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Am Anfang war die Schule

Die Bewohner eines Dorfs in Brandenburg stellen erstaunliche Projekte auf die Beine.




• Niedrige Backsteinhäuser, eine kleine Kirche, Kühe und sehr viel Landschaft. Das Dorf Wallmow im nordöstlichen Zipfel der Uckermark ist ein Idyll. Und im Vergleich zu vielen anderen in Brandenburg recht lebendig. Das liegt nicht zuletzt daran, dass 56 der 272 Einwohner jünger sind als 16. „Durch die jungen Familien, die nach Wallmow gezogen sind, hat sich das Dorfleben verändert, der Zusammenhalt ist größer geworden“, sagt Heike Rymas, die Ortsvorsteherin.

Dass Wallmow diese Familien anzieht und keines dieser langsam sterbenden Dörfer mit leer stehenden Häusern und überalterter Einwohnerschaft geworden ist, hat einen einfachen Grund: Es gibt eine Schule. In der einstigen Villa eines Großbauern werden heute 49 Kinder von sechs Lehrern unterrichtet.

Zum Schulgelände gehören eine Wiese und ein kleiner See. Es kommt vor, dass der Unterricht eine ganze Woche lang im Wald stattfindet. Auch die Arbeit in den schuleigenen Gartenbeeten oder in der Werkstatt gehört für die Kinder zum Alltag.

Die Ethnologin Leonore Scholze-Irrlitz, die an der Humboldt Universität in Berlin ländliche Räume erforscht und das Dorf in einer Feldstudie untersucht hat, sagt: „Die Arbeitslosigkeit war nach der Wiedervereinigung massiv. Ohne die Schule wäre die Abwanderung stärker gewesen, und es hätte mit Sicherheit sehr viel weniger Zuzug gegeben.“

Ins Leben gerufen wurde die Schule von etwa einem Dutzend Eltern, die nach der Wende von Berlin oder anderen Städten nach Wallmow zogen. Im Jahr 1995 haben sie einen Trägerverein gegründet und einen Brief an die Brandenburger Bildungsministerin geschrieben: Guten Tag, wir wollen eine freie Schule gründen, was müssen wir machen? Die Ministerin hieß damals Marianne Birthler, sie kam aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung, und freie Schulen fand sie gut.

„Hierherzuziehen, das war Neuland und ganz wichtig, um frei zu denken“, sagt Jana Frey, eine der Schul-Gründerinnen. In der Stadt sei alles schon da, ergänzt sie. „Hier muss man es selber machen, man kann es aber auch.“

Frey, rote Haare, bunter Schal, würde auch in Berlin auffallen. Früher hat die Akrobatin und Zirkuspädagogin als Schauspielerin gearbeitet, heute unterrichtet sie an der Dorfschule. Sie und andere Eltern wollten vor 20 Jahren für ihre Kinder etwas anderes als die staatlichen Schulen, in denen damals noch viele von der autoritären DDR-Pädagogik geprägte Lehrer unterrichteten.

Michael Pommerening, der ebenfalls zum Gründerkreis gehört, war früher Lehrer an einer Berliner Haupt- und Realschule. „Man konnte dort nicht mal ganz simple Dinge verändern. Irgendwann habe ich beschlossen, das mache ich nicht ein Leben lang“, sagt er. Er lehrt an der Dorfschule und ist deutlich zufriedener, obwohl er weniger verdient als im Staatsdienst: „Ich habe Geld gegen Freiheit getauscht, das war das beste Geschäft meines Lebens.“

Hat Wallmow verändert: die Dorfschule
Ist trotz Gehaltseinbußen zufriedener als in Berlin: Lehrer Pommerening

Die Alteingesessenen waren misstrauisch

Nicht jeder in Wallmow empfing die neuen Bewohner mit offenen Armen, und auch die Schule wurde anfangs misstrauisch beäugt. Ramona Fester etwa, die den einzigen Dorfladen betreibt, wollte ihren Sohn lieber nicht dorthin schicken – „ich dachte, wer weiß, ob er da was lernt“. Offenbar dachten viele der Alteingesessenen ähnlich, denn es dauerte zehn Jahre, bis die erste nicht zugezogene Familie ihre Kinder der Schule in der ersten Klasse anvertraute. Bis dahin zogen sie die staatlichen Grundschulen in der zehn Kilometer entfernten Stadt Brüssow vor.

