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Vergiss die Lage!

Eine schicke Firmenzentrale in bester Lage gilt als wichtiger Erfolgsfaktor für Unternehmen. Ausgerechnet ein Immobilienhändler aber demonstriert: Auf teure Bürogebäude kann man gut verzichten.




• Schneller, größer, weiter: Die Immobilienfirma Exp Realty zählt zu den am stärksten wachsenden Maklerunternehmen in den USA und trägt richtig dick auf, um Nachwuchs anzuwerben. Die Firmenzentrale liegt auf einer luxuriös ausgestatteten Insel inmitten eines Sees. Glitzernde Bürotürme auf einem weitläufigen Campus bieten Platz für die derzeit mehr als 20 000 Mitarbeiter. Makler, Manager und Büroangestellte fahren gern mal mit dem Speedboot zu Meetings auf einem vor der Küste vertäuten Piratenschiff, wenn ihnen ihr gewohntes Arbeitsumfeld zu langweilig wird. Wenn mal nichts zu tun ist, können sie am Strand Fußball spielen oder einen Leuchtturm an der Küste erklimmen und die Aussicht genießen. Zu Halloween und Weihnachten dekoriert das Unternehmen die Insel üppig mit Kürbissen und Tannenbäumen, für Firmenfeste stellt sie Foodtrucks auf den Campus. Am 4. Juli, dem Nationalfeiertag, treffen sich Manager mit ihren Teams am Strand, um gemeinsam ein Feuerwerk anzuschauen.

Die Maklerfirma kann sich all diese Extras für ihre Leute leisten, denn es handelt sich um ein rein virtuelles Unternehmen. Wer die Firmenzentrale besuchen will, lädt sich eine zu diesem Zweck entwickelte App herunter, kreiert einen digitalen Avatar, wählt für diesen ein angemessenes Business-Outfit, setzt ein Headset auf – und spaziert hinein in die virtuelle Firma.

Dort trifft man auf die digitalen Alter Egos der Mitarbeiter aus 50 US-Bundesstaaten, aus Australien, Großbritannien und Kanada – die oft monate- oder sogar jahrelang täglich zusammenarbeiten, ohne dass sich die realen Menschen hinter den Avataren jemals persönlich begegnen. Denn die Immobilienfirma hat für sich entschieden, auf Bürogebäude aus Beton und Glas vollständig zu verzichten – und damit Grundregeln der eigenen Branche außer Kraft zu setzen.

Im Geschäft mit Immobilien galt bislang: Ob sich die Investition in einen Standort rechnet, darüber entscheiden am Ende drei Faktoren. Die Lage. Die Lage. Und die Lage. Der Standort eines Gebäudes – und damit auch jeder Firmenzentrale – lässt sich eben nicht so leicht verändern. Das Wo beeinflusst den Wert der Immobilie daher mehr als alle anderen Faktoren. Kommunikation, Transport, Mitarbeiter gewinnen und halten, Kunden akquirieren und betreuen: All das wird schwieriger und teurer, je größer die Entfernungen sind. Ökonomen sprechen von Distanzkosten. Eine Insel, isoliert und schwer erreichbar, wäre demnach grundsätzlich eine sehr schlechte Standortwahl. Doch die virtuelle Insel der US-Makler, so sind diese überzeugt, beweist das Gegenteil. Sie punktet mit maximaler Nähe und daher minimalen Distanzkosten: Denn sie liegt stets nur einen Mausklick entfernt.

Die Kommunikationschefin Cynthia Nowak führt neugierige Besucher gern auf der Firmeninsel herum und nimmt es gelassen, wenn die anfangs noch recht unbeholfen mit ihren Avataren über den Campus stolpern. Freundlich und routiniert gibt ihr Avatar Ratschläge, wie man sich am besten mithilfe von Tastaturbefehlen fortbewegt oder wie man sich mit ein paar Klicks unter die Mitarbeiter-Avatare mischt, die in kleinen Gruppen zusammenstehen oder zu einem der Firmengebäude eilen. „Am Anfang denken viele, die virtuelle Insel sei nur ein Marketing-Gag oder eine Spielerei“, sagt Nowak. „Aber tatsächlich ist sie Kern unseres Geschäftsmodells.“ Die cloud-basierte Zentrale habe dem Unternehmen eine Wachstumsgeschwindigkeit ermöglicht, die mit physischen Standorten niemals auch nur annähernd möglich gewesen wäre.

