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Simón Espinal

Ein amerikanischer Werber hat aus einer simplen Kopfbedeckung ein Luxus-Accessoire gemacht. Star seines Geschäfts ist der Hutmacher Simón Espinal aus einem Dorf in Ecuador – ein Meister seines Fachs.




• Wie üblich steht Simón Espinal um sechs Uhr auf, zieht eine Sporthose und das rote Trikot seines Vereins Club Deportivo Pile an, geht die Treppe hinunter, durchquert das Wohnzimmer mit der abgewetzten Polstergarnitur und dem Flatscreen-Fernseher und betritt seine Werkstatt. Der Raum misst höchstens 15 Quadratmeter, der Fußboden ist aus Beton, an der Rückwand steht ein alter Kleiderschrank, daneben eine Polsterbank. Espinal zieht einen Hocker heran und stellt ihn ins Licht der aufgehenden Sonne. Dann entfernt er das schützende weiße Tuch und betrachtet den Gegenstand auf dem Hocker.

Es ist ein Zylinder aus geflochtenem Stroh, der auf einem Holzblock steckt. Helle Fasern ragen über den Rand des Hockers hinaus wie ein Strahlenkranz. Espinal stapelt zwei weitere Holzböcke auf den Strohzylinder, platziert darüber ein Kissen und legt seine Brust darauf. Dann beginnt er mit ruhigen, sicheren Bewegungen das Stroh zu flechten. Dreieinhalb Stunden später hört er auf. Dann ist es hier am Äquator zu heiß und zu trocken. Das Stroh verliert seine Geschmeidigkeit und könnte brechen.

So geht das jeden Tag außer montags, da macht Espinal frei. Am Sonntag beendet er seine Arbeit ein wenig früher, damit er die Messe in der Kirche nicht verpasst. Espinal ist fromm, wie alle Leute in seinem Dorf. Manchmal betet er voller Demut zu Gott: „Vielen Dank, dass du mich diese Aufgabe, die du mir gegeben hast, so gut erfüllen lässt.“

Feinster Stroh für 25.000 Dollar

Simón Espinal ist Hutflechter, ein sehr guter. Manche sagen, der beste der Welt. Er spaltet die Blattfasern der palmenähnlichen Pflanze Carludovica palmata mit seinem Daumennagel so fein auf, dass sie aussehen wie Engelshaar. Daraus flicht er Hüte, schimmernd wie Seide, leicht wie eine Handvoll Federn. Espinals bester Hut wiegt kaum 30 Gramm und hat 3844 Knoten pro Quadrat-Inch (2,5 x 2,5 Zentimeter). Ein guter Hut hat 100 Knoten, ein sehr guter 1000. Hüte, die mehr als 2000 Knoten haben, sind besonders hochwertig. Espinal macht keinen Hut mit weniger als 2500 Knoten.

An diesem Morgen ist Espinals Ware fertig. Ziemlich genau sechs Monate lang hat er an diesem Hut geflochten, Strohfaser um Strohfaser miteinander verknüpft, mit seinen Händen genau die richtige Spannung erzeugt, den schmerzenden Rücken über das Werkstück gebeugt. Jetzt richtet er sich auf, 50 Jahre ist er alt, und neuerdings merkt er es. Er reibt sich die Augen. Die Fasern, die er für diesen Hut verwendet hat, sind so fein, dass man sie kaum noch sieht. 2704 Knoten pro Quadrat-Inch. Sein neuestes Meisterstück. Bald wird er eine Brille brauchen. Simón Espinal greift zum Telefon und ruft einen Mann namens Brent Black in den USA an. „Listo“, sagt er, „fertig.“


Ein Hut aus Massenfertigung wird für das Größen-Label vermessen (links).
Für Touristen: Die gefärbten Hüte aus der Fabrik werden oft billig in Ecuador verkauft statt exportiert


Ein halbes Jahr braucht Simón Espinal für einen Hut. Die Technik hat er schon mit 14 Jahren von seinem Vater gelernt. Obwohl er eigentlich nie Hutmacher werden wollte, gilt er heute als der beste der Welt

Black ist Huthändler, ein sehr ausgebuffter. Er hat es geschafft, aus einem simplen Strohhut für Arbeiter und Bauern in Südamerika ein Luxus-Accessoire für die Reichen und Schönen in Asien, Europa und den USA zu machen. Espinals neuer Hut wird bald mit einem fantastischen Preis auf Blacks Homepage stehen. 25 000 Dollar, vielleicht sogar mehr. Espinal hat einen Exklusivvertrag mit Black. Jeder seiner Hüte wird von dem Amerikaner vermarktet. Black zahlt Espinal monatlich 386 Dollar, den Mindestlohn in Ecuador. Für jeden Hut bekommt Espinal einen geringen Teil des Verkaufspreises. Die Leute in seinem Dorf glauben jedoch, dass Espinal sehr reich ist.

