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Was Wirtschaft treibt

Rettung für die Übersehenen

Kindern sieht man Unterernährung oft nicht an. Das ist fatal, denn sie kann ihr Gehirn schädigen. Die App Child Growth soll Abhilfe schaffen.




• Als die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, sieht man eine Frau und sieben Kinder in der Hütte. Alam-Ara Seikm, 32, rührt in einem Topf, der auf einem provisorischen Gaskocher in der Ecke steht. Ein Junge schaukelt eine Wiege, ein Mädchen im Teenager-Alter hat ein Baby auf dem Arm, dazwischen spielen die anderen Kinder auf dem Boden.

Die Familie lebt in einem Slum in Mumbai. Der Vater verkauft Kebab, verdient aber zu wenig, um die Familie ausreichend zu versorgen. Die beiden kleinsten Kinder sind schwer unterernährt. Dass das entdeckt wurde, ist schon ein Erfolg. Unterernährung erkennt man oft nicht, die Kinder wachsen einfach langsamer, sehen aber nicht ausgezehrt aus. Aber für die Entwicklung eines Gehirns kann dieser Zustand sehr schädlich sein.

In Indien soll nun eine App dabei helfen, unterernährte Kinder zu finden. Child Growth Monitor heißt sie, die Software basiert auf maschinellem Lernen und Augmented Reality. Schon ein kurzer Scan soll zeigen, ob ein Kind betroffen ist.

Kanti Gopal Pasi besucht die Familie regelmäßig, so auch heute. Sie arbeitet für die internationale Hilfsorganisation „Action Against Hunger“ und hat die Mutter schon während ihrer beiden früheren Schwangerschaften begleitet. Sie war diejenige, die entdeckt hat, dass die beiden jüngsten Kinder unterernährt sind. Als die Mutter die Besucherin sieht, dreht sie die Flamme des Gaskochers aus und setzt sich mit ihr auf den Boden.


Fast 40 Prozent aller Kinder in Indien wachsen langsamer, weil sie nicht genug zu essen bekommen.

Alle Kinder unter sechs Jahren in Indien sollen künftig mithilfe der App auf Unterernährung getestet werden

Die Hilfsorganisation beteiligt sich – wie auch die Welthungerhilfe – an der Entwicklung der App. Mit ihr sollen in Indien künftig alle Kinder unter sechs Jahren auf Unterernährung getestet werden. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen könnten die Kinder dann zum Beispiel bei einem Hausbesuch wie diesem mit einem Smartphone scannen. Die App bildet den Körper in einem 3D-Modell ab, berechnet Größe und Gewicht – und zeigt ihnen an, ob das Kind unterernährt ist.

Kanti Gopal Pasi und ihre Kolleginnen sammeln gerade Daten, mit denen sie die App trainieren. Dazu müssen sie die Kinder analog und digital vermessen. In der engen Hütte kann sie nur den Oberarm-Umfang der Kinder mit einem Maßband prüfen, eine verbreitete, aber ungenaue Methode. Für die App braucht sie exakte Daten. Deshalb bittet sie die Mutter, mit ihren Kindern ins Büro der Organisation am Rande des Slums zu kommen. Dort könnten sie gemessen und gescannt werden. Dass sie mangelernährt sind, ist bekannt. Doch an diesem Tag taucht die Familie nicht im Büro auf.

Ende 2019 soll der Child Growth Monitor in die Beta-Phase gehen, Anfang 2021 reif sein für den Markt. Förderer hat die Technik schon jetzt, bevor sie überhaupt die Alpha-Phase erreicht hat. Microsoft hat zu Weihnachten 2018 die Spenden seiner Mitarbeiter gesammelt und verdreifacht – insgesamt kamen 93 000 Euro zusammen – und Speicherplatz auf seiner Cloud-Plattform Azur gespendet. Das World Food Programme hat 100.000 Dollar beigesteuert, die britische Telefongesellschaft GSMA 300.000 Pfund. Die Boston Consulting Group hat das Projekt kostenlos analysiert und Mitarbeiter zur Recherche vor Ort geschickt. Ihr Fazit: Wenn die App in vielen Ländern zum Einsatz kommt, wird sie einen großen Beitrag leisten, das Ziel der Vereinten Nationen zu erreichen – eine Welt ohne Hunger bis 2030.

