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Wie man gordische Knoten löst

Um ein komplexes Problem zu überwinden, braucht es: Menschen, die sich dieser Sache verschreiben, den Mut, ausgetretene Pfade zu verlassen, Geduld sowie die Bereitschaft, auf Gegner zuzugehen. Ein Blick in die Geschichte zeigt zudem, dass einmal erreichte Lösungen immer mal wieder auf die Probe gestellt werden.




Der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken begann bereits im 17. Jahrhundert. Nachdem die Briten das katholische Irland unter ihre Herrschaft gebracht hatten, siedelten sie im Norden der Insel protestantische Landsleute an. Eine Reihe diskriminierender Gesetze sollte die Macht zusätzlich sichern: Bald durften Iren weder wählen noch ein öffentliches Amt ausüben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts riefen die Unterdrückten immer lauter nach einer Loslösung vom Vereinigten Königreich. Im Jahr 1919 rief die katholische Sinn-Féin-Bewegung die unabhängige irische Republik aus, die Briten erklärten diese umgehend für illegal. Daraufhin begannen irische Kämpfer einen Krieg gegen die Machthaber. Zwei Jahre später erklärten sich die Briten zu einem Kompromiss bereit: Sie entließen den südlichen Teil der Insel in die Unabhängigkeit, der nördliche verblieb in ihrer Hand. Dort vertieften sich die Spannungen zwischen katholischen Nationalisten, die eine Vereinigung mit dem Süden (der heutigen Republik Irland) anstrebten, und protestantischen Unionisten, die Teil des Vereinigten Königreichs bleiben wollten. Seit dem Ende der Sechzigerjahre trugen die Kontrahenten ihre Konflikte immer öfter mit Gewalt aus: Es kam zu Straßenschlachten und Attentaten. Die wichtigsten paramilitärischen Organisationen: die Provisional Irish Republican Army (IRA), deren Anhänger für ein vereintes Irland kämpften, und die Ulster Defence Association (UDA) auf Seiten der Unionisten. Auch die britische Armee griff mehrfach ein. Bis zum Karfreitagsabkommen 1998 starben im Nordirlandkonflikt etwa 3500 Menschen.

In den Achtzigerjahren begannen Großbritannien und die Republik Irland, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher – die als Konservative eigentlich Sympathie für die Unionisten hatte – war klar geworden, dass der Konflikt im Königreich nur in Zusammenarbeit mit den Iren gelöst werden konnte. 1985 verabschiedete sie gemeinsam mit Garret Fitzgerald, dem irischen Ministerpräsidenten, das anglo-irische Abkommen. Es räumte Irland erstmals eine Vermittlerrolle im Konflikt ein.

Gleichzeitig begannen in Nordirland geheime Gespräche zwischen zweien, die eigentlich das Gleiche wollten, jedoch völlig andere Vorstellungen davon hatten, wie sie ihr Ziel erreichen könnten. Anders als der Sinn-Féin-Vorsitzende Gerry Adams strebte sein politischer Kontrahent, der Sozialdemokrat John Hume, nach einer friedlichen Wiedervereinigung mit Irland. In jahrelangen Verhandlungen schaffte Hume es, Adams von Friedensgesprächen zu überzeugen: Die IRA rief 1994 eine unbefristete Waffenruhe aus. Doch dem Nachfolger Thatchers, John Major, reichte das nicht: Die katholischen Paramilitärs sollten alle Waffen abgeben. Dazu war die IRA nicht bereit. 1996 griff sie den britischen Erzfeind in seiner Hauptstadt an: In London starben zwei Menschen durch ein Bombenattentat – die Waffenruhe war vorbei.

