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Kriminalität in Brasilien

Rio de Janeiro ist eine der gefährlichsten Städte der Welt. Während der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro mit Waffengewalt auf die Zustände reagiert, setzt ein Ingenieur auf eine App und die Mithilfe friedlicher Bürger. Ist das die Lösung?




• Wenn man mit Robson dos Santos durch das nächtliche Rio de Janeiro fährt, hat man den Eindruck, die Stadt sei ein einziges Kriegsgebiet. Immer wieder warnt ihn eine App vor Gewalttaten auf der Straße, so auch jetzt. „Achtung, OTT informiert, Schusswechsel in Piedade, gepanzertes Fahrzeug fährt in die Favela Morro dos 18, Achtung in der Region“, knarzt es aus dem Lautsprecher von dos Santos’ Kleinwagen. „Das liegt nicht auf unserer Strecke“, beruhigt er. Er ist Uber-Fahrer und daher viel unterwegs. Früher hätte jeder gewusst, welche Stadtviertel man meiden musste, um nicht in Gefahr zu geraten. Heute verlasse er sich lieber auf die App, sagt er. „Denn heute bist du in dieser Stadt nirgendwo sicher.“

6695 Tote infolge von Gewalttaten allein im vergangenen Jahr. 770 polizeilich erfasste Schießereien allein im März 2019. Rio de Janeiro ist eine der gefährlichsten Städte der Welt. Viele Bewohner leben in ständiger Angst, manche trauen sich kaum auf die Straße. Das Problem gibt es schon lange, nicht nur in dieser für ihren Karneval, Samba und den Strand von Copacabana berühmten Metropole, sondern im ganzen Land.

Im Kampf gegen die Kriminalität haben Politiker unterschiedliche Strategien ausprobiert, dauerhaften Erfolg brachte bisher keine. Durch die brasilianische Gesellschaft geht ein unüberbrückbarer Riss zwischen Arm und Reich, und in den Favelas, den Elendsvierteln an den Rändern der großen Städte, liefern sich mächtige Drogenbanden Gefechte, untereinander und mit der Polizei. Probleme, die über Jahrzehnte gewachsen sind – und für die es keine einfache Lösung gibt.

„An die Versprechen der Politiker glaube ich schon lange nicht mehr“, sagt Benito Quintanilha, ein 44-jähriger Ingenieur, der auf einer Ölbohrinsel arbeitet. Vor drei Jahren beschloss er, sich nicht mehr von der Angst lähmen zu lassen. Er schaute am Abend die Nachrichten und war schockiert, als über eine junge Frau berichtet wurde, die erschossen worden war. Es war kein gezielter Anschlag, die Frau war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Im Jahr 2017 wurden allein in Rio de Janeiro 632 Menschen von einem Querschläger getroffen. 67 Menschen kamen auf diese Weise ums Leben, darunter mehrere Kinder.

Die Querschläger sind zum Symbol der Gewalt geworden. Balas perdidas, heißen sie in Brasilien. Verlorene Kugeln. Die unbeabsichtigt getötete Frau, von deren Schicksal Quintanilha im Fernseher erfuhr, war alles andere als ein Einzelfall. Trotzdem dachte er in diesem Moment: „Jetzt reicht’s!“ Noch am selben Abend gründete er die Facebook-Gruppe OTT. Die drei Buchstaben stehen für „Onde Tem Tiroteio?“ Übersetzt: Wo gibt es Schießereien? Quintanilha lud zunächst nur drei Freunde in die Gruppe ein, einen Lehrer, einen Sicherheitsexperten, einen Informatiker. Ihre Aufgabe war es, Schusswechsel in ihren Wohnvierteln zu melden und weitere Freunde aufzufordern, das Gleiche zu tun. So wuchs das Netz. Quintanilha und ein paar seiner Mitstreiter entwickelten eine App, integrierten OTT in den Sprachnachrichtendienst Zello, gründeten Hunderte von Whatsapp-Gruppen und führten ein System ein, das vor Falschnachrichten schützen soll: Bevor die Meldungen von Schießereien an die App weitergeleitet werden, werden sie verifiziert – mithilfe Tausender Freiwilliger, die über die Stadt verteilt wohnen. Ende 2016, kaum ein halbes Jahr nach ihrer Gründung, erreichte OTT mehr als eine Million Menschen in Rio.

