Partner von
Partner von

Es muss nicht immer Berlin sein

Die kleine Stadt Zweibrücken ist ganz groß bei Firmengründungen. Besuch in einer Start-up-Hochburg.





• Der 29. Januar 1990 war ein schwarzer Tag für Zweibrücken: Dick Cheney, damals US-Verteidigungsminister, verkündete den Abzug der amerikanischen Truppen aus der kleinen pfälzischen Stadt im äußersten Südwesten von Deutschland. Jahrzehntelang hatte man gut von den fast 10 000 Militärangehörigen gelebt, die Aufträge für Firmen, Jobs und Kaufkraft in die Stadt brachten. Das sollte nun vorbei sein. Zuerst wurde der Flugplatz aufgegeben, 1993 folgten die Kasernen auf dem Kreuzberg. Quasi von heute auf morgen wurden mehrere Hundert Hektar zur Geisterstadt, 1400 zivile Arbeitsplätze verschwanden, und die Arbeitslosenquote verdoppelte sich auf etwa 14 Prozent.

26 Jahre später sind auf den frei gewordenen Flächen fast 4000 neue Arbeitsplätze entstanden, im März lag die Arbeitslosenquote bei weniger als sechs Prozent. Die größten Arbeitgeber sind Industriebetriebe aus dem Maschinenbau und der Stahl- und Metallverarbeitung – zudem sind viele Start-ups auf den ehemaligen Militärflächen entstanden. Von den 401 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland verzeichnet Zweibrücken das stärkste Wachstum neuer Firmen. Die Zahl der Gründungen hat sich 2018 im Vergleich zu 2014 auf 102 pro Jahr verdoppelt. Was macht die Rosenstadt (wie sich Zweibrücken wegen ihres großen Rosengartens nennt) für Unternehmer attraktiv?

Eine besondere Hochschule

Weit oben über der Stadt, auf der Spitze des Kreuzbergs, liegt der Campus. Er existiert seit 1994 als Ableger der Hochschule Kaiserslautern und ist das Ergebnis der rheinland-pfälzischen Konversionsstrategie zur Umwidmung ehemaliger militärischer Flächen. 50 Millionen Euro hat das Land dafür ausgegeben. Heute sind in den beiden Fachbereichen „Betriebswirtschaft“ und „Informatik und Mikrosystemtechnik“ an die 2700 Studenten eingeschrieben, fast genauso viele wie in Kaiserslautern.

Karl-Herbert Schäfer, der Hochschulvizepräsident für Forschung und Transfer, sagt, dass jungen Leuten hier bewusst etwas Besonderes geboten werde, um sie in die Provinz zu locken. Der Studiengang „Mikrosystem- und Nanotechnologie“ zum Beispiel war einer der ersten dieser Art an einer deutschen Hochschule. Das Konzept für einen weiteren Studiengang hat er selbst entwickelt: Biologie, Medizin und Pharmazie in Verbindung mit Mikrosystem- und Nanotechnik. Mikrosysteme sind winzig kleine technische Geräte, die sich zum Beispiel in Mobiltelefonen, Navigationssystemen und Herzschrittmachern finden. Der 62-Jährige will mit diesem Studiengang auch potenzielle Gründer ansprechen: „Es ist wichtig zu lernen, dass das, was man tut, auch einen praktischen Nutzen haben könnte.“ Diese Botschaft wolle man Studenten in Zweibrücken generell vermitteln: „Wenn du eine Idee hast, dann setz sie um!“

Früher Seriengründer, heute Mentor: Bernhard Schu

Der Experte für Ideen

Beim Entwickeln von Ideen hilft Bernhard Schu. Er leitet das gemeinsame Gründungsbüro der Hochschule und der Technischen Universität Kaiserslautern. Der 55-jährige Biologe ist selbst mehrfacher Gründer. Schon als Student war er unternehmerisch aktiv und hatte später unter anderem eine eigene Biotechnologie-Firma. Nachdem diese gescheitert war, bewarb er sich auf die Stelle als „Ideenmanager“ in Kaiserslautern. Seitdem hilft er Studenten, die Unternehmer werden wollen, dabei, ihre Einfälle zu strukturieren, und unterstützt sie bei Fragen, Ängsten oder Problemen – oft ein oder zwei Jahre lang.