Die großen Hoffnungen seien berechtigt, sagt Robert Johnston von Unicef. Der amerikanische Ernährungsforscher beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Unterernährung erkannt werden kann, an der Entwicklung der App ist er nicht beteiligt. „Das aktuelle System funktioniert nicht besonders gut“, sagt er, „die Daten sind ungenau und unvollständig.“ Das betreffe nicht nur Indien, wo er gerade forscht, sondern auch Südamerika, Südostasien und afrikanische Länder. Damit die App etwas bewirken könne, müssten genügend Helfer damit ausgestattet werden, sagt er. Dann würde sie den Kampf gegen die Unterernährung revolutionieren. Er hält das für realistisch, denn die Augmented-Reality-Technik werde bald auf nahezu jedem Smartphone laufen.

Als die Mitarbeiterin von Action Against Hunger aus der Hütte hinaustritt, steht sie zwischen den schiefen Häuserwänden des Slums. Es riecht nach Urin und Müll, die ohnehin schon schmalen Wege ersetzen die Kanalisation. Die Hütte der Familie mit den sieben Kindern ist neben dem Eingang von außen markiert. UAFZD steht dort in knallroter Farbe, darunter 42. Gopal Pasi erklärt, was das bedeutet: Action Against Hunger Foundation, Zone D, Haus 42. Mit der roten Markierung machen die Mitarbeiter sichtbar, wo Familien leben, die von Unterernährung betroffen oder bedroht sind. Viele Eingänge sind inzwischen rot gekennzeichnet.

Die indische Regierung ist kein großer Fan der Aktivitäten der Hilfsorganisation, vor allem stört sie der Name, Action Against Hunger. Denn offiziell gibt es im aufstrebenden Indien das Problem nicht. Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, sagt: Die indische Regierung finanziere zwar „wichtige Hilfsprogramme“, um die 200 Millionen unterernährten Menschen im Land zu unterstützen, „aber es fällt ihr nicht leicht anzuerkennen, dass der Hunger ein riesiges Problem ist“.

Indien hat ein ehrgeiziges Raumfahrtprogramm und ist eine der größten Volkswirtschaften der Welt – aber wenn es darum geht, die eigene Bevölkerung zu ernähren, schneidet das Land schlecht ab. Laut Welthunger-Index: Rang 103 von 119. Die Sterblichkeitsrate von unter Fünfjährigen ist zwar auf rund vier Prozent gesunken, aber fast 40 Prozent aller Kinder entwickeln sich wachstumsverzögert, weil sie nicht genug zu essen kriegen.

„Vermutlich waren auch die größeren Kinder schon unterernährt“, sagt Gopal Pasi über die Familie, die sie gerade besucht hat. Nur hatten damals noch keine Helfer Zugang zum Slum, die Mutter und ihre sieben Kinder waren übersehen worden. Das passiert häufig, auch wenn staatliche Vorsorgeprogramme es eigentlich verhindern sollen.

Offiziell wird in Indien seit 1974 jedes Kind regelmäßig gewogen und gemessen, bis es sechs Jahre alt ist. Doch es fallen immer wieder Kinder durchs Raster. Wer bei Hausbesuchen nicht anwesend ist, wird ausgelassen. Und manchmal sind staatliche finanzierte Einrichtungen auch nicht sonderlich daran interessiert, unterernährte Kinder zu entdecken.


