Der Judo-Trick

Die Rechte erstarkt. Gut meinende Menschen protestieren wütend gegen die Feinde der offenen Gesellschaft – und gehen ihnen damit auf den Leim. Raffinierter Widerstand wäre besser.





• Beginnen wir mit drei Kurzgeschichten, die exemplarisch zeigen, wie westliche Gesellschaften nationalistischen Tendenzen begegnen können.

Bananen – Tuba – Wollmützen

Sonnabend, 15. November 2014, Wunsiedel: Wieder einmal marschieren Hunderte Neonazis durch den oberfränkischen Ort, wo der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß sein Grab hatte. Doch statt Gegendemonstration und Sitzblockaden bietet sich den Rechten dieses Mal ein anderes Bild: Am Streckenrand liegen Bananen und Energieriegel für sie aus, auf Plakaten werden sie angefeuert. Engagierte Bürger hatten Unternehmer aus der Region dazu gebracht, für jeden von den Rechten zurückgelegten Meter zehn Euro für das Neonazi-Aussteigerprogramm Exit zu spenden. Am Ende kommen 10 000 Euro zusammen – die rechten Marschierer waren gegen ihre eigene Sache angetreten.

Sonnabend, 18. Juli 2015, Carolina: Rund 2000 Anhänger des Ku-Klux-Klans sowie der National Socialist Movement Party demonstrieren gegen das Einholen der Konföderiertenflagge vom Dach des South Carolina State House. Nach der Ermordung von neun Schwarzen war die Fahne der ehemaligen Südstaaten vom Regierungssitz des Bundesstaats entfernt worden. Im Verlauf der Kundgebung entsteht ein Video, das weltweit Beachtung findet. Es zeigt, wie die Rechtsextremisten zu den Klängen eines Tuba-ähnlichen Blasinstruments namens Sousafon marschieren. Der Musiker Matt Buck begleitet sie mit einem Mix aus Zeichentrickfilm-Melodie und Richard Wagners „Ritt der Walküren“. Die klangliche Untermalung macht aus der Machtdemonstration der Nazis eine putzig-tapsige Parade.

Donnerstag, 16. November 2017, Wien: Einige ältere Frauen gründen eine Facebook-Gruppe, um Mitstreiterinnen für eine Protestaktion gegen das Erstarken der Rechten zu gewinnen. Aus der Initiative formiert sich wenige Tage später das Bündnis „Omas gegen rechts“. Sie schreiben einen Protestsong, veröffentlichen diesen im Internet, setzen sich auffallende Wollmützen auf und beteiligen sich an Demonstrationen. Es gibt europaweit Resonanz, die Omasgegen rechts finden Gleichgesinnte in vielen Ländern und werden zur Marke. Die Senioren verkörpern das sympathisch-zuversichtliche Symbol einer offenen und freien Gesellschaft.

Keine gute Idee: den Gegner imitieren

In der Regel dominieren aber Empörungsrituale, und Spitzenpolitiker wie Martin Schulz („Misthaufen der Geschichte“) oder Johannes Kahrs („Hass macht hässlich“), beide SPD, springen in der Auseinandersetzung mit der AfD erstaunlich bereitwillig über hingehaltene Stöckchen. Sie übernehmen in Rhetorik und Gestus, wogegen sie sich eigentlich wenden wollen. Damit tragen sie zur Verfestigung jener Muster bei, die einer freien Gemeinschaft die Legitimation entziehen sollen.

Besonders erfolgreich sind totalitäre Bewegungen dann, wenn sich ihre Gegner ihnen anverwandeln. Wenn gegen AfD-Funktionäre gehetzt wird, wenn sie denunziert oder gar tätlich angegriffen werden, dann geht die Saat auf, die von den Feinden der Freiheit selbst gesät wird. Ihr Ziel: Im glühenden Antifaschismus soll das Feuer des Faschismus wieder auflodern.

Wer solche Verstrickungen nicht einkalkuliert, erliegt einer Illusion: Je größer die Emphase im Kampf gegen rechts, desto wahrscheinlicher werde das Gute siegen. Das Gegenteil ist der Fall: Aufwallung bedeutet Verlust an Sensibilität, an Gespür für die Komplexität der Welt.