Das Misstrauen ist verflogen. „Die Kinder aus der Dorfschule sind irgendwie selbstbewusster als andere“, findet Fester heute. Hinzu kommt: Sie profitiert von den Zugezogenen. Weil ihre alten Nachbarn lieber beim Discounter in der knapp 20 Kilometer entfernten Kleinstadt Prenzlau einkauften, lohnte sich für sie der Aufwand irgendwann nicht mehr. Sie wollte den Laden schließen. Doch dann gingen Lehrer und Eltern aus der Schule mit einem Fragebogen von Tür zu Tür: Wollt ihr, dass der Laden bleibt, oder soll er schließen? Welche Waren wünscht ihr euch? Das Ergebnis ist, dass Fester wieder genug Kunden hat, es einen Kaffeeausschank und Waren wie Bio-Sojamilch gibt. Auch die Lebensmittel, mit denen in der Schule gekocht wird, kommen aus ihrem Laden.

Der ist neben der Kneipe der wichtigste Treffpunkt der Dorfbewohner. Einkaufen, Kaffeetrinken und der aktuelle Tratsch gehen in Wallmow nahtlos ineinander über. Jeden Freitag wird gegrillt, man sitzt draußen vor einer großen Feuerschale, trinkt Bier und schaut in den Abendhimmel.

Vor der Schulgründung drohte der Ort zu veröden. „Viele Bewohner arbeiten außerhalb, die Alltagskontakte untereinander wurden seltener“, sagt die Wissenschaftlerin Scholze-Irrlitz. In der Region gibt es viele verschlafene Dörfer, in denen ein paar Leute wohnen, sonst aber nichs passiert. Eine Dorfbewohnerin hat in einem gewohnt, nur wenige Kilometer von Wallmow entfernt. Keine Einkaufsmöglichkeit, keine Kita, keine Kneipe, nur einzelne Häuser und Höfe – lieber wäre sie zurück nach Berlin gegangen, als im öden Teil der Uckermark zu bleiben. Dann bot sich die Gelegenheit, nach Wallmow zu ziehen, wo sie sehr zufrieden ist. Ein Hauptgrund: die Dorfschule, zu der sie ihr Kind schickt.

Hat wieder Kundschaft: die Ladenbetreiberin Ramona Fester
Unterricht mal anders: Schüler in der Schul-Werkstatt

Heute gilt Wallmow als Vorzeigedorf

Wenn Brandenburger Politiker zeigen wollen, dass ihnen das flache Land am Herzen liegt, schauen sie gern in Wallmow vorbei. Im Februar machte der Ministerpräsident Dietmar Woidke auf seiner „Zukunftstour Heimat“ auch einen Abstecher zur Dorfschule. Doch jenseits solcher Fototermine sei die Landesregierung nicht so nett zu freien Schulträgern auf dem Land, kritisiert Leonore Scholze-Irrlitz. „Sie nehmen öffentliche Aufgaben wahr und erfahren dabei nicht die Unterstützung, die man eigentlich erwarten würde. Das Land Brandenburg hat, bundesweit einmalig, im Jahr 2012 die finanziellen Zuschüsse für freie Schulen um 20 Prozent gekürzt. Es wirkt fast, als würde man die freien Schulen als Konkurrenz zu den staatlichen empfinden.“

Auf Anfrage gibt sich das Brandenburger Bildungsministerium diplomatisch: „Grundschulen in freier Trägerschaft in ländlichen Regionen stehen hinsichtlich der demografischen Entwicklung und der Lehrkräftegewinnung vor den gleichen Herausforderungen wie die Schulen in öffentlicher Trägerschaft“, heißt es in einer Stellungnahme.

Michael Pommerening schätzt, dass seine Schule pro Kind und Jahr nur etwa zwei Drittel dessen an öffentlichen Zuwendungen erhält, was sich Land und Kommunen ihre staatlichen Schulen kosten lassen. Die deutlich geringeren Gehälter der Lehrer und das Schulgeld, im Schnitt etwa 100 Euro pro Kind und Monat, gestaffelt nach Einkommen der Eltern, können das nicht ausgleichen. Aber sehr viel mehr Geld kann die Schule in der strukturschwachen Region von den Eltern nicht verlangen. „Die ganze Schule funktioniert mit relativ viel ehrenamtlicher Arbeit durch die Eltern, 30 Stunden pro Familie und Jahr sind angestrebt und werden von etlichen auch deutlich überboten“, sagt Pommerening. Was sonst das Schulamt mache, erledige hier der Elternträgerverein: Personal, Finanzen, Aufnahme von Kindern, Baumaßnahmen.