Mit Infrarotsensoren nimmt das Tablet das Kind auf, die Software errechnet daraus ein 3D-Modell, das aus vielen Punkten besteht

Die Messungen sind oft falsch

Laut Zahlen der Welthungerhilfe, die die Boston Consulting Group vor Ort erhoben hat, stimmt das Ergebnis nur bei 35 Prozent der Kinder, die auf Unterernährung untersucht werden, bei ebenso vielen ist das Ergebnis falsch – und 30 Prozent von ihnen werden erst gar nicht getestet. Die Hilfe des Staates und der Nichtregierungsorganisationen erreicht also nur wenige.

Der Code am Haus der siebenfachen Mutter sorgt dafür, dass ihre Kinder nicht mehr übersehen werden können. Aber um festzustellen, wie gravierend der Zustand ihrer Kinder tatsächlich ist, braucht die App Daten, und zwar sehr genaue. Dann kann der Hunger gezielter bekämpft werden.

An der Entwicklung der Software arbeitet Markus Matiaschek. Der Deutsche hat den Child Growth Monitor erfunden – bei einem Innovationswettbewerb der Welthungerhilfe 2016. Seine Idee gewann, sodass er seinen Job in einer IT-Firma kündigte, um seine Vision zu verwirklichen. Dafür bekommt er Geld von der Welthungerhilfe. Seitdem hat er sich viel mit Künstlicher Intelligenz (KI) beschäftigt und weiß, dass die App nur mit vielen exakten Daten funktioniert. Werden die Kinder nicht auf den Millimeter genau gemessen, kann Unterernährung übersehen und die Ergebnisse der KI verzerrt werden, was das System nutzlos macht. Aber das mit den Daten ist in Indien nicht unbedingt einfach, wie seine Reise in die ländliche Realität zeigt.

Um fünf Uhr morgens bricht er auf, um den Stau in Mumbai zu umgehen, der nie ganz abebbt. Es dauert dennoch fünf Stunden, bis er das 150 Kilometer nördlich entfernte Dorf Mokhada erreicht hat. Hier ist von der Großstadt nichts mehr zu spüren. Die Straßen gleichen Feldwegen, teils Trampelpfaden.

Im hiesigen Büro von Action Against Hunger besprechen zehn Mitarbeiter gerade den Tag, als Matiaschek ankommt. „Hier sind die Tablets, die funktionieren nicht mehr“, sagt der Programm-Manager Barada Mahapatra zur Begrüßung. „Hm, voll“, murmelt Matiaschek. Die Mitarbeiter haben die Scans der Kinder gespeichert und die dazugehörigen Messdaten, die sie von Hand erhoben haben. Eigentlich hätten die Daten regelmäßig in die Cloud übertragen werden sollen. „Kann ich mal das WLAN-Passwort haben?“ „Das WLAN funktioniert nicht.“ „Okay, dann mobiles Internet“, sagt Markus Matiaschek und eröffnet einen Hotspot auf seinem Smartphone – dann stockt er. Das Gerät zeigt eine Upload-Rate von 20 Kilobyte pro Sekunde an. „Das ist wie bei einem Modem aus den Achtzigerjahren.“ Doch jedes Tablet hat 46 Gigabyte an Daten gesammelt. Die muss er irgendwie aus deren Speicher bekommen.

„Offline first“, das ist an sich das Ziel von Markus Matiaschek. Eine App, die nur mit Internet funktioniert, ist im ländlichen Indien wertlos. Noch aber müssen die Messdaten der Kinder das Gerät verlassen, damit die App aus ihnen lernen kann. Matiaschek lädt die Daten erst mal auf eine mobile Festplatte und gibt die Tablets zwei Mitarbeitern der Hilfsorganisation, die schon startbereit mit einem Motorrad vor dem Haus stehen. Der Fahrer trägt einen Rucksack vor dem Bauch, darin ist die Waage, sein Beifahrer hievt sich einen riesigen Rucksack auf den Rücken, er enthält das Größenmessgerät. Sie fahren eine halbe Stunde über staubige Straßen in das Dorf Chas.

