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Was Wirtschaft treibt

Chip, Chip, hurra!

China kämpft gegen die Vorherrschaft der amerikanischen Halbleiter-Industrie. Droht ein kalter Krieg zwischen den Hightech-Supermächten?




• „Ausschreibungen in Chinas Regionalverwaltungen sind immer ein Frühindikator, wohin sich die nationale Politik bewegt“, sagt die Frau. Sie möchte anonym bleiben. Das amerikanische Unternehmen, für das sie arbeitet, beliefert viele Behörden in chinesischen Provinzen mit Informationstechnik.

Kürzlich bekam die Frau die Ausschreibung einer Regionalverwaltung aus Schanghai auf den Schreibtisch. In der ging es um einen kleinen Auftrag: Die öffentlichen Beschaffer wollten nur ein paar Hundert Büro-PCs ordern. Bemerkenswert allerdings: „Im Kleingedruckten kann man Interessantes über chinesische Geopolitik lesen. Es dürfen in den Rechnern nur chinesische Chips verbaut sein.“ Die Botschaft an westliche Lieferanten, da ist sich die Frau „sehr sicher“, komme direkt aus einem Ministerium in Peking. Sie mag dezent übermittelt sein, ist aber unmissverständlich. „Die Abhängigkeit von ausländischen Chips ist aus Sicht von chinesischen Wirtschaftsplanern absolut untragbar. Das wissen sie schon lange. Aber nach dem ZTE-Drama im vergangenen Jahr gehen sie das Thema jetzt konsequent an.“

Es geht um technische Souveränität. Kein Land verbaut mehr Halbleiter als die Volksrepublik, nämlich rund die Hälfte der Weltproduktion. Nur rund 30 Prozent der Prozessoren kommen aus China. Von diesen 30 Prozent wiederum sind das Gros billige Standardchips mit geringer Leistung, die zum Beispiel in Druckern oder smarten Fernsehern Routineaufgaben erledigen. In hochwertigen Computern, Smartphones und Tablets der chinesischen IT-Hersteller und Auftragsfertiger rechnen entweder die aktuellen Chip-Generationen der großen amerikanischen Entwickler Intel, Qualcomm, AMD und Nvidia – oder Halbleiter aus den mit den USA eng politisch verbündeten Staaten Südkorea (Samsung), Taiwan (TSMC), den Niederlanden (NXP) und Deutschland (Infineon).

Auf der Liste der 15 erfolgreichsten Chiphersteller findet sich kein chinesischer Name. Bis jetzt.

Ein Lehrstück über Entglobalisierung

Das ZTE-Drama, wie es die Mitarbeiterin des amerikanischen IT-Anbieters nennt, hat China vor gut einem Jahr gezeigt, wie schnell die Lieferketten reißen und wie gravierend die Konsequenzen sein können. Es hat der Welt vor Augen geführt, wie eng Technik und internationale Beziehungen heute miteinander verdrahtet sind. Der damalige Konflikt erscheint wie ein Vorspiel zum aktuellen Huawei-Drama mit einer in Kanada verhafteten Finanzchefin, Streit im westlichen Bündnis und Geheimdienstverwicklungen. Ein genauer Blick lohnt also.

Der Telekommunikationsriese ZTE, Hersteller von Netzwerktechnik und Smartphones mit Sitz in Shenzhen, hatte seit Jahren wiederholt amerikanische Handelssanktionen gegen den Iran und Nordkorea ignoriert. Die Beweislage war eindeutig, und so akzeptierte ZTE im März 2017 eine Strafzahlung in Höhe von rund 1,2 Milliarden Dollar an das amerikanische Handelsministerium. Das Unternehmen bekam zudem die Auflage, alle Manager zu ersetzen, die am Verstoß gegen die Sanktionen direkt beteiligt waren. Dieser Auflage kam das chinesische Unternehmen auch bei wohlwollender Interpretation nur teilweise nach, sodass der US-Handelsminister Wilbur Ross im April 2018 durchgriff: Er verbot amerikanischen Firmen mit sofortiger Wirkung, ZTE weiter zu beliefern. Ohne Qualcomm-Prozessoren und Android-Betriebssysteme musste der Telekommunikationsausrüster seine Smartphone-Produktion von heute auf morgen einstellen. Der Aktienkurs rauschte in die Tiefe, das Unternehmen stand kurz vor dem Konkurs.