Die Wahl des Labour-Vorsitzenden Tony Blair im Jahr 1997 zum Premierminister brachte die Wende. Anders als die Tories, die eher auf der Seite der Unionisten standen, hegte die Labour-Partei Sympathien für die Belange der irischen Bevölkerung. Schon kurz nach seiner Wahl begann Blair Verhandlungen mit Sinn Féin – dieses Mal ohne Bedingungen. Nun legte die IRA erneut die Waffen nieder, sodass Ende 1997 alle politischen Vertreter der Konfliktparteien zu Verhandlungen zusammenkamen. Am 10. April 1998 unterzeichneten Blair, sein irischer Amtskollege Bertie Ahern sowie die Führer der nordirischen Parteien das Karfreitagsabkommen. Damit verzichtete Irland offiziell auf den Anspruch einer Wiedervereinigung mit Nordirland. Jedoch blieb der Zusammenschluss möglich, sollte sich eine Mehrheit der Nordiren dazu bekennen. Als Kompromiss erhielten die Nordiren die Möglichkeit, zusätzlich zum britischen auch einen irischen Pass zu beantragen. Die paramilitärischen Gruppen stimmten zu, sich zu entwaffnen. Den Tätern auf beiden Seiten sicherte man im Gegenzug Amnestie zu.

Nach all den Jahren und dem vergossenen Blut waren die Nordiren den Krieg leid: In einem Referendum im Mai 1998 stimmte eine Mehrheit für das Abkommen. Im Jahr 2002 entschuldigte sich die IRA erstmals für ihre Taten, seit 2005 gilt sie offiziell als entwaffnet. Bis heute erkennen allerdings zwei ihrer Splittergruppen den Frieden nicht an.

Auf protestantischer Seite dauerte es weitere fünf Jahre, bis die UDA Anfang 2010 ihre Waffen abgab. Die beiden wichtigsten Parteien, die protestantische Democratic Unionist Party (DUP) und die katholische Sinn Féin, leiteten die Regierungsgeschäfte viele Jahre gemeinsam. Im Januar 2017 zerbrach die Koalition, seitdem ist Nordirland ohne Regierung.

Das Karfreitagsabkommen brachte Frieden nach Nordirland, wenn auch einen kalten – die Wunden auf beiden Seiten sind noch nicht verheilt. Die Mehrheit der Katholiken und Protestanten besucht unterschiedliche Schulen, lebt in unterschiedlichen Wohngebieten und engagiert sich in unterschiedlichen Vereinen.

Aktuell streut der Brexit Salz in alte Wunden: Für die Katholiken wäre eine harte Grenze zwischen Nordirland und Irland inakzeptabel, würde sie ihr Ziel einer Wiedervereinigung doch in weite Ferne rücken.

Anfang dieses Jahres explodierte in der nordirischen Stadt Derry (Londonderry) eine Autobombe, drei Monate später kam es dort zu schweren Ausschreitungen, bei denen eine Journalistin getötet wurde – für beides macht die Polizei extreme Splittergruppen der IRA verantwortlich. Die Mehrheit der Nordiren reagierte mit Entsetzen auf die Vorfälle.

20 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen liebt man sich vielleicht nicht, aber man hat sich miteinander arrangiert – und den Frieden zu schätzen gelernt.

Als der Ingenieur Thomas Midgley im Jahr 1929 eine Gruppe sehr stabiler Gase herstellte, griff die Industrie seine Innovation dankbar auf. Bald fanden sich Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) als Kühlmittel in Kühlschränken, als Treibmittel in Spraydosen – und in der Atmosphäre. Die FCKW zerfallen nur sehr langsam, manche Stoffe benötigen bis zu einem Jahrhundert. Währenddessen schädigen sie die Ozonschicht, die Menschen, Tiere und Pflanzen vor der ultravioletten Strahlung der Sonne schützt. Diese Erkenntnis stellten Frank Sherwood Rowland und Mario Moline, zwei Chemiker der University of California, bereits 1974 auf – anfangs ohne nennenswerte Resonanz.

Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern und Umweltaktivisten initiierte Rowland eine Kampagne gegen die gefährlichen Gase, die von der »New York Times« und anderen amerikanischen Medien aufgegriffen wurde und damit ins öffentliche Bewusstsein rückte. Auf diesen Druck hin verbot die US-Regierung unter Jimmy Carter 1977 FCKW in Spraydosen – als weltweit einziger Staat. Und damit die heimische Industrie nicht darunter litt, übten die Amerikaner Druck auf den Rest der Welt aus, es ihnen gleichzutun. Schon bald folgten Länder mit ausgeprägtem Umweltbewusstsein wie Schweden und Norwegen sowie Kanada dem amerikanischen Vorbild. Da die FCKW vielfältig einsetzbar waren, sträubte sich die Industrie in vielen anderen Ländern, auch in Deutschland, weiter gegen ein Verbot. Stattdessen versuchten Lobbyisten, die Chemiker zu diskreditieren – unter anderem sei Frank Sherwood Rowland Mitglied des sowjetischen Geheimdienstes, der den Kapitalismus zerstören wolle.

Es dauerte elf Jahre, bis die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen FCKW und der Ozonschicht weltweit ernst genommen wurden: 1985 entdeckten Forscher des Britischen Antarktis-Dienstes einen großen Riss in der Atmosphäre oberhalb des Südpols, das sogenannte Ozonloch. Die Öffentlichkeit war schockiert, Forscher warnten vor erhöhten Hautkrebsrisiken und Umweltschäden. Das zwang die übrigen Industrieländer dazu, die Lösung des Problems mit voranzutreiben. Im September 1987 unterzeichneten 46 Staaten im kanadischen Montreal das erste multilaterale völkerrechtsverbindliche Umweltabkommen der Geschichte. Das Montrealer Protokoll verpflichtete die Industrieländer dazu, nach Alternativen für die ozonschädigenden FCKW zu suchen und deren Einsatz bis Ende 1995 zu beenden. Für die Entwicklungsländer galt eine verlängerte Frist bis Januar 2010.

Das Montrealer Protokoll gilt heute als Vorzeigevertrag der internationalen Staatengemeinschaft: Alle 197 Nationen haben das Protokoll ratifiziert, der Ausstoß der FCKW ging bis 2004 um 97 Prozent zurück. Eine Studie der UN-Agenturen für Meteorologie und Umwelt bestätigte im Herbst 2018, dass die Bemühungen erfolgreich waren. Die Ozonschicht erholt sich, wenn auch langsam: Das Ozonloch über der nördlichen Halbkugel könnte sich schon in weniger als 20 Jahren schließen, für die Südhalbkugel rechnen die Forscher mit einer längeren Regenerationszeit bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts. An den Polen wird sich die Ozonschicht voraussichtlich erst in den 2060er-Jahren vollständig erholen.

Also alles gut? Nicht ganz, denn anscheinend halten sich nicht alle Staaten an die Abmachung: Im vergangenen Jahr bemerkten US-amerikanische Forscher verdächtig hohe Mengen einer längst verbotenen FCKW-Substanz in der Atmosphäre. Etwa 40 bis 60 Prozent davon sollen aus dem Nordosten Chinas stammen. Das Gas wird wohl dafür sorgen, dass sich das Ozonloch noch langsamer regeneriert.

Zudem schädigen viele der FCKW-Alternativen die Ozonschicht zwar nicht, aber sie verstärken die Erderwärmung. Die Kigali-Vereinbarung, die in diesem Jahr in Kraft getreten ist, soll das Problem lösen. Der US-Präsident Donald Trump sträubt sich allerdings dagegen, dieses Folgeabkommen zu unterschreiben; die Vorreiterrolle der USA in Umweltfragen ist vorbei.

Trotz der Verstöße und Nebenwirkungen zeigt das Montrealer Protokoll, dass sich komplexe Probleme lösen lassen, wenn ein starker Player das will und es überzeugende Alternativen gibt.

Zinsgünstige Kredite im Gegenzug für wirtschaftliche Reformen – das war in den Achtzigerjahren das Patentrezept der Weltbank, um die Armut zu bekämpfen. Anfang der Neunzigerjahre erkannte man, dass diese Rechnung nicht aufging: Statt zurückzugehen, nahm die Armut in vielen Entwicklungsländern zu. Im Jahr 1990 lebte dort fast jeder zweite Bewohner von weniger als 1,25 Dollar am Tag, auf 1000 Lebendgeburten kamen 90 tote Kinder, mehr als eine Milliarde Menschen hatte keinen eigenen Trinkwasseranschluss.