Immobilienbroker wie Exp Realty arbeiten in den USA üblicherweise regional. Denn, so Nowak: „Jeder, den man fragt, wird sagen: Immobilienhandel ist ein lokales Geschäft.“ Wer mit einem Maklerunternehmen im Flächenland USA wachsen will, investiert in die Überwindung der geografischen Distanz. Das heißt: ein neues Büro in einer neuen Region finden, mieten oder kaufen. Empfangs- und Büromitarbeiter einstellen, Seminare vor Ort organisieren. Qualifizierte und motivierte Makler anwerben, die mit ihrem Umsatz die Kosten für den Betrieb der neuen Filiale wieder reinholen. Auf diese Art und Weise zu expandieren ist teuer, mühsam, und es braucht viel Zeit. Daher gibt es in den USA nur wenige große, national agierende Maklerfirmen. Wer über die Grenzen einer Region oder eines einzelnen Bundesstaats hinauswachsen will, setzt meist auf ein Franchise-System, um den Prozess zu beschleunigen.

Glenn Sanford, der Gründer von Exp Realty, kam während der Immobilienkrise im Jahr 2008 auf die Idee, es anders zu machen. Sanford, der um die Jahrtausendwende in verschiedenen Dotcom-Start-ups und bei AOL gearbeitet hatte, gründete seine erste Immobilienfirma im Jahr 2002 in Washington und setzte von Anfang an stark auf Onlinevertrieb. Im Jahr 2008 war das Unternehmen durch die Krise auf nur noch 25 Mitarbeiter geschrumpft, und die Gründer konnten sich in Washington keine Büros mehr leisten.

Das virtuelle Büro war zunächst eine Notlösung. Doch die Makler merkten, dass daraus ein neues Geschäftsmodell werden könnte: ein cloud-basiertes, landesweit aktives Unternehmen. Im Verkauf setzte man ohnehin schon stark auf digitale Marktplätze. Sanford fragte sich: Wenn wir die Kunden digital ansprechen und die Immobilien ebenso verwalten – warum sollten wir nicht auch die Mitarbeiter auf diese Weise rekrutieren und managen?

Statt in neue Bürostandorte investierten die Gründer also in den Ausbau ihrer digitalen Infrastruktur. Ausgerechnet eine Immobilienfirma verzichtet seitdem auf die Investition in Immobilien. „Wir haben heute ein Büro in Washington, weil das aus rechtlichen Gründen notwendig ist“, sagt Nowak. „Aber unser eigentlicher Firmenstandort ist die virtuelle Insel.“ Die Vorteile lägen auf der Hand: „Wir können sehr schnell wachsen, ohne in teure Firmengebäude zu investieren. Wir können qualifiziertes Personal für alle Unternehmensbereiche überall rekrutieren statt nur in einer Region.“


Wir können sehr schnell wachsen, ohne in teure Firmengebäude zu investieren. Wir können Personal überall rekrutieren statt nur in einer Region.

Mit diesem Modell ist das Unternehmen auf Expansionskurs: Exp-Makler und -Mitarbeiter leben in allen Bundesstaaten der USA, in Kanada und seit einigen Wochen auch in Großbritannien und Australien. Im Jahr 2016 hatte das Unternehmen noch 2400 Mitarbeiter, im Frühjahr 2018 waren es bereits 10 000, im Sommer 2019 stehen 20 000 Makler in Diensten des Immobilienbrokers. Bis zum Jahresende sollen noch einige Tausend mehr hinzukommen.

