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Editorial

Was brauche ich wirklich?

• Ein Umzug ist anstrengend, hat aber einen gewaltigen Vorteil: Man wirft Ballast ab. Die brand eins Medien AG hat das gerade hinter sich. Jeder hat seine Sachen selbst gepackt und entsorgt, was sich in zehn Jahren am alten Standort angesammelt hatte, aber schon lange nicht mehr angefasst wurde. Das war eine Menge, dennoch ist viel übrig geblieben: Von Magazinen trennen wir uns verständlicherweise nur schwer.

Foto: André Hemstedt & Tine Reimer


Was kann weg, und was nehme ich mit? Das ist nicht nur bei Umzügen eine wichtige Frage. Sie stellt sich bei jeder Neuorientierung, im Unternehmen und im Leben. Und meist beginnt der Prozess mit der Erkenntnis, dass man zu viel mit sich schleppt, was nur belastet.

Melanie Goels Schlüsselerlebnis war ein Zusammenbruch. Die ehemalige Leistungssportlerin lebte von Kindheit an unter dem Druck, die Beste zu sein. Er gehörte zu ihr, und es war nicht leicht, sich davon zu verabschieden. Heute weiß sie: Es konnte noch einiges mehr zurückbleiben. Bei Maurice Morell waren Jobverlust und Scheidung die Auslöser – er ließ ein gutbürgerliches Leben in Hamburg hinter sich und fing als Suppenkoch auf Sylt neu an. Er lebt im Wohnwagen, der offenbar ein Sehnsuchtsort für viele ist, die lieber mit leichtem Gepäck durchs Leben gehen. Auch der Musiker Jonas Urbat hat in seinem Wohnmobil alles, was er braucht. Und auf der Straße das gute Gefühl, frei zu sein (S. 66, 104, 52).

Ist es einfacher, ein Leben oder eine Firma von Ballast zu befreien? In beiden Fällen bedarf es der Konsequenz. Der auf Transformation spezialisierte Berater Josef Beil hat das seinen Kunden jahrelang gepredigt – bis er feststellte, dass die eigene Organisation längst bleischwer geworden war. Alle zusammen räumten dort auf, nachdem alle zusammen Inventur gemacht hatten. Wer das ehrlich macht, wird so manchen Sachzwang als Gewohnheit entlarven. Ich fühle mich ausgebrannt und träume vom Sabbatical? Vielleicht hilft schon, das eigene Arbeitsleben zu entrümpeln. Die Firma ächzt unter der Last der Börsennotierung? Vielleicht ist ein Delisting gar nicht so unmöglich, wie man zunächst denkt (S. 80, 32, 76).

Die Welt scheint fest gefügt, und doch lernen wir in diesen Zeiten, dass vieles zur Disposition gestellt werden kann. Eine Firma braucht einen festen Standort! Warum eigentlich? Wir genießen unsere Freiheit und fliegen für wenig Geld überall hin! Ist das Freiheit? Wir wären gern unsere eigenen Chefs, aber uns fehlt das Geld! Vielleicht fehlt nur das Know-how (S. 38, 60, 48)?

Ein Umzug zwingt einen, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. Unser Autor Christoph Koch stellt sich diese Frage mehrmals im Jahr: Dann packt er die Koffer, um mit seiner Frau für mehrere Monate per Wohnungstausch irgendwo in der Welt Quartier zu beziehen (S. 90).

Das ist deutlich weniger anstrengend, als umzuziehen. Und eine gute Übung. ---