Verlässt sich nicht auf die Polizei: App-Initiator Benito Quintanilha

Benito Quintanilha wohnt eine Autostunde vom Zentrum der Stadt entfernt. An einer grünen, von Wildwuchs gesäumten Straße passiert man zwei Gittertore und einen Wachmann, bevor man Zutritt in die Wohnsiedlung erhält. Weiße Häuser, alle identisch. Quintanilha trägt Badehose, T-Shirt und Crocs, als er die Tür öffnet. Der entspannt anmutende Aufzug täuscht, wie man schnell merkt. Der Mann sieht müde aus und ist nervös, dreht ständig am Ehering, wippt mit den Beinen, nachdem er sich auf sein schwarzes Ledersofa hat fallen lassen. Seine Frau und sein Sohn im Teenie-Alter sind nicht zu Hause. Auf dem Tisch steht ein aufgeklappter Laptop, im Fernsehen läuft ein 24-Stunden-Infosender.

Ein ruhiges Gespräch mit Quintanilha ist unmöglich. Das Handy in seiner Hand surrt sekündlich. Er betreut mehr als 500 Whatsapp-Gruppen, darunter eine für den Stadtteil Copacabana, eine für Rocinha, eine für Vila Paulina und je eine für Taxifahrer, Polizisten und Journalisten. Oft erreichen ihn unscharfe Videos mit Knallgeräuschen, die er zur Verifizierung in die Vertrauensgruppe schickt. Es dauert in der Regel nur ein oder zwei Minuten, bis die Bestätigung eintrifft. Einmal drückt Quintanilha unmittelbar danach den Aufnahmeknopf seines Handys, sagt: „Achtung, OTT informiert – 13.43 Uhr, Schusswechsel in Vila Paulina. Achtung in der Region.“ Er sendet die Sprachnachricht in einige der Whatsapp-Gruppen, und in diesem Moment weiß auch der Uber-Fahrer Robson dos Santos, dass er den erwähnten Stadtteil besser meidet.

Quintanilha spricht rund 50 Nachrichten am Tag ein. Er arbeite von neun Uhr morgens bis Mitternacht, sagt er, lade in dieser Zeit neunmal sein Handy auf. Nachts übernehme ein Kollege den Dienst, ebenso in den Zeiträumen, die er auf der Bohrinsel verbringt. Denn mit seinem Job dort verdient er immer noch seinen Lebensunterhalt. OTT bringt ihm kein Geld, er empfindet das als seine Pflicht. „Wir haben Aufgaben übernommen, die eigentlich die Polizei erfüllen sollte. Wir sorgen für ein Stück mehr Sicherheit.“

Aber tut er das wirklich? Was macht OTT mit den Menschen, die den Dienst täglich nutzen?

Eine davon ist Alessandra Regondi. Sie steht in einem weißen Kleid auf ihrem Balkon im achten Stock eines streng bewachten Hochhauses im zentral gelegenen Stadtteil Grajaú. Aus dem Handy in ihrer Hand erklingen immer wieder Sprachnachrichten von OTT, man hat den Eindruck, als wolle sie keine einzige verpassen. Die App habe ihr das Leben gerettet, sagt sie sichtlich aufgeregt.

Dann erzählt sie von dem unvergesslichen Tag im Sommer 2018, sie sei damals mit dem Auto Richtung Strand gefahren, mit ihrem Mann auf dem Beifahrersitz. Plötzlich habe sie Schüsse gehört, ihr Auto sei ein Stück abgehoben, nachdem eine Kugel einen Reifen getroffen habe. Sie habe gesehen, wie im Auto neben ihr eine Kugel die Kopfstütze der Fahrerin zerfetzt habe. Panisch habe sie Gas gegeben, die nächste Ausfahrt genommen, und plötzlich seien sie inmitten der Favela Cidade de Deus gewesen, eine höchst gefährliche Gegend. Sie habe abermals Gas gegeben, bis sie schließlich an einem Einkaufszentrum vorbeigekommen seien und sich dort versteckt hätten. Sie habe die Schießerei bei OTT gemeldet, und glücklicherweise habe dann einer von Quintanilhas Mitstreitern sie über eine Ausweichroute gelotst, sicher an allen Gefahren vorbei. „Sonst stände ich heute nicht hier.“

In Regondis Wohnzimmer steht zwischen diversen Familienfotos eines, das sie Arm in Arm mit dem aktuellen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro zeigt. Der Mann, der eine Karriere als Berufssoldat hinter sich hat und mit rassistischen und gewaltverherrlichenden Äußerungen auffiel, hat die Wahlen im Herbst 2018 mit überwältigender Mehrheit gewonnen – auch dank Sätzen wie „Ein Polizist, der nicht tötet, ist für mich kein Polizist“ und „Wenn ein Polizist 20 Kriminelle tötet, verdient er einen Orden“. Bolsonaro verspricht, Brasilien mit Gewalt sicherer zu machen. Er hat das Waffengesetz gelockert, Privatleute dürfen nun 5000 Schuss Munition kaufen statt bisher 50. Alessandra Regondi kennt ihn, weil er beim Militär von ihrem Vater ausgebildet und später ein Freund der Familie wurde. Im vergangenen Herbst war sie Wahlkampfhelferin von Bolsonaros Sohn Flavio, der, was politische Ansichten angeht, als noch extremer gilt als sein ultrarechter Vater.

