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Freiheit

Was wird aus uns, wenn wir alles haben, aber nichts mehr besitzen wollen? Ein persönlicher Zwischenruf.





• In vielen Städten lassen sich in diesen Tagen Szenen wie diese beobachten: Jugendliche entsichern mit dem Smartphone bereitstehende E-Scooter. Drehen ein paar Runden, erst allein, dann zu zweit – zu dritt funktionieren die Roller auch noch. Die umstehenden Erwachsenen staunen, lassen es sich erklären, fahren vorsichtig selbst die eine oder andere Runde, sind begeistert. Dann müssen alle weiter. Die Roller bleiben an Ort und Stelle stehen – beziehungsweise liegen. Der angeblich so wichtige Baustein in der Mobilitätswende verkommt zum Spielzeug.

Laut einer Analyse der Nutzungsdaten in Louisville, Kentucky, überleben die hippen Zweiräder das durchschnittlich 28 Tage. Dann findet man sie in der Stadt verstreut, am Wegesrand, in Blumenrabatten. Sie werden ausrangiert. Etwas, das Eltern bekannt vorkommen muss – aus dem Kinderzimmer. Der E-Scooter teilt den Lebenszyklus von Kinderspielzeug. Die Kleinen wollen auch immer etwas Neues haben und verlieren dann schnell die Lust daran. Es wandert in die Ecke. Oder es geht kaputt. Dann will man wieder etwas Neues. Wird unsere Gesellschaft zu einem Kinderzimmer, werden wir nicht mehr erwachsen, weil uns die Dinge fehlen, die wir besitzen? Die nur uns gehören und für die wir daher Verantwortung übernehmen müssen?

Jedenfalls klingt Besitzen sehr nach alter Bundesrepublik, in der Väter samstags vor dem Haus das Auto wuschen. Sie reparierten ihren Wagen auch selbst. Das kann heute keiner mehr.

In der Generation meiner Eltern hieß besitzen noch behalten – es stand für pflegen und reparieren. Meine Generation hat nicht mehr den Anspruch, mit Gegenständen durchs Leben zu gehen, sie instandzuhalten – neu kaufen ist einfacher und meist billiger. Unsere Kinder wollen oft gar nicht mehr besitzen – und haben trotzdem so viel wie wohl keine Generation zuvor. Weil alles überall rumsteht und genutzt werden kann. Ist das schlimm? Ja. Denn das Versprechen, die Ökonomie der Sharer und User schone die Ressourcen, wird nicht eingelöst. Es liegen jetzt auch noch Elektroroller in der Landschaft herum. Wir benehmen uns wie im Kinderzimmer, werden nicht mehr erwachsen. Wissenschaftler sprechen bereits von der infantilen Gesellschaft, geprägt von zunehmendem Narzissmus und schwindender Eigenverantwortung. Weil wir kaum mehr Verantwortung für die Dinge um uns herum haben, nicht mehr putzen, basteln, stopfen, schrauben. Dinge sind da. Immer verfügbar. Jetzt. Hier. Sofort. Und dann lassen wir sie liegen. Gehören uns ja nicht. Wird sich schon jemand drum kümmern.

Eine eigene Küche? Wozu?

„Tschüss Verbindlichkeit, willkommen Freiheit“ – so preist der Autobauer Volvo ein „All-inklusive-Angebot“ an. Den Pkw als Flatrate, so lange man mag, abgeben oder tauschen jederzeit möglich, Reparaturen, Versicherungen und was sonst noch mit dem Besitz eines Fahrzeugs einhergeht, ist eingepreist, wird einem abgenommen. Nur tanken muss man noch selbst. Warum eigentlich? Kann das nicht auch jemand übernehmen?

Dass bald reihenweise Volvos ausrangiert herumstehen, ist nicht anzunehmen. Die Gleichung aber, dass ein Sich-Befreien von Verbindlichkeit zu Freiheit führt, die geht nicht auf.

In der Food-Delivery-Branche fantasiert man bereits von einer sogenannten Non-Kitchen-Option. Die eigene Küche, sie soll weg. Das Essen kommt als Flatrate, dreimal am Tag oder so oft man eben möchte. So denkt man zum Beispiel beim Branchenriesen Delivery Hero in Berlin. Auch das wäre dann wie im Kindergarten. Oder im Altersheim. Vielleicht bestellt auch gleich der Kühlschrank die Mahlzeit.

Delivery Hero plant auch, Zigaretten, Windeln, Bier oder die gerade verschriebenen Medikamente gleich mitzuliefern. Amazon bietet bereits die Filteroption „Same-Day-Lieferung“ an, die Pakete kommen mit dem Evening-Express.

Wir bleiben entspannt zu Hause – dem Ort, für den die Wohnungswirtschaft auch schon überlegt, was sie uns alles abnehmen könnte. Aus Mietern sollen User werden. Man bezieht das All-inclusive-Apartment mit nichts als einem smarten Schlüsselkärtchen in der Hand und einer App auf dem Smartphone. Tür auf, Tür zu – um alles andere wird sich gekümmert. Samstags zu Ikea fahren? Das sollen sich andere antun. Eine Hausratversicherung abschließen? Ich bitte Sie. Nebenkostenabrechnung kontrollieren? Da steigt doch eh keiner mehr durch. Ist alles inklusive. Putzen sowieso. Das heißt selbstverständlich nicht umsonst, mit Usern lässt sich der Umsatz im Vergleich zum schnöden Mieter signifikant erhöhen. Wir zahlen also mehr, aber andererseits sparen wir ja auch Zeit, für – ja wofür eigentlich?