Das Ende des Ost-West-Konflikts sowie die wachsende wirtschaftliche Verflechtung zwischen den Ländern eröffnete neue Handlungsspielräume der Entwicklungszusammenarbeit. Vielen Politikern wurde klar: Komplexe Probleme kann man nicht national lösen. Und es herrschte eine Aufbruchsstimmung, die sich in den zahlreichen Weltkonferenzen der Neunzigerjahre widerspiegelt.

1997 wurde der Ghanaer Kofi Annan zum ersten schwarzen Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt. Der charismatische Berufsdiplomat propagierte in seiner Antrittsrede große Ziele: Die Welt sollte endlich denjenigen helfen, die in der größten Not waren. Die Armut in der Welt zu reduzieren war Annan ein besonderes Anliegen, für das er sich unermüdlich einsetzte. Unter seiner Federführung fand im Jahr 2000 der Millenniumsgipfel im UNO-Hauptquartier in New York statt. Niemals zuvor waren so viele Staatsoberhäupter zusammengekommen, alle 189 Mitgliedsstaaten waren vertreten. Gemeinsam verabschiedeten sie die Millenniums-Deklaration: ein Aktionsplan, der acht konkrete, messbare Ziele enthielt, die bis zu einem festen Termin, dem Jahr 2015, erreicht werden sollten. Der Anteil der Bevölkerung, der unter extremer Armut und Hunger litt, sollte halbiert werden, die Kinder- und Müttersterblichkeit um zwei Drittel beziehungsweise drei Viertel gesenkt werden. Auch die Ausbreitung von Aids wollte man stoppen, während bereits Erkrankte eine bessere Behandlung erhalten sollten.

Zwischen 1990 und 2015 wurden weltweit gewaltige Fortschritte erzielt. So konnte die Zahl der Menschen in den Entwicklungsländern, die von weniger als 1,25 Dollar pro Tag leben, von 47 Prozent auf 14 Prozent gesenkt werden. Zudem fiel die Zahl der HIV-Neuinfektionen zwischen 2000 und 2013 um rund 40 Prozent. Andere Ziele verfehlte die Staatengemeinschaft jedoch, etwa bei der Bekämpfung der Kinder- und Müttersterblichkeit.

Zudem steht die Datenerhebung der Vereinten Nationen immer wieder in der Kritik: In vielen Ländern gibt es keine verlässlichen Erhebungen, sodass einige Daten lediglich auf Schätzungen beruhen. Ein weiteres Problem ist, dass sich die regionalen Unterschiede nicht in den Ergebnissen widerspiegeln. Dass nur noch 14 Prozent der Menschen von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben, liegt auch am starken wirtschaftlichen Wachstum in China – in Subsahara-Afrika lebten 2015 immer noch mehr als 40 Prozent in extremer Armut. Und während die weltweite Zahl der Menschen, die hungern, fast halbiert wurde, ist die Zahl der unterernährten Personen in den Ländern südlich der Sahara zwischen 1990 und 2015 um 44 Millionen Menschen gestiegen.

Trotz all dieser Schwächen zeigt die Millenniums-Deklaration die Vorteile klar formulierter, messbarer Ziele: Sie bieten Orientierung, motivieren zu größeren Anstrengungen und geben Aufschluss darüber, welche Bemühungen erfolgreich waren. Der Kampf gegen die Armut ist noch lange nicht gewonnen. Weitere Ziele formuliert die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, die Anfang 2016 in Kraft trat. 2030 sollen beispielsweise Armut und Hunger Geschichte sein, jeder Mensch soll einen lebenslangen Zugang zu Bildung haben. Dass das erreicht wird, erscheint unwahrscheinlich – doch die Staatengemeinschaft kann einer gerechten Welt näherkommen. Mit ehrgeizigen, aber leicht verständlichen Plänen, die abstrakte Probleme greifbar machen. ---