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Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die sein kann, die ich sein wollte?

Immer über die eigenen Grenzen gehen, das lernte Melanie Goel schon als Kind. Erst war sie Leistungssportlerin, dann machte sie Karriere in Firmen, bis sie im vergangenen Jahr zusammenbrach. Da war sie 30. Wie es dazu kam und wie ihr neues Leben aussieht, in dem sie niemandem mehr etwas beweisen will, erzählt sie selbst.





„Wenn man bewusstlos wird, hat man kurz vorher so ein Kribbeln im Kopf, wie Tausende Ameisen auf der Kopfhaut. Ich war bei einer Messe, den ganzen Tag schon total müde und bekam kaum Luft. Trotzdem wollte ich abends noch mit dem Auto zurückfahren, 450 Kilometer, von Gießen nach München. Ich habe Cola getrunken, das Fenster aufgerissen und laut gesungen, gegen die Müdigkeit und das Flimmern vor den Augen, aber dann kribbelte es vor einer Kurve in meinem Kopf, und ich wusste: Scheiße. Ich habe noch schnell rumgerissen und bin auf den Seitenstreifen. Dann war ich weg.

Ich war immer nur kurz bewusstlos, 15 bis 20 Sekunden, ich kannte das schon. Unter Schock rief ich meinen Mann an. Er meinte: ,Ruf die Polizei und lass dich abschleppen!‘ Aber ich dachte, das kann ich nicht, es ist ja nichts passiert. Ich bin weitergefahren, zum Glück kamen nach der Kurve eine Ausfahrt und ein Ort mit Gasthof. Mein Herz raste, meine Arme waren taub. Die ganze Nacht lag ich wach, weil ich dachte, wenn ich jetzt einschlafe, wache ich nicht mehr auf.

Normalerweise dauerte eine Panikattacke bei mir 45 Minuten, an diesem Tag hörte sie nicht mehr auf. Am nächsten Morgen bin ich mit dem ICE nach Hause gefahren. Als ich endlich da war, habe ich mich hingelegt. Ab diesem Moment konnte ich nicht mehr aufstehen. Ich konnte nicht mehr gehen, nicht mehr reden, ich musste ständig heulen. Damals wusste ich nicht, was mit mir los ist.

Ich wollte nicht in eine Klinik, ich wollte arbeiten. Letztlich ließ ich mich von meinem Mann, meinen Eltern und meiner besten Freundin überzeugen. Ich war drei Monate in einer psychosomatischen Klinik hier in der Nähe. Meine Diagnose lautete: Panikstörung. Das war erst mal das Ende meines bisherigen Lebens. Aber es war auch ein Anfang. Denn mir wurde klar, dass ich in einem Tunnel gewesen war, ohne es zu merken. Dass ich so viel gearbeitet hatte, um eine große Leere zu füllen.


Für mich gab es nur diese eine Option: Sportlerin werden. Alles war so klar – und auf einmal war es Geschichte.

Mit zwei stand ich das erste Mal auf Langlauf-Skiern, kurz bevor ich drei wurde, hatte ich mein erstes Rennen. Meine Familie ist sehr sportlich, wie viele hier im Voralpenland. Weil ich gleich recht gut war, bin ich schnell weitergekommen, ab fünf war ich bei allen Wettkämpfen dabei.

Einen Monat im Jahr hatten wir frei, das war der April, dann ging das Sommertraining los: Berglaufen, Mountainbiking, Bouldern, Klettern, als wir älter wurden, auch Krafttraining. Außerdem läuft man auf Cross Skates, die sehen aus wie abgeschnittene Skier mit Rollen. Ich war jeden Tag nach der Schule beim Training. Oft war ich nur vier Tage die Woche im Unterricht, weil freitags schon die Wettkämpfe losgingen. Bis ich 14 war, war das kein Problem, ich hatte ja immer gute Noten. Dann kam ein neuer Schulleiter. Ab dem Zeitpunkt mussten meine Eltern sich Ausreden überlegen, warum ich nicht da bin.

Die Ansprüche im Leistungssport sind extrem. Wenn du als Kind damit anfängst, kann es sein, dass du nie lernst, wo deine Grenzen sind. Es geht ja darum, sie immer wieder zu überwinden, nur so wirst du besser. Dafür bekommt man auch Anerkennung. Ich kenne einige, die deswegen auch in anderen Lebensbereichen zu extremem Verhalten neigen. So wie ich.

Ich habe den Sport geliebt. Ich kannte nur das, ich war nur das, für mich gab es nur diese eine Option: Sportlerin werden. Alles war so klar – und auf einmal war es Geschichte.

