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Bye-bye, San Francisco

Irre Mieten, stundenlange Staus – viele wollen raus aus der Bay Area. Aber die amerikanische Provinz hat auch ihre Herausforderungen.





• Nach 28 Jahren hatte John Williams genug von San Francisco. Jener Stadt, in die sich der gebürtige Brite sofort verliebt hatte, als er sie während seiner Flitterwochen 1980 zum ersten Mal besuchte. Er war dort geblieben, hatte Häuser gebaut und verkauft, viel Geld verdient und selbst ein großes Haus gehabt. Kurz vor Weihnachten 2018 zog er weg.

Nach seiner Scheidung beschloss Williams, dass er woanders leben will, an einem billigeren Ort. Zwei Jahre lang fuhr er durchs Land, fast 15 000 Kilometer, von Washington bis Utah, und schaute sich 15 Städte an, kleine und mittelgroße. In jedem Ort blieb er ein paar Tage, am Ende hatte er fünf Kandidaten auf seiner Liste.

„Als Einwanderer fühlt man sich in einer internationalen Stadt wie San Francisco sofort willkommen, aber das kann man von der Provinz nicht behaupten“, sagt er. In vielen Orten vermisste er ein kulturelles Angebot, die Menschen waren ihm nicht offen genug. Endlose Prärie, eine schnurgerade Straße mit gelbem Mittelstreifen bis zum Horizont, dazu eine einsame Tankstelle – in Filmen mag das schön sein, leben wollte er so nicht.

Der 65-Jährige überlegte sich deshalb Kriterien, die in seinem künftigen Wohnort erfüllt sein sollten: „Es muss einen ordentlichen Coffeeshop geben. Und Buchläden.“ Und in denen sollte nicht auf zwei Dritteln aller Bücher ein Kreuz oder Jesus abgebildet sein.

San Francisco war John Williams wie vielen anderen zu teuer geworden. Ein Haus kostet dort durchschnittlich 1,34 Millionen Dollar, in Mountain View, wo Google und Facebook ihren Sitz haben, sogar 1,6 Millionen. Eine Zweizimmer-Mietwohnung gibt es für knapp 3000 Dollar im Monat.

Deshalb denken immer mehr Alteingesessene, aber auch junge Fachkräfte mit einem sechsstelligen Jahresgehalt, darüber nach, die Bay Area zu verlassen. Selbst wenn sie es sich leisten können – sie haben keine Lust mehr, jeden Tag zwei bis drei Stunden auf total verstopften Autobahnen zu verbringen. Einer Umfrage des Bay Area Wirtschaftsverbands zufolge wollte 2017 fast die Hälfte aller Einwohner die Region Nordkalifornien wegen hoher Preise und Staus verlassen.

Aber wer aufs Land will, um Geld zu sparen, muss nicht nur sehr weit rausziehen, sondern auch bereit sein, auf vieles zu verzichten. Auf einen gut bezahlten Job etwa oder urbane Trendprodukte wie Bio-Sauerteig und Soja-Latte – oder weltoffene Schulen mit Kindern aus unterschiedlichen Kulturen.

Wem das zu provinziell ist, kann in eine Kleinstadt ziehen, in die der Lebensstandard der Großstädter schon Einzug gehalten hat. US-Magazine veröffentlichen nicht nur regelmäßig Beststellerlisten, sondern auch Empfehlungen der angeblich besten Orte für ein bezahlbares Leben oder einen glücklichen Ruhestand.

Soja-Latte oder einsame Prärie?

Am Ende entschied sich John Williams für Santa Fe im Hochland von New Mexico. Mit etwa 80 000 Einwohnern relativ klein, nicht allzu teuer und ziemlich abgelegen, trotzdem gut besucht von Touristen. Sie kommen wegen der traditionellen Lehmhäuser und der Gemälde von Georgia O’Keeffe, der Ort ist seit Langem ein Künstler-Refugium. Santa Fe bietet kulturell, was man in US-Kleinstädten derselben Größe sonst vergeblich sucht: Kunstgalerien und Restaurants, sogar eine Oper. „Ich muss hier nicht langsam geistig verhungern“, sagt Williams über sein neues Zuhause. Er ist nun im Ruhestand und nutzt die Zeit, um die Natur und die Kunstszene zu erkunden.

Stadtflucht ist in Amerika kein Massenphänomen, eher eine gezielte Wanderungsbewegung in kleinere Zentren. Fast 85 Prozent der US-Bürger, also 272 Millionen Menschen, lebten 2016 in Städten, in ländlichen Gebieten nur 51 Millionen. Während die meisten dünn besiedelten Gebiete seit 2010 Einwohner verloren haben, sind Städte mit 250 000 oder mehr Einwohnern deutlich gewachsen.

Auch Nicole Osmer, die auf Öffentlichkeitsarbeit für Medizintechnik-Unternehmen spezialisiert ist, hatte nach 15 Jahren in der Tech-Hochburg Menlo Park genug vom Silicon Valley. Die „absurd hohen“ Lebenshaltungskosten für eine Familie mit fünf Kindern hätten sie gestört, aber noch viel mehr der enorme soziale Leistungsdruck. „Schon unter Teenagern herrscht ein wahnsinniger Wettbewerb. Wer hat die angesagtesten Klamotten, wer den größeren Pool zu Hause?“ Das führe erwiesenermaßen zu Depressionen und Selbstmord. Sie wollte ihre Kinder davor schützen.

Deswegen kaufte die Familie 2015 ein Haus in Santa Rosa, einer ruhigen Stadt mit rund 175 000 Einwohnern, eine gute Autostunde nördlich von San Francisco. Doch dann zerstörte 2017 ein heftiger Waldbrand mehr als 5600 Gebäude in der Gegend, darunter auch ihr neues Zuhause. „Das war zwar traumatisch, aber nicht so schlimm, weil wir unbeschadet davonkamen und noch einmal ganz von vorn anfangen konnten“, sagt Osmer.

Also zog die Familie noch einmal um, in eine noch ländlichere Gegend. Healdsburg, lediglich 11 000 Einwohner, umgeben von Weinbergen, Postkarten-Idylle, aber immerhin mit drei Restaurants mit Michelin-Sternen. Die Mitarbeiter ihrer PR-Firma arbeiteten von zu Hause aus, deshalb waren die Umzüge kein Problem.

„Ich sehe keinen Nachteil, hier draußen zu wohnen“, sagt Nicole Osmer. „Die Kinder können mit dem Rad überall hinfahren, die Privatschule ist bezahlbar, wir haben endlich einen Swimmingpool, und ich kann mir ein großes Büro leisten.“ Weil der ländliche Standort so viel billiger ist, konnte sie ihre Firma vergrößern und hat mittlerweile 20 Angestellte. Auch ihr Mann arbeitet nun für sie. Nur das schicke Einkaufszentrum neben der Elite-Uni Stanford fehle ihr, sagt sie. Aber Amazon liefert ja glücklicherweise auch aufs Land. ---