionelle Kunst“, schreibt der Autor Rolf Dieckmann in seinem Wendland-Krimi „Es sind Wölfe im Wald“. „Die Gemeinde der Kulturbeflissenen wird dich lieben und akzeptieren.“ Der ehemalige »Stern«-Redakteur ist im Nebenberuf Chefredakteur des Wendland-Magazins »Landluft« – die vermutlich einzige deutsche Regionalzeitschrift, die sogar am Münchener Flughafen und dem Berliner Hauptbahnhof verkauft wird.

Zu berichten gibt es über die Region genug. Da wäre zum Beispiel die alljährliche „Kulturelle Landpartie“, für die Handwerker ihre Werkstätten und Künstler ihre Ateliers öffnen. Das elftägige Event, 1989 von Atomkraftgegnern begründet, gilt heute als das größte selbst organisierte Kulturfestival der Republik. Bis zu 60.000 Menschen strömen alljährlich zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ins ehemalige Zonenrandgebiet, um in leeren Güllesilos Kammermusikkonzerten zu lauschen, unter freiem Himmel Batikhemden zu kreieren oder beim Lammgrillen auf ehemaligen Hippiehöfen noch einmal die alten Anekdoten der ergrauten Widerständler zu hören.

Den Rest des Jahres sorgen die Jazzkonzerte im Gasthaus Wiese, Theatervorführungen in den Dorfkneipen und das prosperierende Programmkino im 10.000-Einwohner-Städtchen Lüchow für Inspiration und Unterhaltung. „Bei uns ist eigentlich jeden Tag etwas los“, sagt Rolf Dieckmann, der gerade seine Hamburger Wohnung auflöst und sich gar nicht mehr vorstellen kann, in der Großstadt zu leben. Im Wendland sei der satte kulturelle Humus die Grundlage dafür, dass Neulinge hier überraschend schnell Wurzeln schlügen.

Das gilt selbst für jene Sorte Neubürger, die es anderswo häufig schwer haben. Als 2015 die Flüchtlingswelle auch ins Wendland schwappte, wurden die Syrer, Iraner oder Iraker genauso lautlos aufgenommen, wie die Region in den Jahrzehnten zuvor ihre ökobewegten Aussteiger aufgesogen hatte. 550 Flüchtlinge brachte man zunächst in einer Polizeikaserne unter, in der während der Castor-Transporte die Beamten geschlafen hatten. Dann gründeten die Ortsansässigen eine Facebook-Hilfsgruppe, eine Skatergruppe, die Initiative „Willkommenstrunk“ und derart vielfältige Flüchtlingsinitiativen, dass ein Reporter von »Spiegel Online« sich fragte: „Was läuft hier anders als woanders?“ Antwort: Im Wendland weiß man den Wert einer Willkommenskultur offenbar zu schätzen. Denn die Erfahrung lehrt, dass der Neue von nebenan genau der Typ sein könnte, auf den es morgen ankommt.

Allerdings werden es immer weniger, die heute neu in die Region kommen und bleiben wollen. Während die meisten Widerständler der ersten Stunde das Rentenalter erreicht haben, befinden sich die nachfolgenden Generationen auf (Land-)Flucht. Jeder dritte Ausbildungsplatz im Landkreis kann heute mangels Bewerbern nicht mehr besetzt werden. Im Zukunfts-Ranking des Prognos-Instituts, das die Chancen aller deutschen Regionen bewertet, belegt der Landkreis Lüchow-Dannenberg Platz 393 von 402.


Links: Wahrzeichen des Protestes: das gelbe X, hier in der Nähe des Grippeler Sees
Rechts: Wirbt um Zuzügler und Rückkehrer: Wirtschaftsförderin Nicole Servatius

Statt Kampf soll nun Kultur Leute herlocken

Die Wirtschaftsförderin Nicole Servatius arbeitet in ihrem Büro im ehemaligen Lüchower Postamt tapfer gegen den Trend. Mit ihren Kollegen von der Agentur Wendlandleben wirbt sie um Zuzügler und Rückkehrer, Gründer und Unternehmer. Gemeinsam mit der Projektplattform „Grüne Werkstatt“ veranstaltet sie Events wie das „Tiny Living Festival“, die Studenten aus den großen Universitätsstädten für eine Zeit lang ins Wendland locken sollen, wie es früher der Kampf gegen das Endlager tat. „Wir hoffen“, sagt Servatius, „dass die eine oder der andere hierbleibt.“ Neuzugängen kann sie einen Arbeitsplatz im Coworking-Space „Postlab“ anbieten, den die Regionalförderer im Erdgeschoss der ehemaligen Post eröffnet haben. Die Büroplätze werden von ihren aktuell zehn Nutzern schon deshalb geschätzt, weil man hier eine schnelle Internetverbindung hat – im Wendland eher ungewöhnlich.

Zu beneiden ist Nicole Servatius nicht. Zwar gibt es im Wendland den höchsten Anteil an Öko-Landbetrieben in ganz Niedersachsen und Bio-Unternehmen wie die Naturkostsafterei Voelkel. Doch junge Firmen sind so rar wie die Fachkräfte, die sie gründen könnten. Es gibt keine namhafte Forschungseinrichtung, keine Universität, keinen Autobahnbahnanschluss, keinen ICE-Bahnhof und keinen nennenswerten öffentlichen Nahverkehr. Die nächste größere Stadt heißt Lüneburg und liegt 70 quälende Bundesstraßenkilometer entfernt, die Netzabdeckung beim Mobilfunk ist lückenhaft, der Glasfasernetzausbau immerhin auf den Weg gebracht. „Wir sind hier nun einmal weitab vom Schuss“, sagt Servatius, „wenn wir Gespräche mit der Handwerkskammer oder Industrieverbänden führen, haben die immer mindestens eine Stunde Anfahrt.“

Geht das so weiter, wird die Bevölkerung nach einer Prognose des niedersächsischen Landesbetriebs für Statistik bis 2030 noch einmal um mehr als ein Fünftel schrumpfen. Lüchow-Dannenberg wäre dann der einsamste Landkreis Deutschlands.