Als ich 16 war, kam die entscheidende Saison. Es ging darum, vom Bayerischen Skiverband in den Deutschen Skiverband aufzusteigen. Ich habe immer in einem Team mit Jungs trainiert, wir waren wie Geschwister, ich vertraute ihnen, wir schliefen in denselben Betten, wir waren ja noch jung. Jungs und Mädchen werden in den Wettkämpfen unterschiedlich gewertet, wir waren nicht mal Konkurrenten. Ich habe keine Erklärung, warum sie mit dem Mobbing anfingen. Aber das gibt es oft im Leistungssport, bei mir ging es von einem Tag auf den anderen los. Erst relativ harmlos, sie sagten Sachen wie ‚Du bist fett‘ oder ‚Pass auf, die Bank bricht gleich unter dir durch‘, am Ende war es auch körperlich. Ich bin im Training oft allein gelaufen und habe geheult. Man kann den Schmerz mit Sport bekämpfen, man kann sich taub laufen, später habe ich mich taub gearbeitet.

Das ging schon ein Jahr so, dann bekam ich Pfeiffersches Drüsenfieber. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich krank bin, ich bin mit Grippe zum Training gefahren, habe einfach weitertrainiert. Aber meine Muskeln waren so schlapp, ich wurde immer Letzte, und am Ende sagte mir ein Arzt: ,Hör bitte sofort damit auf!‘ Irgendwie war ich auch froh, mit dem Sport aufhören zu können.

Ich bin trotzdem in ein tiefes Loch gefallen. Das war ja mein Lebensinhalt. Was bleibt denn dann noch von einem? Wer bin ich nun, wenn nicht mehr Sportlerin? Ich hatte keine Antworten auf diese Fragen, auch nicht darauf, was ich mit der vielen Zeit anfangen sollte.

Später war ich Punk, Metal-Fan und Mädchen mit vielen Handtaschen, ich habe mehrere Identitäten ausprobiert, weil ich dachte, vielleicht finde ich mich in einer. Ich war viermal die Woche feiern und habe mich betrunken, ich machte keinen Sport mehr, nahm zu und war zeitweise schlecht in der Schule. Das änderte sich erst, als in meinem zweiten Semester innerhalb von zwei Wochen zwei schlimme Vorfälle passiert sind.

Seit Anfang dieses Jahres leben Melanie und Siddhant Goel mit ihrer Hündin Samira in einem Haus in einem Dorf unweit des Ammersees. Sid, wie Melanie Goel ihren Mann nennt, stammt aus Indien. Sie sind seit dreieinhalb Jahren verheiratet

Ich habe Chinesisch und Wirtschaft studiert und war für ein Semester in Guangzhou. Am Ende wurde ich Opfer eines sexuellen Übergriffs. Als ich wieder zu Hause war, starb mein Cousin bei einem Unfall mit dem Fahrrad. Er war so alt wie ich und für mich sehr wichtig gewesen.

Mit diesem Tag hörte ich auf zu trinken und zu feiern und begann, exzessiv zu arbeiten. Alles, was er nicht mehr erreichen kann, sagte ich mir, will ich erreichen. Ich hatte so viel Schmerz in mir. Ich war oft morgens vor der Uni schwimmen, so lange, bis ich meine Arme und Beine nicht mehr spürte. Anschließend lernte ich bis in die Nacht.

Ich arbeitete nebenher bei einem Start-up und bekam dort zum ersten Mal wieder das, was ich zuletzt im Sport hatte: Anerkennung für meine Leistung. Dort lernte ich auch Sid, meinen heutigen Mann, kennen. Für meinen Master in internationaler Politik bekam ich eine Zusage in Kanada. Das war mein Traum. Deswegen wollte ich es perfekt machen. Ich spezialisierte mich auf Sicherheit im Internet, Internet Governance heißt das, und wie Terroristen im Netz kommunizieren. Eigentlich suchte ich mir immer das aus, was mir am schwierigsten erschien.

Meine Tage waren total durchgeplant: um halb fünf aufstehen, zwei Stunden Hindi lernen oder Programmieren üben, dann Seminare, zwischendurch schwimmen, bis nachts um eins an Papern arbeiten. Von denen mussten wir mehrere pro Woche abgeben. Wenn ich mir auf dem Gebiet einen Namen mache, so malte ich mir das aus, schauen alle zu mir auf.

Meine Professoren lobten mich, ich hatte super Noten, meine Freunde waren beeindruckt, wie ich das alles schaffte, ich war auf Wolke sieben. Wenn mir jemand sagte, du musst mehr essen und schlafen, nahm ich das nicht ernst. Den Master machte ich innerhalb von einem Jahr. Weil Sid kein Visum für Kanada bekam, zog ich zurück nach München.

Ich dachte, jetzt warten alle darauf, mich in ihre Firma zu holen, ich hatte doch so viel gearbeitet. Aber es wartete keiner. Weil ich so eine Angst davor hatte, nichts zu tun, nahm ich den ersten Job an, den ich bekam. In einer PR-Agentur. Das war furchtbar. Ständig bei Journalisten anrufen zu müssen, um ihnen etwas zu verkaufen, das nicht interessant ist.

