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„Alle sollen sehen: Es geht“

Ein Smartphone, das möglichst ohne die Ausbeutung von Mensch und Natur produziert wird – das ist die Idee von Fairphone. Warum das Vorhaben nur langsam vorankommt und dennoch eine ganze Industrie verändern soll, erklärt die Chefin Eva Gouwens.




brand eins: Frau Gouwens, Fairphone hat Ende des vergangenen Jahres sieben Millionen Euro Kapital eingesammelt, zusätzlich erhielt Ihr Unternehmen Kredite in Höhe von 13 Millionen Euro. Was haben Sie mit dem Geld vor?

Eva Gouwens: Wir müssen wachsen, um unser Ziel zu erreichen. Nur wenn unser Einfluss größer wird, können wir verändern, wie Smartphones und andere elektronische Produkte heute hergestellt werden. Da läuft nämlich vieles falsch.

Wieso ist es aus Ihrer Sicht so schwierig, faire Elektronik herzustellen?

Weil die Lieferketten hochkomplex sind. Um ein Smartphone zu bauen, braucht man unglaublich viele Zulieferer, die in der Regel selbst Zulieferer haben, die dann zum Teil noch Subunternehmer beschäftigen – und alle sind weltweit verteilt. Es ist extrem aufwendig, zu prüfen und zu gewährleisten, dass jedes Unternehmen gute Arbeitsbedingungen bietet und Rohstoffe einsetzt, die nicht aus Kon- fliktregionen stammen.

Läuft Ihr Unternehmen mit einer Wachstumsstrategie nicht Gefahr, so zu werden wie die Konzerne, denen Sie vorwerfen, unfair zu sein?

Das ist eine Herausforderung, keine Frage. Bleiben wir aber in der Nische, können die großen Unternehmen sagen: Was ihr macht, ist ja nett, aber für uns funktioniert das nicht. Deshalb müssen wir in der Praxis zeigen, dass unsere Art des Wirtschaftens innerhalb dieser Industrie skalieren kann. Alle sollen sehen: Man kann sich der Aufgabe stellen, eine fairere Industrie aufzubauen, und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich sein.

Ihre Produkte sind aber noch nicht zu hundert Prozent politisch korrekt.

Ja, das ist auch kein Geheimnis. Aber wir sind auf dem Weg dahin. Wir versuchen, jeden Tag besser zu werden.

Wenn Sie Ihr Versprechen nicht einlösen – wie wollen Sie da neue Zielgruppen für Ihr Produkt begeistern?

Indem wir transparent sind. Eine faire Smartphone-Produktion aufzubauen ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die sehr lange dauert. Wir geben Fehler und Unvollkommenheiten daher zu und diskutieren sie. So machen wir unsere Kunden zum Teil des Veränderungsprozesses. Tatsächlich habe ich aber schon oft gedacht: Meine Güte – warum haben wir unser Smartphone „Fairphone“ genannt? Der Name impliziert ja, dass man schon zu hundert Prozent fair ist.

Ist die Gruppe der Kunden, die alles über die Lieferketten und ihre Probleme wissen wollen, groß genug, um Ihr Unternehmen wachsen zu lassen?

Ziemlich sicher nicht, aber ohne diese „dunkelgrüne Zielgruppe“ könnten Unternehmen wie Fairphone gar nicht erst entstehen. Der nächste wichtige Schritt im Marketing ist jetzt, die größere hellgrüne Zielgruppe zu erschließen. Also diejenigen, die zwar nicht alles im Detail verfolgen und wissen wollen, uns aber über Freunde, Eltern oder aus den Medien kennen, gut finden und unsere Bewegung unterstützen wollen.

Es soll technische Probleme geben mit dem Fairphone. Verzeihen diese Kunden so viel, wie Ihre Unterstützer der ersten Stunde?

