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Bakteriophagen – Phagomed Biopharma

Ein Wiener Unternehmen hat eine Alternative zu Antibiotika entwickelt.




• Eine Frau, der eine Amputation drohte, habe ihr Bein behalten können. Einige Patienten, die lange krank waren, hätten sich erholt. Der deutsche Arzt Burkhard Wippermann berichtet gern von den Erfolgen, die er mit einem ungewöhnlichen Mittel erzielt habe: mit Viren. Sie heißen Bakteriophagen, kommen in der Natur vor und sind für Menschen harmlos. Sie heften sich an die für sie spezifische Bakterienart und injizieren ihre DNA in die Wirtszelle. Diese produziert daraufhin neue Phagen, das Bakterium platzt auf und setzt die Phagen frei – der Krankheitserreger ist zerstört.

Wippermann musste vor jeder Behandlung seine Haftpflichtversicherung kontaktieren. Denn es gibt noch kein Zulassungsverfahren für Bakteriophagen als Therapie beim Menschen. Für Pharmaunternehmen ist die Methode daher bislang uninteressant. Manchmal riet die Versicherung ihm von einer Behandlung ab.

Den Arzt nervte das. Mit seinem Schwiegersohn Alexander Belcredi und dessen Freund Lorenzo Corsini, beide berieten Pharmafirmen bei der Boston Consulting Group, gründete er 2017 die Firma Phagomed Biopharma in Wien. Ihr Plan: Phagen sollen zur Medizin von morgen werden. Sie wollen damit eine Lösung für die weltweite Antibiotikakrise finden.

Immer mehr Bakterien lassen sich nicht mehr mit Antibiotika bekämpfen, weil sie gegen diese resistent geworden sind. Besonders groß ist das Problem in Krankenhäusern. Gängige Antibiotika helfen Patienten, die sich mit multiresistenten Keimen infiziert haben, oft nicht mehr, Erreger, die als unbedenklich galten, werden wieder lebensbedrohlich. Fast 33 000 Menschen starben 2015 in der Europäischen Union an derartigen Keimen.


Phagen kommen sogar gegen Krankenhauskeime an.

Die Vereinten Nationen setzen große Hoffnungen in Phagen, um die drohende Rückkehr längst besiegter Krankheiten abzuwenden. Die Wiener Gründer haben bereits vier Millionen Euro Startkapital vom österreichischen Staat und von privaten Investoren für Phagomed Biopharma erhalten. Ende 2018 gewannen sie den österreichischen Gründerpreis Phönix, auch die Zulassungsbehörden signalisierten Offenheit ihrer Idee gegenüber.

„Das größte Risiko für Arzneien ist, am Ende wegen inakzeptabler Nebenwirkungen durchzufallen. Dieses Risiko haben wir nicht“, sagt Corsini. Die ehemaligen Ostblockstaaten etwa nutzen Phagen seit Jahrzehnten erfolgreich, weil sie während des Kalten Krieges kaum Antibiotika aus dem Westen hatten. Bisher sind keine Nebenwirkungen bekannt. Das Einzige, was fehlt, um aus den Viren ein Medizinprodukt zu machen, sind klinische Studien.


In der Petrischale schwimmen Bakterien, die von den PM-398-Viren zerstört werden

Die Gründer aus Wien gehen davon aus, dass Phagen 2021 in Europa zugelassen sind und wollen ihr Medizinprodukt bei Massenanwendungen einsetzen: bei Hüft- und Knie-OPs, bei Blaseninfektionen. Millionen Deutsche tragen künstliche Hüft- und Kniegelenke, Herzschrittmacher, Katheter und andere Medizintechnik. Die Gefahr ist groß, dass resistente Keime dabei auf der Oberfläche einen sogenannten Biofilm bilden, der sie zusätzlich vor Angriffen schützt. Fünf Prozent der Knie- und Hüftoperierten ziehen sich so innerhalb von zehn Jahren schwerwiegende Infektionen zu. Phagen könnten diese verhindern, zeigen erste Studien.

Bis 2030 wollen Belcredi und Corsini mit ihren Phagen 60 Millionen Euro bei Hüfte und Knie umsetzen, 220 Millionen bei der Blase und 590 Millionen bei einer Anwendung, über die sie nicht sprechen wollen. Wegen der Konkurrenz. Inzwischen gibt es weltweit vier Ausgründungen, die die Viren zu Arzneien entwickeln wollen. „Als Naturprodukt lassen sich Phagen nicht patentieren“, sagt Belcredi. Aber das Patent als Anfangsschutz werde auch überbewertet. „Man kann genügend andere Schutzzäune etwa für den Herstellungsprozess errichten.“

Belcredi führt ins Labor. Er zieht sich blaue Füßlinge, Handschuhe und einen weißen Kittel an und hebt eine Styroporschachtel von einem Schrank. „Do not trash“ – „nicht wegwerfen“, hat jemand darauf gekrakelt. Die Schachtel ist der eigentliche Schatz des Unternehmens: Sie enthält zwei Dutzend schmale Gefäße, in denen jeweils zwei Phagen schwimmen. Die Wiener haben sie PM-398 genannt. Die Viren stammen aus Klinikabwasser. Wo Keime sind, tummeln sich auch deren Feinde.

Belcredi zeigt in einem Video, was PM-398 kann: Auf schwarzem Grund sind Hagelkörner zu sehen, MRSA-Bakterien, ein gefürchteter multiresistenter Krankenhauskeim, gegen den viele Antibiotika versagen. Dann kommt PM-398: Im Zeitraffer werden die Bakterien zerstört, es sieht aus, als würden die Hagelkörner aus dem Bild springen.

In Kombination mit einem Antibiotikum können die Viren 97 Prozent der Bakterien vernichten, wie Phagomed zeigte. Ein Antibiotikum allein schafft wegen des Biofilms nicht einmal drei Prozent.

Das ist das eigentlich Spektakuläre: Bakteriophagen wirken bisherigen Studien nach allein schon ganz passabel. Aber noch sehr viel wirksamer sind sie im Zusammenspiel mit Antibiotika. ---

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Marketing.

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