Sandro Pé

Sandro Plett ist Altenpfleger. Und Werber für einen Beruf, der schlecht bezahlt und wenig geschätzt ist.





• Er sieht müde aus. Kein Wunder, in den vergangenen Wochen war viel los bei ihm. Ausbildungsmessen, Fernsehauftritte, jetzt noch ein eigenes Buch, außerdem renoviert er mit seiner Freundin das Haus, das er hier, in der Nähe von Neuwied, in Rheinland-Pfalz, gekauft hat. Zwischendurch postet Sandro Plett als Sandro Pé Fotos und Videos. Er ist 28 Jahre alt, Altenpfleger und Social-Media-Star: 85 000 Fans auf Facebook, 11 100 auf Instagram, 5000 auf Youtube. Plett spricht über seinen Beruf und darüber, dass Pflegekräfte mehr verdienen müssen. Auf vielen Fotos sieht man ihn mit seinem Großvater. Er hat ihn lange gepflegt und will ihn heute vor seinem Spätdienst im Pflegeheim besuchen, das macht er einmal in der Woche. Es gibt auch Bilder, auf denen Sandro Plett Autogrammkarten verteilt – und viele, viele Selfies.

brand eins: Herr Plett, machen Sie Werbung für die Altenpflege? Oder für sich selbst?

Sandro Plett: Ich vermarkte unter meinem Künstlernamen Sandro Pé meine Person, um Reichweite für das Thema Pflege zu erzeugen. Beides kann man nicht trennen.

Was wollen Sie erreichen?

Ich will zeigen, wie erfüllend der Beruf sein kann und wie wertvoll es ist, alten Menschen zu helfen. Ich möchte junge Leute dafür begeistern. Wir müssen mehr über die schönen Seiten des Berufs reden und weniger jammern. Wenn ihn immer weniger machen wollen, weil er angeblich so furchtbar ist, wird es ja nicht besser. Und ich will diejenigen, die in der Pflege sind, daran erinnern, warum sie sich für diesen Beruf entschieden haben.

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Der Beruf gilt als einer der undankbarsten überhaupt.

Es wird immer nur darüber gesprochen, was alles schlecht ist in der Pflege. Aber es ist ein gutes Gefühl, wenn du nach Hause gehst und weißt, du warst für andere da. Die Menschen freuen sich auf dich. Wir helfen ihnen, und sie sind dankbar. Man kann aber nur schwer in Worte fassen, was dieser Beruf einem gibt, das versuche ich den jungen Menschen auf den Messen zu erklären. Man muss es selbst erleben.

Aber fremde Menschen waschen, füttern, sie nackt sehen – das ist doch nicht ganz einfach, oder?

Das erste Mal, als eine nackte, alte Frau im Heim vor mir stand, fand ich das natürlich schwierig. Aber man lernt, dass das in Ordnung ist, weil man den Menschen hilft und sie bei Dingen unterstützt, die sie nicht mehr allein tun können. Ich bin in diesen Beruf reingewachsen. Und man lernt, umzudenken.

Wie meinen Sie das?

Ich wurde am Anfang oft gefragt, ob ich auch Ärsche abwischen muss. Als Jugendlicher hat das schon an mir gekratzt. Aber Waschen ist nur ein Teil der Pflege. Es geht darum, für die Menschen da zu sein, sie zu versorgen. Klar gibt es solche Momente, in denen man sich daran erinnern muss, warum man das macht. Wenn Menschen eingestuhlt sind, wenn man Wunden behandeln muss, die wirklich extrem aussehen, oder wenn viel zu wenige Leute im Dienst sind. Aber wenn sich eine alte, kranke Hand zu dir reckt, um danke zu sagen, ist das unvergesslich.

Viele der Menschen, um die Sie sich kümmern, sterben.

An den Tod kann man sich nicht gewöhnen. Die Menschen, die man lieb gewonnen hat, fehlen einem. Aber ich hoffe immer, dass sie ohne Schmerzen sterben. Kürzlich war ich dabei, als ein Mensch seinen letzten Atemzug getan hat. In diesem Moment merkt man wirklich, wie eine Seele den Körper verlässt.

Sind Sie gläubig?