Frank Heitzer wurde Anfang des Jahres Teil des kanadischen Teams. „Ehrlich gesagt hatte mich schon vor zwei Jahren eine Bekannte auf Exp aufmerksam gemacht und wollte mich anwerben“, berichtet der Immobilienmakler aus dem kanadischen Vancouver. „Aber ich war damals skeptisch. Die Idee überzeugte mich auf den ersten Blick nicht, und ich beschäftigte mich nicht näher damit.“ Erst als ein erfolgreicher Makler aus Heitzers Bekanntenkreis zu Exp wechselte und Branchenmedien immer häufiger über das Unternehmen berichteten, war seine Neugier geweckt. „Mein Bekannter lud mich dann auf die virtuelle Insel ein und stellte mich den Kollegen und dem Management vor“, berichtet Heitzer.

Gemeinsam mit seiner Frau, die auch Maklerin ist und mit ihm zu Exp wechselte, wählt Frank Heitzer nun passende Häuser und Wohnungen für Kunden aus, organisiert Besichtigungen, verhandelt mit Verkäufern und Käufern über Preise. „Das alles findet natürlich in der realen Welt statt“, sagt er. „Dieser Teil meines Jobs hat sich nicht wesentlich verändert.“ Die Zusammenarbeit mit Kollegen allerdings schon. „Ich muss nicht mehr eine Stunde durch die Stadt hin- und herfahren, um mich mit jemandem in einem Büro zu treffen, oder den zuständigen Mitarbeitern hinterhertelefonieren“, sagt Heitzer. Beim wöchentlichen Meeting auf der virtuellen Insel bespricht er mit den anderen, was aktuell anliegt. „Und ich kann mich jederzeit mit Kollegen aus Kalifornien, Washington oder vom anderen Ende Kanadas austauschen.“

Jeder arbeitet, wo er will, kein lästiges Pendeln ins Büro, kein Berufsverkehr, kein Streit über die richtige Raumtemperatur und unaufgeräumte Küchen. Diese Idee ist nicht neu. Unternehmer und Ökonomen träumen schon lange davon, lästige Distanzkosten mithilfe digitaler Technik auf nahezu null zu reduzieren. Bereits in den Neunzigerjahren machte das Schlagwort „Death of Distance“ die Runde. Geprägt hat es die britische Wirtschaftswissenschaftlerin Frances Cairncross, die vor allem in sinkenden Kommunikationskosten die Basis für neue Geschäftsmodelle, dezentrales Wachstum und flexiblere Standortentscheidungen in Unternehmen sah.

Die Ernüchterung folgte schnell. Räumlich voneinander entfernte Teams zusammenzubringen und zu führen erwies sich trotz E-Mail, Chat und Videotelefonie zunächst als unerwartet aufwendig und brachte hohe Folgekosten mit sich. Denn es ist zwar technisch möglich, dass Menschen von wo auch immer tätig sind – aber die Abstimmung ist in einem solchen Netzwerk schwieriger als von Angesicht zu Angesicht im Büro. Eine rein elektronische Kommunikation führt leicht zu Missverständnissen, Zwischentöne sind schwerer zu übermitteln als im persönlichen Gespräch.

Karen Harris ist allerdings davon überzeugt, dass sich das ändern wird. Die Wirtschaftswissenschaftlerin leitet einen Thinktank der Unternehmensberatung Bain in New York. In einem ausführlichen Report hat sie mit ihrem Team analysiert, warum der Death of Distance bald doch Realität werden könnte. Und wieso Unternehmen ihre Investitionsentscheidungen bereuen könnten, wenn sie weiter auf große Zentralen statt auf eine dezentrale Organisation setzen. „Viele Techniken, deren Potenzial für neue Formen der Zusammenarbeit wir vor einigen Jahren nur erahnen konnten, haben einen enormen Entwicklungsschritt gemacht“, sagt sie.

