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Sylter Suppen

Er war ein erfolgreicher PR-Manager. Heute lebt Maurice Morell im Wohnwagen und sorgt auf Sylt mit einer kleinen Suppenbude für großen Genuss.





Für Maurice Morell (oben) gehört ein Dasein im Wohnwagen zum Sylter Lebensgefühl. In seinem Imbiss in List ganz im Norden der Insel bietet er vegane Suppen an, von denen die Gäste in der Regel nicht viel übrig lassen (unten)

• Es gab Momente, da war Maurice Morell sein neues Leben noch peinlich. Er jobbte als Eisverkäufer an der Westerländer Promenade, wo sich auf Sylt immer viele Urlauber tummeln. Plötzlich entdeckte er in der Schlange einen Firmenchef, der ihn nur als PR-Berater kannte und für den er mal ein Unternehmenskonzept geschrieben hatte. „Ich wurde immer unruhiger – was wird der von mir denken?“ Als der Mann an der Reihe war, sagte er: „Das ist ja nicht der schlechteste Platz zum Arbeiten, Herr Morell, oder?“

So erleichtert sei er über diese Reaktion gewesen, sagt Morell, dass ihn solche Begegnungen seitdem nicht mehr verunsichern könnten. Schon gar nicht in seinem eigenen Imbiss, den er Ostern vergangenen Jahres auf der kleinen Gewerbefläche „Dünenhof“ in List ganz im Norden der Insel eröffnet hat. „Sylter Suppen“ steht in goldfarbenen Lettern auf dem hellgrauen Holzanhänger – ein Schmuckstück im Stil eines historischen Badekarrens, mit rotem Rettungsring an der Seite.

Darin kocht der 58-Jährige täglich drei vegane Suppen – mit vielen Zutaten von der Insel, möglichst in Bioqualität. Er wolle „Premium auf Bordsteinkantenniveau“ anbieten, sagt er, und das gelingt ihm als Autodidakt mithilfe von Thermomix-Küchenmaschinen so gut, dass der in List lebende Spitzenkoch Alexandro Pape die Suppen als „sensationell“ bezeichnet. Vor allem aber ist es der Wirt selbst, der die Gäste fasziniert.

Aus einem Worpsweder Künstlerhaushalt stammend, war er viele Jahre in Hamburg in der Werbe- und PR-Branche erfolgreich und bewohnte mit seiner Frau ein Haus im gutbürgerlichen Stadtteil Wellingsbüttel. Nach Jobverlust und Scheidung entschied er sich, fortan „auf leichtem Fuß unterwegs“ zu sein: Er lebt seit sieben Jahren auf Sylt ohne eigene Wohnung, duscht im Sommer meist am Strand. Ausgerechnet einer, der selbst nicht das braucht, was man ein richtiges Zuhause nennt, sorgt mit seiner Persönlichkeit und den idyllischen Sitzmulden im Dünengras hinter der Suppenbude für eine Atmosphäre, in der viele Gäste am liebsten gar nicht wieder aufstehen würden.

„Heute gibt es eine Kartoffel-Möhre-Kokoscremesuppe“, so begrüßt Morell an diesem Junitag seine Kunden, „leicht süß, leicht scharf, mit einem Tick Ingwer dran. Dann habe ich eine mediterrane Tomatencremesuppe mit Kräutern der Provence, Olivenöl, die wirkt leicht abkühlend, es wird ja warm heute. Und dann gibt es noch eine Cremesuppe von jungen Erbsen, darin schwimmen auch ein paar ganze Erbsen, die kann man spielerisch mit der Zunge am Gaumen zerplatzen lassen.“ Eine solch zugewandte Ansprache entspringt Morells Wesen, aber es geht auch um Wirkung: „Untersuchungen haben gezeigt“, sagt er, „dass die Art einer Produktbeschreibung großen Einfluss auf das spätere Produkterlebnis hat.“

Mit Marketing kennt Morell sich schließlich aus. Er hat Visuelle Kommunikation studiert und in den Achtzigerjahren als Werbeleiter für die Musicalproduktionen „Cats“ und „Das Phantom der Oper“ gearbeitet, er war Grafikdesigner in der Nachrichtenredaktion von Sat 1, lernte in seinen fünfeinhalb Jahren als PR-Manager bei der Hamburger Multimedia-Agentur Elephant Seven die Anfänge dessen kennen, was man heute New Work nennt. „Ich habe täglich einen Newsletter zu Entwicklungen in der Arbeitswelt geschrieben, der irgendwann 18 000 Abonnenten hatte.“

