Partner von
Partner von

Emma Braslavsky

Die Schriftstellerin Emma Braslavsky über ihr schwieriges Verhältnis zu Weltverbesserern.





brand eins: Frau Braslavsky, in Ihrem Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ wimmelt es von seltsamen Typen: Tierfreunde, die Menschen in Affen verwandeln wollen; ein Philosoph, der Hormone für die Ursache allen Übels hält und die Menschheit kastrieren will; Umweltschutz-Organisationen, die eigene Staaten ausrufen und eine Weltherrschaft der Nichtregierungsorganisationen anstreben. Was haben Sie gegen diese Leute?

Emma Braslavsky: Das ist etwa so wie die Frage: Was haben Sie gegen Schmerzmittel? Schmerzmittel sind eine Hilfe, aber genau wie Nichtregierungsorganisationen (NGO) behandeln sie nur Symptome. Ich habe nichts gegen Weltverbesserer, das sind ja interessante Leute. Sie werden in meinem Roman auch nicht nur verhöhnt, wer genau liest, spürt meine Verzweiflung. Organisationen wie Greenpeace oder Save the Children kämpfen schon viele Jahre gegen bestimmte Probleme, vermutlich mit allem moralischen Recht. 

Ich will ihre Verdienste nicht schmälern, aber sie erreichen, außer viel Aufmerksamkeit zu schaffen, angesichts des Aufwands, den sie betreiben, viel zu wenig.

Das ist aber nicht Ihr Hauptkritikpunkt.

NGOs sind wie alle Organisationen zuallererst an der Fortsetzung der eigenen Existenz interessiert, die ohne die Missstände gefährdet wäre. Neben der Tatsache, dass Japan jetzt nach 30 Jahren wieder groß angelegten Walfang betreiben will, wäre das Zweitschlimmste, was Greenpeace-Angestellten passieren könnte, eine Welt ohne Umweltprobleme.

Organisationen wollen ihre Aufgabe behalten – was ist so schlimm daran?

Dagegen ist nichts zu sagen. Nur vergessen wir beim Thema Weltverbesserung, dass dahinter auch ein profitables Konzept und ein Produkt steht – und stehen muss. Bei Waschmaschinenherstellern oder Pharmakonzernen kämen wir nicht auf die Idee, einen weltverbessernden Aspekt wahrzunehmen, dabei kommt kein moderner Mensch mehr ohne Schmerztabletten oder Vollwaschautomaten aus.

Eine Ihrer Romanfiguren, ein pensionierter argentinischer General, spendet sein Vermögen für eine Umweltschutz- und Aussteiger-Initiative namens Better Planet. Vor seiner Pensionierung war er für schreckliche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, jetzt will er sich ein gutes Gewissen erkaufen. Ist das mehr als eine groteske Zuspitzung?

Was diese Figur macht, ist im Kern eine moderne Form des Ablasshandels. Aber so funktioniert es ja wirklich. Vor Weihnachten kommen immer diese Bettelbriefe von durchsichtigen und undurchsichtigen Organisationen, die allen möglichen Bedürftigen helfen oder das zumindest behaupten. Das ist ein Geschäftsmodell. NGOs sind neben Wirtschaftsunternehmen und staatlichen Einrichtungen zu einem dritten Sektor mit massiven Eigeninteressen herangewachsen.

Wie sieht das Geschäftsmodell Ihrer Ansicht nach aus?

NGOs produzieren Aufmerksamkeit und verkaufen ihren Kunden ein gutes Gefühl. Bei Automobilherstellern können Sie als Kunde ein Auto kaufen. Bei den entsprechenden Initiativen können Sie ein gutes Gewissen kaufen und zum Beispiel das Versprechen, dass jemand dafür sorgt, dass der ökologische Schaden, den Ihr Auto anrichtet, irgendwie wieder ausgeglichen wird, zum Beispiel durch eine Spende für den Erhalt des Regenwaldes. NGOs verkaufen uns das Gefühl, dass es okay ist, wie wir leben. Wir müssen nichts ändern und sind trotzdem moralisch auf der richtigen Seite.

