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Auf der Schwäbischen Alb entsteht ein Gesundheitszentrum, das Vorbild werden könnte – nicht nur für den ländlichen Raum.



Guten Draht zum Bürgermeister: Wasserbüffel


Bisher Baustelle, bald wegweisendes Projekt? Das neue Gesundheitszentrum
Jochen Zeller, der Bürgermeister von Hohenstein, an der Baustelle

• Jochen Zellers Haus steht am Rand von Meidelstetten, und wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er die Wasserbüffel eines Landwirts, der hier oben auf der Schwäbischen Alb eine Herde hält. Zeller ist Bürgermeister der 3700 Einwohner zählenden Gemeinde Hohenstein, zu der Meidelstetten und vier weitere Ortschaften gehören.

Die Fahrt ins Rathaus führt ihn am leeren Schaufenster eines Frischemarkts vorbei, der vor zwei Jahren schloss, dann vorbei am einstigen Lebensmittel- und Haushaltswarengeschäft, hinter dessen Scheibe noch Töpfe, Besen und Schulhefte im Regal liegen. Auch direkt neben dem Rathaus hat vor zwei Jahren ein Laden geschlossen, er ist jetzt nur noch eine Postagentur mit täglich bis zu zwei Stunden Öffnungszeit. „Wieder ein Stück weniger Dorf“, kommentierte die Lokalzeitung.

Es ist keineswegs so, dass Hohenstein eine aussterbende Gemeinde wäre. Es gibt zum Beispiel noch eine Apotheke, zwei Schulen, eine Sport- und Veranstaltungshalle, einen Discounter, das Bauernhausmuseum und den Kulturtreffpunkt im Gasthof Adler. Und dank des Bauunternehmens Schwörer Haus mit 1500 Arbeitsplätzen im Teilort Oberstetten hat Hohenstein sogar mehr Ein- als Auspendler.

Die Gemeinde steht gut da, besser als viele andere im ländlichen Deutschland. Und doch spürte der Bürgermeister, dass etwas ins Rutschen geraten könnte, als ihm der einzige Hohensteiner Hausarzt ankündigte, er werde bald in Rente gehen und dann die Schlüssel des gemeindeeigenen Hauses in den Rathausbriefkasten werfen – denn einen Nachfolger für seine Praxis werde er bestimmt nicht finden. „Das hat uns alle alarmiert“, sagt Zeller.

Acht Jahre später, Ende Februar 2019, steht er mit knatternden Hosenbeinen im Albwind vor einer frisch aufgewühlten Fläche am Ortsrand von Hohenstein-Bernloch und hält eine Ansprache zum Spatenstich. Noch in diesem Herbst soll hier das „Gesundheitszentrum Schwäbische Alb“ eröffnen, in dem Ärzte, Therapeuten, eine Hebamme, Sozial- und Pflegeberater auf Augenhöhe kooperieren sollen. Es soll universitäre Versorgungsforschung betrieben werden, außerdem ist eine Lehrpraxis für Allgemeinmediziner geplant. Demenzkranke sollen in dem Zentrum Kuchen nach alten Rezepten backen.

Das Gesundheitszentrum ist eine Operation am offenen Herzen, der Ausgang ungewiss. Es stellt das bestehende Gesundheitswesen infrage und wird vielleicht ein paar brauchbare Antworten liefern – für ländliche Gebiete wie die Schwäbische Alb, aber nicht nur für sie.

Der Landrat

„Wir Älteren sind Teil des Problems“, sagt Thomas Reumann, 63, Landrat des Landkreises Reutlingen, zu dem Hohenstein gehört. Er meint damit den demografischen Wandel. Es gibt immer mehr ältere Menschen, damit steigt auch die Zahl der chronischen und Mehrfacherkrankungen, während die Zahl der Gesundheitsfachkräfte sinkt. All das trifft Deutschland insgesamt, aber den ländlichen Raum ganz besonders. „Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit“, lautet einer von Reumanns Lieblingssätzen. Wenn er das tut, dann sieht er, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen zwar den Auftrag für die ambulante medizinische Versorgung haben, ihn aber nicht richtig wahrnehmen.

