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Wohngemeinschaft

In Tel Aviv haben Hipster ein ganzes Quartier zur Wohngemeinschaft gemacht. Das Projekt wurde allerdings nicht von ihnen selbst gegründet, sondern von einer Firma. Kann man eine alternative Lebensform als Geschäft betreiben?




• Itay Heimanns Haus steht in einem Wohnzimmer. Was nach Alice im Wunderland klingt, nennt der 27-jährige Israeli „das beste Wohnerlebnis meines Lebens“.

In dem Raum mit den hohen Decken wirkt Heimanns Cube wie ein Gartenhäuschen. Innen hat er sechs Quadratmeter Privatsphäre mit Bett, Schreibtisch, etwas Stauraum und einem Fensterchen. Außen beginnt das ungewöhnliche Gemeinschaftsleben: das Wohnzimmer, in dem er für seine Mitbewohner und sich Indie-Kunst an die Wände gehängt hat und in dem er demnächst als DJ auflegen will.

Jenseits der Wohnung hört das Wunderland-Gefühl nicht auf, denn das gesamte Haus ist Teil des Projektes: In der Outdoor-Küche im Garten kocht Heimann regelmäßig mit den anderen Bewohnern. Seine geflickten Ofenhandschuhe hat er aus dem Tauschladen im Erdgeschoss. Im Keller kann er sich aus dem Fundus gemeinsamer Dinge ein Zelt leihen oder eine Bohrmaschine – bewusster Konsum gehört hier zur Philosophie.

Heimann ist Pionier. In Shapira, einem Viertel im Süden Tel Avivs, probiert er seit anderthalb Jahren mit anderen eine neue Form von Nachbarschaft aus. In bisher elf Gebäuden wohnen, arbeiten und leben die Mitglieder des Projektes. Sie haben sich einen Coworking Space, einen Musiksalon, ein Heimwerker-Studio und einen Meditationsraum eingerichtet. Eine selbst entwickelte App regelt Praktisches wie Klempner und Biokiste, die Bewohner bieten einander Dienste an, von Korrekturlesen bis Tantra-Massage. Itay Heimann zahlt für seinen Cube 300 Euro Miete im Monat, in Tel Aviv ist das sehr wenig. Die Gemeinschaftsdienste kosten jedes Mitglied zusätzlich 62 Euro im Monat.


Or Bokobza, Chef des Unternehmens (Mitte) und die Mitgründer David Sherez (links) und Chen Avni


Itay Heimann vor seinem Cube: Für das Häuschen im Wohnzimmer der WG zahlt er 300 Euro Miete im Monat – in Tel Aviv ziemlich wenig


Das Start-up bietet seinen Kunden an, zusammen zu wohnen und zu arbeiten

Man mag sich die Bewohner als Hippies vorstellen, als Aussteiger, die sich abwenden von den Prinzipien der Gesellschaft und der Marktwirtschaft. Und sicher, der Alltag im Projekt wirkt auch so mit veganen Cafés, konsumkritischen Tauschzirkeln und Hängematten im Chill-Bereich. Mit Typen wie Heimann, der alles und nichts macht, überall und nirgendwo. Tatsächlich sind diese Pioniere eines alternativen Lebens aber in erster Linie Kunden. Das Wohnprojekt ist das Produkt eines israelischen Start-ups namens Venn, das alternative Lebensgefühl ist die Geschäftsidee.

40 Millionen Dollar hat Venn in der ersten Finanzierungsrunde eingesammelt. Neben Israels führendem Risikokapital-Fonds Pitango haben unter anderem Local Globe aus London investiert, der ehemalige Votstandsvorsitzende von Timberland und ein Professor der Harvard Business School. Der wichtigste Partner ist die israelische Tochter des New Yorker Investment Funds Bridges, der auf nachhaltiges Wachstum Wert legt.

Venn expandiert nicht nur innerhalb Tel Avivs, sondern auch in andere Städte: In Berlin-Friedrichshain und im New Yorker Stadtteil Bushwick leben schon einige Bewohner ähnlich wie die Vorreiter in Tel Aviv. Bis 2030 will das Unternehmen weltweit in hundert Städten präsent sein und eine Million Gemeindemitglieder gewinnen. Bisher sind es insgesamt 400. Derzeit arbeiten 80 Mitarbeiter daran, dieses Ziel umzusetzen.

Sehnsucht nach Geborgenheit

Ist Bewohnern wie Itay Heimann bewusst, dass sie Teil eines ambitionierten Businessplans sind? Anfangs habe er sich schwer getan mit der erkauften Gemeinschaft, sagt er. Inzwischen habe er seine Meinung geändert: „Ich zahle für eine Infrastruktur, die mir hilft, selber Gemeinschaft zu schaffen.“

Or Bokobza hätte es nicht schöner ausdrücken können. Der 33-Jährige ist der Geschäftsführer und einer der drei Gründer des Start-ups. Widersprüche wollen er und seine Kollegen mit einem Diagramm entkräften, in dem sich Kreise überlappen. Die Begriffe Zuhause und Nachbarschaft haben jeweils Kreise bekommen. Aber auch: Philanthropie und Profit. Die Schnittmenge nennt Or Bokobza „Urban Wellbeing“.

