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Je ferner Moskau, desto höher der Himmel

Ein Loblied unseres Korrespondenten auf das russische Landleben.





• Eine Freundin, die bei der Staatsanwaltschaft in Twer arbeitete, erzählte, dass die Killer der Stadt ihre Opfer gern im Konstantinow-Baggersee versenken. Dessen Wasser ist tief und klar. Ich war dort oft schwimmen, Leichen sah ich keine, nur Fische. Ich habe auch im Irtysch, in der Oka oder der Barentssee gebadet, und immer wieder in der Wolga, Russlands Mutterfluss. Ein Jahr lebte ich in einem Dorf in Westsibirien, vier Jahre in der Provinzstadt Twer, verbrachte viele Sommer in Tscheboksary, 1100 Kilometer die Wolga abwärts. Die Wasser waren eisig oder stürmisch, der Himmel darüber war aber immer schwindelerregend hoch.

Jetzt schwimme ich im Chlorwasser Moskauer Hallenbäder, ich lebe seit zehn Jahren hier. Moskau ist ein Magnet, der Restrussland als seine Eisenspäne betrachtet. Seit die Bolschewiken das „größte Dorf der Welt“ 1917 zur Hauptstadt machten, ist seine reale Einwohnerzahl von knapp 1,9 Millionen auf 21 bis 25 Millionen Menschen gewachsen. Hier ballen sich 68 Prozent des russischen Kapitals, fast jeder sechste Russe versucht, hier Karriere und Geld zu machen. Auch ich bin wegen meines Jobs in der Metropole.

Moskau blickt auf Russland herab, nennt es Glubinka – „Tiefchen“ oder Peripherie. Das Durchschnittsgehalt ist in Moskau mit umgerechnet 1090 Euro knapp doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. Die chronisch verschneite, von der Wildnis belagerte Peripherie ist ökonomisch nicht konkurrenzfähig, außer es lagert dort Öl oder Gas. Kein Wunder, dass inzwischen 75 Prozent der Russen in Städten leben, dass junge, studierte Provinzler die Moskauer Gehaltshochburg berennen.

Aber mancher geht auch den umgekehrten Weg. Sergei, jahrelang mein Nachbar in einem Plattenbau am Moskauer Stadtrand und Verkaufsmanager bei einer deutschen Firma, erklärte mir eines Abends, er und seine Frau Olga hätten die Nase voll von Moskau. „Hier gibt es keinen Himmel und keine Erde.“

Sergei war jeden Tag 14 Stunden auf den Beinen, auf dem Weg zum Büro, im Büro. Die Stadt fraß seine Zeit, sie fraß sein Geld. Zwar verdiente er umgerechnet 1200 Euro netto, aber allein die Miete betrug 500 Euro, jedes Bier fünf weitere Euro. Der Traum aller Zugezogenen, eine hauptstädtische Eigentumswohnung, platzte schnell: Selbst in den Vororten sind Einzimmerwohnungen kaum unter 50.000 Euro zu haben, die Hypothekenzinsen von bis zu 20 Prozent verdoppeln diese Summe – für Sergei acht Jahresgehälter. Und wegen der vierjährigen Tochter konnte Olga nur am Wochenende als Krankenschwester arbeiten, die Warteschlangen für die zwei kostenfreien Kindergärten waren endlos, und ein Kindermädchen hätte mehr gekostet, als Olga verdient.

So kehrten sie in ihre leere Zweizimmerwohnung in Weschenskaja zurück, einem Krähwinkel am Don. Olga arbeitet als Krankenschwester, verdient dreimal weniger als in Moskau, Sergei vertreibt eine österreichische Mineralwassermarke, ein mühsames Geschäft. Aber ihr Töchterchen hat schon die ersten Preise beim Kunstturnen gewonnen, die Sportschule ist um die Ecke und gratis, ebenso der Kindergarten, und die Kartoffeln wachsen im eigenen Vorgarten.

Die Hauptstadt ist provinziell

Je ferner Moskau, desto höher der Himmel, scherzt die Provinz seit Jahrhunderten. Wenn der nächste Flughafen mehrere Tausend Schlaglöcher entfernt ist und der erste Eisgang die einzige Autofähre blockiert hat, macht sich anarchische Brüderlichkeit breit. Und der Chef der regionalen Verkehrspolizei überredet dich nach einer gemeinsamen Flasche Wodka und viel Bier, ihn mit dem Auto nach Hause zu fahren.

Viele Provinzler pendeln zwischen ihrer Freiheit und hauptstädtischem Geld. Mehr als 20 Millionen Russen arbeiten in Moskau und anderen Ballungsgebieten wochen- oder monatsschichtweise, als Bauschreiner oder Putzhilfen. Ihre Freizeit verbringen sie fast nur in Einzimmer-WG-Betten, für 90 Euro monatlich.

Gelebt wird zu Hause. Dort baut man in liebevoller Handarbeit Eigenheime, kitzelt abends die Kinder durch, verschwindet im Morgengrauen mit ein paar Windhunden zum Jagen in der Steppe.

Moskauer Familien, die ihren Nachwuchs auf eine besonders gute Schule schicken wollen, müssen innerhalb der Riesenstadt umziehen. Und wenn die Zöglinge nach dem Unterricht zum Basketball oder zum Tanzunterricht wollen, braucht es einen eigenen Chauffeur oder zumindest eine robuste Babuschka, die sie begleitet. Am Wochenende drängt sich der Verkehr derart, dass man auf dem Weg ins Grüne schon mal hundert Kilometer im Stau steht. Die Hauptstadt schnappt chronisch nach Zeit und Luft.

Im Vergleich zu Moskau sind selbst Halbmillionenstädte kompakt und praktisch, Theater, Kinderkliniken oder das naturwissenschaftliche Gymnasium nur ein paar Trolleybushaltestellen entfernt.

Moskau aber fühlt sich monumental. „Ich schicke meine Leute zu Praktika ins Ausland, um ihren Horizont zu erweitern“, sagt der Chef eines deutschen Ingenieurbüros. Die großen russischen Unternehmen mit ihren Firmensitzen in der Metropole hielten das für unnötig. „Die glauben, sie seien sowieso Weltspitze.“ Eine provinzielle Haltung.

Allabendlich nahm ich in Twer die Badehose, schlenderte über den Friedensplatz, vorbei am Gebäude des Inlandsgeheimdienstes, zum städtischen Strand. Die Abendsonne tauchte die Beachvolleyplätze, auf denen mehrere halb nackte Generationen tobten, in mild gleißendes Licht. Ich stapfte durch den Sand, hinein ins kühle Grün der Wolga, drehte mich auf den Rücken, ließ mich treiben und blickte hinauf zum hohen russischen Himmel. Erst hinterher, in Moskau, habe ich begriffen, dass es in der Glubinka viel einfacher ist, glücklich zu sein. ---