Ich gehe sonntags nicht in die Kirche, aber ich glaube schon an eine überirdische Macht und dass die Menschen, die uns verlassen, in eine Umgebung kommen, in der sie geborgen sind.

Warum sind Sie Altenpfleger geworden?

Ich wollte immer was mit Menschen machen, hatte aber falsche Vorstellungen von der Pflege. Ich dachte, man spielt mit alten Menschen „Mensch ärgere dich nicht“ oder geht mit ihnen spazieren. Dass der Beruf sehr viel mehr ist und mich erfüllt, habe ich bei meinem ersten Praktikum im Pflegeheim gemerkt.

Zu wie viel Prozent sind Sie überhaupt noch Pfleger? Und zu wie viel Prozent Blogger?

Im Moment bin ich zu 80 Prozent Pflegekraft und zu 20 Prozent Blogger, aber das schwankt. Manchmal ist es auch 50 zu 50.

Bekommen Sie für Ihre Posts und Marketing-Aktivitäten Geld?

Wenn ich auf Facebook Werbung mache, werde ich dafür bezahlt. Ich habe mal welche für eine Pflegeversicherung der Allianz gemacht, das kennzeichne ich natürlich. Für alle anderen Posts bekomme ich kein Geld. Wenn ich auf Messen oder anderen Veranstaltungen bin, möchte ich dafür bezahlt werden, weil ich an den Tagen nicht arbeite.

Würden Sie das auch machen, wenn Sie damit nichts verdienten?

Ja. Ich will meine Botschaft unter die Menschen bringen.

Sehen Sie sich als die „Stimme der Pflege“?

Ich bin nicht die eine Stimme, es gibt viele unterschiedliche Stimmen in der Pflege. Vielleicht bin ich ein Sprachrohr. Wir Pflegekräfte werden händeringend gesucht, aber unterdurchschnittlich bezahlt. Vielen ist nicht klar, wie viel Macht wir hätten, wenn wir uns gemeinsam wehren würden. Ich sehe meine Aufgabe auch darin, die Kollegen zusammenzubringen.

Wäre es dafür nicht sinnvoller, sich in einer Gewerkschaft zu engagieren? Nur etwa zehn Prozent der Pflegekräfte in Deutschland sind in einem Berufsverband oder in einer Gewerkschaft.

Ich bin auch in keiner. Meine Gewerkschaft ist die Community. Wir halten zusammen und erinnern uns daran, dass wir wertvolle Arbeit leisten. In dieser Gruppe kann ich sagen, was ich will. Ich möchte keiner politischen Gruppe angehören, in der ich nur sagen darf, was zu deren Haltung passt. Das wäre für mein Tun als Blogger nicht sinnvoll.

Es gibt Kollegen, die Ihnen vorwerfen, dass Sie einen starken Geltungsdrang haben und einfach nur viel Geld verdienen wollen.

Das sind Leute, die mir sagen, dass sie mein Gesicht nicht mehr ertragen und dass ich narzisstisch bin. Aber die kennen mich gar nicht! Und wissen auch nicht, wie viel Arbeit das ist. Ein Video muss aufgenommen und geschnitten werden, und wenn ich einen Post absetze, wenn ich irgendwo stehe, heißt das nicht, dass ich den ganzen Tag dort herumstehe.

Löschen Sie unfreundliche Kommentare bei Facebook?

Wenn sie rein persönlich sind, ja.

Und wie viele Stunden pro Tag arbeiten Sie?

Ganz normal sieben Stunden in der Pflege und je nachdem, was ich Social-Media-mäßig mache, noch den Vormittag oder den Abend. Es ist manchmal anstrengend, dieser Sandro Pé zu sein, und es war auch anstrengend, diese Figur aufzubauen.

Wenn man Sie hier im Café erlebt, wirken Sie zurückhaltender als auf Youtube. Wie viel Sandro Plett steckt denn in Sandro Pé?

Ich bin derselbe, ich spiele keine Rolle. Die Leute würden das merken. Wenn es ein Erfolgsrezept von Social-Media-Menschen gibt, ist es ja das Authentische. Aber vielleicht wirke ich in einem Beitrag anders, weil ich mit einem Bild oder mit wenigen Sätzen eine Botschaft transportieren will, die mir wichtig ist.