Noch immer dominiert die Vorstellung einer Ordnung, in der die Welt in links und rechts aufgeteilt ist. Und nach wie vor herrscht die Meinung, dass Linke tendenziell mit dem Guten und Rechte tendenziell mit dem Bösen verschwistert seien. Doch gerade der Aufstieg der neuen Rechten, die sich heute gern kostümieren wie Linke und deren Aktionsformen kopieren, zeigt, dass diese Begriffe nicht mehr taugen. Im Kern geht es vielmehr um die Frage, ob sich eine regressiv-aggressive oder eine progressiv-pluralistische Politik durchsetzt.

Verwandle negative Energie in positive

Regressiv und aggressiv ist eine Politik der Angst. Sie folgt dem Modell der Abschottung. Wie das Kind, das einer angeblich übermächtigen Gefahr ausgesetzt ist, kapselt sie sich ein. Oder aber sie schlägt zu. Aus dem Quengeln folgt die Gewalt. Diese Politik will zerstören, was ihr als bedrohlich erscheint. Damit aber demonstriert sie der Allgemeinheit, dass sie kein Vertrauen in ihre eigenen Stärken besitzt. Ja, eine solche Politik misstraut ihrem eigenen Anliegen: Sie setzt auf Aktionismus, weil es ihr an Souveränität fehlt.

Eine progressive und pluralistische Politik schöpft aus anderen Quellen. Sie weiß um ihre eigene Bedingtheit und erkennt, dass sie auf Voraussetzungen beruht, die sie selbst nicht garantieren kann. Das sensibilisiert sie für Zwischen- und Grautöne. Das Machtstreben einer solchen Politik ist nicht autoritär. Stattdessen setzt sie auf Beteiligung der vielen und auf Ermächtigung der bislang Stillen.

Deshalb sind die drei Geschichten lehrreich. Wem es gelingt, Rechtsextremisten gegen sich selbst demonstrieren zu lassen, der hat begriffen, dass Gewalt nicht mit Gegengewalt neutralisiert werden kann. Der, so die Organisatoren, „unfreiwilligste Spendenlauf Deutschlands“ funktioniert wie Judo: Man arbeitet nicht gegen, sondern mit der Aggression der anderen, um sie gegen diese zu wenden.

Wer sich also der Schwäche der ausgestellten Stärke bewusst ist, muss weder zurückbrüllen noch zurückschlagen. Nur so werden zivilgesellschaftliche Kräfte wirksam, ohne dabei zu verrohen. Die mittlerweile zahlreichen und erfolgreichen Rechts-gegen-rechts-Aktionen führen nicht nur das militante Schaulaufen ad absurdum, sondern widerlegen auch all diejenigen, die meinen, lauter, greller, aggressiver protestieren zu müssen, je lauter, greller und aggressiver ihre Gegner auftreten.

Gefühl statt Härte

Ähnliches gelang dem Sousafon-Spieler Matt Buck mit seiner musikalischen Subversion. Heute nutzen Musiker weltweit seine Strategie und untermalen ähnliche Aufmärsche mit einem Sound, der die Auftritte ins Lächerliche kippen lässt.

Die Omas gegen rechts nutzen die Macht der Ironie und die Mittel des Marketings. Ihnen ist jede Aggressivität fremd. Die unbeschwerte Fröhlichkeit des Alters demonstriert souveräne Gelassenheit und entlarvt so den Gegner. Diese Initiative schafft, woran andere Gruppen scheitern: Sie ermuntert ältere Frauen, sich am Protest zu beteiligen, und ermächtigt bislang Stumme. Mit diesen Menschen artikuliert sich eine Generation, die die Schrecken des 20. Jahrhunderts noch am ehesten aus eigener Erfahrung kennt.

Diese Geschichten zeigen, wozu zivilgesellschaftliches Engagement in der Lage ist – sofern es seine Stärken ausspielt. Die drei Protestformen zeichnen sich durch strategische Starrköpfigkeit aus: Sie sind immun gegen die Versuchung, sich ihren Gegnern anzugleichen. Ihre Sturheit ist von hoher produktiver Qualität. Im Unterschied zum politisch naiven Protest befördern die neuen Varianten das, wofür sie stehen, und stärken, was sie überhaupt erst ermöglicht. Ihre Raffinesse und soziale Intelligenz sollten Maßstäbe gesellschaftspolitischer Aufklärung sein. ---

Dr. Daniel Hornuff ist habilitierter Kulturwissenschaftler und vertritt derzeit die Professur für Theorie und Praxis der Gestaltung an der Kunsthochschule der Universität Kassel

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Marketing.

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