So kann man mit gutem Gewissen weiterkonsumieren?

Menschen tun immer das, wovon sie sich einen Nutzen für sich selbst versprechen. Das kann durchaus auch etwas Mildtätiges sein, wenn man sich selbst damit aufwerten kann. Natürlich ist das eigennützig. Moral ist nur das abgetragene Kleid, hinter dem wir unseren Egoismus verstecken, am besten auch vor uns selbst. Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert.

Moral ist eine Waffe, die von Kirchen und Ideologen genutzt wird, um Menschen zu erpressen und sie davon abzuhalten, ihre Interessen zu vertreten. Oft wird Moral einfach mit Kooperation verwechselt. Wenn ich mit anderen zusammenarbeiten will, sollte ich mich aus ganz egoistischen Motiven anständig verhalten, sonst kooperieren die anderen irgendwann nicht mehr mit mir. Das ist eine Frage der Vernunft, nicht der Moral.

Haben Sie für Ihren Roman bei NGOs recherchiert?

Meine Recherche betraf eher andere Disziplinen, aber ein Ausgangspunkt war ein bizarres Erlebnis, das ich in den Neunzigerjahren hatte. Mit einem Forschungsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war ich zwei Monate in Vietnam und recherchierte über die Perspektiven von Straßenkindern. Ich habe mir angesehen, wie große Hilfsorganisationen wie Unicef oder Save the Children mit ihnen arbeiteten. Ich war davon überzeugt, dass die NGOs mit den besten Absichten ihre Arbeit machen.

Das glaube ich im Prinzip immer noch, aber wenn man näher hinsieht, wird es kompliziert. Das Problem ist nicht nur, dass Mitarbeiter der Hilfsorganisationen in diesen armen Ländern zum Teil sehr komfortabel und privilegiert leben und dass immer wieder Skandale hochkommen, etwa wenn NGO-Mitarbeiter Hilfsbedürftige sexuell missbrauchen. Es gibt eine Art NGO-Kolonialismus.

Was hat Sie konkret gestört?

Das Erste, was mir auffiel, waren die ordentlich gebügelten Hemden, lauter Menschen, die in ihren NGO-Büros an ihren Computern Statistiken erstellten. Das ist ja nicht falsch, ich habe nichts gegen gebügelte Hemden. Die Frage ist, ob das den Straßenkindern hilft.

Je länger ich in den Büros dieser Wohltätigkeitskonzerne war, desto deutlicher wurde der Eindruck, dass die Berichte an die Zentrale, die Statistiken, die Legitimation der eigenen Arbeit, die Informationen für potenzielle Spender das Wichtigste sind. Ich bezweifle nicht, dass zum Beispiel Save the Children Straßenkindern hilft. Aber mein Eindruck in Vietnam war, dass die konkrete Hilfe vor allem ein Mittel zum Zweck ist, um weitere Spendenflüsse und öffentliche Gelder zu sichern, die den ganzen Apparat aufrechterhalten. Zugespitzt könnte man sagen, die Straßenkinder sind in diesem Geschäftsmodell so etwas wie Mitleidslieferanten. Sie sichern den Hilfsorganisationen, die dieses Mitleid bewirtschaften und monetarisieren, die nötigen Ressourcen, um den eigenen Apparat zu unterhalten.

Ist es nicht kleinlich, den NGOs vorzuwerfen, dass sie genau wie Regierungen und Unternehmen mit Statistiken arbeiten?

Statistiken? Kein Ding, natürlich sollen sie ihre Statistiken erarbeiten, aber geht die Arbeit darüber hinaus? Verändert sie in der Praxis etwas an den herrschenden Bedingungen?

Lassen sich Ihre Einzelbeobachtungen in Vietnam wirklich so radikal verallgemeinern?

Wir sprechen hier ja über die Liebelei zwischen Wirtschaft und Moral, die inzwischen auch auf jedes reine Wirtschaftsunternehmen übergegriffen hat. Wenn Sie diese oder jene Baumwollunterwäsche tragen, dann verbessern Sie ganz praktisch die Welt, nicht wahr? Egal ob das Liebestöter sind oder Tangas.