Espinals Dorf heißt Pile. Es liegt ein paar Kilometer vom Pazifik entfernt in einer von tropischem Trockenwald überzogenen Hügelkette in Ecuador, knapp unterhalb des Äquators. Von Weihnachten bis Ostern ist Regenzeit, dann ist es heiß und feucht. Von Ostern bis Weihnachten ist Trockenzeit, dann ist es heiß und trocken. Der Ort besteht aus einer Kirche, einem Laden, ein paar nicht asphaltierten Straßen und einfachen Steinhäusern. Einige Männer aus dem Dorf sind Fischer, in den meisten Familien werden Strohhüte geflochten. Die Hutflechter in Ecuador nennen ihre Hüte Sombreros, Schattenspender. Überall sonst auf der Welt heißen sie Panamahüte – einer Legende nach.Die Bauarbeiter des Panamakanals sollen solche Hüte als billigen Sonnenschutz getragen haben.

Immer am Wochenende kommen die Kommissionäre der Huthändler aus Cuenca hoch oben in den Anden oder aus Guayaquil, der großen Hafenstadt, und kaufen die Hüte auf. Einfache Exemplare, die an eineinhalb Tagen geflochten werden, bringen 12 Dollar, bessere Hüte, für die man zwei bis drei Tage braucht, 25 oder 30 Dollar. Der Markt für Panamahüte boomt. Die beiden größten Händler, Homero Ortega und Exportadora K. Dorfzaun in Cuenca, verkauften 2018 jeweils etwa 200 000 Stück. 35 Prozent mehr als im Vorjahr.

Espinal hat mit dem Boom nichts zu tun. In seiner Liga gibt es kein Wachstum. Er braucht sechs Monate oder rund 1000 Stunden, um einen Hut zu flechten, der unvergleichlich ist. Die Produktion ist nicht skalierbar. Niemand kann ihn dabei unterstützen. Seine Fähigkeiten sind unerreicht. Aber wer braucht einen Hut, dessen Knoten nahezu unsichtbar sind und der so viel kostet wie ein Auto? Die Wahrheit ist: niemand. Espinals Hüte sind Kunst. Und ein Marketing-Gag von Brent Black.

Espinal sitzt auf einem der verschlissenen Sofas in seinem Wohnzimmer. Hinter ihm an der Wand hängt eine Urkunde im pompösen Rahmen. Sie trägt in der linken oberen Ecke die Landesfarben Ecuadors und bestätigt in Fraktur-Buchstaben, dass Simón Abel Espinal ein Maestro Tejedor Cumbre ist, ein Meister der Flechtkunst, und mehr als 50 x 50 Knoten pro Quadrat-Inch schafft. Die Urkunde trägt eine Unterschrift, die größer ist als Espinals Name: BBBlack. Der Mann, der Espinals Hüte kauft, hat sie ausgestellt. Das ist schön, aber wertlos. Zumindest für Simón Espinal.

„Ich gebe Mr. Black jedes Jahr zwei Sombreros, die er für mehr als 20 000 anbietet“, sagt Espinal. „Stell dir vor, ich würde nur die Hälfte davon bekommen. Dann wäre ich echt reich und könnte mir endlich mal selbst einen Hut flechten. Aber ich bin so arm wie alle anderen hier.“ Der Händler sei trotzdem ein guter Freund.

Brent Black ist ein älterer, freundlicher Herr mit weißem Haar und weißem Schnurrbart. Auf seiner Homepage trägt er Sneaker, Dreiviertelhosen und Polohemd und sieht aus wie ein Gringo in den Tropen, was er ja auch ist. Als er 1988 zum ersten Mal nach Ecuador kam, war er noch Creative Director bei der internationalen Werbeagentur Saatchi & Saatchi in San Francisco, Simón Espinal war Fischer in Pile.