Schießereien gehören zu seinem Alltag: Uber-Fahrer Robson dos Santos

Ein OTT-Mitarbeiter hatte Alessandra Regondi als Gesprächspartnerin empfohlen. Sie nutzt die App pausenlos. Auf ihrem Balkon steht ein Teleskop, dessen Linse auf die Favelas am Horizont gerichtet ist. Das Haus verlässt sie nur selten, sie habe zu viel Angst, sagt sie. Einen Großteil des Tages verbringt sie damit, durch das Teleskop zu schauen und OTT über Auffälligkeiten in den Favelas zu informieren. So ist sie ganz und gar auf die Gewalt in ihrer Stadt fokussiert.

Nicht nur sie. Gesellt man sich eine Weile zu den Mitgliedern einer der vielen Whatsapp-Gruppen, die zu OTT gehören, wird man rund um die Uhr mit schrecklichen Bildern konfrontiert. Fotos von toten Männern werden gepostet, meist sind es junge schwarze Männer, gefolgt von Smileys oder Kommentaren wie „Mord an Mördern ist kein Verbrechen“. Man sieht Blutlachen, Videos von Überfällen, Morden und brutalen Polizisten im Einsatz. Die App ermöglicht, ja forciert einen Tunnelblick auf die dunkle Seite Rios. Das sei nun mal die Realität, sagt Benito Quintanilha. Ist es nicht nur ein bestimmter Auszug der Realität, einer, der Angst schürt und die Stimmung zusätzlich aufheizt? Er zuckt mit den Schultern.

Auch er hat Bolsonaro gewählt – obwohl er von dessen Methoden nichts halte. Den Zugang zu Waffen und Munition erleichtern, damit sich die Bevölkerung besser selbst verteidigen kann; die Polizei mit Schnellfeuergewehren ausrüsten und zum Töten auffordern – das alles erhöhe nur die Zahl der Schießereien und der verlorenen Kugeln, findet er. „Aber immerhin hat sich Bolsonaro den Kampf gegen Kriminelle auf die Fahne geschrieben.“

Die Verhältnisse in Brasilien sind eine Folge staatlichen Versagens sowie krimineller Netzwerke, die das Land teilweise von der bis 1985 andauernden Militärdiktatur geerbt hat (siehe Seite 51 unten). In den vergangenen fünf Jahren hat die Gewalt noch einmal rasant zugenommen. 2016 rief der Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro das Militär zu Hilfe, die gleichnamige Stadt wurde ein halbes Jahr von der Armee besetzt, doch die Mordrate stieg weiter. 2017 ging aus einer Umfrage hervor, dass jeder dritte Brasilianer ein ermordetes Familienmitglied zu beklagen hat. In diesem Klima gründete Benito Quintanilha OTT, und die Bevölkerung wählte den Hardliner Bolsonaro zum Präsidenten. „Unsere Regierung fabriziert ein Regime der Angst“, mahnt Jacqueline Muniz, Professorin für Öffentliche Sicherheit an der Universidade Federal Fluminense.

Muniz ist im Land bekannt, sie erstellte in den Neunzigerjahren als Leiterin eines Regierungsprojektes eine neue Diagnostik der Gewalt. Verbrechen wurden in kleinsten geografischen Einheiten erhoben, um gezielter reagieren zu können. Sie entwarf umfangreiche Polizeistrategien. „Wir haben den Himmel voller Kugeln“, sagt sie, „dabei sind die Lösungen bekannt – Widerstandsfähigkeit, Kompetenz, Professionalität, Transparenz, Verantwortung und Reis mit Bohnen.“ Dann fügt sie hinzu: „Wir haben die Werkzeuge und die Hände. Das Gehirn aber hindert uns daran zuzugreifen.“ Anders ausgedrückt: Es gibt Methoden, Kriminalität wirksam zu bekämpfen. Aber sie werden willentlich nicht angewandt.

Traut sich kaum noch aus dem Haus: Bolsonaro-Vertraute Alessandra Regondi

„Die Unsicherheit in Rio ist gewollt“, sagt sie. Je mehr Angst, desto lauter der Ruf nach Repression. Bolsonaro habe kein Interesse an einem sicheren Land. Er verdanke seine Macht der Angst der Bevölkerung. Darum würde jede Auseinandersetzung als „Spektakel des Terrors“ inszeniert. Bolsonaros Maßnahmen sind für Muniz „Marketing-Politik“.