Mir geht es nicht darum, die Arbeit jedweder NGO schlecht zu machen, mir geht es darum zu zeigen, dass Moral nicht den Nutzen hat, den wir in ihr sehen wollen. Bei der Menge an aktiven NGOs weltweit, die seit gefühlten Ewigkeiten gegen Kinderarmut, Hunger, Korruption, Gewalt, Missbrauch, Menschenrechtsverstöße, Rassismus, Umweltzerstörung oder Terrorismus kämpfen, muss man nicht nur fragen dürfen: Warum wird es auf diesem Planeten bloß immer schlimmer? Sondern auch: Wer sind wir eigentlich, dass wir NGOs für die Wahrung unserer Rechte brauchen?

Was ist die Alternative? Sollten Bürger wohlhabender Länder zum Beispiel nicht für Straßenkinder in Vietnam spenden?

Ich war im Süden des Landes bei einer kleinen, privaten Organisation, die sehr direkt hilft, die Christina Noble Children’s Foundation. Sie baut und unterhält Krankenhäuser und Schulen, eine Initiative von engagierten Privatleuten. Was ich da sah, war echte, pragmatische Hilfe ohne einen großen bürokratischen Apparat, der sich zuerst selbst versorgen und legitimieren muss. Gegen lokale Hilfe ist wirklich nichts zu sagen – aber am Großen und Ganzen wird das nichts ändern.

In Ihrem Roman konkurrieren die fiktiven, globalen Hilfsorganisationen ohne Rücksicht auf Verluste um Spendengelder, Aufmerksamkeit, Macht – ist das nicht etwas übertrieben?

Die Fähigkeit, Themenfelder zu identifizieren, mit denen sich Spendengelder generieren lassen, ist eine Kernkompetenz jeder NGO. Auch gut gemeinte Aktionen von ihnen können fatale Folgen haben. Ich war in Vietnam in einer Einrichtung, die mir die Tränen in die Augen getrieben hat. Weil westliche NGOs einen besseren Rechtsstatus und das Recht auf Schulbildung für Straßenkinder gefordert hatten, wurden Straßenkinder von den Behörden in diese sogenannte „Schule Nummer drei“ gesperrt. Das war fast eine Art Kindergefängnis. Der Hauptzweck bestand offenbar darin, dass die Kinder nicht mehr auf der Straße herumlungern. Eine Folge meiner Recherche war, dass ich aufgefordert wurde, das Land eine Woche früher als geplant zu verlassen.

Sie sind als Schriftstellerin ebenfalls Spezialistin im Erzeugen von Aufmerksamkeit. Sind Ihnen NGOs näher, als Ihnen lieb ist?

Absolut. Ich brauche die Desperados und die Krisen, wie die NGOs sie brauchen. Worüber sollte ich sonst schreiben? Aber wenigstens behaupte ich nicht, mit meinen Romanen die Welt zu retten.

Aber Sie geben „Ratschläge zur Verbesserung der Weltlage“ auf dem Suhrkamp-Blog in Form von Einkaufstipps.

Das stimmt. In der „Warenwelt der Wunder“ empfehle ich absurde Produkte, zum Beispiel eine Nothing-Box. Da ist nichts drin, aber wenn man sie schüttelt, hört man Geld klimpern. Etwas Besseres kann es für Leute, die alles haben, nicht geben.

Spenden Sie selbst?

Ich spende jedes Jahr an Wikipedia, weil ich es toll finde, dass es Leute gibt, die dafür sorgen, dass ich alle möglichen Informationen einfach abrufen kann. ---

Emma Braslavsky, 1971 in Erfurt geboren, ist seit 1999 freie Autorin. Ihr Debütroman „Aus dem Sinn“ wurde 2007 mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Über ihren 2016 erschienenen Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ schrieb Peter Henning auf »Spiegel Online«: „Jeder fünfte Satz ein Knalleffekt, jedes neue Kapitel ein Anschlag auf die Fantasie.“ Emma Braslavsky lebt in Berlin.

Lust auf mehr?

Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Marketing.

Digitalausgabe kaufen
Printausgabe bestellen