Der Landrat erlebte das, als er 2009 eine Bestandsaufnahme zum Alter aller Hausärzte in seinem Kreis machen wollte, in jeder einzelnen Gemeinde. Die Ärzteorganisation konnte die Zahlen wegen des Datenschutzes nicht liefern, weshalb das Kreisgesundheitsamt Reutlingen selbst alle 178 Hausärzte befragen musste. Schon damals waren im Landkreis 65 Prozent der Hausärzte älter als 50, ein Fünftel von ihnen sogar zwischen 60 und 70 Jahre alt; aktuellen Prognosen zufolge werden innerhalb der nächsten sechs Jahre fast 50 von 183 Hausärzten ausscheiden, bei denen die Nachfolge offen ist. In einem Landkreis-Bericht von 2010 ist deshalb von „Krisenmanagement bei Versorgungsengpässen (insbesondere auch in Pflegeheimen)“ die Rede und – als „Ultima ratio“ – von Gemeindeschwestern, die bei Hausbesuchen ärztliche Routinehandlungen übernehmen.

Deutschlandweit waren im vergangenen Jahr 2600 Hausarztsitze nicht besetzt, 2030 könnten mehr als 10 500 Hausärzte fehlen. Agenturen veranstalten inzwischen „Entdeckungsreisen“ für Medizinstudenten und Ärzte in Weiterbildung, um sie fürs Landarztleben zu gewinnen. Auf Websites werden Ärzte mit Sprüchen gelockt wie: „Mit dem Land Rover zum Hausbesuch“.

2010 rief Reutlingen als erster Landkreis Baden-Württembergs eine Kommunale Gesundheitskonferenz ins Leben – ein Steuerungsgremium mit allen denkbaren Akteuren und einer eigenen Geschäftsstelle. Der Landkreis zertifiziert inzwischen auch Kommunen in seinem Gebiet als „Gesunde Gemeinde“ und „Gesunde Stadt“, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen. „Medizinische Versorgung ist Daseinsfürsorge – so wichtig wie Bildung, Straßen oder Arbeitsplätze“, sagt Reumann.

Rechtlich sind die Kreise zwar nicht zuständig dafür, dass sich genügend Haus- und Fachärzte bei ihnen niederlassen, „aber wenn ich feststelle, dass die bestehenden Akteure ihre Aufgabe nicht erfüllen können, muss die kommunale Ebene selbst Antworten finden“. Reumanns Antwort lautet: Dezentralisierung, Regionalisierung, Versorgungsplanung aus einem Guss sowohl bei der stationären Versorgung in Krankenhäusern als auch bei der ambulanten Betreuung durch niedergelassene Ärzte. „Wir werden in Zukunft nicht mehr ein Konzept für Kliniken, eines für ambulante Versorgung, eines für die Pflege und eines für Reha aufstellen können“, sagt Reumann. „Die Mauern zwischen den Sektoren des Systems müssen fallen. Wir müssen neu denken – und zwar in Versorgungsnetzwerken.“

Der Landrat Thomas Reumann sorgt sich um die medizinische Versorgung auf dem Land

Die Stiftung

Seit mehr als fünf Jahrzehnten fördert die Robert Bosch Stiftung Projekte zur Gesundheitsversorgung. Eines der jüngeren Programme heißt Port (Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung) und unterstützt bundesweit vier „Pioniere“, darunter das Gesundheitszentrum auf der Alb, mit jeweils bis zu 500 000 Euro. Dabei gehe es nicht darum, die Versorgungslücken zu stopfen, die der Hausarztmangel auf dem Land reißt, sagt Bernadette Klapper, Bereichsleiterin bei der Stiftung. Wie der Landrat spricht auch sie vom überfälligen Systemwechsel: „Unser Gesundheitssystem ist weitgehend auf die Behandlung akuter Erkrankungen ausgerichtet, und darin ist es auch ziemlich gut. Aber immer offensichtlicher wird die Herausforderung durch die Versorgung chronisch Kranker, die mehr als 75 Prozent der Gesundheitsausgaben ausmacht.“

Die Versorgung dieser meist älteren Menschen findet überwiegend außerhalb der Krankenhäuser statt. „Um mit ihrer Krankheit gut leben zu können, brauchen diese Patienten nicht nur ihren Hausarzt“, sagt sie. Gefragt sei ein Netz von Helfern, die sich bei Bedarf auch mal „darum kümmern, wer den Hund versorgt, wenn man ein paar Tage ausfällt“. Das können die Hausärzte – wenn sie denn überhaupt noch in erreichbarer Nähe sind – nicht leisten.