Eigentlich kann man in China, hinter der großen chinesischen Firewall, keine Twitter-Nachrichten empfangen. Jene von Donald Trump vom 13. Mai 2018 drang dennoch durch. Der US-Präsident kündigte an, mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping an einer „Aufhebung des Lieferverbots“ zu arbeiten. Trump setzte die Chips als Faustpfand im Handelskrieg ein. Im Sommer akzeptierte das ZTE-Management, weitere Strafen zu bezahlen und das Management neu zu besetzen. Nach einigem Hickhack mit dem Kongress hob die amerikanischen Regierung im Herbst das Exportverbot auf, der Aktienkurs von ZTE hat sich im vergangenen Winter erholt. Auch die US-Zulieferer, allen voran Qualcomm, dürften durchgeatmet haben. Der drittgrößte US-Chiphersteller macht fast 70 Prozent seines Umsatzes in China.

Weder amerikanische noch chinesische Unternehmen sind an einer Eskalation des Konfliktes interessiert. Denn die Branche ist ein Paradebeispiel für globalisierte Wirtschaft. Integrierte Schaltkreise, auch Chips genannt, werden nicht nur rund um den Globus transportiert, um Geräte aller Art zu steuern, jeder verfügt über Millionen von Bauteilen. Nach Angaben der Semiconductor Industry Association hat ein großer amerikanischer Hersteller mehr als 16 000 Zulieferer – von denen mehr als die Hälfte nicht in den USA sitzt. Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind also noch stärker als etwa bei Automobilherstellern. Und genau deswegen stellen sich zurzeit viele in der IT-Branche auf große Veränderungen ein – sprich: auf harte Zeiten.

Seit Ende des Ost-West-Konfliktes dominieren die USA die Welt nicht nur politisch und militärisch, sondern auch mit ihrer Technik. Die kalifornischen Internetfirmen vernetzten die Welt, nutzten die dabei entstehenden Daten und stiegen zu globalen Superstars auf. Sie sind wertvoller als alle Unternehmen zuvor. Die amerikanische Regierung schaute dem Siegeszug stolz zu. Ihr Gestaltungswille war weitgehend darauf beschränkt, der globalen Verbreitung von US-Technik nicht im Weg zu stehen.

Vor Donald Trump störte es keinen Präsidenten, dass amerikanische Hardware-Hersteller ihre Produkte nahezu ausschließlich in China fertigen ließen.

Derweil war in Peking in jedem neuen Fünfjahresplan zu lesen, wie das Land strategisch plante, zur Hightech-Nation zu werden. Dass dies mit den Mitteln des „Kapitalismus chinesischer Charakteristik“ – inklusive systematischen Diebstahls geistigen Eigentums – gut funktionierte, war am Erfolg chinesischer Marken wie Lenovo, Xiaomi und Huawei zu erkennen. Zunächst auf dem riesigen Heimatmarkt und seit einigen Jahren auch auf dem Weltmarkt. Bei den datengetriebenen Anwendungen für E-Commerce, Bezahl- und Mobilitätsdienste, soziale Medien, digitale Assistenten mit Spracherkennung oder Gesundheitsdienste sind die chinesischen Produkte den amerikanischen heute oft überlegen.

Eine Welt, zwei Tech-Sphären

Mit dem Aufstieg Chinas zur digitalen Großmacht droht eine Neuauflage des Kalten Kriegs, diesmal mit den Mitteln der Informationstechnik, ausgefochten zwischen den Supermächten USA und China. Das fürchtet Ian Bremmer. Der Leiter der New Yorker Denkfabrik Eurasia Group erwartet eine Zweiteilung der Welt. Länder werden sich demnach für eine der Hightech-Supermächte entscheiden müssen, um deren IT nutzen zu dürfen. Die Systeme der amerikanischen und der chinesischen Tech-Sphären werden, so sein Szenario, weitgehend entkoppelt sein. Wo die Blöcke aufeinanderprallen, wird es wie im Kalten Krieg zwischen Amerikanern und Sowjets zu Scharmützeln unter Stellvertretern kommen. Und wie zwischen 1945 und 1989 gilt laut Bremmer auch in Zukunft: Militärische und politische Loyalität gehen einher mit wirtschaftlicher Bindung.

Das Prinzip ist mit Blick auf die aktuelle Weltlage schnell erklärt: Wer 5G-Netze mit Huawei-Technik betreibt, ist raus aus dem US-Lager. Nationen, die an chinesischer Technik interessiert sind, sich diese aber nicht leisten können, bekommen von chinesischen Staatsbanken günstige Kredite, um die Investitionen zu finanzieren.