Manche sagen: Ist doch gut so. „Das Wendland lebt ja gerade von seiner Unberührt- und Abgeschiedenheit“, sagt Martin Donat. Andere finden: Von Einsamkeit allein kann auf Dauer niemand leben.

„Was wir heute bräuchten, wäre ein großer Wurf. Wenn wir uns jetzt nicht reinknien und junge Leute herkriegen, wird das Wendland zum Altersheim mit angeschlossenem Naturschutzgebiet.“ Fried von Bernstorff sitzt im ersten Stock der gräflichen Forstverwaltung, einem lang gestreckten Backsteinbau an der Gartower Hauptstraße. An den Bürowänden hängen Karten der Bernstorff’schen Besitzungen, insgesamt 6700 Hektar Wald und Felder. Von Bernstorff hat die landwirtschaftlichen Flächen vor fünf Jahren alle auf Öko-Landbau umgestellt. Zusammen mit seiner Frau hat er außerdem einen Thinktank fürs Wendland ins Leben gerufen, einen Waldkindergarten gegründet, die Holzvermarktung neu organisiert und eine Hühnerfarm aufgebaut, die ihre Bio-Eier bis nach Hamburg und Berlin liefert.

Dennoch ist der Unternehmer ungeduldig: „Was uns fehlt, ist ein roter Faden, der die Initiativen in unserer Region vernetzt“, sagt er und lädt den Besucher zu einer Erkundungsfahrt ein. Mit seinem silbernen Touareg geht es von Gartow über Landstraßen und holprige Forstwege hinaus zum Erkundungsbergwerk und dem 1995 in Betrieb genommenen Zwischenlager. Wie ein Hochsicherheitsgefängnis wirkt die Anlage im Kiefernwald bei Gorleben. Am Stacheldrahtzaun dreht der Kombi eines Sicherheitsdienstes seine Runden. An der Zufahrtsstraße hat Graf Bernstorff für das ausgemusterte Greenpeace-Schiff „Beluga“ ein Grundstück zur Verfügung gestellt – als kurioses Symbol des Protestes gegen die Endlagerpläne.

Gleich nebenan, erzählt der Unternehmer, würde er gern einen Park aus 200 Meter hohen Windrädern errichten. „Das wäre doch ein tolles Zeichen: Eine Region, die seit Jahrzehnten gegen die Atomindustrie kämpft, nimmt ihre Energieversorgung weitgehend selbst in die Hand.“ Die 17 Anlagen, die von Bernstorff gemeinsam mit Unternehmenspartnern und Bürger finanzieren will, könnten nach seinen Berechnungen mehr als die Hälfte des in der Region benötigen Stromes erzeugen und die ortsansässigen Industriebetriebe versorgen. Mit Windstrom ließen sich auch Elektrofahrräder für Touristen und eine Flotte autonomer Elektrofahrzeuge betanken, eine Möglichkeit, das Mobilitätsproblem im Wendland zu lösen. Damit könne man auch den Tourismus ankurbeln – für von Bernstorff eines der großen brachliegenden Potenziale seiner Heimat.

Um jedoch deutlich mehr Besucher an- zulocken, müssten nach seiner Meinung interessantere Restaurants eröffnen, attraktivere Unterkünfte gebaut und die lokalen Vorzüge gemeinsam vermarktet werden. Daran aber hake es. „Bei uns leben viele Eigenbrötler, die ihr eigenes Ding machen wollen und es suspekt finden, sich einer Idee anzuschließen.“


Kuriosität an der Zufahrt zum Zwischenlager: das ausgemusterte Greenpeace-Schiff „Beluga“


Will die Abgeschiedenheit bewahren: Martin Donat

Suspekt fanden viele Wendländer auch die Windparkpläne des jungen Grafen. Die Parkgegner gründeten flugs eine „Wald ohne Windkraft“-Bürgerinitiative, sammelten 700 Unterschriften und brachten die Nachbargemeinde dazu, das Projekt abzulehnen. Kurioserweise klingen viele Argumente ganz ähnlich wie jene, mit denen sich die Wendländer einst gegen das Atommüllendlager wehrten. Auch die Protagonisten sind zum Teil dieselben. „Das ist alles ein Irrsinn auf einem völlig abgedrehten Level“, erklärte ein Sprecher der Bürgerinitiative gegenüber Reportern der »Zeit«. Der Mann hatte einst die erste Homepage des Gorleben-Widerstands gebaut. Heute kämpft der Rentner gegen die geplanten Windräder in seiner Nachbarschaft.

Fried von Bernstorff aber setzt darauf, dass sich früher oder später der Wind in seiner Heimat doch noch dreht. Das geplante Endlager habe der Region ein enormes Kreativ- und Widerstandspotenzial beschert, sagt er. Daraus könne man eine Menge machen. Man dürfe nicht zulassen, dass es das Wendland lähmt. ---