Im Gesundheitszentrum auf der Alb wird es deshalb einen „Lotsen“ geben, der die Patienten vernetzt mit Kliniken, Reha- oder Kurzzeitpflegeeinrichtungen, der sie zu Präventionskursen ermutigt und mit ehrenamtlichen Helfern aus der Gemeinde zusammenbringt. „Im Idealfall“, sagt Klapper, „kann so ein Zentrum zum emotionalen Anker für Patienten werden und sich zu einem Ort lebendigen Gemeinwesens entwickeln.“ Erfolgreiche Beispiele einer solchen Primärversorgung aus einer Hand gebe es etwa in den ländlichen Regionen Kanadas und Schwedens. Dort sind es oft nicht Ärzte, die diese Lotsen-Funktion ausfüllen, sondern dafür qualifizierte Pflegekräfte, die teilweise schon von künstlicher Intelligenz unterstützt werden.

„In Schweden zum Beispiel gibt es chronisch Kranke, die nur noch einmal im Jahr einen Arzt sehen und dennoch gut versorgt sind“, sagt die Soziologin Klapper, die selbst einmal als Krankenschwester in der französischen Provinz gearbeitet hat. „Studien zeigen, dass Länder mit einer gut entwickelten primärmedizinischen Basisversorgung eine qualitativ hochwertigere Versorgung bei gleichzeitig geringeren Kosten aufweisen.“

Allerdings sind viele niedergelassene Ärzte nicht angetan von der Idee, sich mit anderen Berufsgruppen regelmäßig abzustimmen, geschweige denn Patienten und Kompetenz an lotsende Pflegekräfte abzutreten. Das Gesundheitssystem sieht Lotsen in der Form, wie sie in Hohenstein geplant sind, auch gar nicht vor und finanziert sie nicht, weshalb die Robert Bosch Stiftung während der Modellphase einspringt. Ebenso wenig finanziert das System den fachlichen Austausch in „Fallkonferenzen“, wie es sie im Gesundheitszentrum geben soll.

„Hier setzt die sektorale Vergütungsstruktur falsche Anreize, indem sie strikt trennt zwischen den Leistungen des Hausarztes, denen des Physiotherapeuten und denen aller anderen Leistungserbringer“, kritisiert Landrat Reumann. Im Raum stehen deshalb Ideen zu Regionalbudgets, die allerdings das gesamte Versicherungs- und Vergütungssystem grundlegend verändern würden.


Sparkassen und Banken dünnen ihr Netz in der Region immer weiter aus. Die Post ist am Tag zwei Stunden geöffnet, samstags nur von 11 bis 12 Uhr

Die Ergotherapeutin

Daniela Sass ist bekennende Älblerin und Ergotherapeutin. Noch sitzt sie mit ihrer Praxis im zweiten Stock des Ärztehauses in Hohenstein-Bernloch, das die Gemeinde baute, als vor Jahren der Hausarzt-Notstand drohte. Es kamen dann tatsächlich zwei neue Hausärzte, die später auch Bereitschaft zeigten, beim neuen Projekt des Gesundheitszentrums mitzumachen. Beide sprangen aber wieder ab. Daniela Sass blieb dem Projekt treu, sie wird im Herbst umziehen und freut sich auf die Möglichkeiten, die das Zentrum verheißt: „Für manche Ärzte habe ich nicht den Stellenwert einer Fachfrau. In der neuen Umgebung erhoffe ich mir kollegialen Umgang auf Augenhöhe.“

Sie stellt sich vor, dass es ein Sammeltaxi für Patienten gibt, dass die Patienten gemeinsam einkaufen gehen und bei einem Gastwirt einen Kochkurs machen, als Fortsetzung der Ernährungsberatung. „Man kann tausend sinnvolle Sachen mit den Patienten machen“, sagt Daniela Sass, „aber das geht nicht umsonst. Irgendjemand muss die Leistung am Ende zahlen.“ Manche ihrer Ideen dürften durch die Sondersituation der Stiftungsförderung für begrenzte Zeit realisierbar sein – ob sie dauerhaft in die Regelfinanzierung des Gesundheitssystems passen, ist offen. „Im Gesundheitssystem muss man in Zeiträumen von zehn, zwanzig, dreißig Jahren denken“, sagt Sass, „vielleicht ist irgendetwas anders, wenn ich mal in Rente gehe.“