Szenarien sind Gedankenspiele, um die Zukunft vorherzusagen. Im Idealfall werden sie aus mit Fakten belegbaren Entwicklungen der Gegenwart abgeleitet. Björn Conrad, Mitgründer des auf China spezialisierten Beratungsunternehmens Sinolytics, erscheint allerdings einiges an dem Tech-Cold-War-Szenario nicht plausibel. Sein wichtigster Einwand: „Technologie hat keine Staatsbürgerschaft. Es gehört zum Wesen digitaler Technologie, dass sie über alle Grenzen diffundiert.“ Es wären enorme staatliche Eingriffe nötig, um zu verhindern, dass digitale Innovationen in dem einen oder anderen Block nicht rasch durch den Eisernen Tech-Vorhang schlüpfen und die Systeme allein dadurch stark miteinander verknüpft blieben. Für Conrad wäre eine radikale Isolation auf chinesischer Seite unter Umständen sogar durchsetzbar, sie läge aber aus heutiger Sicht nicht im Interesse der dortigen Regierung. Dennoch hält er das Gedankenspiel von Bremmer für hilfreich, um den Blick für aktuelle Entwicklungen zu schärfen. „Zweifellos entwickeln sich die beiden Tech-Sphären deutlich auseinander. Beide Seiten wollen gegenseitige Abhängigkeit verringern. Die Politiker sowieso, aber auch viele Manager, denn in Zeiten geopolitischer Unsicherheit birgt Abhängigkeit große Risiken.“

Gewinnt China die Q-Wette?

Auch wenn man wie Conrad eine deutlich entschärfte Variante des kalten Technik-Kriegs für realistisch hält, stellt sich die Frage: Lassen sich die in den vergangenen drei Jahrzehnten so engmaschig geknüpften Lieferbeziehungen überhaupt wieder entflechten? Und wenn ja, zu welchem Preis?

Die Produktion eines iPhones lässt sich nicht einfach nach Mexiko oder Vietnam verlagern. Ein Smartphone made in USA würde nach Schätzungen von Sinolytics rund dreimal so viel kosten wie jene, die heute in China zusammengebaut werden. Zudem ist unklar, wie lange die Verlagerung der Produktion bei welchen Stückzahlen überhaupt dauern würde. Und selbst wenn sie gelänge: Wie viel wäre das heute wertvollste Unternehmen der Welt, Apple, ohne seine chinesischen Kunden noch wert? Umgekehrt kann die amerikanische Regierung die Chips als Faustpfand nutzen, weil Trump und seine Berater wissen: Halbleiter werden zumindest in den kommenden Jahren die Schwachstelle des halb staatlichen, halb privaten Tech-Sektors in China bleiben.

In dem so ambitionierten Plan „Made in China 2025“ werden im Unterschied zu anderen Themen für diese Technik keine konkreten Ziele genannt. In semi-offiziellen Begleitpapieren heißt es, dass man dann 40 Prozent der Chips in Smartphones selbst produzieren wolle – was angesichts des Ehrgeizes chinesischer Wirtschaftspolitiker vergleichsweise bescheiden erscheint. Die Zurückhaltung hat einen guten Grund.

IT-Experten gehen davon aus, dass chinesische Chipentwickler den Kollegen in den USA, Korea und Taiwan vier bis fünf Jahre hinterher sind. Die Entwicklungszyklen lassen sich in dieser Branche auch mit sehr großen Investitionen kaum beschleunigen. Das Know-how und die Anlagen in der hochkomplexen Fertigung lassen sich nicht einfach kopieren wie Bauteile von Kühlschränken oder das Design von Autos. Wenn das westliche Lager innovativ bleibt, mag China mit all seinen Forschungs- und Entwicklungsressourcen etwas Boden gutmachen, einholen werden die Chinesen die Platzhirsche aber aller Voraussicht nach nicht, zumal die amerikanische Regierung weiter verhindern wird, dass deren Firmen westliche Chiphersteller kaufen.

Der US-Präsident Barack Obama blockierte bereits 2016 die chinesische Übernahme von Aixtron, dem deutschen Spezialchiphersteller für Maschinenbau. Sein Nachfolger unterband Gespräche von Qualcomm mit einem Konsortium aus Singapur, bei dem unklar war, ob nicht auch Chinesen mitmischen.

Allerdings gilt: Halbleiter wären nicht die erste Technik, bei der China schneller aufholt, als westliche Beobachter vorhergesagt haben. Der Zeitpunkt hierfür wäre günstig, da die Chipbranche selbst vor einem Umbruch stehen könnte. Das berühmte Moore’sche Gesetz, wonach sich die Rechenleistung von Prozessoren alle 18 Monate verdoppelt, stößt an physikalische Grenzen. Die Entwicklung klassischer Chips verlangsamt sich und wird immer teurer. Bei alternativen Lösungen spielt China schon heute mit hohem Forschungs- und Entwicklungseinsatz.