Mittlerweile hat Schu 480 Projekte begleitet, aus 116 wurden Firmen. Einmal in der Woche fährt er zum Campus in Zweibrücken, dort betreut er im Jahr durchschnittlich vier Gründungsvorhaben. Die meisten Jungunternehmer blieben in der Region, sagt er. Bislang seien unter ihnen vor allem Betriebswirtschaftler, viele Forschungsgebiete am Campus hätten aber ebenfalls großes Potenzial. Denn dort wird an neuen Techniken gearbeitet, in die große Unternehmen oft noch nicht investieren wollen, weil ihnen zu ungewiss ist, wie diese sich entwickeln.

Chris Fopke, 28 Jahre alt, studiert Mikrosystem- und Nanotechnik. Er ist einer von denen, die die Chancen hier nutzen, um ein eigenes Produkt zu entwickeln. Die Idee, mit der er zu Schu kam: Geräte sollen sich durch Drehbewegungen selbstständig mit Energie versorgen können. Schu, erzählt er, habe ihm geraten, erst mal mit einem kleinen Modell zu beginnen. Herausgekommen ist ein elektronischer Würfel, der sich durch die Drehung mit Strom versorgen soll und mit dem Internet verbunden werden kann. So soll es möglich sein, mit Freunden, die sich woanders befinden, Gesellschaftsspiele zu spielen. Die Seiten des Würfels sollen Displays werden, auf denen angezeigt wird, was die andere Person gewürfelt hat – und ob sie schummelt.

Fopke entwickelt momentan einen Prototyp. Er mag es, dass er die Inhalte seines Studiums mit der Praxis verknüpfen kann – auch wenn er dabei regelmäßig an seine Grenzen stößt. „Mal klappt es eine Woche lang nicht, dafür am Tag darauf. Durch dieses Scheitern kommst du vorwärts.“ Wenn er den ersten Würfel fertig hat, will er eine Crowdfunding-Kampagne starten, um herauszufinden, wie das Produkt ankommt.

Noch Student, wohl bald Unternehmer: Chris Fopke

Speziallabore

Gründer, die beispielsweise eine Software entwickeln wollen, brauchen dafür am Anfang nicht viel mehr als ein Büro und einen Computer. In der Mikrosystemtechnik sind die Anforderungen viel höher: Man braucht spezielle Forschungslabore, sogenannte Reinräume, in denen die in gewöhnlicher Umgebungsluft vorhandenen Partikel größtenteils herausgefiltert sind. An der Hochschule gibt es bislang einen Reinraum, eine Erweiterung sei aber bereits geplant. Außerdem wolle die Hochschule beim deutschen Wissenschaftsrat erneut einen Antrag einreichen, um an ihrem Standort ein Forschungsinstitut für Biosensorik aufzubauen. Die Pläne im ersten Antrag hatten das Gremium zwar noch nicht überzeugt. „Aber wir bewegen uns da hin, dass bald jeder ein Wearable am Arm hat“, sagt Schäfer. Gerade wenn es um Medizin und Gesundheit gehe, bestehe noch viel Potenzial in der Mikro- und Nanotechnik.

Die Start-up-Szene

Die Firma Comlet hat ihren Sitz in einer der ehemaligen Kasernen auf dem Kreuzberg. Sie wurde 2001 von zwei Professoren gegründet und gilt als erfolgreichste Ausgründung der Hochschule. Das Unternehmen entwickelt Software und Elektronik für sogenannte eingebettete Systeme, das sind elektronische Komponenten innerhalb eines technischen Systems. In einem Auto ermöglichen Comlets Produkte beispielsweise, dass Dinge wie die Navigation störungsfrei funktionieren. Zu den Kunden zählen Konzerne wie Audi oder Porsche. Manuel Duque-Antón ist einer der beiden Gründer. Er glaubt: Die Hochschule ist einer der wichtigsten Standortvorteile für Start-ups. Denn sie sorge für qualifizierte Mitarbeiter. Seit der Gründung von Comlet haben etwa 50 Absolventen ihren ersten Job dort angetreten. Außerdem profitieren Hochschule und Firma vom Wissensaustausch: Relevante Inhalte aus dem Unternehmensalltag werden manchmal in Vorlesungen behandelt, Studenten bringen das, was sie gelernt haben, in die Arbeit ein. Duque-Antón sagt: „Wir leben sozusagen davon, dass wir immer den aktuellen Stand der Technik kennen.“