Hat es Sie verändert, eine öffentliche Person zu sein?

Nein. Mir ist es wichtig, Altenpfleger zu bleiben und nicht zur reinen Werbefigur zu werden. Aber ich bin schon stolz, wenn mir Leute schreiben, dass sie meinetwegen die Ausbildung angefangen haben oder im Beruf geblieben sind. Das lässt mich dranbleiben.

Ihre Botschaften bestehen oft aus sentimentalen Sprüchen. Auf Ihren Autogrammkarten steht: „Es ist ein Unterschied, ob dich ein anderer Mensch nur wäscht und seine Arbeit tut oder dich pflegt und deine Seele berührt.“ Geht es nicht sachlicher?

Es ist mir wichtig, Emotionen anzusprechen. Viele Pflegekräfte stumpfen irgendwann ab und tun nur noch gefühllos ihren Dienst. Aber Gefühle zu zeigen und zu erwidern ist wichtig, gerade bei Demenzkranken. Es geht darum, dass du nicht nur deine zehn Leute wäschst, sondern dich erinnerst, wer gestern geweint hat, und wahrnimmst, wer dich heute braucht. Wir müssen die Menschen emotional erreichen, sonst sperren sie sich und wollen sich nicht versorgen lassen oder verweigern das Essen.

Was mögen Sie an alten Menschen?

Ihre Geschichten. Sie waren mal jung, und eines Tages werden wir sein wie sie. Aber ich finde es schlimm, dass Leute, die noch nie an einem Bett standen und nur an Profit denken, bestimmen, wie mit diesen Menschen umgegangen wird.

Sie setzen sich auch für bessere Arbeitsbedingungen ein. Was sollte sich ändern?

Es muss einen menschenwürdigen und gesetzlich festgelegten Personalschlüssel geben, der bundesweit gilt und eingehalten wird. Ideal wäre es, wenn ein Pfleger fünf Bewohner versorgen würde. Zehn sind es aber fast immer, manchmal auch 20 bis 30, nachts noch viel mehr. Wir brauchen bessere Qualitätskontrollen, weil Einrichtungen, wo die Pflege schlecht ist, gute Noten bekommen, zum Beispiel weil der Garten schön ist. Außerdem muss das Gehalt von Pflegekräften und Pflegehelfern steigen.

Wie viel sollten Altenpfleger verdienen?

Etwa 2000 Euro netto. Im Durchschnitt verdienen Pflegefachkräfte um die 1600 Euro netto als Einstiegsgehalt.

Sie sind vor etwas mehr als einem Jahr zu einer Leiharbeitsfirma gewechselt. Warum?

Ich war fast zehn Jahre lang in dem Pflegeheim, wo ich als Praktikant angefangen habe. Am Ende war ich Wohnbereichsleiter und im Betriebsrat und wollte, dass Dienstpläne mitarbeiterfreundlicher gestaltet werden. Dass man mal ein Wochenende frei hat. Das wollte die Geschäftsführung nicht. Außerdem hat mir die Wertschätzung gefehlt. Ich hatte in einem Jahr oft 200 Überstunden, aber ein Danke habe ich selten gehört.

Und warum kein anderes Heim?

Ich wollte Einfluss auf meinen Dienstplan haben, und ich wollte, dass ein Nein ein Nein ist, und ich nicht doch wieder einspringe, weil ich mich verantwortlich fühle. Außerdem wollte ich sehen, wie andere Heime sind, wo es gut läuft und wo nicht. Deswegen toure ich jetzt durch ganz Deutschland.

In der Pflege versprechen Leiharbeitsfirmen meist ein höheres Gehalt. Wie viel mehr ist es bei Ihnen?

Ungefähr 1000 Euro netto im Monat.

Außerdem haben Sie ein Dienstauto. Ging es Ihnen nicht einfach um mehr Geld?

Nein. Ich möchte, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird und dass ich mehr Freiheiten habe.

Leiharbeit in der Pflege wird kritisiert. Im Umgang mit alten, pflegebedürftigen Menschen seien langfristige Beziehungen nötig – Leute wie Sie sind aber nur für einen kurzen Zeitraum da.

