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Like a Rolling Stone

Die Heckklappe öffnen, aufs Meer gucken, Musik machen. Das war sein Traum. Und deshalb lebt Jonas Urbat nun im Auto.




Fusion Festival: Jonas Urbat spielte dort umsonst

• Wenn Jonas Urbat sich die Zähne putzt, schaut er nicht in einen Spiegel, sondern auf die Straße. Er sieht Pappeln, Leitplanken, Kreisverkehre, gelbe Schilder und rot umrandete. Er spült nach mit Wasser aus der Plastikflasche, die Bio-Zahnpasta schluckt er runter. Er spült noch einmal, die Zahnbürste im Mund, damit auch die wieder sauber ist. Dann steckt er sie in ein Fach am Armaturenbrett, so, dass der Bürstenkopf oben herausschaut. Alles ohne anzuhalten, eine Hand am Lenkrad.

Es sind die kleinen Dinge, an denen sich ablesen lässt, mit wem man es zu tun hat. Die alltäglichen Handgriffe. Jonas Urbat – 28 Jahre alt, studierter Tubist – lebt im Transporter. Sein Zuhause ist ein weißer Ford Transit mit Rottweiler Kennzeichen, den harten Fahrersitz hat er mit einem Kissen aufgepolstert. Man könnte denken, dass er das tut, weil er keine andere Wahl hatte, aus Geldgründen. Aber wenn er ausholt, seine Arbeit als Musiker beschreibt, seinen Weg als Künstler nachzeichnet, dann begreift man, dass es genau so hatte kommen sollen. Seine Geschichte erzählt er auf dem Fahrersitz, wo sonst. Vor ihm liegen gut zwei Stunden Fahrt.

Andere Musiker unterbrechen ihren Alltag, um auf Tour zu gehen. Jonas Urbat ist immer auf Tour. Für ihn ist die Ausnahme die Regel. Er gehört zum Stegreif Orchester, einer Musikergruppe, die klassische Musik ohne Notenblatt und Dirigenten spielt, dafür aber mit einer Choreografie und viel Improvisation. Wenn es passt, trommelt er einen Beat auf seinem Blasinstrument. Und dann gibt es noch „In Tuba Wild“, sein eigenes Projekt. Mit Musikern aus ganz Europa trifft er sich an deren Lieblingsorten, um dort gemeinsam zu improvisieren. Ein Gespräch nicht mit Worten, sondern mit Musik. Er wolle die Welt mit anderen Augen sehen und das durch seine Kunst erzählen, sagt er. „Dafür ist es sehr hilfreich, nicht mit dem Strom zu schwimmen.“

Klassische Improvisation: das Stegreif Orchester – eine Gruppe von Musikern, die klassische Musik spielt, aber ohne Notenblatt und Dirigenten

Fünf bis zehn Konzerte spielt er im Monat, mit Orchester, im Duo oder solo mit seiner Tuba, die er mit dem Computer vervielfacht und zu der er Umgebungsgeräusche einspielt. Gut die Hälfte seiner Einnahmen kommt aus Konzerten. An manchen Abenden verdient er mehrere Hundert Euro, an anderen spielt er für ein Freiticket und die Fahrtkosten. Manchmal geht es ihm vor allem darum, ein Projekt zu unterstützen. Wie zuletzt Ende Juni, als er mit dem Stegreif Orchester beim nicht kommerziellen Fusion Festival in Mecklenburg-Vorpommern auftrat.

Sein zweites Standbein ist die Musikproduktion. Zusammen mit einem Filmemacher produziert er Imagefilme für mittelständische Unternehmen. Dafür läuft er mit einem Mikrofon durch Werkshallen und Produktionsstätten, nimmt das Hämmern eines Goldschmieds auf, das Fräsen eines Maschinenbauers oder das Fauchen eines Hochofens in einer Eisengießerei. Aus den Aufnahmen komponiert er eine audiovisuelle Visitenkarte für das jeweilige Unternehmen.

Heute Morgen ist er am Fuß des Teufelsbergs aufgewacht, ganz im Westen Berlins, wo die Stadt klingt wie Land. Er hat sein Bett eingeklappt, Kaffee auf der Flamme eines Gaskochers gemacht und ein paar Hände voll Nussmischung gegessen. Den Kaffee hat er schwarz getrunken, dann hat er sich ans Steuer gesetzt. Er ist auf dem Weg nach Mühlberg an der Elbe, einem Städtchen mit nicht mal 4000 Einwohnern an der Grenze zu Sachsen. Morgen wird er dort ein Konzert geben. Zum ersten Mal finden die Festspiele Mark Brandenburg statt. Wenn er es zeitlich schafft, will er noch die Kirchenglocken von Mühlberg aufnehmen und in seine Komposition einbauen. Er könnte irgendwelche Kirchenglocken nehmen, der Unterschied wäre kaum hörbar. Aber er mag es eben, seine Umwelt in die Musik einfließen zu lassen. Was er sieht, riecht, hört, inspiriert ihn. Neue Stücke lässt er oft mit den Geräuschen, die ihn umgeben, beginnen. „Musikalisch starte ich da, wo ich gerade bin. So bekommt mein Standort eine große Bedeutung in meinen Kompositionen.“