Black hatte eine seltsame Faszination für Sombreros entwickelt. Zunächst nur als Fotograf. Er flog nach Guayaquil, in die größte Hafenstadt Ecuadors, setzte sich in einen der bunt bemalten Überlandbusse und fuhr rund 200 Kilometer weit nach Norden, bis er Montecristi erreichte, das Mekka aller Sombrero-Aficionados. Montecristi ist bei Hutfans etwa so berühmt wie Solingen bei Messerfreunden. Und ähnlich unspektakulär.


Simón Espinal in seinem Wohnzimmer. Das einfache Haus konnte er von den Erlösen aus dem Hutgeschäft bauen (links).
Vermarktet werden die Hüte als Ware aus der Stadt Montecristi (rechts). Klingt besser als Pile.

Die Kleinstadt liegt ein paar Kilometer östlich von Pile zwischen Küste und Gebirge und bietet ein Monument für den Ex-Präsidenten Alfaro oben auf dem Hügel, eine nach Abgas stinkende Hauptstraße und eine Einkaufsstraße mit Hutgeschäften, in denen minderwertige Strohhüte überteuert an Touristen verkauft werden, die von den Hotels an der Küste mit Bussen hierhergekarrt werden.

Die guten Hüte werden in den Hinterzimmern und in den Dörfern um Montecristi geflochten und von Kommissionären für den Export aufgekauft, nur wenige gehen in Ecuador in den Handel.

Black blieb eine Woche lang, fotografierte die Hutflechter und beschloss dann, im Nebenerwerb in das Sombrero-Business einzusteigen. Er kaufte Hüte billig in Ecuador und verkaufte sie teuer in den USA. Ein paar Jahre später kündigte er seinen Job und machte ernst mit dem Hutgeschäft. Kein ganz einfaches Unterfangen: Panamahüte waren damals ziemlich out. Die guten Hutflechter starben aus.

Seit Jahrtausenden flechten die Leute im Gebiet des heutigen Ecuador Hüte aus der Fächerpalme Carludovica palmata, die ausschließlich in den Urwäldern an der Pazifikküste rund um den Äquator wächst. Sie wird etwa drei Meter hoch und muss mit der Machete geschnitten werden, bevor die Blätter sich entfalten. Nur dann sind die Fasern fein, feucht und flexibel genug, um geflochten zu werden. Das ganze Jahr über schlagen sich Scouts durch die Dschungel in Küstennähe und suchen nach den optimalen jungfräulichen Blättern. Sind sie zu frisch, haben sie nicht die notwendige Festigkeit. Sind sie zu weit entwickelt, fehlt ihnen die Biegsamkeit. Für die perfekte Ernte bleiben nur wenige Tage.


Simón Espinal erntet das Material für seine Hüte selbst. Sorgfältig sucht er die besten Fasern der Fächerpalmen aus. Später spaltet er sie mit dem Daumennagel fein auf – und verwendet nur die besten, etwa die Hälfte wirft er weg

Espinal als Star im Internet

Für einen Hut braucht man etwa zwölf Blatttriebe. Sie werden gekocht, im Küstenwind an einem schattigen Platz getrocknet, gebleicht, weichgeklopft und dann mit dem Daumennagel in Fasern gespalten. Manche Hutflechter arbeiten mit Fasern, fast so dick wie Spaghetti. Da ist der Hut schnell fertig, aber so sieht er auch aus. Die Fasern, die Espinal verwendet, sind dünner als Babyhaar. Die Hälfte der Fasern, die er abspaltet, genügen seinen Ansprüchen nicht. Er wirft sie weg.

Vor 30 Jahren, als Brent Black seine ersten Hüte kaufte und verkaufte, interessierte dieses traditionelle Handwerk kaum noch jemanden. Als Werber war Black klar, dass er das ändern musste. Eine Story musste her. Nur brauchte er auch einen echten Helden dafür.

Er fand Simón Espinal.

Der war damals 20 Jahre alt, nicht sehr groß, aber kräftig. Er hat ein breites Gesicht und eine markante Nase. Ein guter Typ. Die Fischer heuerten ihn an, wenn sie Verstärkung brauchten. Sein Vater machte Panamahüte. Espinal wusste, wie es geht, er hatte es mit 14 von ihm gelernt. So wird das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben. Aber Espinal war daran nicht sehr interessiert. Tejedor war ein Job für alte Menschen. Ohne Zukunft. Nicht besonders sexy. Wer hängt schon gern jeden Tag über ein paar Holzklötzen und knüpft Stroh für einen Hungerlohn?

