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War doch nur gut gemeint

Wie ein Praktikant die Vereinten Nationen blamierte – und unseren Autoren an der Nase herumführte.




• Lügen ist vielleicht ein zu starkes Wort dafür. Gelogen hat er nicht, als wir uns unterhielten, damals über Skype mit einem unscharfen Bild, und er mir seine Geschichte erzählte. Wie es dazu kam, dass er tagsüber im Anzug durch die eindrucksvollen Flure des Palais des Nations lief, als Praktikant bei der UN, und nachts in einem Zelt am Genfer See schlief. Er ließ Dinge aus. Er wusste ja, dass ich nicht über ihn geschrieben hätte, wenn er alle Karten auf den Tisch gelegt hätte.

Nun sitzen wir uns wieder gegenüber. In einer Genfer Bar.Leo David Hyde, 26, Neuseeländer mit blondem Haar und Holzfällerjacke, ist etwas zerknirscht. Nicht weil er es nicht wieder machen würde. Sondern weil es etwas unangenehm ist, jemandem gegenüberzusitzen, dem man einmal falsche Tatsachen aufgetischt hat. Ich habe vor dreieinhalb Jahren über ihn geschrieben, als Journalist. Und er hatte in unserem Interview nicht erwähnt, dass er das alles von langer Hand geplant hatte, dass es eine Inszenierung war, um die UN möglichst schlecht aussehen zu lassen.

Er erzählt mir, wie es dazu kam: „Es war der Sommer nach unserem Uni-Abschluss. Ich hatte Politikwissenschaften studiert, erst in Neuseeland, dann an der Sciences Po in Paris, und war auf Jobsuche. Und alles, was ich fand, waren Praktika. Für Jobanfänger gab es überhaupt keine Ausschreibungen, auf die man sich bewerben konnte. Ich fand das so ungerecht, dass ich mir sagte, dagegen musst du etwas tun. Da kam uns die Idee zu einer Art Protestaktion. Ich bewarb mich zusammen mit meiner Freundin auf Praktika bei Internationalen Organisationen und NGOs. Während des Praktikums wollten wir in einem Zelt schlafen und Medien auf uns aufmerksam machen. Wir wollten ein Bild schaffen, das diesen Gegensatz sofort einfängt: die Marmorflure, die Anzüge – und dann die unbezahlten Praktikanten, die nachts draußen schlafen. Gleich die erste Zusage kam von der UN. Das war natürlich der Jackpot.“

Es war der Sommer 2015, bei den Zeitungen Sommerloch, da tauchte in einer Genfer Lokalzeitung dieses Bild auf: Ein junger, blonder, Mann steht, noch etwas verschlafen, vor seinem kleinen Ein-Mann-Zelt, das er neben einer mit Efeu überwachsenen Mauer aufgestellt hat. Er trägt einen Anzug, marineblau, weißes Hemd. Neben ihm liegt ein Rucksack mit einer Isomatte. Um den Hals hängt ein Bändchen mit seinem UN-Pass.

Hyde hatte da bereits mehr als zwei Wochen im Zelt geschlafen, war morgens in den See gesprungen, um sich zu waschen, hatte sich seinen Anzug angezogen, die Campingsachen zusammengeschnürt und war hinübergegangen zu seinem Arbeitsplatz bei der UN. Nun war die Presse endlich aufmerksam geworden, mit etwas Nachhilfe: Seine Freundin hatte der Zeitung eine E-Mail mit einem Hinweis geschickt. Die Lokalreporter fanden die Geschichte des campenden UN-Praktikanten plausibel. Genf ist eine der teuersten Städte der Welt. Die monatlichen Lebenshaltungskosten für einen Studenten liegen zwischen 1700 und 2800 Schweizer Franken, je nachdem, wie teuer die Wohnung ist. Die Praktika im Büro der Vereinten Nationen in Genf sind, wie bei den meisten ihrer Institutionen, unbezahlt.

Kurz darauf passierte, was gern dann passiert, wenn ein gutes Bild und das große journalistische Sommerloch zusammenkommen: Die Geschichte ging durch die Decke. Die »Washington Post« berichtete, es folgten »Le Monde«, »Daily Mail« und »Economist«. Die »New York Times« redete mit Hydes Mutter, und die »Süddeutsche Zeitung« schickte mich los.