Jonas Urbat ist in einem Dorf am Rand des Schwarzwalds aufgewachsen. Ein ruhiger Typ, 1,96 Meter groß, mit Basecap und Kapuzenpulli. Er wirkt bedacht, wie jemand, dem es wichtiger ist, andere aussprechen zu lassen, als selbst zu reden. Es wundert einen nicht, dass er sich vor fast 20 Jahren für die Tuba entschieden hat, jenes schwere Instrument, das für den Bass im Blechregister zuständig ist. Im Orchester sei die Tuba dann gefragt, „wenn die Kontrabässe noch ein bisschen fetter klingen sollen“, sagt er. Die Tuba ist gewissermaßen das Fundament des Orchesters. Ein Instrument, das andere heraushebt, indem es die Skala nach unten erweitert.

Jahrelang wollte er genau das: den ihm zugewiesenen Platz im Zusammenklang einnehmen. Mit seinen Musiklehrern arbeitete er darauf hin. Auch sein Studium in Stuttgart war darauf ausgerichtet, irgendwann in einem klassischen Orchester zu spielen. Doch mit jedem Semester wurden seine Zweifel größer. In ihm wuchs der Wunsch, auszubrechen.


Leben auf sechs Quadratmetern: Da braucht alles seinen festen Platz

2015 ging er für ein Semester nach Porto. Zwei Tuben sollten mit, nur wie? Fürs Handgepäck im Flugzeug waren sie zu groß, für den Frachtraum zu wertvoll. Er hätte zwei Sitze extra buchen können, aber das war ihm zu teuer. Für das Geld kaufte er einem Musikerkollegen einen VW Bulli ab, mit Moos auf dem Dach. Damit fuhr er los, sein Bruder auf dem Beifahrersitz, um sich am Steuer abwechseln zu können. Sie kamen bis Nordspanien, dort blieben sie liegen, überhitzte Bremsleitungen. Sein Bruder und er nahmen den Nachtzug, der ADAC schleppte den Bulli nach Porto.

Urbat mochte Porto, die schmalen Häuser, manche halb verfallen, die Brücken über den Duero, der sich tief in die hügelige Landschaft gräbt. Nur aus seiner Wohnung dort wollte er bald wieder raus, weil er das Gefühl hatte, von seiner Vermieterin überwacht zu werden. Er entschied, übergangsweise in sein Auto zu ziehen. Wenn er früh zur Uni musste, stellte er es vor dem Gebäude ab. Wenn nicht, fuhr er raus aus der Stadt und parkte so, dass er beim Aufwachen auf den Atlantik schauen konnte. Jeden Tag entscheiden zu können, wo der nächste beginnt, das war sein Ding. Nur kalt war es, es war ja Winter. Er kaufte eine Auflaufform und stellte zwei Dutzend Teelichter hinein, die Idee hatte er aus dem Internet. Es funktionierte.

Sein Lehrer am dortigen Konservatorium war der berühmte Solo-Tubist Sergio Carolino. Der spielte nicht nur Klassik, sondern auch Jazz, er improvisierte. Bei ihm wuchs die Tuba über sich hinaus, sie wurde sichtbar. Aber es war nicht nur seine Art zu spielen, es waren auch seine Worte, die Jonas Urbat darin bestärkten, nicht den vorgezeichneten Weg zu gehen. Welcher das sein könne, müsse er ausprobieren, sagte Carolino. Bücher, Lehrer, Partituren, all das sei letztlich unwichtig.

In Deutschland war es nur eine vage Ahnung gewesen, in Portugal reifte sie zu einer Entscheidung. Er würde sein eigenes Ding machen, sich und seine Tuba aus dem Korsett des Orchesters befreien. Er würde auch nicht mehr nach einer Wohnung suchen. Im Auto hatte er alles, was er brauchte, als Mensch und als Künstler. Und der Winter war fast vorbei.

Jonas Urbat begann, Jazz-Standards zu interpretieren. Er spielte komplette Stücke ein, mehrere Spuren, nur Tuba. Er komponierte eigene Musik und produzierte sie auch selbst. Jahrelang war das Maß aller Dinge eine einzige Zeile in der Partitur gewesen. Im Extremfall, in Antonín Dvořáks neunter Symphonie, bedeutete das: Er spielte 15 Töne, den Rest der Zeit saß er ab.

Zurück in Deutschland lebte er mal hier, mal dort. Den Bulli hatte er nicht mehr, zu alt, zu kaputt. Hatte er ein Engagement, schlief er in Hotels, sonst im Zelt oder bei Musikerkollegen. Nach einer Weile war ihm dieses Leben zu anstrengend, er brauchte Privatsphäre. Er kaufte sich wieder einen Transporter, diesmal von einem Bauunternehmer. Seitdem baut er das Auto Stück für Stück aus. Die Einbauschränke sind aus leichtem Holz, einer für die Küchenutensilien, einer für die Kleidung, ein Regal für die Bücher. Sein Studio-Equipment findet auf einer schmalen Tischplatte Platz, an den Seitenwänden hängt je ein Lautsprecher. Das schwarze Polster an der Decke ist die Isolierung. Er ist noch nicht dazu gekommen, sie zu verkleiden.