Automatisierung, 3D-Druck, Augmented Reality, Internet der Dinge: „Es wird für Unternehmen immer einfacher, in kleineren und flexibleren Einheiten und auch an dezentralen Standorten Güter zu produzieren und Dienstleistungen anzubieten“, sagt Harris. Klassische Größenvorteile würden weniger wichtig, das ermögliche eine neue Freiheit bei Standortentscheidungen – und mache klassische große Firmenzentralen in vielen Fällen überflüssig. Dazu trage auch die weiterentwickelte digitale Kommunikation bei: „Unternehmen können virtuelle Arbeitsräume schaffen, in denen echte Zusammenarbeit möglich ist, auch wenn Mitarbeiter im Homeoffice oder an verschiedenen Firmenstandorten sitzen.“

Bei Exp Realty ist Alex Howland dafür zuständig, die virtuelle Insel zu einem Ort zu machen, an den die Leute gern von überallher kommen, um sich auszutauschen und miteinander zu arbeiten. „Oft wundern sich Besucher, warum wir so einen Aufwand treiben“, sagt Howland, der mit dem Start-up Virbela in Kalifornien die virtuelle Arbeitswelt der Makler entwickelt hat. Mittlerweile ist er Chef von Exp World Technologies, der Technik-Tochter des Immobilienunternehmens, und entwickelt die Insel in dieser Funktion nun weiter. An sich wären schlichte Konferenzräume mit einer Technik, die Präsentationen und Austausch erlaubt, ausreichend, um das Alltagsgeschäft abzuwickeln, räumt Howland ein. Dazu gibt es längst einfachere und billigere Kollaborations-Tools auf dem Markt, die das Unternehmen nutzen könnte.

Doch Howland ist überzeugt, dass gerade der „Fun Stuff“ wie die Speedboote oder die Möglichkeit, sich einen Kaffee mit ins Meeting zu nehmen und dem Avatar für einen wichtigen Termin ein passendes Outfit anzuziehen, für den Erfolg des neuen Arbeitsmodells entscheidend sind. So wie in realen Firmengebäuden Kicker-Räume und Teeküchen zu informellen Treffen einladen, brauche auch eine virtuelle Arbeitsumgebung vordergründig nutzlose Elemente und Treffpunkte – damit die Angestellten sich in ihre Rollen finden und mit ihrer Persönlichkeit einbringen könnten. „Erst die geteilten Erlebnisse und Räume sorgen dafür, dass Mitarbeiter gern in die Firma kommen, sich auch Zeit nehmen für persönliche Gespräche über den beruflichen Alltag hinaus“, sagt Howland.

So könnten die Mitarbeiter persönliche Bindungen zu Kollegen und zum Unternehmen aufbauen: Wie bei einem Computerspiel fühle sich die animierte Umgebung von Besuch zu Besuch echter an, der Austausch mit den anderen Avataren werde immer natürlicher, so der Cheftechniker. „Die Mitarbeiter verhalten sich im virtuellen Büro dann tatsächlich irgendwann sehr ähnlich wie in einem echten Büro.“


Wer mit seinem Avatar durch die Firma spaziert, sieht, wer sich gerade mit wem unterhält. Und kann sich jederzeit zu einem Gespräch dazugesellen.

So folgt das Management in der virtuellen Wirtschaft den allgemeinen Trends der Bürogestaltung und setzt auf offene Räume. Von den in den USA üblichen kleinen Arbeitszellen habe man sich schnell wieder verabschiedet – die Angestellten hätten sich ungern in fensterlosen kleinen Büros aufgehalten, sagt Howland. Also kreierte sein Team offene Sitzlandschaften, die zwar von Außengeräuschen abgeschottet, aber offen einsehbar sind.

Mit ein paar Klicks verlegt Howland das Interview zu Demonstrationszwecken auf einen weitläufigen Flur vor seinem Büro in der Chefetage des Exp-Hauptgebäudes. Leute laufen vorbei, grüßen Howlands Avatar und sprechen ihn auf aktuelle Projekte an. Gruppen stehen zusammen und folgen einer Präsentation auf einem Bildschirm in der Bürolandschaft. „Das Praktische ist, dass auf diese Weise ein Managementstil möglich wird, der sonst nur in kleineren Büros funktioniert: Das klassische Management by walking around“, sagt Howland.