Ein Gefühl, das er vermisste, als er sich vor fünf Jahren selbst im Wohnungswahnsinn Tel Avivs verlor. Er war im Moshav aufgewachsen, einer genossenschaftlich organisierten Siedlung, hatte acht Jahre bei einer Eliteeinheit der Armee gedient und dann in Panama das „Hotel für digitale Nomaden“ gegründet. Nun sehnte er sich wie seine Freunde David Sherez und Chen Avni, die er beim Geheimdienst kennengelernt hatte, nach der Geborgenheit des Landlebens. Nur eben mit den Vorzügen der Stadt.

All das fanden sie in Shapira, einem verschlafenen Viertel von Tel Aviv mit Zitronenbäumen und Hühnern, wo die Häuser noch ebenerdig waren – und vor allem: bezahlbar. Hier wollten die Freunde gemeinsam arbeiten, leben und irgendwann ihre Kinder aufziehen.

Die Idee passt in die Zeit. Nach Coworking ist heute auch Coliving ein Trend – digitale Nomaden mieten sich nicht mehr nur Büroplätze, sondern wohnen auch zusammen, sei es auf Bali oder in Manhattan. Der Gedanke, mit dem neuen Bedürfnis nach Gemeinschaft ein Geschäft zu machen, kam vor ein paar Jahren auf. WeWork vermietet inzwischen nicht nur Büroräume, sondern organisiert seit 2016 mit der Sparte WeLive auch das Zusammenleben. In einem Haus in New York arbeitet man zum Beispiel im zweiten Stock, wohnt im elften und macht Sport im achten. Das Unternehmen wird mittlerweile mit 47 Milliarden Dollar bewertet (siehe brand eins 01/2018, „Die Retorten-WG).

In Israel gibt es seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine besondere Tradition, gemeinsam zu leben und zu arbeiten – die Kibbuz-Kultur. Europäische Einwanderer gründeten die landwirtschaftlichen Kommunen als sozialistische Keimzellen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren verloren sie an Mitgliedern. Inzwischen haben die Kibbuzim sich von alten Idealen verabschiedet, sie wirtschaften profitorientiert und betreiben Hotels und Spas für Touristen – auch hier werden Kommunenleben und Gewinnstreben oft nicht als Widerspruch empfunden (siehe brand eins 08/2017, „Eine fruchtbare Krise“).

Was das Start-up Venn erfunden hat, geht über Coworking und Coliving hinaus. Von anderen Angeboten unterscheidet es sich darin, dass die Bewohner gleich mit der gesamten Nachbarschaft vernetzt sind. Auf diese Weise gestalten sie ganze Stadtteile mit.


Kritiker sagen, Venn vertreibe die alten bucharischen Bäcker

Gründer in der Rolle des Bürgermeisters

Venn konzentriert sich auf Viertel, die plötzlich angesagt waren, weil die Mietpreise in den Stadtteilen um sie herum explodierten, und die sich deshalb ohnehin verändern. Gleichzeitig setzt das Unternehmen auf die Sehnsucht nach Geborgenheit in der Großstadt. Auf eine Generation, die es gewohnt ist, auch soziale Dienstleistungen per Smartphone zu bestellen.

Die Gründer litten einst selbst unter den Mietpreisen in Tel Aviv, deshalb machen sie das Wohnen für ihre Kunden bezahlbar. In Tel Aviv laufen Mietverträge gewöhnlich nur noch ein Jahr. Falls danach überhaupt ein neuer Vertrag geschlossen wird, ist eine Mieterhöhung so gut wie sicher.

„Das unterscheidet uns von den Immobilienhaien“, sagt Or Bokobza: „Wir planen für die nächsten 20 Jahre.“ Wer sich ehrenamtlich für die Community engagiert, soll in Zukunft die Möglichkeit haben, seine Wohnung innerhalb von sieben Jahren selbst zu kaufen, indem ein Rent-to-Buy-Modell angeboten wird, also Mietkauf, oder zumindest eine Teilhaberschaft.

Zum Paket gehört auch, dass Venn die Bewohner unterstützt, wenn sie selbst gründen wollen. Efrat Feiner betreibt das Café Getzel, das zum Venn-Imperium gehört. Tal Karchev hat einen Waldorf-Kindergarten gegründet. Ran Dahan hat im Viertel seine eigene Bar aufgemacht. All diese Bewohner hat Venn unterstützt, mit dem Businessplan, mit Geschäftsräumen, zum Teil auch mit der Finanzierung – das Unternehmen trägt bis zu 30 Prozent der Kosten für eine Gründung innerhalb der Nachbarschaft. „Wir helfen bei all dem, wovor man Angst hat, wenn man noch nie ein Geschäft aufgebaut hat“, sagt Or Bokobza. Die Erzieherin Tal etwa solle sich darauf konzentrieren, den bestmöglichen Kindergarten zu führen. Venn halte ihr dafür den Rücken frei. Hippie-Lifestyle und Gründergeist liegen hier nah beieinander.