Der Unternehmer

Gesichert ist der Bau des Zentrums: Rund drei Millionen Euro investiert die gemeinnützige Hans Schwörer Stiftung. Sie wurde vom inzwischen verstorbenen Gründer des Unternehmens Schwörer Haus gegründet. 2010 nahm die Firma, die in Hohenstein-Oberstetten sitzt, ihre Flying Spaces ins Programm. Das sind Wohnmodule ohne Keller, die in der Fabrik samt Handtuchhalter und Deckenleuchte zusammengebaut werden und dann mit Lastwagen und Kran an ihren Bestimmungsort gelangen. Normalerweise dienen die Minihäuser ihren Besitzern als Ergänzung zu einem bestehenden Haus – als Extra-Bungalow für ein großes Wohnzimmer, als Altenteil für die Eltern im Garten, als Büro-Loft auf dem Dach.

Daniela Sass in ihrer Praxis in Bernloch. Für das neue Zentrum hat die Physiotherapeutin viele Ideen

In ein paar Monaten wird das Gesundheitszentrum aus solchen Modulen gebaut. Die Schwörer Stiftung vermietet die Module an die Gesundheitsdienstleister, das Grundstück gehört der Gemeinde. Die Gemeinde reinvestiert den Erbbauzins für das Grundstück und zahlt wie der Landkreis während der Startphase Mietkostenzuschüsse für die Gemeinschaftsräume.

Das Bauunternehmen bringt sich als Entwickler in das Projekt ein, das mit normalen Maßstäben allerdings nicht zu messen sei, wie Firmenchef Johannes Schwörer sagt: „Es war ein heftiges Auf und Ab, der Standort veränderte sich zweimal, die Planung dreimal. Das war mehr eine Mediation zwischen allen Beteiligten als eine Projektentwicklung. Die Frage, ob sich das für uns rechnet, erübrigt sich.“

Johannes Schwörer engagiert sich trotzdem, aus Überzeugung. Aus seiner Sicht profitieren alle von dem Zentrum: seine Heimat, die dann vielleicht nicht mehr als Provinz belächelt wird, seine Mitarbeiter und seine Familie, falls einmal jemand krank wird. Umso weniger versteht er die Zurückhaltung mancher Hausärzte. „Das Projekt ist eine riesige Chance für alle. Wer jetzt nicht mitmacht, darf später nicht jammern, die Region sei unattraktiv und biete keine Perspektive.“

Auf der Website „Perspektive Hausarzt Baden-Württemberg“ steht eine Stellenausschreibung der Gemeinde Hohenstein für das Gesundheitszentrum Schwäbische Alb. Bürgermeister Jochen Zeller wirbt dort mit den Krippen und Kindergärten, mit der schönen Lage auf der Kuppenalb zwischen den Flüsschen Lauter und Lauchert, mit dem lebendigen Vereinsleben und den freundlichen Menschen. Und mit der Aussicht, in einem „tollen Team“ neue Ansätze zu erproben. Die Stelle des gesuchten Allgemeinmediziners teilen sich die 35 Kilometer entfernte Universität Tübingen, die eine Forschungs- und Lehrtätigkeit bietet, sowie die Kreiskliniken im 25 Kilometer nahen Reutlingen, die hier oben eine Zweigstelle einrichten, die auch als Lehrpraxis für Allgemeinmediziner dienen wird.

Beim Spatenstich fürs Zentrum Ende Februar ist auch Gottfried Roller dabei, Leiter des Kreisgesundheitsamts und Initiator der Kommunalen Gesundheitskonferenz in Reutlingen – einer der Treiber des Projekts auf der Alb. Beim Häppchen am Rand der Baugrube berichtet er, dass die Stellensuche erfolgreich war: „Heute morgen habe ich eine Zusage bekommen. Eine Ärztin aus Hamburg, die in der Region ihre Wurzeln hat, später in Berlin und in Schweden arbeitete. Sie ist total begeistert, hierher zurückzukommen. Ich denke, das gibt einen Sog, da werden jetzt auch noch weitere Professionen kommen.“ ---