Wer mit seinem Avatar durch die Firma spaziert, sieht, wer sich gerade mit wem unterhält oder wer gerade zu einem Meeting zusammensitzt. „Man kann sich jederzeit spontan zu einem Gespräch hinzugesellen oder einfach nur im Vorbeilaufen grüßen“, sagt Howland. So entstehe ein sehr persönliches Verhältnis zu Mitarbeitern, selbst wenn man sich im realen Leben noch nie begegnet sei. „Die räumliche Distanz wird immer weniger spürbar – und verliert so viele ihrer negativen Effekte auf eine produktive Zusammenarbeit.“

Ist die Arbeitswelt der Makler also ein Zukunftsmodell auch für andere Unternehmen und Branchen? Anna Hoberg vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart ist skeptisch. „Nach meiner Erfahrung kommt am Ende kein Team ohne ein Mindestmaß an regelmäßigem persönlichen Austausch in der realen Welt aus, weil sich nur so echtes Vertrauen und gemeinsame Werte und Ziele etablieren lassen“, sagt sie.

Für die Immobilienmakler, die ohnehin sehr selbstständig arbeiten und im Alltag nur punktuell auf enge Zusammenarbeit mit Kollegen angewiesen sind, könne die virtuelle Firmenzentrale eine gute Lösung sein. „Für die meisten Unternehmen, in denen Mitarbeiter weniger eigenständig arbeiten, sind solche virtuellen Räume aber sicherlich kein vollständiger Ersatz für einen realen Ort der Zusammenarbeit“, sagt Hoberg. „Solche virtuellen Arbeitswelten kann ich mir eher als einen zusätzlichen Raum vorstellen – ergänzend zu realen Arbeitsumgebungen –, in dem man sich mit Kollegen treffen und zusammenarbeiten kann, die räumlich verteilt arbeiten. Oder als gemeinsamen Treffpunkt für global arbeitende Unternehmen, an dem alle zusammenkommen können.“

Die US-Immobilienmakler sind von den Vorteilen ihrer virtuellen Insel indes so überzeugt, dass sie über die börsennotierte Muttergesellschaft Exp World im vergangenen Jahr Howlands IT-Firma Virbela aufgekauft haben. Neben Gebäuden aus Beton und Glas will Exp womöglich bald auch virtuelle verkaufen: „Ich denke, wir haben gezeigt, dass sich die Nachteile dezentraler Zusammenarbeit überwinden lassen, wenn man die vorhandenen technischen Möglichkeiten konsequent nutzt“, sagt Howland. „Und wenn man es schafft, das Gefühl räumlicher Nähe herzustellen – zwischen Führungskräften und Mitarbeitern und innerhalb der Teams.“ Das verschaffe Unternehmen die Freiheit, Geschäftsmodelle über große Distanzen hinweg zu entwickeln. „Man kann heute beides haben: flexible, dezentrale Standorte auf der ganzen Welt – und die Vorteile direkter Zusammenarbeit.“ ---


Für den Interviewtermin auf der Insel der Immobilienmakler bekomme ich eine Art befristetes Visum, das mir für begrenzte Zeit Zutritt verschafft. Software runterladen, Passwort eingeben – dann öffnet sich das Firmentor.


1. Die Software führt mich zuerst in eine Art Ankleideraum. Hm, wie lautet hier wohl der Dresscode? Praktischerweise finden sich im Firmenkleiderschrank nur Outfits, die zum jeweiligen Anlass passen – vom Blazer oder Anzug fürs Business Meeting bis zu Shorts und Flipflops für die After-Work-Party. Das Sortiment wird regelmäßig durch neue Accessoires und zur Jahreszeit passende Kleidungsstücke ergänzt. Ich entscheide mich für unauffälliges Business Casual. Dann mal los.


