Partner von
Partner von
Social Media

Produktive Ablenkung

Sind die Social-Media-Plattformen reine Zeitkiller?




• „Sie wurden auf einem Foto markiert.“ Wenn Sie Facebook-Nutzer sind, werden Sie diesen Satz kennen – aus den E-Mails, die Ihnen von der Plattform automatisch zugesandt werden, sobald sich etwas in Ihrem Freundekreis tut. Und vermutlich werden Sie dann auch den unwiderstehlichen Reiz kennen, sofort die App zu öffnen, um nachzuschauen, wer Sie auf welchem Foto markiert hat. Möglicherweise nehmen Sie das zum Anlass, sich noch ein wenig auf der Plattform umzuschauen – wo Sie doch schon da sind. Genau das war beabsichtigt. Der Satz in der Facebook-E-Mail ist einer von vielen Psycho-Tricks, die soziale Medien anwenden, um unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen (siehe brand eins 01/2018, „Am Haken“).

Besonders offensichtlich ist das bei Snapchat. Jugendliche nutzen die App primär dafür, sich gegenseitig Fotos und kurze Textnachrichten zu schicken. Tauschen sich zwei besonders häufig miteinander aus, drückt die App deren Verbundenheit durch eine für beide sichtbare Zahl nebst einem Flammen-Emoji aus. Eine 20 bedeutet: Seit 20 Tagen Feuer und Flamme. Unter Kids ist es nicht unüblich, den Wert einer Beziehung an der Höhe der Zahl festzumachen.

Das aber bedeutet, dass sie gezwungen sind, täglich auf Snapchat aktiv zu werden. Denn sobald zwei Freunde ihren Nachrichtenfluss für mehr als 24 Stunden einstellen, passiert das, was es unbedingt zu vermeiden gilt: Die Flamme erlischt.

Einer, der solche Tricks unermüdlich anprangert, ist der ehemalige Google-Mitarbeiter Tristan Harris. Er wirft den großen Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley vor, der Menschheit zu schaden. Das Design ihrer Betriebssysteme und Apps sei bewusst darauf angelegt, die Leute zu manipulieren, Kinder würden von ihren Smartphones abhängig gemacht und ebenso wie Erwachsene davon abgehalten, konzentriert einer Tätigkeit nachzugehen. Harris hat vor Jahren seinen Job bei Google gekündigt und das Center for Humane Technology gegründet. Die Devise „Time Well Spent“, unter der er seine Mission gestartet hat, ist der Name einer Bewegung geworden.

Deren Mitglieder wünschen sich Technik, die sich in den Dienst der guten Sache stellt; die etwa nicht darauf abzielt, die Menschen abzulenken, sondern ihnen hilft, sich zu konzentrieren. Mit anderen Worten: Sie sehen die Tech-Designer in der Pflicht, dafür eine Lösung zu finden. Einige der großen Plattformbetreiber und Betriebssystementwickler fürchten nun ähnlich wie Alkoholfabrikanten um ihren Ruf und geben sich verantwortungsbewusst. Aus gutem Grund: Laut dem jüngsten Internet Trend Report der renommierten Analystin Mary Meeker sind die US-Amerikaner angesichts ihrer wachsenden Bildschirmabhängigkeit besorgt. 2018 verbrachten sie im Schnitt 6,3 Stunden täglich im Netz, noch einmal sieben Prozent mehr als im Vorjahr.

Ob Facebook, Google oder Apple: Sie alle haben mit hübschen Dashboards, die anzeigen, wie viel Zeit man mit welchen Anwendungen verbringt, eine Art Suchtkontrolle eingeführt. Bei Facebook und Instagram können sich die Nutzer nun zudem selbst tägliche Zeit-Limits setzen – bei Ersterem denkt man auch über den Verzicht der roten Punkte nach, die sofort signalisieren, wenn es zum Beispiel eine neue Freundschaftsanfrage gibt. Alles Maßnahmen, die den guten Willen der Tech-Giganten demonstrieren sollen. Was sie aber nicht daran hindert, weiterhin Psychologen und Neurowissenschaftler zu beschäftigen, um das Verhalten ihrer Kunden zu verstehen und zu manipulieren.

Dass vor allem Social-Media-Plattformen eine besondere Anziehungskraft ausüben, dürfte aber nicht allein an den Psycho-Tricks der Betreiber liegen. Facebook & Co ermöglichen den Nutzern eine neue Art, mit Menschen in Kontakt zu treten. Man kann in Welten eintauchen, die einem bislang verborgen geblieben sind. Und da gerade das als Zeitkiller geltende ziellose Herumstöbern in den Tiefen der Feeds nicht selten zu erstaun-lichen Einblicken führt, lässt es sich als neue Kulturtechnik deuten.

Vor allem aber gilt: Wir befinden uns noch immer in der Ära des Frühdigitalismus, und in der müssen wir den angemessenen Umgang mit der modernen Technik und den neuen Medien erst erlernen. ---

Martin Fehrensen ist Autor vom Social Media Watchblog – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.

Print-Ausgabe kaufen
Digital-Ausgabe kaufen

brand eins 08/2019 – Mit leichtem Gepäck