OTT findet sie einerseits vorbildlich, denn dem Projekt liege zivilgesellschaftliches Engagement zugrunde, zudem mache es das Problem sichtbar. Andererseits müsse die Politik ernsthaft die Ursachen der Kriminalität bekämpfen. Sonst diene die App nur dazu, die Flucht zu ergreifen. „Doch wenn friedliche Menschen Orte meiden, werden diese erst wirklich gefährlich.“

Seit Bolsonaros Amtsantritt sind tödliche Gewaltverbrechen in Brasilien um rund acht Prozent zurückgegangen. Die Zahl der von der Polizei Getöteten ist um 23 Prozent gestiegen. Benito Quintanilha hat nicht den Eindruck, dass sich durch den neuen Präsidenten viel verändert hat. Er sitzt immer noch in seiner Wohnung, nimmt Meldungen entgegen, spricht Warnungen aus. Er wirkt rastlos und seltsam leblos.

Am Ende des Gesprächs sagt er plötzlich, dass er eine Entscheidung getroffen habe. Auf die Bohrinsel, die sein Arbeitsplatz ist, kommen die Leute von überall. Aus Norwegen, Singapur, Spanien. Man verbringt ein paar Wochen dort, dann hat man ein paar Wochen frei. Wo man als Mitarbeiter wohnt, ist im Prinzip egal. Er habe sich Gedanken gemacht, und jetzt sei es entschieden: „Nächstes Jahr werde ich mit meiner Familie nach Portugal ziehen.“ Er liebe Rio, aber er sehe hier einfach kein Licht am Ende des Tunnels. ---

Gespaltenes Rio: im Hintergrund die Hochhäuser des Zentrums, im Vordergrund die Baracken der Favela Morro dos Prazeres

Während der Militärdiktatur (1964 – 1985) saßen Kleinkriminelle und politische Häftlinge in denselben Gefängnissen ein. Sie tauschten sich aus, organisierten sich zu jener Bande, die heute über den Großteil der Favelas von Rio de Janeiro herrscht: das Rote Kommando. In dessen Schatten entstanden mehrere rivalisierende Gangs, die in den Achtzigerjahren durch den Kokainhandel reich wurden und später den Nahverkehr sowie die Wasser- und Gasversorgung in den Favelas organisierten. Als Reaktion darauf bildeten sich Milizen aus ehemaligen Polizisten, Feuerwehrleuten und Soldaten, die anfangs als vermeintliche Gesetzeshüter vom Staat unterstützt wurden, heute aber auch Territorien für sich beanspruchen und ebenfalls Drogen verkaufen.

Um die Jahrtausendwende ging die Gewalt aus den Favelas in die bürgerlichen Viertel Rios über. Die Mordrate erreichte Rekordhöhe. 2003 wurde Lula da Silva, Gründungsmitglied der brasilianischen Arbeiterpartei, zum Präsidenten gewählt. Sein Versprechen lautete: die Sicherheit durch Inklusion wiederherzustellen. Zusammen mit dem Bürgermeister von Rio de Janeiro baute er den öffentlichen Nahverkehr in den Favelas aus, ließ Seilbahnen errichten, wo kein Bus hinkam. Er führte die Grundsicherung für arme Familien ein, die bis heute ein Großteil der Favela-Bewohner erhält. Weil da Silva der unrühmlichen Polizei von Rio nicht traute, wurde ihr eine Sondereinheit von knapp 10 000 jungen unbewaffneten Leuten, die UPP, an die Seite gestellt. Deren Aufgabe war: Befriedung der Favelas.

Die Gangs aber gaben ihr Territorium nicht freiwillig auf, und so wurden mehrere Favelas zunächst geräumt. Mit Panzern und Schnellfeuerwaffen sollte der Boden für den kommenden Frieden bereitet werden. Das funktionierte verhältnismäßig gut. In 220 Favelas mit 1,5 Millionen Menschen wurden weitgehend Recht und Ordnung eingeführt. Die Vereinten Nationen attestierte den UPP, für einen signifikanten Rückgang von Kriminalität und Armut gesorgt zu haben. Dann aber kam der 14. Juli 2013, der Tag, an dem der Maurer Amarildo da Sousa von UPP-Leuten zu Tode gefoltert wurde.

Er war ein Drogenkonsument, gehörte keiner Gang an. Sein Fall zerstörte das damals ohnehin bröckelnde Vertrauen in die Polizei. Einwohner begannen, die UPP als Eindringlinge zu sehen, mancherorts wurde rebelliert. Zudem kamen Fälle von Korruption innerhalb der UPP ans Tageslicht. Die Einheit gibt es bis heute, sie ist aber de facto machtlos. Nach dem Tod da Sousas stieg die Mordrate wieder, 2017 war sie so hoch wie nie zuvor.

Deutschland: 1,2
USA: 5,3
Brasilien: 30