2. Aus dem Ankleidezimmer tritt mein Avatar in den Eingangsbereich des Firmencampus, wo schon andere auf ihre Termine warten. Über mein Headset sind Gespräche der umstehenden Avatare zu hören und leises Vogelzwitschern. Zum ersten Termin auf der Insel im März treffe ich Scott Petronis, damals Chief Technology Officer von Exp Realty. Sein Avatar kommt auf meinen zu. Dann höre ich ihn sagen: „Lassen Sie uns an einen ruhigeren Ort gehen.“


3. Geduldig wartet Petronis, bis ich die Steuerung meines Avatars mit der Tastatur meines Laptops halbwegs im Griff habe und nicht mehr ständig gegen virtuelle Gegenstände laufe. Um mir das Piratenboot vor der Küste zu zeigen, auf dem das Unternehmen Seminare veranstaltet, schlägt er einen Ausflug mit dem Speedboot vor. Leider stellt sich heraus, dass man daraus auch herausfallen kann, wenn man unterwegs die falsche Taste drückt. Das ist mir etwas peinlich.


4. Nach der ersten Tour mit Petronis (der mittlerweile zu einer anderen Immobilienfirma gewechselt ist) treffe ich Frank Heitzer. Der Makler ist Anfang des Jahres zum kanadischen Team des Unternehmens dazugestoßen. Zu den ersten Terminen auf der Firmeninsel habe er seinen Avatar noch in einen seriösen Anzug mit Krawatte gesteckt, ein glatt rasiertes Gesicht und einen akkuraten Haarschnitt ausgewählt, erzählt er. Einige Monate später zeigt er sich in kurzer Hose, mit offenem Hemd, Weste und Hut. Die Brille seines Avatars ähnelt der, die Heitzer im echten Leben trägt.


5. Heitzer schätzt die Insel vor allem als effizienten Arbeitsort: „In unserem wöchentlichen Makler-Meeting konnten wir zum Beispiel gerade eine Änderung in unseren Vertragsvorlagen diskutieren und durch Screensharing jedem Makler zeigen, welche Änderungen zu beachten sind.“ Besonders in den ersten Wochen nach dem Wechsel zu Exp ist er gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls als Maklerin arbeitet, immer wieder losgezogen, um die Firmenwelt zu erkunden. Mal lud er seine Frau zu einem Ausflug auf dem Speedboot ein, mal kletterte das Paar auf den Leuchtturm, um die Aussicht auf die Insel zu genießen, an deren weltweitem Geschäft sie durch Umsatzbeteiligungen und Aktienanteile partizipieren. Wenn sie neue Makler anwerben und als Mentoren betreuen, bekommen sie auch dafür eine Erfolgsbeteiligung. „Wenn man so mit dem Avatar auf dem Campus unterwegs ist, trifft man auch Kollegen, mit denen man in der täglichen Arbeit sonst kaum etwas zu tun hätte, kommt ins Gespräch“, berichtet er. „Eigentlich funktioniert vieles im virtuellen Alltag so ähnlich wie in echten Firmenzentralen.“


6. Die Exp-Kommunikationschefin Cynthia Nowak hat ihren echten Schreibtisch in Seattle. Der Tisch auf dem Firmencampus, an dem ich ihr und Heitzer gegenübersitze, ist mit gestrichelten blauen Linien von der Umgebung abgegrenzt – das bedeutet, dass vorbeilaufende Kollegen nicht mithören können, was am Tisch gesprochen wird. Wenn sie in den blauen Kreis treten und sich dazusetzen, können sie sich aber ins Gespräch einklinken.


7. Backoffice-Mitarbeiter wie Nowaks Marketing-Team oder Kollegen aus Buchhaltung, IT und Verwaltung seien in der Regel während ihrer gesamten Arbeitszeit auf der Insel, berichtet Nowak. „In meinem Team kommt zum Beispiel eine Mitarbeiterin aus Florida, ein Kollege sitzt in Cleveland.“ Die Entfernung spiele aber keine Rolle in der Zusammenarbeit: „Unsere Avatare halten sich zu Bürozeiten meistens im Teamraum auf der Insel auf – und sind dort jederzeit sicht- und ansprechbar.“


8. Die Makler, die für Exp arbeiten, nutzen die Inselwelt seltener und gezielter: Sie kommen mit ihren Avataren vor allem zu Weiterbildungen, zu Meetings mit Managern und Kollegen, zu Firmen-Events und um Fragen mit den Backoffice-Mitarbeitern zu klären.