Brent Black überzeugte ihn davon, es zu versuchen. Er bezahlte ihm ein Gehalt, besser als auf dem Fischkutter. Und er baute ihn auf zum Helden. Simón Superstar. Blacks Homepage ist voll von ihm: Espinal beim Suchen nach der besten Fächerpalme, Espinal beim Strohkochen, Espinal beim Hutflechten, Espinals Familie, seine Kinder, seine Enkel. Black hat den Panamahut personalisiert. Storytelling wie aus dem Lehrbuch. Espinals eigene Hüte sind nahezu unverkäuflich, weil sie so teuer sind, aber seine Legende hilft dabei, die anderen Hüte zu verkaufen. Black vermarktet sie mit der Herkunftsbezeichnung Montecristi. Das klingt besser als Pile.

Die meisten Panamahüte, die rund um den Globus verkauft werden, kommen allerdings nicht mehr aus Montecristi, sondern aus Cuenca in den Bergen, wo gar keine Fächerpalmen wachsen, aber die Luft so frisch ist, dass die Hutflechter den ganzen Tag über arbeiten können. In Montecristi und in Pile gibt es höchstens noch 2000 Tejedores, in Cuenca sind es 10 000. Sie flechten vielleicht eine knappe Million Hüte pro Jahr. Alle in Handarbeit. Niemand kennt die genauen Zahlen.

Cuenca ist eine hübsche Kolonialstadt in den Anden mit glasklaren Gebirgsbächen, einer beeindruckenden Kathedrale und schönen Hotels. Von der Küste aus erreicht man sie über den 4167 Meter hohen Tres-Cruces-Pass. Früher schleppten Pferde und Esel die Strohbündel von der Küste durch die Nebelwälder hinauf in die Anden. Heute kommen sie mit Lastwagen auf gut ausgebauten Straßen ins Hochgebirge.

In den Dörfern rund um Cuenca werden die Hutrohlinge in Heimarbeit geflochten und jeweils am Wochenende von den Kommissionären eingesammelt. Allein für den Marktführer Homero Ortega sind 35 unterwegs, meist ältere Frauen mit viel Erfahrung. In den Produktionshallen der Firma werden die Rohlinge gebleicht, gewaschen, gebügelt, mit einem Brandzeichen versehen und mit uralten Dampfpressen innerhalb von 20 Sekunden bei 90 Grad in Form gebracht. Dann nähen Frauen mit Singer-Maschinen Hut- und Schweißbänder ein, bevor die Hüte in den Versand gehen. Gleich nebenan arbeitet die Konkurrenz unter dem deutschen Namen Dorfzaun. Sie wurde vor 80 Jahren von einem jüdischen Immigranten gegründet, der vor den Nazis aus Deutschland flüchten musste.

Auch Brent Black verkauft Hüte aus günstigerer Herstellung, etwa 400 Stück im Jahr. Espinal und dessen Einzelstücke sind für ihn vor allem Marketing.


Massenproduktion: In der Hutfabrik Homero Ortega in Cuenca wirft ein Arbeiter unfertige Hüte auf die Stapel. Hier lagern Tausende Panamahüte, die noch den Feinschliff brauchen (links). 
Während Espinal einen Hut von Anfang bis Ende selbst fertigt, gibt es in der Fabrik Arbeitsteilung: Hier werden die Ränder der Strohhüte vernäht (rechts).

Kein Hipster ohne Hut

Deutschland ist kein besonders wichtiger Markt für Sombreros. Zu wenig Sonne. Aber der Hutverkauf zieht trotzdem an. Bei Adalbert Breiter in München, nach eigenen Angaben größter Huthändler Europas, sind Panamahüte mittlerweile die meistverkaufte Kopfbedeckung in den Sommermonaten. Der billigste kostet 100 Euro, der teuerste 20 000. „Aber Verkäufe in dieser Höhe sind sehr selten und für die Kunden absolute Liebhaberstücke“, sagt Alexander Breiter, der Geschäftsführer. Der ehemalige Papst Benedikt habe so einen, außerdem „Schauspieler, Oligarchen und Sammler“. Durchschnittlich zahlen Breiters Kunden 150 Euro pro Panamahut. Die meisten sind Ü-35. Aber U-35 holt auf. Ein Hipster ohne Hut ist keiner. „Kleinere Modelle wie Pork Pies und Trilbys sind in der jüngeren Zielgruppe sehr beliebt“, sagt Breiter. „Der klassische Traveller, wie ihn Roosevelt getragen hat, ist aber immer noch das gefragteste Modell.“ Insgesamt, sagt Breiter, „gibt es einen Langzeittrend zu mehr Hut“.

