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Social Media

Die fröhliche Aktivistin

Die US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez ist dank der sozialen Medien zum Idol einer ganzen Generation geworden. Ein analytischer Blick auf ihre Twitter-Kunst.





• Von politischen Feinden wurde das „Mädchen aus der Bronx“, wie sich die Kongressabgeordnete der Demokraten gern selbst nennt, schon oft persönlich angegangen. Im Januar 2019 machte auf Twitter ein zusammengeschnittenes Video die Runde. Die Aufnahmen stammen aus einem Youtube-Beitrag, den Alexandria Ocasio-Cortez vor vielen Jahren mit Freunden von der Boston University aufgenommen hatte. Ausgelassen stellen sie auf einem Dach eine Tanzszene aus dem Film „The Breakfast Club“ nach.

Der Anonymus, der den Zusammenschnitt in Umlauf gebracht hat, schrieb: „Hier ist Amerikas Lieblings-Commie-Besserwisser beim Tanzen wie ein ahnungsloser Dummkopf“. Er wollte die Politikerin bloßstellen. Doch der Schuss ging nach hinten los.

Ocasio-Cortez nutzte die Twitter-Attacke, um ihre Beliebtheit weiter zu steigern. Ihre Antwort, ein ebenfalls auf Twitter geteiltes Video, wurde 21 Millionen Mal angeschaut und knapp 800 000 Mal geliked. Es lohnt sich, ihren Konter genauer unter die Lupe zu nehmen – zumal die zurückliegenden Europa-Wahlen sehr deutlich gezeigt haben, dass Social Media zu einer wichtigen Arena politischer Auseinandersetzungen geworden ist.

Wer mit der neuen Öffentlichkeit fremdelt, steht schnell als Relikt einer aus der Zeit gefallenen Politiker-Generation da. Wer ihre Klaviatur beherrscht, kann kometenhaft aufsteigen. Und Ocasio-Cortez beherrscht sie perfekt.

In ihrem Antwort-Video führt sie ein weiteres Tänzchen auf, diesmal im Flur des Kongresses in Washington. Man sieht das Türschild vor ihrem Büro und eine US-Flagge. Ihr Kommentar dazu: „Ich höre, die Republikaner denken, tanzende Frauen sind skandalös. Wartet, bis sie herausfinden, dass sogar Kongressabgeordnete tanzen! Allen ein schönes Wochenende :).“

Keine Klage über unfaire Meinungsmache, kein Ruf, solche Attacken zu verbieten. Stattdessen ein gut gelaunter Tweet, der in dreierlei Hinsicht die Social-Media-Strategie der mit 29 Jahren jüngsten Abgeordneten der US-amerikanischen Geschichte widerspiegelt.

Erstens: Sie gibt sich nahbar, nimmt ihre knapp 4,5 Millionen Follower gern dahin mit, wo es intim anmutet. Wer das Tanzvideo anschaut, hat das Gefühl, ihr Komplize zu sein, während sie an einer Respekt einflößenden Stätte etwas „Verbotenes“ macht.

Zweitens: Sie mixt Unterhaltung mit politischem Aktivismus. Ein kurzer Satz, schon hat der Tanzvideo-Konter eine frauenpolitische Botschaft, die aber keinesfalls verbissen rüberkommen soll. Noch prägnanter ist in dieser Hinsicht ein Video, das sie beim Cocktail-Mixen in einer Bar zeigt. Das war ihr Job, bevor sie Abgeordnete wurde. Jetzt dient ihr das kurze Revival als Unterstützung für die Forderung nach „15 Dollar Mindestlohn für jeden amerikanischen Arbeiter“. Der nicht naive Betrachter erkennt natürlich die Inszenierung, die sie als Frau aus dem Volk präsentieren soll. Fasziniert davon, wie gekonnt sie den Cocktail-Shaker handhabt, zweifelt er trotzdem nicht daran, dass der Einsatz für Geringverdiener ihre Herzensangelegenheit ist.

Last but not least: Sie kommuniziert. Das klingt banal, aber die meisten Politiker nutzen ihren Twitter-Account, sofern sie einen haben, um Statements loszuwerden, die sich lesen wie eine Pressemitteilung nach drei Abstimmungsrunden. Ocasio-Cortez wirkt dagegen frei, spontan und angriffslustig. Sie sucht den Dialog, bezieht sich mit ihrem Tweet gern mal auf einen Tweet, der sich auf einen Tweet bezieht. Und oft ist sie dabei so originell, dass klassische Medien wie die »New York Times« nicht selten ganze Artikel über ihren jüngsten Twitter-Beitrag verfassen.

Bemerkenswert ist einer vom 22. Mai dieses Jahres. Er bietet Einblick in Privates, beweist ihre Nähe zur Natur – und nimmt gleichzeitig den Social-Media-Narzissmus, den sie selbst so perfekt verkörpert, auf die Schippe. Zu sehen ist das Foto frischer grüner Blätter. Darüber steht: „Das ist eine öffentliche Bekanntmachung, dass wir erfolgreich Spinat, Kohl und Mangold im Kleingarten angebaut, geerntet und gegessen haben. Daher behalte ich mir jetzt das Recht vor, diesen Emoji zu verwenden.“ ---

Martin Fehrensen ist Autor vom Social Media Watchblog – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.