Nein, das tun sie nicht. Jedenfalls wollen wir uns darauf nicht verlassen. Wir investieren daher viel, um unser Smartphone noch zuverlässiger zu machen. Es darf kein Kompromiss zwischen Funktionsfähigkeit und Fairness sein, den die Kunden eingehen müssen. Auf der anderen Seite haben wir aber nicht die Ressourcen, über die Apple, Samsung und andere verfügen. Ich möchte daher nicht zu viel versprechen – denke aber, dass wir auf einem guten Weg sind.

Marketing heißt, möglichst einfache Botschaften zu kommunizieren – die Lieferkette eines Smartphones ist hochkomplex. Wie geht das zusammen?

Das ist ein Spagat. Unser Marketing muss die Zusammenhänge etwas vereinfachen. Wenn man erst mal ein Studium in nachhaltiger Smartphone-Wirtschaft abschließen muss, um zu verstehen, was wir tun, werden wir es schwer haben, neue Kunden für uns zu begeistern. Aber wir bieten eben auch Informationen für die Kunden und Industriepartner, die mehr wissen wollen.

Sind sich Ihre Kunden bewusst, dass sie Teil eines großen Experiments sind?

Den aktuellen Kunden ist das klar. Aber auch die neuen Zielgruppen sollen das wissen. Deshalb müssen wir auch transparent sein. Den Kunden muss klar sein, was unser Ziel ist und was die Realität. Wir können leider noch nicht alle Ziele umsetzen.

Zum Beispiel wurde die Ersatzteilproduktion für das Fairphone 1 gestoppt.

Das war hart. Wahrscheinlich sogar der härteste Moment in der Geschichte unseres Unternehmens. Unser Zulieferer hat plötzlich entschieden, die Teile nicht mehr herzustellen. Wir haben nicht das Geld für ein schnelles Re-Design des Smartphones, mit dem wir die alten Komponenten gegen neue hätten austauschen können. Daher konnten wir das nicht auffangen. Wir helfen unseren Kunden jetzt bei Reparaturen und bieten ein Onlineforum an, wo ausrangierte Modelle zum Ausschlachten getauscht werden können.

Kann das beim Fairphone 2 auch passieren?

Wir haben unsere Lektion gelernt und bauen mithilfe der neuen Finanzierung einen größeren Vorrat an Ersatzteilen auf. Das ist zwar auch nicht optimal, da dann viel Kapital im Regal herumliegt, aber die Verfügbarkeit von Ersatzteilen ist der Schlüssel, um unsere Smartphones länger in Nutzung zu halten. Darüber hinaus bleibt es unser Ziel, die Industrie zu verändern.

Wann werden Sie das geschafft haben?

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich da prognostizieren kann. Ich weiß nur, dass wir weitermachen, unseren Einfluss vergrößern wollen und auch versuchen werden, Bündnisse mit den großen Unternehmen zu schmieden. Wenn nur ein paar große Player unserem Weg folgen, kann es schnell gehen. Im Geschäft mit fairer Schokolade passiert das gerade. Und wenn die Sache einmal fliegt, ist sie kaum noch zu stoppen. ---

Eva Gouwens, 43, ist seit September 2017 Managing Director des niederländischen Smartphone-Herstellers Fairphone. Zuvor hat sie bei Tony’s Chocolonely gearbeitet, einem niederländischen Unternehmen, das fair hergestellte Schokolade verkauft. Auch das Fairphone soll möglichst ohne Ausbeutung von Mensch und Natur produziert werden.

Das modulare Smartphone

Gute Arbeitsbedingungen bei der Förderung der Rohstoffe und in der Produktion unterscheiden das Fairphone von anderen Geräten. Seine Bauweise macht es langlebig: Komponenten wie Display, Kamera, USB-Anschluss und Akku sind als getrennte Module eingesetzt, der Kunde kann sie selbst austauschen. Recyceln kann man das faire Smartphone – wie sämtliche Elektronik – bislang jedoch nur teilweise und mit hohem Aufwand.

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Dieser Artikel stammt aus dem brand eins Magazin zum Schwerpunkt Marketing.

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