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Im Elfenbeinturm

Die Wissenschaft gilt als Reich, in dem allein die Vernunft regiert. Zu Unrecht. Denn Forscher neigen dazu, die Welt zu stark zu vereinfachen. Oder grundlos zu verkomplizieren.





Man soll die Dinge so einfach machen wie möglich – aber nicht einfacher. Der permanente Verstoß gegen Albert Einsteins Faustregel ist ein steter Quell akademischen Unsinns. Denn für Forscher ist es reizvoll, komplexe Phänomene auf einen einfachen Nenner zu bringen – bedauerlicherweise entgeht ihnen dabei häufig Wesentliches. Besonders augenfällig ist das in den Ernährungswissenschaften, denn aus den (Schein-)Erkenntnissen dieses Fachs werden unentwegt Ratschläge abgeleitet und von den Medien verbreitet. Mit der Folge, dass immer mehr Menschen Lebensmittel reflexartig daraufhin bewerten, ob sie wohl gesund sind – und ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie meinen, mal wieder bei Tisch gesündigt zu haben. Für nicht wenige Zeitgenossen hat das Thema eine religiöse Bedeutung angenommen, sie scheiden Speisen in Gut und Böse. Dafür gibt es allerdings keinen Grund; dem Wohlbefinden zuträglicher wäre es, vermeintliche Ernährungsweisheiten souverän zu ignorieren. So teilte das Europäische Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e. V. in München einmal lapidar mit: „Die wissenschaftlichen Belege und die meisten Ratschläge sind dünn bis wertlos.“

Dass auf die Befunde so wenig Verlass ist, liegt wesentlich daran, dass sie in aller Regel auf Beobachtungsstudien zurückgehen. Gruppen von Menschen, sogenannte Kohorten, werden nach ihrem Essverhalten, ihren Lebensgewohnheiten und Krank- heitsverläufen befragt und dann zu bestimmten Zeitpunkten „beobachtet“. Dabei stellt man bestimmte statistische Zusammenhänge her, Korrelationen – die gern zu Kausalitäten überinterpretiert werden, nach dem Motto: Mäßiger Rotweingenuss verlängert das Leben.

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