9. In den Konferenzräumen können die Avatare gemeinsam Präsentationen anschauen und bearbeiten. Wer in der Firmenzentrale Ruhe für ein konzentriertes Gespräch sucht, kann die Avatare aber auch in speziell markierte Räume bewegen, in denen Geräusche von außen wie etwa Gespräche der Kollegen ausgeblendet werden. Per Mausklick die Kollegen stummschalten – davon träumt der gewöhnliche Großraumbüro-Bewohner.


10. Als ich den Technikchef Alex Howland zum Interview treffe, erkenne ich seinen Avatar zunächst nicht – ich habe mir vor dem Treffen sein Linkedin-Profil angeschaut, dort trägt er auf dem Foto einen Bart. Ich hatte erwartet, sein Avatar müsse auch bärtig sein. Neuankömmlinge müssten sich an die Umgangsregeln auf dem Firmencampus oft erst gewöhnen, sagt Howland. Im Ankunftsbereich nehmen daher Onboarding-Mitarbeiter Neulinge in Empfang, helfen bei den ersten Gehversuchen auf der Insel und erklären etwa, wie der Avatar gezielt in einzelne Gebäude oder zu bestimmten Personen navigiert. In den ersten Wochen platze dennoch mancher neue Kollege bisweilen unangekündigt in Gespräche in privaten Büroräumen oder in virtuelle Besprechungen hinein, sagt Howland. Mancher vergisst anfangs auch, das Mikrofon seines Headsets bei Vorträgen im virtuellen Auditorium stummzuschalten, um nicht durch Hintergrundgeräusche oder Nebengespräche zu stören. Oder jemand redet in öffentlichen Räumen, an denen sich viele Avatare aufhalten, einfach laut drauflos, statt in einen privaten Gesprächsmodus oder zu einem geräuschgeschützten Ort zu wechseln. Anfängerfehler – die sich die meisten Avatare schnell abgewöhnen.


11. Ein typisches Setting bei Exp: Auf einem Bildschirm im Homeoffice läuft die Inselwelt, auf einem zweiten die Software, mit der die Mitarbeiter ihre jeweiligen Alltagsaufgaben erledigen. Auch Vorstellungsgespräche finden in der Regel auf der Insel statt. „Wenn ich zum Beispiel für das Marketing-Team jemanden neu einstellen möchte, lade ich denjenigen so bald wie möglich zu Gesprächen dort ein“, sagt Nowak. Dabei werde schnell klar, ob Bewerber sich vorstellen können, in ihrer Rolle als Avatar mit anderen Avataren zusammenzuarbeiten.


12. Ein schnelles Fußballspiel mit den Kollegen, eine Rundfahrt mit dem Speedboot, ein Treffen am Strand oder gemeinsam das Feuerwerk am 4. Juli anschauen: Die virtuelle Welt will nicht nur eine effiziente Arbeitsumgebung, sondern auch Raum für gemeinsame Erlebnisse schaffen.


13. Technikchef Howland ist überzeugt, dass die vielen, teils verspielten Details der Firmenwelt und die Möglichkeit, sich über einen persönlich gestalteten Avatar auszudrücken, zu einer engeren Bindung ans Unternehmen und an die Kollegen führen. Tatsächlich fühlt sich die virtuelle Welt und die Interaktion mit den Avataren auch für mich nach kurzer Zeit realer an, als ich es angesichts der eher simplen Grafik und meines fehlenden Geschicks bei der Steuerung des Avatars zunächst vermutet hätte. Fest steht: Treffen in der virtuellen Welt sind unterhaltsamer als klassische Telefon- oder Videokonferenzen.

Bildmaterial: Entstanden während Recherche-Besuchen auf der Insel eXp World und ergänzt mit Bildern aus dem Firmenvideo „eXp World Created for Connection“, youtu.be/oYJuCg98bd4

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