Eine „Vorzeigefirma“ sei Elephant Seven gewesen, mit Obst und Massagen für die Mitarbeiter. Er habe als Leiter eines siebenköpfigen Teams viel gearbeitet und gut verdient. Dann platzte zu Beginn des Jahrtausends die Dotcom-Blase. „Ich musste einen Kollegen nach dem anderen entlassen, ging immer mehr auf dem Zahnfleisch, am Ende war ich selber dran“, sagt Morell. Zur selben Zeit zerbrach seine Ehe, und das Rauschen im Ohr wurde unerträglich. „Sie stehen am Bahnsteig, und der Zug fährt gleich ab“, sagte sein Arzt. „Wann steigen Sie endlich ein?“

Morell verließ das gemeinsame Haus, verkaufte seinen Mercedes C-Klasse, erwarb einen gebrauchten Wohnwagen und stellte sich damit auf einen Campingplatz am Bredenbeker Teich nördlich von Hamburg. „Dort habe ich erst mal viel geschlafen“, sagt er. Drei Jahre blieb er am See, machte sich mit einer Förderung des Arbeitsamts als freier PR-Berater selbstständig und begann, Ballast abzuwerfen und sein Leben runterzufahren. Er kündigte fast alle Versicherungen, verschenkte Bücher und DVDs, trennte sich von seiner geliebten Hi-Fi-Anlage von Braun, beschloss: „Keine heißen Käufe mehr!“

Daran änderte sich auch nichts, als Morell – ein Ausprobierer, ein Möglichkeitensucher – später wieder andere Wege ging, in Hamburg als Betreiber eines Feinkostgeschäfts eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung hatte oder an der Schlei ein Seminarhaus leitete. „Materielles, das vor allem identitätspolierend ist, wollte ich nicht mehr. Stattdessen habe ich mich auf das Wesentliche konzentriert: morgens aufstehen und ein Menschenfreund sein.“

Es soll eine Bude bleiben, sagen die Gäste

Seit damals nicht mehr verzichten kann Morell auf etwas, das materiell und für ihn wesentlich zugleich ist und zu dem er „ein geradezu erotisches Verhältnis“ entwickelt habe: Wohnwagen. Auf Sylt lebt er in einem mehr als sieben Meter langen Caravan der Kultmarke Meiwa, Baujahr 1974. Wer ihn darin besucht, erlebt Besitzerstolz: Morell breitet die Arme in der Sitzecke mit Bezügen aus italienischer Wolle aus, schwärmt von der Umluftheizung, zeigt den Kleiderschrank mit Platz für seine bügelfreien Secondhand-Hemden, die Gin-Bar, das Kingsize-Bett: „Mein Salon, mein Büro, mein Schlafzimmer!“ Und der leicht muffige Geruch? „Das Ding hat jahrelang in einer Scheune gestanden, riecht etwas nach Bauernhof, selbst das gefällt mir.“


Hinter der Suppenbude hat Maurice Morell Sitzgelegenheiten im Dünengras geschaffen. Bei den Zutaten setzt er auf Biogemüse, Kräuter und Meersalz von der Insel

Den Wohnwagen zieht Morell auf Sylt mit seinem VW alle zwei Tage anderswo hin – steht er länger als eine Nacht auf öffentlichem Grund, droht ein Bußgeld. Das sei stressig, sagt er, und fragt man ihn, warum er nicht auf einen Campingplatz gehe, nennt er nicht Sparsamkeit als Hauptgrund: „Viele Surfer machen es sowieso, aber ich kenne auch Millionäre, die auf dieser Insel mobil leben. Es gehört für mich einfach zum Sylt-Spirit, seit ich in den Siebzigerjahren zum ersten Mal mit meinen Eltern hier war.“