Neulich hat ein Informatiker, der im Dorf wohnt, im Unterricht erzählt, was er in seinem Beruf so macht. „Wir holen die Welt in die Schule“, sagt Pommerening. Die Elternarbeit findet er nicht nur als notwendige Unterstützung wichtig, vielmehr entstehe durch sie eine Gemeinschaft.

Tilo Steinbach arbeitet in Potsdam für die AGFS, die Arbeitsgemeinschaft Freie Schulen Brandenburg. Er berät Gründer, meistens Eltern, die unzufrieden mit staatlichen Schulen sind. Seit etwa anderthalb Jahren beobachtet er ein wachsendes Interesse an Neugründungen, „möglicherweise auch durch Eltern, die aus der Stadt aufs Land ziehen“. Viele der freien Schulen auf dem Land hätten mehr Nachfrage als verfügbare Plätze, auch die in Wallmow. Trotzdem mache die Landesregierung den Schulen durch unnötige Hürden das Leben schwer. Dazu gehöre, dass freie Schulen in den ersten drei Jahren nach Gründung keinen Cent aus Landesmitteln erhalten. „Diese Frist wird unter bestimmten Voraussetzungen um ein Jahr verkürzt“, heißt es in der Stellungnahme des Brandenburger Bildungsministeriums. Und: „Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens wird zur Sicherung des zukünftigen Schulbetriebs von der Genehmigungsbehörde geprüft, ob der Träger plausibel dargelegt hat, dass die Finanzierung während dieser Wartefrist sichergestellt ist.“

Spricht auch für Wallmow: die Natur

Versuch und Irrtum

Fragt man die Kinder in der Dorfschule, was ihnen dort gefällt, gehen viele Finger hoch. „Wir können viel selbst entscheiden.“ „Der Garten.“ „Keine Noten.“ Am Anfang waren die Strukturen „sehr frei“, berichtet Pommerening. „Wir haben relativ schnell gemerkt, dass einige Schüler davon überfordert waren.“ Sie selbst hätten dann mehr Struktur eingefordert. „Die Kinder sagten, du musst sagen, dass wir zu Mathe gehen müssen, weil wir das sonst nicht machen.“

Das Konzept zu entwickeln war gemeinsame Arbeit. Die Lehrer haben mit Eltern und Kindern überlegt, wie es mit der Schule weitergehen soll. „Das ist so gewachsen. Wir haben das Stück für Stück ausprobiert“, sagt Jana Frey. „Ich bin immer noch dabei zu lernen“, sagt Michael Pommerening.

Für Leonore Scholze-Irrlitz sind Dörfer „ein Labor für gesellschaftliche Entwicklungen. Hier kann man lernen, wie sozialer Zusammenhalt funktioniert.“ Auch weil die öffentliche Infrastruktur auf dem Land – ob Schulen oder Nahverkehr – schlechter wurde, ist die Notwendigkeit, aber auch der Freiraum, selbst aktiv zu werden, gewachsen. „Wer da lebt, muss sehr viel selber machen und sich oft mit großem Aufwand gegen politische Entscheidungen durchsetzen“, sagt die Wissenschaftlerin.

In Wallmow entstehen durch den Austausch im Trägerverein der Schule viele Initiativen, die über die eigentliche Aufgabe hinausgehen – zum Beispiel die zur Gründung einer öffentlichen Bibliothek. Und weil viele der aktiven Eltern älter geworden sind und dauerhaft in Wallmow bleiben wollen, gibt es jetzt auch das Projekt Lima (Leben im Alter). Zum Schulgelände gehört eine große, leer stehende Scheune. Wie wäre es, dort nach eigenen Vorstellungen etwas aufzubauen? Genug Erfahrung mit den Behörden und den Raffinessen einer Gründung haben sie in Wallmow. Zudem gibt es im Netzwerk viele qualifizierte Leute, von Anwälten bis zu Menschen in Sozialberufen. Es könnte also sein, dass es in diesem 272-Seelen-Dorf irgendwann nicht nur eine Schule, einen Laden, eine Bibliothek und ein reges Kulturleben mit vielen Konzerten gibt, sondern auch ein Altersheim. ---