Das Leben auf sechs Quadratmetern folgt strengen Regeln. Die Enge zwingt ihn zur Ordnung. Bevor er losfahren kann, muss alles an seinem Platz sein, was nicht von allein hält, wird mit einem Spanngurt fixiert. Ein Zettel am Armaturenbrett erinnert ihn daran, die Dachluke zu schließen. Auf die Frage, was ihm fehlt in seinem Zuhause, muss er eine Weile überlegen. Dann sagt er: eine Stromzufuhr. Computer und Studiotechnik betreibt er mit einem Benzingenerator. Läuft der, muss er ihn 50 Meter weit weg stellen, damit ihn das Getucker nicht nervt. Wenn das nächste Mal Geld für einen großen Gig reinkommt, will er eine Solaranlage aufs Autodach montieren und einen leistungsfähigen Akku kaufen.

Das Leben im Van, so Urbat, sei teurer als das Leben in einem WG-Zimmer für 400 Euro. Steuern, Versicherung, Reparaturen, Ausbau. Den Sprit zahlt meist der jeweilige Auftraggeber, fast jeder seiner Wege ist entweder Anfahrt oder Abfahrt. Zwei Stunden am Tag fährt er – längere Strecken teilt er auf – zwei Stunden macht er Büro. Dann sitzt er in der geöffneten Schiebetür, den Laptop auf den Knien, schreibt Mails und telefoniert. Kontaktpflege ist wichtig: sich vorstellen, sich wieder vorstellen, schauen, wer gerade ein Festival organisiert. Er protokolliert Einnahmen und Ausgaben, schreibt Rechnungen, bereitet die Dokumente für den Steuerberater vor. „Man muss das ja erst mal lernen, Unternehmer zu sein“, sagt er.

Der Fixpunkt in seinem Leben ist sein Elternhaus in Baden-Württemberg. Dort ist er gemeldet, dort steckt seine Post im Briefkasten. Was er sonst so braucht, lässt er sich zu einer der 3500 Packstationen im Land schicken, Gaskartuschen für seinen Kocher beispielsweise. Wenn er duschen will, hält er an einer Raststätte. Oder er hängt seine improvisierte Dusche ans Autodach, einen schwarzen Kanister, an dem er den Aufsatz einer Kindergießkanne befestigt hat.

Jonas Urbat ist einer, der eher das Gute im Menschen sieht als das Schlechte. Einer, der erst mal nicht davon ausgeht, dass ihm jemand was Böses will. Wäre das anders, würde er wahrscheinlich nicht im Auto schlafen. Er stand schon öfter auf Parkplätzen, wo sich Jugendliche mit tiefer gelegten Autos trafen. Sie tranken Wodka von der Tanke und ließen ihre Bassboxen wummern. Ärger gab es nie.

Nur einmal hat er schlechte Erfahrungen gemacht. In Porto schlugen ihn drei Jugendliche zusammen, einfach so, ohne Streit, ohne Grund. Ein paar Wochen hatte er Schmerzen im Kiefer und konnte die Tuba nicht so spielen wie gewohnt. Die Erfahrung belastete ihn, er lief misstrauisch durch die Welt. Aber ein misstrauischer Mensch wollte er nicht sein. Also entschied er, sich nicht von der Angst beeindrucken zu lassen. „Ich will lieber ein Leben führen, in dem ich einmal zu viel vertraue, als gar nicht zu vertrauen“, sagt er.

Das ist sein Ding: jeden Tag entscheiden zu können, wo der nächste Tag beginnt

Er vertritt seinen Lebensstil nicht dogmatisch, tue halt das, was sich für ihn gerade am besten anfühlt. Er glaubt an ein Leben in Phasen. „Ich werde mir sicher mal was Langfristiges aufbauen.“ Eine Band, ein Haus, einen Proberaum, eine feste Freundin. Irgendwann.

Jetzt muss er aber erst mal einen Stellplatz für die Nacht finden. Eine App für Camper hilft ihm dabei. Sie zeigt ihm an: Der Standort am Flussufer, zu dem er eigentlich wollte, ist nur mit der Fähre zu erreichen, zu umständlich. Also stellt er sich an den Rand eines Weges, der einen Wald von Feldern trennt. In Sichtweite ragen Windräder auf, sie lassen den Himmel brummen.

Urbat steigt aus und öffnet die Schiebetür zu seiner Wohnung. Er entsichert den Küchenschrank, stellt den Gaskocher auf. „Der Traum, mit dem ich das Ding ausgebaut habe, war: Heckklappe auf, aufs Meer gucken und Musik produzieren.“ Während das Kaffeewasser kocht, schaut er durch die Windschutzscheibe. Er sieht, wie der Wind ins Feld fährt und die bläulich schimmernden Ähren wiegt. ---

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