Ein Jahr später wechselte ich zu einem Start-up, ich sollte das Kommunikations-Team aufbauen. Das fand ich perfekt für mich. Ich war gleich Head-of mit viel Verantwortung. 80 bis 90 Stunden arbeitete ich in der Woche, ich bin in der Früh hin, um sieben, halb acht nach Hause, dort machte ich weiter. Ich habe mich unglaublich toll gefühlt, so erfolgreich. Sid hat zu der Zeit auch sehr viel gearbeitet, weil er gerade eine Firma gegründet hatte. Aber im Gegensatz zu mir wusste er, wann es zu viel ist.


Was bleibt von mir, wenn ich keine Leistung mehr bringe? Wer bin ich dann? Warum sollte mich irgendwer noch interessant finden?

Damals fing auch das mit dem Bewusstlos-Werden an. Es passierte, wenn ich nachts zur Toilette wollte, aber auch im Liegen. Ich hatte oft Migräne und Herzstechen, meine Arme waren manchmal so taub, dass ich sie nicht mehr bewegen konnte. Für Sid war das nicht leicht. Ich war mehrmals in der Klinik, weil wir dachten, ich habe einen Schlaganfall.

Einmal war ich eine Woche krankgeschrieben wegen Überarbeitung. Aber ich schaffte es nicht, weniger zu machen, als ich wieder arbeitete. 2017 bewarb ich mich auf eine Stelle als Marketing-Managerin bei einem renommierten Elektroautohersteller. Die Person sollte für Deutschland, Österreich und die Schweiz zuständig sein. Als ich die Zusage bekam, dachte ich: Jetzt hast du es geschafft. Alles, wofür du so hart gearbeitet hast, hast du erreicht. Eine tolle Position, eine tolle Firma, viel Geld, ein hoher fünfstelliger Betrag im Jahr.

Ich war ständig unterwegs, wollte nichts delegieren, so wie meine Kollegen, musste alles unter Kontrolle haben. Drei Monate später hatte ich den Zusammenbruch. Anfangs wollte ich unbedingt wieder zurück, aber in der Klinik wurde mir klar, dass ich nicht mehr ins Marketing will. Ich weiß nicht, ob man überhaupt mit dem Herzen im Marketing sein kann – ich war es nicht.

In der Klinik fragte ich mich oft: Was bleibt von mir, wenn ich keine Leistung mehr bringe? Wer bin ich dann? Warum sollte mich irgendwer noch interessant finden? Und was soll ich anderen Menschen nun erzählen?

Ich hätte es nie gedacht, aber die Kunsttherapie half mir. Da bekommt man ein Thema und malt drauflos. Über viele Erlebnisse konnte ich damals noch nicht sprechen, durch das Malen der Bilder wurde es mir möglich. Und es hat mir so wahnsinnig viel Spaß gemacht. Kreativ sein und sehen, was man geschaffen hat. In den Agenturen hatte ich manchmal Webdesigns gemacht, das mochte ich, aber Design erschien mir irgendwie lapidar. Ich wollte Prestige und Geld.

Zum Abschied zeichnete ich für die Therapeuten und die Patienten, mit denen ich viel Zeit verbracht hatte, Postkarten. Das kam so gut an, dass ich sie später auch auf Flohmärkten in München verkaufte. Daraus ist das entstanden, was ich seit April beruflich mache: Ich habe einen Onlineshop, in dem ich Tassen verkaufe, die ich individualisiere, außerdem arbeite ich in einem Start-up Teilzeit als Produktdesignerin und bin freiberuflich Grafikdesignerin. Das habe ich mir selbst beigebracht.

Es hat ein bisschen gedauert, aber ich habe gelernt, dass ich die Anerkennung von außen nicht mehr brauche, wenn ich mit mir zufrieden bin.

Ich verdiene nur noch die Hälfte, aber Sid und ich haben genauso viel Geld übrig wie vorher. Wir leben jetzt anders. Den Großteil unserer Sachen, Bücher, Kleidung und Geschirr, haben wir weggegeben, wir kaufen nicht mehr als das, was auf dem Einkaufszettel steht, und gehen nicht mehr allein, nur noch mit Freunden essen. Sonst kochen wir. Früher habe ich sehr viel Geld ausgegeben. Für Klamotten, Sportsachen oder Möbel, ich habe jeden Monat etwas anderes gefunden, das ich unbedingt haben musste.

Ich habe viel mehr Zeit, seitdem ich mich nicht mehr so viel mit Dingen beschäftige. Ich verwende sie für Sachen, die mir viel wert sind. Für meinen Mann, meine Freunde, oder ich gehe oft mit unserem Hund spazieren und bin viel in den Bergen. Aber ohne sportlichen Ehrgeiz. Ich will niemandem mehr etwas beweisen.

Im vergangenen Winter stand ich auch zum ersten Mal wieder auf Langlauf-Skiern. All die Jahre davor konnte ich das nicht. Das war so schön und so befreiend.“ ---

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