Bokobza wirkt wie ein bescheidener Bürgermeister, als er durchs Viertel führt. Mit dem akkuraten Haarschnitt fällt er auf in dieser Gegend, wo Männer wahlweise Schläfenlocken oder Rastalocken tragen, wenn sie beim sudanesischen Gemüsehändler einkaufen. Ein Überflieger zwischen Übersehenen.

„Wir kamen nicht mit der Idee, ein Unternehmen zu gründen“, sagt Bokobza, „wir wollten einen Ort schaffen, an dem wir uns selbst wohlfühlen.“ Sie renovierten zwei Häuser und begannen, das Viertel zu kartieren: Was fehlt noch zum Glück?

Einiges, wie sich herausstellte. Statt veganer Cafés und Yoga-Studios gab es nur das bucharische Restaurant – ein Geheimtipp für Fleischesser. Statt eines Coworking Space jede Menge Synagogen für knapp 10.000 Bewohner.

In Shapira wohnten seit der Staatsgründung die ärmsten Einwanderer. Hier wurde gebetet, aber auch gedealt und gehurt. Später fanden Gastarbeiter aus Asien im Schatten der „Weißen Stadt“ ihre Nische und schließlich Geflüchtete aus Afrika.

Bokobza grüßt einen Alten: „Den haben wir zu einem Musik-Festival eingeladen, er war ganz begeistert.“ Ärgert sich über die Müllabfuhr: „Die haben den Job nur, weil sie am günstigsten sind. Das wollen wir bald selbst besser machen!“ Nickt einem Hauseigentümer zu: „Der will leider nicht langfristig vermieten.“


Ran Dahan in der „Atlas Bar“, die er im Viertel aufgemacht hat. Venn hat ihn beim Businessplan und bei der Finanzierung unterstützt


Neubauten zeugen davon, wie sich der einst marode Stadtteil verändert

Farbbomben an Jom Kippur

Auch wenn Or Bokobza Mieten niedrig halten will, weiß er, dass seine Firma die Gentrifizierung vorantreibt. Er und seine Kollegen versuchen, die alteingesessenen Bewohner einzubinden, statt sie zu verdrängen. An Chanukka besuchten Venn-Mitglieder Senioren, um gemeinsam die Kerzen anzuzünden. Als der Hass auf die Flüchtlinge hochkochte, veranstalteten sie eine Ausstellung mit Diskussionsrunden. Im Tauschladen gibt es keine Kleidung, um dem Secondhand-Laden im Viertel keine Konkurrenz zu machen. An Schabbat veranstalten sie keine Events, um die Orthodoxen nicht zu verprellen. Die Gemeinschaft steht auch Nichtbewohnern offen, zu einem höheren Mitgliedsbeitrag.

Tatsächlich scheinen sich einige der Alteingesessenen dem Venn-Projekt zu öffnen. Sie hätten schon einige der alten Bucharen im Tauschladen stöbern sehen, sagen die Bewohner. Letztens sei einer der Rabbis auf sie zugekommen: Man wolle den Holocaust-Gedenktag gern gemeinsam mit Venn gestalten.

In der Facebook-Gruppe „Shishi Shapira“ dagegen machen Nachbarn das Start-up dafür verantwortlich, dass einer der alten bucharischen Bäcker seine Miete nicht mehr zahlen konnte. Als eine Venn-Mitarbeiterin den neuen Tauschladen bewirbt, lautet ein Kommentar: „Ein weiteres Geschäft, das Venns gemeinnützige Fassade aufrechterhalten soll.“ Ein anderer: „Das ist die Story unserer Generation: Kapitalismus verbrämt mit Sozialromantik.“

Auch die Tür des Hangars, hinter dem sich die Geschäftsräume von Venn verbergen, erzählt von der Ablehnung. Er ist bunt mit Farbe bekleckst. Was zunächst gewollt hip wirkt, ist aus der Not entstanden. Die Mitarbeiter haben damit das Ergebnis einer Farbattacke ihrer Gegner übertüncht. Ausgerechnet an Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung, flogen die Farbbomben.

Den Mitgliedern des Projekts selbst scheint es gut zu gehen. Einer internen Erhebung aus dem Jahr 2018 zufolge waren Venn-Mitglieder etwas glücklicher als andere Stadtbewohner. Wer der Gemeinschaft beitrat, fühlte sich ein halbes Jahr später um 33 Prozent weniger einsam.

Die Gründer allerdings haben ihren Plan, gemeinsam in Shapira zu leben und Kinder aufzuziehen, inmitten von Hühnern und Zitronenbäumen, erst mal auf Eis gelegt. Sie leben inzwischen gar nicht mehr in Israel, sondern sind gerade nur zu Besuch. Sie wohnen jetzt in Berlin und New York, um dort die neuen Venn-Gemeinden aufzubauen. ---


Venn-Mitglieder dekorieren die Mesilat Yesharim Street in Tel Aviv-Jaffa für ein Straßenfest


Hier wird gewohnt, gelebt, gearbeitet, gegründet


Gentrifizierung? Ein renoviertes neben einem baufälligen Haus im Venn-Viertel Rechts:

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