Als ich mit Hyde redete, schien er verzweifelt zu sein. Wir mussten das Gespräch mehrfach unterbrechen, damit er sich sammeln konnte. Ich glaubte, dass seine Verzweiflung daher kam, weil sich ein 22-Jähriger etwas optimistisch in eine Situation begeben hatte, die härter war, als er erwartet hatte. Ich dachte die Verzweiflung von jemandem zu sehen, der durch den Ruf der UN verführt worden war, etwas zu unternehmen, das er sich eigentlich nicht leisten konnte. Ich glaubte ihm jedes Wort.

Darf man für den guten Zweck lügen?

Der Fall von David Hyde begann Druck auszuüben. Der UN-Pressesprecher in Genf hatte – vorsichtig gesagt – eine etwas unglückliche Figur abgegeben, als er die Kritik am unbezahlten Praktikantenprogramm mit dem Hinweis vom Tisch gewischt hatte, wie viel Spaß seine Praktikanten bei der Arbeit hätten: „Sehen Sie, wie sie kichern? Sie haben eine großartige Zeit hier.“ Für einige Tage sah es so aus, als bliebe der Organisation gar nichts anderes übrig, als einen Kurswechsel einzuleiten.

Einen Tag nachdem mein Artikel im Panorama der »Süddeutschen Zeitung« erschienen war, stellte sich Hyde in einer improvisierten Pressekonferenz vor den Sitz der UN in Genf und gab zu, dass es sich um eine Inszenierung gehandelt hatte. Er habe auf die „Heuchelei“ der Vereinten Nationen aufmerksam machen wollen. Darauf, dass sie zwar in ihrer Erklärung der Menschenrechte den Satz stehen habe, dass „jeder, der arbeitet, das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung“ habe, aber gleichzeitig mehrere Tausend Praktikanten in zwei der teuersten Städte der Welt – Genf und New York – nicht bezahlt.

Die Vereinten Nationen sind eine komplexe Organisation, deren Kerngeschäft der Kompromiss ist. Sie soll 193 Staaten zusammenbringen und eine Vision für das globale Zusammenleben entwerfen. Die UN muss immer beides: den Zustand der Welt abbilden und den Anspruch formulieren, wie die Welt zu sein habe. Kein Wunder, dass sie eine unglückliche Figur macht, wenn man sie an ihren eigenen Maßstäben misst. Im Jahr 1996 nahm die UN insgesamt gerade einmal 131 Praktikanten auf. Diese spielten bei der Arbeit eine untergeordnete Rolle. Für Universitätsabgänger waren bezahlte – und natürlich sehr begehrte – Einstiegsjobs die Regel. Seitdem ist die Zahl der Praktikanten enorm gestiegen. 2015 gab es 5538 Praktikanten in der UN und ihren Unterorganisationen, von denen die große Mehrheit, 4395, unbezahlt waren.

Die Sprecherin der UN in Genf, Alessandra Vellucci, verweist darauf, dass die Praktikanten ohnehin nicht da seien, um zu arbeiten, sondern um zu lernen. „Es ist Lernerfahrung“, sagt sie, „und als solche kann sie nicht bezahlt werden.“ Darauf hätten sich die Mitgliedsstaaten geeinigt, die den Etat der UN in den vergangenen Jahren um fünf Prozent gekürzt haben. Vellucci räumt zwar ein, dass Praktikanten gelegentlich Arbeiten übernehmen, die sonst von bezahlten Angestellten erledigt würden, aber es geschehe eben immer aus einer „pädagogischen Perspektive“. Mit demselben Argument könnte man jedem Jobanfänger das Gehalt des ersten halben Jahres verweigern.

Außerdem kam ein UN-Report, der Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, zu dem Schluss, dass die Praktikanten in der UN einen „wichtigen, manchmal einen essenziellen Beitrag zur Qualität der Arbeit“ leisteten.

War Hydes Aktion also gerechtfertigt?

Nachdem er offengelegt hatte, dass es sich um eine Protestaktion handelte, flaute die Aufmerksamkeit schnell ab. Die UN führte danach ein paar Vergünstigungen ein: Die Praktikanten essen inzwischen zum halben Preis in der Kantine, und man bemüht sich, ihnen bei der Suche nach einer Wohnung zu helfen. Aber mehr ist nicht passiert.

