Partner von
Partner von

Was wäre, wenn …

Ein Szenario.





• Die Idee einer gemeinsamen Währung für den gesamten afrikanischen Kontinent kam erstmals 1963 auf. Damals wurde die Organisation Afrikanische Einheit in Addis Abeba, Äthiopien, gegründet – das Konzept eines einheitlichen Zahlungsmittels aber nicht weiterverfolgt. Einen offiziellen Plan gab es erst 1991 im Rahmen des Abuja-Vertrags, der die Afrikanische Wirtschaftsgemeinschaft begründete. Bis 2028 solle es eine afrikanische Zentralbank und nach Möglichkeit auch eine gemeinsame Währung geben, stand darin. Der Weg dahin ist allerdings noch weit, und viele bezweifeln, dass das ambitionierte Vorhaben überhaupt gelingen kann.

Doch was wäre, wenn Afrika tatsächlich eine gemeinsame Währung hätte? Wenn der „Afro“, wie das mögliche Pendant zum Euro manchmal scherzhaft genannt wird, Wirklichkeit werden würde?

Für alle Arten von Währungsunionen gilt: Ein gemeinsames Zahlungsmittel birgt extreme Vorteile für den Handel und Investitionen. Es vereinfacht, stabilisiert, beseitigt Transaktionskosten und Kursschwankungen. Eine Studie zweier US-Ökonomen kam 2001 zu dem Ergebnis, dass das durchschnittliche Handelsvolumen zwischen zwei Ländern mit einer gemeinsamen Währung dreimal so hoch ist wie das zwischen anderen Ländern.

Ob eine Währungsunion sinnvoll ist oder nicht, hängt allerdings davon ab, wie groß das Risiko für die einzelnen Mitgliedsstaaten und die Währung an sich wäre, sollte eines der Länder oder mehrere wirtschaftliche Probleme bekommen.

Wenn die Gefahr, dass dadurch alle in eine Krise geraten, niedriger ist als der Nutzen durch einen aufblühenden Handel, spricht man von einem optimalen Wirtschaftsraum. Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa betrachtet Afrika als einen solchen. Deshalb spricht er sich immer wieder für eine Währungsunion aus. Eine gemeinsame Währung – vielleicht zuerst digital umgesetzt – würde, so sagt er, den Handel zwischen den afrikanischen Nationen stärken, Investitionen in die Infrastruktur erleichtern und dem Kontinent helfen, unabhängiger zu werden.

Tatsächlich könnte Afrika enorm profitieren, wenn seine Länder stärker miteinander handelten. 2018 gingen nur 16 Prozent aller afrikanischen Exporte in andere afrikanische Länder, in Europa lag die Quote 2017 bei 64 Prozent. Viele afrikanische Volkwirtschaften sind zu klein, um jenseits von Öl- und Mineraliengewinnung Investitionen zu rechtfertigen.

Außerdem hätte ein einheitliches Zahlungsmittel nach dem senegalesischen Ökonom Ndongo Samba Sylla einen weiteren Vorteil: „Es wäre vor allem der Beweis, dass es gelungen ist, den Kontinent auch politisch zu einen. Und ein föderales Afrika mit gemeinsamer Finanz-, Handels- und Außenpolitik hätte auch in internationalen Foren eine gewichtigere Stimme.“

Sylla hat kürzlich gemeinsam mit der Französin Fanny Pigeaud ein Buch über den CFA-Franc geschrieben, das ist die Währung in den Staaten, die einst französische Kolonien waren. Acht west- und sechs zentralafrikanische Staaten mit insgesamt etwa 180 Millionen Einwohnern verwenden sie. Der CFA-Franc ist an den Euro gekoppelt und derzeit das größte gemeinsame Zahlungsmittel in Afrika.

„An ihm kann man sehen, wie eine gemeinsame Währung nicht sein sollte“, sagt Sylla. „Er entstand 1945 und funktioniert noch immer wie zur Kolonialzeit. Es gibt keine eigenständige Geldpolitik, alles muss mit Frankreich abgestimmt werden.“ Die Hälfte der Währungsreserven muss dort verbleiben, diese Fremdbestimmung führe dazu, dass die Länder, die das Zahlungsmittel verwenden, arm blieben.

Ndongo Samba Sylla plädiert dafür, dass sich die betroffenen Nationen von Frankreich loslösen. Dabei könnte eine gemeinsame afrikanische Währung helfen. Allerdings wäre das nicht für alle Länder von Vorteil: „Eine gemeinsame Währung würde etwa bedeuten, dass Nigeria aufgrund seiner Größe und Wirtschaftsleistung eine noch stärkere Vormachtstellung einnähme.“ Wirtschaftlich schwächere Staaten aber hätten nicht mehr die Möglichkeit, ihre Währung in einer Krise abzuwerten.

Die südafrikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Thabi Leoka ist kein Fan einer Währungsunion. „Mir fällt es schwer, die Vorteile zu sehen – sowohl für die ärmeren als auch für die reicheren Länder“, sagt sie. „Die einzelnen Volkswirtschaften sind so unterschiedlich, dass es quasi unmöglich ist, die jeweiligen Inflationsraten und Zinssätze sinnvoll zu vereinheitlichen.“

Sinnvoller fände sie eine gemeinsame Zusatzwährung, die neben den Landeswährungen existierte und an den südafrikanischen Rand gekoppelt wäre. Diese könnte den Handel vereinfachen, jedes Land behielte aber seine geldpolitische Unabhängigkeit. Botswana, Lesotho, Namibia und Swasiland benutzen den Rand bereits jetzt als zusätzliche Währung zu Handelszwecken.

In ihrem Buch „The Monetary Geography of Africa“ haben die Ökonomen Paul Masson und Catherine Pattillo untersucht, welche Regionen von einer Währungsunion profitierten und welche nicht. Ihr Ergebnis: Von den fünf regionalen Wirtschaftsblöcken gäbe es nur zwei wirkliche Gewinner. Dazu zählen das Östliche und das Südliche Afrika (COMESA, darunter Äthiopien, Kenia, Sambia und Somalia) und die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS, mit CFA- Franc-Ländern wie Burkina Faso, Mali und Senegal, aber auch Ghana, Nigeria und Sierra Leone).

Die Union des arabischen Maghreb (AMU), die Zentralafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECCAS) und die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC) gewännen im Durchschnitt nichts. Die Gründe dafür sind vielfältig, grundsätzlich profitierten den Autoren zufolge aber jene Länder, die bislang eine eher laxe Finanzpolitik verfolgen.

Am Ende hinge viel davon ab, ob es der gemeinsamen Währung gelänge, die Produktivität der afrikanischen Staaten zu steigern. Eine freundliche Konkurrenz untereinander könnte helfen, vor allem brauchte es dazu eine stärkere Diversifizierung von Produkten und Exporten.

Ob und wann der Afro kommen könnte? Etienne Yehoue vom Internationalen Währungsfonds rät zu Geduld. Die sei beim Euro ebenfalls nötig gewesen. „Es wird auch in Afrika nur sehr langsam gehen“, sagt sie. „Wenn man die Unterschiede in der Wirtschaftspolitik betrachtet, ist es nicht sehr ermutigend. Wenn es jedoch einen starken politischen Willen gibt, ist es nicht unmöglich, dass wir eine gemeinsame afrikanische Währung erleben werden.“ ---

Print-Ausgabe kaufen
Digital-Ausgabe kaufen

brand eins 08/2019 – Mit leichtem Gepäck