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Was wäre, wenn …

… Inlandsflüge verboten wären?

Ein Szenario.





• Ob für 25 Euro in der Economy Class von Berlin nach Stuttgart zum Familienbesuch oder zum Geschäftstermin von München nach Hamburg in der Business Class: Jeden Tag fliegen Tausende Menschen von einer deutschen Stadt zur anderen. Für Klimaschützer sind diese Flüge eine durch nichts zu rechtfertigende Umweltsünde – für Passagiere oft eine Zeitersparnis. Doch was wäre, wenn solche Strecken nicht mehr mit dem Flugzeug zurückzulegen, wenn Inlandsflüge verboten wären?

Das hängt zunächst davon ab, ob das Verbot nur Deutschland beträfe – was man schnell als Verzerrung des europäischen Wettbewerbs werten könnte – oder ob die EU Inlandsflüge in jedem Land verböte. Zudem käme es stark darauf an, was genau untersagt wäre: Wäre es Airlines verboten, Flüge zwischen zwei Flughäfen desselben Landes durchzuführen? Oder wäre es Passagieren untersagt, Flüge zu buchen, die beispielsweise an einem deutschen Flughafen beginnen und enden?

Was wie Haarspalterei klingt, macht einen gravierenden Unterschied: Verbietet man innerdeutsche Flüge, wären auch keine Zubringerflüge zu Langstreckenverbindungen möglich. „Dieses Hub-and-Spoke- Prinzip, mit nationalen Zubringerflügen zu einem oder mehreren Drehkreuzflughäfen, ist durchaus sinnvoll“, sagt Torsten Fleischer, Mobilitätsexperte beim Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (Kitas).

Im Falle eines Verbots wäre es denkbar, dass Fluglinien ihre Drehkreuze direkt hinter die Grenze verlegen. „Die Lufthansa könnte beispielsweise ihre Präsenz in Zürich oder Wien, wo sie durch Swiss und Austrian ohnehin vertreten ist, ausbauen“, sagt Fleischer. Dürften die Airlines weiter innerdeutsche Zubringerflüge anbieten, aber Passagiere keine rein deutschen Verbindungen buchen, wäre kaum zu verhindern, dass diese beispielsweise ein Ticket Berlin – Frankfurt – Madrid buchen, aber nur den innerdeutschen Teil der Route nutzen. Aus Preisgründen wird diese Praxis, Skiplagging genannt, teilweise schon jetzt angewendet, auch wenn Fluggesellschaften sie meist offiziell untersagen.

23,5 Millionen Menschen sind 2018 innerhalb Deutschlands geflogen. Im Gegensatz zu den international Reisenden, deren Zahl binnen zehn Jahren um mehr als 40 Prozent stieg, ist die Zahl der Inlandspassagiere seit 2007 minimal rückläufig. Wie viele innerdeutsche Passagiere zu internationalen Zielen weiterfliegen (oder von dort kommen), variiert stark nach Verbindung: Bei den 194 800 Passagieren, die 2017 von Stuttgart nach Frankfurt flogen, lag die Zubringerquote bei 96 Prozent. Auf der Strecke Hannover – München flogen 49 Prozent der 268 600 Einsteiger weiter.

Wäre es möglich, die innerdeutschen Flüge durch Zugfahrten zu ersetzen? Auch das hängt stark von der jeweiligen Verbindung ab: Die Strecken zwischen Berlin und München (beziehungsweise Frankfurt) sind mit knapp zwei Millionen Pas-sagieren pro Jahr die meistfrequentierten innerdeutschen Verbindungen. In einen modernen ICE mit zwölf Waggons passen 830 Passagiere. Man brauchte also 2410 Züge, um die Passagiere zu transportieren. Gleichmäßig aufs Jahr verteilt, ohne Haupt- reisezeiten oder Feiertage zu berücksich-tigen, wären das etwa sieben zusätzliche Verbindungen pro Tag.

Und wie würde es sich auf die Umwelt auswirken, wenn innerhalb des Landes nicht mehr geflogen würde? Neben Kohlenstoffdioxid (CO2) stoßen Flugzeuge auch Schwefel- und Rußpartikel sowie die Treibhausgase Methan, Ozon und Wasserdampf aus. Wie viel genau, hängt neben der zurückzulegenden Entfernung von verschiedenen Faktoren wie Flugzeugtyp und Auslastung ab. Grundsätzlich gilt jedoch: Unter anderem wegen des immensen Energieaufwands beim Start steigt die Belastung überproportional, je kürzer die geflogene Distanz ist. Laut dem CO2-Rechner des Heidelberger Instituts für Energie- und Umweltforschung verursacht ein Passagier von München nach Frankfurt bei normaler Auslastung des standardmäßig verwendeten Flugzeugtyps rund 112 Kilogramm CO2. Im Zug käme er bei mittlerer Auslastung auf 11,5 Kilogramm CO2.

Trotzdem würde ein Inlandsflugverbot die Erderwärmung kaum verringern. Nur zwischen zwei und drei Prozent des weltweiten Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes entstehen durch Flugreisen – ein Bruchteil davon durch Inlandsflüge.

Teilweise könnte ein Verbot die Klimabilanz sogar verschlechtern: Müssten ausgelastete Flughäfen ihre innerdeutschen Verbindungen streichen, würden dadurch Start- und Landeslots frei, die Experten zufolge schnell durch internationale Direktflüge besetzt würden. Solche Flüge sind inzwischen auch über den Atlantik mit modifizierten Maschinentypen machbar, die bislang nur auf Mittel- und Kurzstrecken eingesetzt werden konnten. Darüber hinaus sind internationale Urlauber für Flughäfen lukrativer als Geschäftsreisende auf Inlandsflügen.

Rund ein Drittel der innerdeutschen Flüge sind derzeit Geschäftsreisen. Im Falle eines Flugverbotes würden einige davon eventuell durch Meetings via Skype ersetzt, doch die Praxis zeigt, dass persönliche Treffen trotz moderner Technik keineswegs abnehmen (siehe brand eins 03/2019 „Ich komm’ besser mal vorbei“). Andere Geschäftsreisende sind Ingenieure, die am Ankunftsort zum Beispiel eine Notfall-reparatur ausführen. „Hersteller von Betriebsmitteln mit hohem Serviceaufkom-men haben sich darauf eingestellt, dass sie qualifiziertes Personal schnell vor Ort bringen können“, sagt Torsten Fleischer vom Kitas. „Wer beim Produktionsbeginn einer neuen Fabrik regelmäßig kurzfristig Servicetechniker an einen anderen Ort entsenden muss, für den wäre beim Wegfall von Linienflügen unter Umständen sogar eine eigene kleine Flugzeugflotte denkbar.“ Vorausgesetzt, kleine Privatjets wären von dem Verbot ausgenommen.

Nicht zuletzt würde ein Verbot von Inlandsflügen Alternativen zur kerosinbetriebenen Luftfahrt stärken. Diese reichen von einer Renaissance der vielerorts eingestellten Nachtzüge bis zur Entwicklung von für den Passagierbetrieb geeigneten Elektroflugzeugen. Noch ist das Gewicht der Batterien das Hauptproblem: Kerosin kann beim gleichen Gewicht das 43-fache an Energie liefern wie die heutigen Akkus. Das muss nicht so bleiben: Von kleinen Firmen wie Zunum Aero oder Eviation bis zu großen Playern wie Airbus oder der Nasa wird zu diesem Thema viel geforscht – ein Inlandsverbot für Kerosin-Flüge könnte die Entwicklung lukrativer machen und dadurch beschleunigen. ---