Dort arbeitet Action Against Hunger wie in vielen ländlichen Regionen mit den staatlich finanzierten Anganwadi-Zentren zur Kindesentwicklung zusammen. Dort gibt es unter anderem eine medizinische Grundversorgung. Kaum sieht die Mitarbeiterin den Besuch, ruft sie: „Essen! Messen! Kommt Kinder!“ Innerhalb von Sekunden strömen alle unter Sechsjährigen in das Zentrum. Große Geschwister tragen Babys, Erwachsene sind nicht zu sehen. Die Mitarbeiterinnen schnappen sich ein Kind nach dem anderen: Zuerst muss es sich in das Größenmessgerät stellen. Zwei Frauen halten das Kind fest, eine drückt die Füße an die Wand, die andere hält den Kopf gerade, dann schieben sie eine Holzplatte von oben auf den Kopf. Das Kind schreit und windet sich, aber die beiden Frauen können die Größte unterhalb der Platte auf den Millimeter genau ablesen. Dann stellen sie es auf eine Waage.

Foto: © Lys Arango 2017

Von vorn, von hinten, einmal drehen – so werden die Kinder vermessen

Auch das Smartphone soll Kinder testen können

„Schwer akut mangelernährt“ notieren die Mitarbeiterinnen dann, „moderat akut mangelernährt“ oder „gesund“. Wer unter der Norm bleibt, bekommt eines der Päckchen, die die Hilfsorganisaton in einer Ecke des Raumes lagert. „Ready-to-use Therapeutic Food“, eine Art Erdnussbutter-Paste, 540 Kilokalorien, plus Vitamine und Mineralstoffe.

Zusätzlich scannen die Mitarbeiter von Action Against Hunger die Kinder mit der App. Dazu halten sie ein Tablet so vor das Kind, als wollten sie es fotografieren. Sobald der Körper des Kindes in einen grünen Rahmen passt, beginnt ein Scan von ein paar Sekunden. Das Kind wird von vorn und von hinten aufgenommen und während es sich um sich selbst dreht. Der Prozess dauert eine knappe Minute. „So einfach könnte es in Zukunft sein“, sagt Matiaschek. Keine schweren teuren Waagen, keine Größenmessgeräte, keine zappelnden Kinder mehr. „In Indien hat fast jeder ein Smartphone, Eltern könnten das sogar selbst machen.“

Das Tablet scannt das Kind mithilfe eines Infrarotsensors, das System errechnet daraus ein 3D-Modell. Es erkennt, an welchem Ort sich das Kind befindet, außerdem Körperteile wie Schultern, Ellbogen, Knie, Kinn und Füße. Die Algorithmen gleichen die Daten der Scans mit denen ab, die die Helfer per Hand eingeben. So finden sie Muster in den Daten. Bis jetzt sind 7000 Scans und Messwerte in das System eingeflossen, bis Ende 2020 sollen es 210.000 sein.

Markus Matiaschek glaubt, dass sich die App von selbst tragen wird. „So viele haben daran Interesse, dass Mangelernährung entdeckt wird“, sagt er, „die Hilfsorganisationen, die WHO und viele Staaten.“ Denn die bisherigen analogen Messmethoden seien zeitaufwendig, fehleranfällig und teuer. Eine portable Messlatte kostet etwa 200 US-Dollar, eine geeichte Personenwaage mehr als 300 Dollar – ein Tablet nur um die 300 Euro. Außerdem soll die Software auch auf Smartphones laufen. Zahlen sollen NGOs und Regierungen für sie.

Drei Stunden werden die Kinder im Dorf Chas gemessen. Ein Dreieinhalbjähriger wiegt unter neun Kilogramm, ein Fünfjähriger knapp zwölf. Keines der Kinder sieht auffallend dünn aus, doch die meisten werden im kritischen Bereich vermerkt. Als die Kinder anschließend ihr staatlich gesponsertes Mittagessen bekommen – ein Ei, Linsen und Reis –, hat die Künstliche Intelligenz 15 Datensätze mehr, aus denen sie lernen kann. ---