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Prototyp – Idee sucht Geld

Eine Firma aus Berlin vermarktet Naturschutz als Delikatesse.




• Am 6. Mai 2018 überflog Lukas Bosch die Online-Ausgabe einer Berliner Tageszeitung. „Das Datum hat sich bei mir eingebrannt“, sagt der Unternehmensberater aus Offenbach. „Damals las ich das erste Mal von invasiven Arten.“ Das sind Tiere oder Pflanzen, die in unserer Region eigentlich nicht heimisch sind. Die der Mensch hergebracht und ausgesetzt hat. Sie verbreiten sich unkontrolliert und verdrängen hiesige Arten, weil ihnen hier die natürlichen Feinde fehlen.

Wie zum Beispiel der Amerikanische Sumpfkrebs, der in den Gewässern des Berliner Tiergartens lebt und zur Plage geworden ist. Der Senat erteilte einem Fischer die Fanglizenz.

Ein Krebs ohne Feinde. Wie kann das sein?, fragte sich Bosch. „Was ist mit dem Menschen, der für viele Arten der größte Feind ist?“ Er sprach mit seiner Partnerin Juliane Bublitz darüber, die sich beruflich mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Und mit einem Jugendfreund, der als Koch in der Berliner Sterne-Gastronomie arbeitete. Beide waren begeistert von seiner Idee, die Plage einfach aufzuessen, denn der Sumpfkrebs gilt als Delikatesse. „Wir hatten hier ein Tier, das wegmuss und lecker schmeckt“, sagt Bosch. „Endlich mal ein Fall, in dem man nicht verzichten muss, um sich nachhaltig zu verhalten.“

Das Trio kaufte dem Lizenz-Fischer die ersten Exemplare ab und dachte über Gerichte nach, die in einem Food Truck angeboten werden könnten: Crab Rolls und Pasta Frutti di Plage, dazu hausgemachte Soßen und „krummes Bio-Gemüse“, das für den Verkauf im Supermarkt nicht hübsch genug ist und ideal ins nachhaltige Konzept passt. „Ende des Sommers hätten wir starten können“, sagt Bosch. „Aber da war die Fangsaison vorbei.“ Es gab keine frischen Krebse mehr.

Der Koch ging für einen neuen Job nach Lissabon. Mit Andreas Michelus wurde Ersatz gefunden. Die drei investierten in einen Food Truck, gründeten das Start-up Holycrab und suchten nach weiteren invasiven Arten für die Speisekarte.

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Im Berliner Umland fanden sie die Chinesische Wollhandkrabbe, den Kamberkrebs und den Graskarpfen. Am Rhein Körbchenmuscheln, in Wuppertal und Karlsruhe eine große Zahl Signalkrebse. „Allzu oft werden diese Tiere im Namen des Naturschutzes gefangen und in Biogas-Anlagen vernichtet oder bestenfalls zu Tierfutter verarbeitet“, sagt Bosch.

Für das Konzept, aus invasiven Arten Street Food zu machen, erhielt das Trio den Gastro-Gründerpreis 2019. Seit dem Frühjahr sind sie nun mit ihrem Food Truck unterwegs, um zu testen, welche Gerichte gut ankommen und welche nicht.

40 bis 80 Kilo Krustentiere verarbeiten sie pro Woche – und erweitern ihr Angebot ständig. Neuerdings gibt es Pulled-Fish vom Graskarpfen und Wildschweinbratwurst. Aus den Schalen der Krebse kochen sie einen Fond, den sie künftig auch in den Handel bringen möchten. Zu diesem Zweck experimentieren sie auch mit invasiven Pflanzen. „Wir wollen auf ganz einfache Art und Weise zeigen, wie man vom Problem zum Potenzial kommen kann“, sagt Bublitz.

Das Trio hat jüngst sein Geschäft ausgebaut, neben den Food Trucks gibt es in einigen Städten nun auch einen Catering Service. Bald sollen Pop-up-Restaurants dazukommen – das erste wohl in Köln. Den Sumpfkrebs wird es dort aber nicht geben, der Transport wäre zu wenig umweltfreundlich. „Jede Region“, sagt Bosch, „soll ihre eigenen Plagen aufessen.“ ----

Holycrab!
Lukas Bosch, Juliane Bublitz, Andreas Michelus
Kontakt: hello@holycrab.berlin

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