Hyde ist in Genf geblieben. Er arbeitet heute für die Internationale der Öffentlichen Dienste, einen globalen Gewerkschaftszusammenschluss, macht Öffentlichkeitsarbeit. Er sagt, dass er sich oft unwohl gefühlt habe während der wenigen Wochen bei der UN. „Das Traurigste war, dass die Leute so bereitwillig geholfen haben.“ Seine Chefin etwa bemerkte, dass er jeden Morgen mit Zelt und Schlafsack zur Arbeit kam, fragte ihn, ob alles okay sei, und bot ihm schließlich an, für ihn eine bezahlbare Wohnung zu finden.

„Dabei wollte ich ja gar kein Mitgefühl oder eine freie Unterkunft. Ich wollte zeigen, dass das Praktikantensystem kaputt ist“, sagt er. Die Hilfsbereitschaft untergrub die politische Aussage, die er machen wollte. „Das war berührend, aber es ist natürlich keine Lösung für den fundamentalen politischen Fehler: dass die Praktikanten, die nicht genügend Geld mitbringen, meistens gar nicht erst kommen. Oder dass sie auf die Hilfe ihrer Kollegen angewiesen sind.“ 40 Prozent der Praktikanten bei der UN kommen aus Europa, nur 8 Prozent vom afrikanischen Kontinent.

Während Unterorganisationen wie Unicef und die WHO ihren Praktikanten inzwischen etwas Geld zahlen, hat sich in der UN selbst bis heute nichts getan. Hyde findet trotzdem, dass die Aktion ein Erfolg war: „Ich glaube, dass das Bild im Kopf der Leute bleiben wird und nicht die Frage, ob ich dabei eine politische Motivation hatte.“

Ich bin nicht sicher, ob mich das überzeugt: dass die Menschen schnell vergessen, was politische Inszenierung ist und was Wirklichkeit. Dass der Unterschied am Ende nicht wichtig ist.

Ich weiß noch, dass ich damals der Ansicht war, dass es zwei komplett unterschiedliche Dinge sind, ob jemand das Campen am Genfer See als politische Aktion inszeniert oder es eine Notlösung ist, weil man nicht genügend Geld hat, sich das Praktikum zu leisten. Hyde sagt, dass er aus einer Mittelschichtsfamilie komme, die weder besonders wohlhabend noch besonders arm sei.

Meine erste Reaktion war Wut. Wut auf ihn und auf mich, weil ich ihm so leichtfertig geglaubt hatte.

Hyde sagt, dass seine Aktion niemandem geschadet habe, dass die Abwägung doch ganz einfach sei: Es habe die Chance gegeben, das Leben mehrerer Tausend Praktikanten zum Besseren zu verändern. „Aber ob es sinnvoll war, müssen jetzt andere entscheiden.“

Was den Nutzen angeht, glaube ich nicht, dass er je eine Chance hatte, eine Reform in den Vereinten Nationen anzustoßen. In einer Organisation wie der UN geht es darum, möglichst viele, sehr skeptische und vorsichtige Menschen zu überreden, einer Reform zuzustimmen, die ihre Länder viel Geld kosten wird. Es braucht dafür einen langen Atem.

Doch einem langen Atem steht nichts mehr im Wege als Unwahrheit am Anfang.

Hyde weiß zum Beispiel noch, dass der unangenehmste Moment für ihn jener war, als er seiner Chefin bei der UN, die ihn die ganze Zeit unterstützt hatte, die Wahrheit sagen musste. Die Lüge stört die Beziehung zu den Menschen in der Organisation, die eigentlich guten Willens sind und hilfsbereit.

Ich musste nach unserem Treffen an ein Zitat von Max Weber denken, der in seinem Essay „Politik als Beruf“ über politische Aktivisten wie Leo David Hyde geschrieben hatte: „Verantwortlich fühlt sich der Gesinnungsethiker nur dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung, die Flamme zum Beispiel des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Sie stets neu anzufachen ist der Zweck seiner, vom möglichen Erfolg her beurteilt, ganz irrationalen Taten, die nur exemplarischen Wert haben können und sollen.“

Mir ist Hydes Idealismus nicht unsympathisch. Er hat mit seinem Hinweis darauf, wie dysfunktional und ungerecht das Praktikantensystem der UN ist, recht. Aber von seinen Mitteln bin ich immer noch nicht überzeugt. ---

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