Simón Espinal trägt Sombrero nur zu offiziellen Anlässen, heute tut es ein Baseball-Cap. Dazu trägt er Jeans und sein Trikot. Nachdem er den letzten Hut fertiggestellt hat, braucht er Nachschub aus dem Dschungel. Dorthin geht man nicht in kurzen Hosen, zu viele Reptilien und Insekten. Die meisten Hutflechter lassen sich die Cogollos, die Blätter der Fächerpalme, von den Waldbesitzern liefern. Espinal sucht sie sich selbst aus. Er hat hohe Ansprüche an die Rohware.

Brent Black beschreibt auf seiner Homepage das Abenteuer der Cogollo-Ernte. Zweieinhalb Stunden kämpft sich Black mit seinen Gefährten bergaufwärts durch den Dschungel, um die Pflanzen zu erreichen. Ein atemberaubender Marsch. Brüllaffen krakeelen in den Urwaldbäumen, hinter fast jedem Blatt lauert ein tödliches Tier, und Millionen von Moskitos fallen über den tapferen Amerikaner her. „Knöcheltiefer Matsch“ habe an ihm geklebt, schreibt er später. Nur durch glückliche Fügungen überlebt das waghalsige Einsatzkommando die Expedition und bringt die Beute zurück ins Tal, ein Armvoll ungeöffneter Fächerpalmen- triebe. Eine gute Story. Fast zu gut.


In der Fabrik von Homero Ortega bekommt ein unfertiger Hut mit einem heißen Eisen schon mal das Label eingebrannt

Espinal fährt mit dem SUV bis an den Waldrand, steckt sein Smartphone ein, macht ein paar Schritte ins Unterholz – und da steht schon Carludovica palmata, mehr als mannshoch, einige Blätter geöffnet, einige geschlossen. Kein Brüllaffe weit und breit, kein bluthungriger Moskitoschwarm. Die Sonne glitzert durch das Blätterdach. Die Luft ist warm und weich. Espinal nimmt die Machete und hackt die jungen Blatttriebe ab. Sie sehen aus wie grüne Speere. Zuhause wird er die Blätter auf offenem Feuer kochen, im Schatten trocknen und über Schwefeldampf bleichen. Danach feilt er seinen Daumennagel und spaltet das Stroh in immer feinere Fasern. So lange, bis man sie kaum noch mit dem bloßen Auge erkennen kann.

Er nimmt vier Faserpaare und legt sie über Kreuz zum Cruzado, der Ausgangsbasis jedes Panamahutes, und beginnt mit dem Flechten. Wenn alles gut geht, wird er in etwa sechs Monaten Brent Black anrufen und ihm sagen, dass wieder ein Hut fertig ist. Wenn es nicht so gut läuft, wird er den Hut verwerfen und noch einmal neu beginnen. Ein Sombrero mit weniger als 2500 Knoten pro Quadrat-Inch ist für ihn keine Option. Schließlich ist Simón Espinal der beste Hutflechter der Welt. Sagt Mr. Black. Vielleicht sogar der beste, den es jemals gab. Ein Genie, das den Mindestlohn erhält und bald eine Brille braucht. ---

Es kommt auf die Fasern pro Inch an. Diese Maßeinheit wird englisch Grade genannt. Einfache Hüte haben 10 Grade, gute und sehr gute Hüte bis zu 50 Grade. Der Weltrekord liegt bei 62 Grade. Manche Hutflechter zählen die Knoten pro Quadrat-Inch (2,5 x 2,5 Zentimeter).

In den Tropen werden Panamahüte gerollt und in Blechbüchsen aufbewahrt, denn dort ist die Luft so feucht, dass die Fasern nicht brechen. In Europa liegt der Strohhut am besten auf der Krone in einer Hutschachtel weit entfernt von Heizungen. Beim Auf- und Absetzen werden Panamahüte nur an der Krempe berührt, an der Krone könnten Fasern brechen. Der Hut soll regelmäßig gebürstet werden und kann mit einem feuchten Tuch und Seife gereinigt und mit einem Dampfbügeleisen bei niedriger Temperatur wieder in Form gebracht werden. Seine Lebensdauer beträgt bis zu 30 Jahre.

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