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Wirtschaftsgeschichte

Im wilden Osten

Zwei abenteuerlustige Geschäftsleute eröffneten in Wladiwostok den Gemischtwarenladen Kunst & Albers, machten daraus ein Imperium – und verteidigten es gegen Intrigen und Enteignung.





• Als im Jahr 1922 am Ende des Russischen Bürgerkriegs die Bolschewiki Wladiwostok einnahmen, brach Chaos aus. Wer fliehen musste, nahm mit, was er kriegen konnte. Im Kaufhaus Kunst & Albers herrschte deshalb Belagerungszustand: Die Schaufenster waren verrammelt, das Personal bewachte rund um die Uhr die Waren.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kaufhauskette schon eine waghalsige Gründungszeit, eine Verleumdungskampagne und einen Weltkrieg überstanden. Selbst die Einnahme Wladiwostoks durch die Rote Armee bedeutete noch nicht das Aus für das Firmen-Imperium, das offenbar mehrere Leben hatte.

Als Gustav Kunst und Gustav Albers sich 1864 in Schanghai trafen, hatten sie nichts zu verlieren. Albers kam von einem Besuch in seiner Heimatstadt Hamburg. Sein künftiger Schwiegervater hatte ihm dort nahegelegt, nach der Hochzeit vor Ort zu bleiben und in die Geschäfte einzusteigen. Albers löste daraufhin die Verlobung und suchte das Weite. Mit seinem Schiff „Oscar“ hatte er als Steuermann schon einige Ozeane bewältigt, aber an der mandschurischen Küste strandete er.

Kunst, der auch aus Hamburg stammte, betrieb in Schanghai ein kleines Handelsunternehmen, das jedoch nicht gut lief. Schnell waren der Schiffbrüchige und der Geschäftsmann, damals beide in den Zwanzigern, sich einig, dass sie gemeinsam ferne Länder mit Waren beliefern wollten. Kunst hatte im Jahr zuvor die Wildnis im Osten Russlands erkundet und festgestellt, dass es dort an allem mangelte – eine gute Voraussetzung für ihr Projekt. Mit einer Schiffsladung Mehl, Reis, Baumwollstoff und Werkzeug machten sie sich auf die Reise. Albers ging an Bord, Kunst blieb vorerst in Schanghai zurück, um seine Firma zu liquidieren.

Wladiwostok bestand im Jahr 1864 aus ein paar Militärbaracken und gut 40 Holzhäusern, das Land ringsum war unwegsam und kaum besiedelt. Ausgerechnet in dieser verlassenen Gegend eröffneten Kunst und Albers einen Gemischtwarenladen, aus dem sie eine Kaufhauskette machten. Aufstieg und Fall des Unternehmens beschreibt Lothar Deeg in seiner historischen Rekonstruktion „Kunst & Albers: Die Kaufhauskönige von Wladiwostok“. Für sein Buch konnte er viel Material aus erster Hand verwenden, denn Alfred Albers, der Sohn des Gründers und selbst schon ein älterer Mann, hatte ehemalige Mitarbeiter gebeten, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Die Anfangsjahre waren abenteuerlich: Wladiwostok hatte nicht einmal einen Hafen, sodass die Händler die Waren vom Schiff auf kleine Boote umladen und an Land schaffen mussten. Um Waren ins Landesinnere zu bringen, nutzten Kunst und Albers oft Schlitten. Güter zu transportieren wurde einfacher, als 1869 der Suezkanal eröffnet wurde. Auf diesem neuen Seeweg brachte auch Gustav Albers, inzwischen bereit für die Ehe, seine Frau von Hamburg nach Wladiwostok.

1884 bauten Kunst und Albers ihren Laden zum Kaufhaus aus. Dort boten sie Landmaschinen und Bier aus Deutschland, Champagner und Mode aus Frankreich, Mehl aus Amerika an. Immer neue Geschäfte kamen dazu: Eine Bank, eine Versicherungsagentur, eine Reederei und eine Wodkafabrik wurden in die Firma integriert.

Mit dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn Ende des 19. Jahrhunderts blühte der Ferne Osten auf, wovon auch Kunst und Albers profitierten. Sie gründeten 30 Filialen in Russland und der Mandschurei, kleinere auch in Europa, Japan und den USA. Gustav Kunst schied um 1896 aus, um teils in Hamburg und in den kälteren Monaten auf Hawaii zu leben.

Nach dem Erfolg der ersten Jahrzehnte begann der Kampf. 1904 brach der Russisch-Japanische Krieg aus, Gefechte gab es auch in der Gegend um Wladiwostok – das Geschäft lief weiter. 1905 plünderte ein Mob die Zentrale in Wladiwostok und brannte sie nieder – die Gründer bauten eine neue, größere wieder auf.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 sei „zur Katastrophe für die Firma“ geworden, schreibt Deeg. Über See konnte man keine Waren mehr transportieren. Obwohl die Inhaber inzwischen russische Staatsbürger waren, galten sie als Deutsche, also als Feinde. In einer Verleumdungskampagne stellten Gegner die Unternehmer als Spione dar. Es erschien sogar ein Roman, in dem sie, nur leicht verfremdet, diffamiert wurden. Wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Tätigkeit wurde der Mitinhaber Adolph Dattan 1915 in die Tiefen Sibiriens verbannt. Zwar wurde er später rehabilitiert, er verbrachte jedoch die letzten Jahre seines Lebens lieber in Deutschland als in Russland.

Alfred Albers, der Sohn des Gründers, baute die Firma nach dem Krieg in Wladiwostok aus dem Nichts wieder auf. Dazu kaufte er alles auf, was das amerikanische Rote Kreuz zurückgelassen hatte, und nahm die Wodkafabrik auf dem Firmengelände wieder in Betrieb.

Der Neubeginn war für Albers jedoch kein richtiger. In Russland sah er keine Zukunft und beschloss, die Geschäfte nach China zu verlegen. Gerade rechtzeitig, sodass die neue Filiale dort bereits lief, als die Sowjetunion am 30. Dezember 1922 gegründet wurde. Die russische Zentrale ließ Albers mit wenigen verbliebenen Angestellten weiterlaufen, bis die Sowjets sie 1930 enteigneten.

In China liefen die Geschäfte noch einige Jahre lang weiter. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Firma jedoch noch schlechter als den Ersten. Schließlich waren es neben den chinesischen Behörden doch die Sowjets, die dem Unternehmen ein Ende bereiteten – als sie 1945 die Mandschurei eroberten. Alfred Albers betrieb unter dem immer noch bekannten Namen Kunst & Albers von Deutschland aus weiter Handel. Mit seinem Tod 1960 ging das einstige Imperium unter. ---

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