Es ist doch erstaunlich, wie viele Dinge wir heute nicht mehr machen müssen und für wie viele Dinge wir dennoch keine Zeit mehr haben. Meine Großmutter musste vor dem Kochen noch einen Herd mit Holz heizen, Geschirr wurde von Hand gespült. Es gab stets opulente Mahlzeiten. Keine Zeit fürs Kochen? Gab es damals nicht. Man schaffte den Abwasch, den Garten, die Arbeit – und traf sich dennoch regelmäßig in der Familie, mit den Nachbarn, Freunden. Und immer wurde aufgetischt. Das Auto in der Garage war blitzeblank, der Ölfilter stets zur rechten Zeit gewechselt. Wie haben die das geschafft?

Sie haben es einfach gemacht. Sie hatten keine Wahl. Mit dem Eigentum wurde man noch allein gelassen. Es hat buchstäblich verpflichtet. Heute haben wir andere Verpflichtungen, müssen ins Fitnessstudio, zum Yoga, in den Urlaub. Sind online und irgendwie auch immer bei der Arbeit.

Manche sagen, hinter den neuen Lebensstilen verberge sich eine Art Selbstoptimierungsdruck. Ein privates Outsourcen, um sich als Individuum auf das Kerngeschäft, die Karriere, zu konzentrieren. Je weniger wir uns mit vermeintlichen Nichtigkeiten beschäftigen müssen, desto größer die Leistungsfähigkeit. Mehr als 3,6 Millionen Deutsche beschäftigen heute eine Haushaltshilfe. Theoretisch könnten wir endlos arbeiten. Ich glaube diesem Argument aber nicht. Wir wollen doch gar nicht noch mehr schaffen, wir wollen nur weniger machen müssen. Wir sind bequem geworden, im Selbstdeaktivierungsmodus. Putzen? Ach nö. So reden Kinder.

Denn wofür stehen abwaschen, Fahrrad reparieren, Essen kochen, einkaufen, eine Hausratversicherungen selbst abschließen eigentlich? Na? Genau, es sind Kompetenzen. Sie machen uns lebensfähig oder kurz: erwachsen.

Und es sind soziale und verbindende Tätigkeiten. Wann ließe sich besser mit den Kindern über die Schule reden, wenn nicht beim gemeinsamen Abwasch nach dem Abendessen?

Machen lassen macht abhängig

Ich treffe Freunde und Bekannte vor allem bei einer Tätigkeit: beim Einkaufen. Kontakt an der Kasse. Und ganz ehrlich, welche Frau ist nicht tief in ihrem Herzen entzückt, wenn ihr Freund mit ölverschmierten Händen verkündet, dass das Fahrrad wieder fahre wie ’ne Eins. Die Freiheit beginnt nicht, wenn ich alles anderen überlasse, sondern ganz im Gegenteil, wenn ich das Gefühl habe, es auch selbst hinzukriegen. Und so viel Mühe, wie man sich selbst gibt, wenn einem etwas wichtig ist, machen sich andere für einen meist eh nicht.

Aber das Entscheidende ist: Machen lassen macht unfrei und abhängig. Wer sich nicht kümmert, verkümmert – in seiner Gestaltungskraft, seiner Lebenskompetenz und seinem Zutrauen. Wer kann schon überzeugt sein, im Leben alles irgendwie zu meistern, wenn er schon beim Abwasch scheitert? Die Verstreamung des Lebens macht uns faul. Wir sind auch immer die Dinge, die wir haben. Das, was uns umgibt. Es gab Zeiten, da haben wir diese Dinge gesammelt, gejagt, sie mit unseren Händen gefertigt, irgendwann nur noch kraft unseres Wohlstands gekauft, dadurch aber unseren Geschmack ausgedrückt, etwas vorgezeigt. Und nun wird alles zu einem einzigen Supermarktregal, das immer wieder neu aufgestellt wird. Wo wir auch ankommen, was immer wir brauchen – jemand hat es bereits besorgt.

Der Gegentrend zum User-Dasein ist das Selbermachen. Obst einkochen, aus Stoffresten Beutel nähen, im Baumarkt Profiwerkzeug kaufen – warum machen die Leute das? Weil es ihnen Spaß macht. Weil sie darin ein Stück Freiheit sehen. Weil sie zu viel Zeit haben? Mitunter treffen die beiden Trends aufeinander: Die US-amerikanische Plattform TaskRabbit verschafft Zugang zu mehr als 140 000 privaten Experten, die Aufträge aller Art übernehmen, vom Einrichten eines Computers bis zum Aufbau eines Regals.

Nur das Angebot, Elektro-Roller zu reparieren, findet man dort bislang noch nicht. ---

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