Auch für seine Suppenbude zahlt Morell keine Standmiete. Sie wird ihm erlassen, was bei den Quadratmeterpreisen der Insel einem Wunder gleicht. Als er mit dem Umbau des auf Ebay ersteigerten Hängers fertig war, machte er Fotos und zeigte sie Susanne Mylin-Schrader, Mitverwalterin des „Dünenhofs“ und Teil der alteingesessenen Familie, die dort ein Kachelofengeschäft betreibt. „Wir fanden die Bude und das Konzept so charmant, dass wir ihm eine Chance geben wollten“, sagt die 54-Jährige. „Maurice ist ein Glücksfall. Er rundet das Angebot hier perfekt ab, pflegt den Garten, fegt den Hof, hängt im Winter eine Lichterkette auf, gibt mit seiner offenen, ehrlichen Art allen ein gutes Gefühl.“

Morell nimmt sechs Euro pro Suppe, Bier oder Brause kosten 2,50 Euro. Am Eröffnungstag hatte er abends 40 Euro in der Kasse, inzwischen liegen die Tageseinnahmen nur noch selten unter 200 Euro und gehen schon mal auf 400 Euro hoch, etwa 20 bis 30 Prozent davon fallen als Kosten für den Wareneinkauf an. Nicht gerade eine Goldgrube, aber ein Goldgräber ist Morell eh nicht – sonst würde er seine Suppenreste nicht abends einer Lister Großfamilie vor die Tür stellen, statt sie am nächsten Tag aufgewärmt zu verkaufen.

Sein kleiner gastronomischer Betrieb sei profitabel, sagt Morell, aber vom Suppenkochen allein könne er noch nicht leben. Er berät nach wie vor Unternehmen, schreibt Konzepte für einen Garten- und Landschaftsbaubetrieb auf dem Festland, gestaltet und pflegt den Internetauftritt einer Rantumer Kaffeerösterei. Webseiten-Betreuung bietet er ab 360 Euro monatlich an, eine komplette Gestaltung bringt ihm etwa das Zehnfache. Im Grunde gehe es dabei um das Gleiche wie in der Suppenküche: „Hochwertigen Inhalt schaffen, Inhalt wirkt unwiderstehlich – und Schönheit, denn Schönheit verkauft sich gut.“

Nicht nur im Wohnwagen findet dieser Teil seines Arbeitslebens statt, sondern auch im Imbiss. „Dann sitze ich an einem stürmischen Novembernachmittag in meiner Bude, das Laptop auf dem Schoß, und bin froh, wenn mal zwei Stunden keiner kommt.“

Davon kann heute keine Rede sein. Die Leute stehen Schlange, und niemand geht, ohne ein Lob auszusprechen. Manche Gäste fürchten gar, der Wirt könne zu geschäftstüchtig werden – so die Sorge des pensionierten Industrieversicherers aus Frankfurt, der Morell zum Abschied auf die Schulter klopft. „Ich hoffe, dass Sie sich etablieren, aber es soll ’ne Bude bleiben, nicht ein Riesenkasten mit 18 Angestellten, wo man abgefertigt wird.“

Bisher hat Morell nur an vier Tagen die Woche geöffnet. Er weiß, dass er sich nicht zu viel aufhalsen darf. „Mir hat mal ein alter Steinmetz erzählt, dass er jeden einzelnen Schlag bewusst ausführen muss, sonst wird es nichts. Wenn ich mich gehetzt fühle, landet der Stress in der Suppe.“

Statt selbst zu expandieren, weckt Morell bei anderen die Sehnsucht, es ihm gleichzutun. Im März war die Hamburgerin Heidi Bereuther auf der Insel, sie hatte damals auch bei Elephant Seven gearbeitet. Durch Zufall entdeckte sie ihren ehemaligen Kollegen, erkannte seine „unglaublich liebevolle Art“ wieder, die ihn schon in der Agentur ausgemacht habe, sah „eine große Zufriedenheit“. Die 54-Jährige arbeitete einen Tag mit, ließ sich von Morell coachen und versorgt neuerdings in Hamburg-Farmsen die Mitarbeiter des dortigen Harley-Davidson-Handels mit Suppe, Pasta und Hotdogs.

Was hatte Maurice Morell dem Vorstand eines deutschen Automobilkonzerns geantwortet, der an seiner Bude stand und ihm riet, unbedingt zu wachsen, auf Skalierbarkeit zu setzen? „Skalierbar“, sagte der Suppenkoch, „ist meine Freude.“ ---

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