Ich kenne die Kritik, aber frage mich: Kann Bezugspflege stattfinden, wenn eine Pflegekraft für 30 Menschen gleichzeitig da sein muss? Wenn sie von ein oder zwei Zeitarbeitern unterstützt wird, kann sie besser auf den Einzelnen eingehen. Und was ist für die alten Menschen besser: völlig überarbeitete und unmotivierte Pfleger, die nicht mehr können und schlecht gelaunt sind? Oder welche, die besser verdienen, auch mal frei haben und gut gelaunt sind? Ich selbst kann einen anderen Menschen nur glücklich machen, wenn ich selbst glücklich bin.

Sie kritisieren Arbeitsbedingungen, denen Sie sich gerade entzogen haben. Finden Sie das glaubwürdig?

Ja. Ich hätte nicht gekündigt, wenn die Arbeitsbedingungen besser wären. Jeder ist seines Glückes Schmied, und ich finde es besser, für sich einen Weg zu finden, wie man noch lange zufrieden in diesem Beruf arbeiten kann, als in ein paar Jahren wegen Burnout oder schlechtem Gewissen, weil man die Menschen nicht so versorgen kann, wie man es gern würde, an den Nagel zu hängen. Das machen nicht wenige.

Gerade haben Sie sich ein eigenes Haus gekauft. Wäre das auch ohne Social-Media-Aktivitäten und Leiharbeit möglich gewesen?

Ja, das hätte ich mir in der Eifel auch so leisten können. Ein Haus ist wichtig als Altersvorsorge. Wir haben auch ein behindertengerechtes Bad, falls wir mal unsere Eltern zu uns holen.

Wenn Sie alt und krank sind, würden Sie in ein Heim gehen?

Wenn es ein gutes Heim ist, natürlich. Ich will nicht, dass meine Kinder mich pflegen, weil ich weiß, wie viel Arbeit das ist. Ich habe dann mein Leben gelebt, sie sollen ihr Leben leben. Am liebsten wäre ich in dem Pflegedorf, das ich gründen will.

Wie stellen Sie sich das vor?

Ein Ort, wo man schnell in der Natur ist. Dort sollen auch Kinder sein, und alle sollen das Gefühl von Freiheit haben. Der ältere und kranke Mensch und die Pflegekraft sollen sich wertgeschätzt fühlen. Aber selbstverständlich will ich dort auch versorgt und nicht nur in den Wald geschoben werden. ---

Die Branche

Laut der neuesten Statistik arbeiten rund 1,7 Millionen Menschen hierzulande in Pflegeberufen. 1,1 Millionen kümmern sich um Kranke, 600 000 um Alte. Im Schnitt verdienen vollzeitbeschäftigte Altenpfleger etwa 2624 Euro brutto monatlich, Altenpflegehelfer etwa 1870 Euro brutto. Fachkräfte werden in allen Bundesländern gesucht: 2017 waren 23 300 Stellen bei der Bundesagentur für Arbeit ausgeschrieben. Im selben Jahr gab es 3,4 Millionen pflegebedürftige Menschen, 500 000 mehr als 2015. Etwa ein Viertel von ihnen wurde in Heimen versorgt, drei Viertel zu Hause von Angehörigen und ambulanten Pflegediensten. Dem Deutschen Berufsverband für Pflege- berufe (DBfK) zufolge steigt der Anteil von Leiharbeitern in Pflegeheimen seit vier bis fünf Jahren rasant. Das wichtigste Motiv, in die Leiharbeit zu wechseln, sei die „Dienstplan- verlässlichkeit“, sagt Johanna Knüppel, Sprecherin des Verbands. Da sie so gesucht sind, könnten Altenpfleger dies – und oft auch ein höheres Gehalt – bei den Leiharbeitsfirmen in der Regel aushandeln. „Die Einrichtungen müssen das hinnehmen, weil der Druck so hoch ist. Sie müssen Fachkräftequoten einhalten, denn das prüft der Medizinische Dienst der Krankenkassen, bei Nichteinhaltung drohen Sanktionen“, sagt Knüppel. Die Kosten für Leiharbeit würden von den Einrichtungen gelegentlich als Sachkosten abgerechnet, um nicht das Personalbudget zu belasten.

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Marketing.

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