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Wirtschaftsgeschichte

Ego für alle

Wenn jeder an sich denkt, nutzt das der Gemeinschaft. So dachte Adam Smith – und mehr als 200 Jahre vor ihm der Deutsche Leonhard Fronsperger.





• Auf dem Buch ist der Eigennutz in Person abgebildet: Ein junger Mann sitzt neben einem Baum, mit einer Fleischkeule in der einen Hand und einem noch zu bratenden Vogel in der anderen, vor ihm eine große Flasche. „Alles in meins Sack“, lautet die Aufschrift auf dem Bild.

Das Werk „Von dem Lob des Eigen Nutzen“ wurde 1564 veröffentlicht, und der Autor Leonhard Fronsperger vertritt darin eine These, mit der er seiner Zeit voraus war: Wenn jeder Mensch in seinem eigenen Interesse handle, sei das keineswegs schädlich, sondern fördere das Gemeinwohl. Viele seiner wirtschaftsliberalen Gedanken finden sich 150 Jahre später in Bernard Mandevilles Bienenfabel und mehr als 200 Jahre später in Adam Smiths „Wohlstand der Nationen“ wieder.

Während vor allem Smith als wegweisend für die Ökonomie gilt, blieb Fronsperger weitgehend unbekannt. Warum nahm von seinen Gedanken kaum jemand Notiz? Mit dieser Frage beschäftigen sich Rainer Klump und Lars Pilz, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Frankfurt am Main, in einer kürzlich erschienenen Arbeit. Sie sehen in dem Werk „einen entscheidenden ideengeschichtlichen Wendepunkt in der Frühen Neuzeit“.

Leonhard Fronsperger war Deutscher, er lebte in Ulm. Als Militärexperte befasste er sich mit Kriegsrecht und dem Bau von Schutzwällen, plante aber auch die Versorgung der Armee: Wer liefert wem welche Produkte? Wie organisiert man den Transport? „Das war vermutlich sein Zugang zum Thema Wirtschaft“, sagt Lars Pilz.

Abbildung: © Rijksmuseum, Amsterdam

Um die Zensur zu umgehen, tarnte Leonhard Fronsperger sein Werk als Satire. Dennoch war es ihm damit ernst

Fronsperger war befreundet mit dem badischen Kanzler Oswald Gut. Mit ihm diskutierte er viel über Wirtschaft und, grundsätzlicher, über die Frage, was Menschen antreibt. Bevor Gut starb, bat er den Freund, die gemeinsamen Gedanken aufzuschreiben. „Da Fronsperger aber mehr als zehn Jahre an dem Werk gearbeitet hat, gehe ich davon aus, dass er die gemeinsamen Ideen selbst entscheidend weiterentwickelt hat“, sagt Pilz.

Obwohl Fronsperger Lutheraner war, rieb er sich an manchen Ansichten der Kirche. Im 16. Jahrhundert forderte der Klerus, dass jeder Einzelne im Sinne der Gemeinschaft handeln solle. Fronsperger beobachtete jedoch, dass sich die Menschen in der Realität nur selten so selbstlos verhielten – und fand das nicht schlimm. Mit den wirtschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit war er zufrieden. In Ulm erlebte er die Glanzzeit der Textilindustrie, auch anderen deutschen Städten ging es wirtschaftlich gut.

Aus Fronspergers Sicht ist es völlig in Ordnung, dass der Bauer sein Feld im eigenen Interesse bepflanzt und nicht aus Nächstenliebe. Er verteidigt den Eigennutz mit einer einfachen Logik: Wer etwas erreichen will, professionalisiert sich und überlässt das, was er nicht gut beherrscht, anderen. Es entsteht eine Arbeitsteilung, die insgesamt die Produktivität erhöht. Diese führt auch zu gegenseitiger Abhängigkeit – und damit zu einer harmonischen Ordnung.

Ob alle gleichermaßen vom Wohlstand profitieren, spielte für Fronsperger keine Rolle. „Er stellt die gesellschaftlichen Verhältnisse gar nicht infrage. Ungleichheit war aus seiner Sicht so vorgesehen und keineswegs falsch“, sagt Pilz. Eigennutz führt demnach zu Wohlstand, allerdings nicht für alle.

Um 1776 veröffentlichte Adam Smith sein berühmtes Werk „Wohlstand der Nationen“. Darin argumentiert er ähnlich wie Leonhard Fronsperger: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“

Auch Smith lobt die Arbeitsteilung, sowohl zwischen Gewerben als auch bei den Tätigkeiten zur Produktion eines Guts. Wenn jeder sich auf ein Gebiet spezialisiere, werde er darin geschickter und könne schneller arbeiten. So werde die Produktion gesteigert, was schließlich zu Wohlstand führe.

Die Parallelen sind offensichtlich, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit Zufall. „Es kann nicht sein, dass Adam Smith das Werk Fronspergers kannte. Es wurde nie ins Englische übersetzt, und Smith konnte kein Deutsch“, sagt Lars Pilz. Zudem wurden nur wenige Exemplare gedruckt.

Dass Fronspergers Ideen kaum wahrgenommen wurden, mag daran liegen, dass er nicht als Experte für Wirtschaft galt. Auch die Form seiner Abhandlung ist ungewöhnlich: Er schreibt satirisch, teils lässt er den Eigennutz als Ich-Erzähler sprechen – möglicherweise wollte er so die Zensur umgehen.

Vor allem aber lebte er wohl zur falschen Zeit am falschen Ort: Seine zentralen Thesen widersprachen „dem Menschenbild und den Wirtschaftstheorien der bedeutenden Reformatoren“, schreiben Klump und Pilz. Ungünstig wirkte sich auch aus, dass in vielen deutschen Gebieten die wirtschaftliche Blütezeit mit dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges endete.

In den Niederlanden und in Großbritannien dagegen entwickelte sich eine neue Kultur des Wirtschaftens. So „entstanden dort die bis heute prägenden Werke einer liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie“, schreiben die Ökonomen. Leonhard Fronsperger dagegen geriet in Vergessenheit. ---