Was Zweibrücken aus Unternehmersicht außerdem attraktiv mache, seien niedrigere Kosten als in den Metropolen, sagt Manuel Duque-Antón. Etwa für Büromieten und Gehälter. „Damit will ich nicht sagen, dass in der Region schlecht bezahlt wird – aber ein Gründer könnte Gehälter wie in München nicht finanzieren.“

Und noch etwas mag der gebürtige Spanier an der Stadt: die Nähe zur Natur und den französischen Esprit. „In der Pfalz und im Saarland legen die Menschen viel Wert auf Essen und Trinken. Das ist eine sehr schöne Lebensart.“

Was noch besser sein könnte, findet Duque-Antón, seien die Anbindungen im öffentlichen Nahverkehr und das Internet. Das könnte schneller sein. Aber daran arbeitet die Stadt. Grundsätzlich sei man dort sehr bemüht, junge Firmen zu fördern. Als die Gründer von Comlet am Anfang nach einem Büro suchten, habe die städtische Wirtschaftsförderung ihnen die ersten Räume vermittelt.

Versorgt sich selbst mit Strom: Würfel für Online-Spiele

Hilfreiche Verwaltung

Anne Kraft, eigentlich Geografin, arbeitet dort seit 2005. Sie ist eine Ansprechpartnerin für Gründer und hilft ihnen unter anderem dabei, geeignete Immobilien zu finden. Davon gebe es in der Kreisstadt prinzipiell noch ausreichend viele, sagt sie, auch wenn der Gründer-Boom das Angebot verknappt habe. Das Gründerzentrum auf dem Kreuzberg beispielsweise sei schon komplett belegt. „Deswegen wollen wir ein neues Zentrum schaffen, wo wir weitere Start-ups unterbringen können.“ Die städtische Gesellschaft für Wohnen und Bauen hat 2017 das ehemalige Finanzamtsgebäude mit dem Plan gekauft, dort ein Gründerzentrum zu schaffen. Denkbar, sagt Kraft, seien außerdem Neubaugebiete, denn günstiger Wohnraum sei für Familien ein Anreiz, nach Zweibrücken zu ziehen. Punkten kann die Stadt schon mal damit, dass sie zwei Gymnasien, zwei Realschulen und eine Berufsschule hat.

Günstige Mieten, viele Schulen – Zweibrücken kann mit vielem punkten, nicht unbedingt mit seinem Mittelpunkt

Was die Gründer der Stadt bringen

Auf den ersten Blick scheint Zweibrücken den Strukturwandel erfolgreich gemeistert zu haben. Aber finanziell sieht es in der Rosenstadt nicht so rosig aus. Auf der Liste der kreisfreien Städte liegt sie mit einer Verschuldung von 8522 Euro pro Einwohner bundesweit auf dem zehnten Platz.

René Geißler arbeitet für die Bertelsmann Stiftung und beschäftigt sich mit dem Thema. Er sagt: Hohe Schulden seien ein flächendeckendes Problem in rheinland-pfälzischen Kommunen. Die machten dafür vor allem das Land verantwortlich – nicht ganz zu Unrecht. „Das Land hat die Kommunen jahrzehntelang finanziell schlecht ausgestattet.“ Es gebe aber auch Städte, die einfach zu lange zu viel Geld ausgegeben hätten.

Kommunen wie Zweibrücken haben nun das Problem, dass sie nicht wissen, wie sie sich von der enormen Schuldenlast befreien sollen. Der Oberbürgermeister Marold Wosnitza, SPD, sagt: „Ohne Hilfe von außen, vom Land, vom Bund, von wem auch immer, werden wir diese Schulden nicht los.“

Sparmaßnahmen allein reichen in der Regel nicht, um die Schulden abzubauen. Und wenn eine Kommune zu sehr spart, kann das dazu führen, dass sie als weniger lebenswert empfunden wird. René Geißler sagt: „Das sehen die Bürger.“

Finanziell gesehen lohnen sich die Start-ups für Zweibrücken erst einmal nicht, weil die Gründer anfangs kaum Gewerbesteuern zahlen. „Aber im besten Fall werden sie so groß“, sagt Anne Kraft, „dass sie diese einmal zahlen.“ Für René Geißler zählen auch die immateriellen Werte: „Eine Stadt, in der etwas passiert, ist eine lebenswerte, aktive Stadt.“ Dieses Gefühl sei „viel wichtiger als ein paar Millionen Euro mehr an Gewerbesteuereinnahmen“. Was die Start-ups in jedem Fall schaffen: Sie machen Lust auf Zukunft. ---