So hat Huawei bei Spezialchips für maschinelles Lernen einige Erfolge vorzuweisen und verbaut sie bereits in seinen Smartphones. Und die chinesische Regierung investiert deutlich mehr als Amerikaner und Europäer in Quantencomputer mit neuartig konstruierten Chips. Es ist zurzeit unklar, ob sie jemals funktionieren und, falls ja, für welche Anwendungen sie tatsächlich geeignet sind. Aber sollte die chinesische Quanten-Wette aufgehen, wäre es vorbei mit der US-Überlegenheit, und die Machtbalance wäre zumindest auf der Hardware-Seite der Informationstechnologie komplett verschoben. Amerikanische Hersteller wären vom chinesischen Riesenmarkt abhängig, chinesische aber nicht mehr von US-Zulieferern. Und auf dem Weg zur IT-Unabhängigkeit könnte China auch noch zur „Geheimwaffe“ greifen, wie Paul Triolo es formuliert. Damit meint der Analyst „die taiwanesischen Chiphersteller“.

Die Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und Taiwan sind bekanntlich kompliziert. Taiwanesische Diplomaten im Westen lassen in Hintergrundgesprächen durchblicken, dass Pekings Interesse an den Chips von der nationalchinesischen Halbinsel zunehme. Und immer offener drücken sie ihr Unbehagen darüber aus. Nun wird China die aus seiner Sicht „abtrünnige Provinz“ der Chips wegen vermutlich nicht militärisch besetzen und damit einen Weltkrieg riskieren. Aber die kleinen IT-Bausteine mit ihrer wirtschaftlich wie geopolitisch großen Bedeutung könnten Chinas Ambitionen verstärken, Taiwan in immer größere Abhängigkeit zu bringen.

Diese Strategie würde der großen historischen Linie folgen, die Eberhard Sandschneider sieht. „Im Unterschied zu den Kolonialmächten oder zu Deutschland hat China in seiner Geschichte fast nie versucht, Länder militärisch zu unterwerfen“, sagt der Politologe und Ostasien-Experte von der Freien Universität Berlin. „Die chinesischen Kaiser haben immer subtilere Methoden gewählt, um ihre Nachbarn zu Vasallen zu machen.“

Seidenstraße, nun auch digital

Dieser Tradition folge Xi Jinpings Außenpolitik – mit langfristigen Lieferverträgen für Rohstoffe oder großen Infrastruktur-Initiativen wie der Neuen Sei- denstraße. Wie erfolgreich China dabei seinen Einfluss ausweite und neue Abhängigkeiten schaffe, lasse sich nicht nur in Entwicklungsländern wie dem ostafrikanischen Land Dschibuti erkennen, sagt Sandschneider. Dort baut China nicht nur Häfen und verleiht das dazu notwendige Geld, es errichtet auch einen Militärstützpunkt.

In Griechenland und Ungarn, so Sandschneider, zeigten sich erste Abhängigkeiten mit erheblichen Auswirkungen auf die Europäische Union. Italien könnte der nächste große Bauabschnitt der Seidenstraße werden, wenn chinesische Autokraten und italienische Populisten sich einig werden. Auch im Duisburger Hafen, dem westlichen Logistikhub der eurasischen Güterzüge, soll es mittlerweile viele China-Fans und wenige Transatlantiker geben.

Sandschneider verweist zudem auf die sogenannte Digital Silk Road. Wo China Straßen und Schienen baut, verlegt es in der Regel auch Hochgeschwindigkeits-Internetkabel. So finden nicht nur die Waren gut aus dem Reich der Mitte hinaus, die Daten finden auch den schnellen Weg hinein. Apropos Daten: „Das chinesische Sozialkredit-System, mit dem Bürger überwacht und gesteuert werden, wird in vielen Autokratien der Welt ein Exportschlager werden“, sagt Eberhard Sandschneider.

All diese Entwicklungen ergeben ein Gesamtbild der chinesischen Geopolitik. Die dortige Regierung sieht die vergangenen 300 Jahre europäischer und US-amerikanischer Dominanz als historisches Zwischenspiel. Der Staatspräsident Xi Jinping personifiziert den Willen und die Fähigkeit, es zu beenden.

Der Zeitpunkt könnte aus chinesischer Sicht nicht günstiger sein. Im Weißen Haus regiert ein Mann, der alle Zentrifugalkräfte der amerikanischen Gesellschaft aktiviert. Die britische Regierung und das dortige Parlament spielen beim Brexit absurdes Theater, Europa weiß nicht, wo es hin will, und führt lieber Ethikdebatten über künstliche Intelligenz, als diese zu entwickeln.

Ein paar westliche Hightech-Chips als Argument in Verhandlungen zu Handelsabkommen dürften kaum ausreichen, die Ambitionen Chinas zu dämpfen. Die viel größere Gefahr hinter den Konflikten um ZTE und Huawei ist der drohende Abschied von dem großen Versprechen der Globalisierung: eine Weltordnung, in der alle mit allen zum Vorteil aller zusammenarbeiten. ---