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Wohnungstausch

Unser Autor lebt oft für mehrere Monate in Häusern oder Wohnungen anderer Menschen – während diese seine Wohnung nutzen. Das hat nicht nur sein Verständnis von Besitz verändert – sondern auch seine Art, Koffer zu packen.




• Bald ist es wieder so weit. Von Anfang August bis Ende Oktober werden meine Frau und ich in einem schwarz-roten Holzhaus in Seattle an der US-Westküste wohnen, während das Ehepaar, das dort normalerweise lebt, unsere Berliner Wohnung übernimmt. Seit mehr als fünf Jahren tauschen wir uns so um die Welt. Mexiko, USA, Australien, Spanien, Schweden und Österreich. Nicht permanent, aber mehrmals im Jahr. Manchmal für vier Wochen, manchmal für drei Monate.

Anfangs schien es uns unmöglich, ein Vierteljahr in der Fremde mit nur einem Koffer zu überstehen. Allein die Temperaturschwankungen! „Kann sein, dass gerade noch Schnee liegt, wenn ihr kommt“, informierten uns unsere österreichischen Tauschpartner beispielsweise. „Aber dann wird’s meistens innerhalb von ein paar Wochen richtig warm.“ So kam es dann auch. Die Winterjacken, die wir mitgebracht hatten, hingen, von der ersten Woche abgesehen, drei Monate lang ungenutzt an der Garderobe, bis wir in Shorts und T-Shirt wieder abreisten.

Der Rollenwechsel ist das nächste Problem. Normalerweise soll ein Kofferinhalt ja vor allem eines sein: urlaubsgerecht. Ein Krimi für den Strand, bequeme Schuhe für die Stadterkundung. Wenn man vor Ort lebt und arbeitet, müssen neben der Alltagskleidung aber auch Sportausrüstung, Computer, Arbeitsunterlagen und die etwas repräsentablere Garderobe für einen Geschäftstermin mit. Badehose, Sonnenbrille und sonstige Freizeitutensilien dürfen trotzdem nicht zu Hause bleiben. Es ist ja auch mal Wochenende.

Vor unserem ersten längeren Tausch – es ging drei Monate ins kalifornische Oakland – hätten wir am liebsten ein Umzugsunternehmen bestellt. Oder zumindest sehr viele sehr große Schrankkoffer mitgenommen.

Viele Menschen haben Angst, in der Fremde zu wenig dabeizuhaben. Kürzlich bekannten 62 Prozent aller Teilnehmer einer Umfrage zum Thema „Overpacking“ in den USA, viele Dinge in den Koffer zu stopfen, die sie vor Ort gar nicht brauchten. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, auch für einen dreimonatigen Aufenthalt nicht mehr Gepäck mitzunehmen als für einen Kurzurlaub.

Das liegt auch daran, dass man als Haustauscher viele Dinge der Gastgeber benutzen darf. Klar, das gilt nicht für Badehose oder Hornhautraspel. Aber weder banale Dinge wie Regenschirme noch örtliche Besonderheiten wie Anti-Bärenspray (von unseren kanadischen Tauschpartnern fürsorglich bereitgelegt) mitbringen oder vor Ort kaufen zu müssen, entschlackt das Reisegepäck erheblich.

Wir legen Reiseführer und Stadtpläne für Berlin bereit, unsere Tauschpartner vor Ort die entsprechenden Gegenstücke. Und wenn man sich in den Finger schneidet, weil die Messer dort schärfer sind, als man es von daheim gewohnt ist, braucht man keine eigene Reiseapotheke, sondern darf sich aus dem Medizinschrank ein Pflaster nehmen.

Gerade für junge Familien kann es ein Segen sein, mit jemandem zu tauschen, der Kinder in einem ähnlichen Alter hat. Eine Wickelkommode für Babys, jede Menge Spielzeug für Kleinkinder oder ein Fahrrad für die älteren – all das ist dann schon da. Nichts davon muss man durch Abflughallen oder Bahnhöfe schleppen oder am Reiseziel kaufen.

Wir haben keine Kinder, dafür vielleicht die eine oder andere Macke. So hatte ich vor unserem ersten langen Tausch beispielsweise ernsthaft Sorgen, dass ich es nicht ein Vierteljahr ohne meine Plattensammlung und Bücherregale aushalten würde. Rückblickend war das natürlich völlig unnötig.

Zum einen erlauben Streamingdienste, den eigenen Musikgeschmack heute auch in einer mexikanischen Kleinstadt auszuleben oder die Serienstaffel, die man zu Hause angefangen hat, am anderen Ende der Welt weiterzuschauen – ohne das Gepäck mit einem einzigen Gramm zu belasten. Zum anderen kann es den Horizont erweitern, wenn man statt den E-Books, die man auf dem digitalen Reader dabei hat, auch mal das Bücherregal der Gastgeber inspiziert.

In Oakland fand ich dort beispielsweise den Roman „Telegraph Avenue“ von Michael Chabon. Der, wie ich nach wenigen Seiten feststellte, nur ein paar Hundert Meter von unserem Tauschhaus entfernt spielt. Dadurch bekam ich noch mal einen anderen Blick auf das Viertel. Haustausch bedeutet, für einen gewissen Zeitraum in das Leben von Fremden hineinzuschlüpfen. Ich sehe ihre Familienfotos und Stundenpläne ihrer Kinder am Kühlschrank, ich sehe, wie sie sich eingerichtet haben und lebe dementsprechend. Das hält einen geistig beweglich. Außerdem ist mir dadurch klar geworden, dass die Dinge, die ich um mich herum angehäuft habe und von denen ich dachte, dass sie mich ausmachen, für mich gar nicht so wichtig sind.

„Die Dinge, die du besitzt, besitzen am Ende dich.“ Was klingt wie eine fernöstliche Weisheit von Konfuzius, hat in Wirklichkeit Brad Pitt 1999 in seiner Rolle als Tyler Durden im Film „Fight Club“ gesagt. Ein Appell für weniger Konsum und mehr Minimalismus.

Den hat uns das Tauschen jedoch nicht nur beim Kofferpacken gelehrt: Auch unsere eigene Wohnung wurde nach und nach entschlackt. Da waren die Zeitschriftenstapel, die wir den Tauschpartnern dann ebenso wenig zumuten wollten wie das Knäuel an Ladekabeln, von denen wir nicht mehr wussten, was sie mal geladen haben. Und wir trennten uns von Dingen, damit unsere Gäste ein paar Fächer und Schubladen in unseren Schränken und Kommoden haben, um ihre Kleidung verstauen zu können.

Das Entrümpeln und Aussortieren ist zwar mühsam, aber es wird mit jedem Tausch leichter. Statt sich durch die Aufräum-Bibeln von Marie Kondō zu kämpfen, die das Ausmisten zur heiligen Handlung verklärt, wäre meine Empfehlung, sich bei einer Onlineplattform zum Wohnungstauschen anzumelden.

Tyler Durden würde das gefallen. ---

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brand eins 08/2019 – Mit leichtem Gepäck

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