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„Du gehst ins Wochenende mit einem Paar, das sich gefunden hat. Das ist schon schön“

Ein Happy End nach 64 Seiten voller Klischees ab 1,50 Euro am Kiosk: Das sind Heftromane. Die Schriftstellerin Anna Basener hat sie während ihres Studiums viele Jahre lang geschrieben. Ein Gespräch über Komplexitätsreduktion mit den Mitteln der Literatur.





• Anna Basener hat als Treffpunkt die „Zuckerfee“ vorgeschlagen. Ein Café im Prenzlauer Berg in Berlin, man sitzt an hellblauen Tischen unter hohen Bäumen. Die 35-Jährige hat blonde Locken, rosa geschminkte Lippen, sie trägt einen Tüllrock und Ballerinas, am Finger einen Ring mit Swarovski-Stein. Sie schreibt Romane, Hörspiele und Sachbücher, vor sechs Jahren waren es noch Groschenromane. Adel, Heimat und erotische Western – nur Arztromane mochte sie nie.

Zur Einstimmung zwei Sätze aus dem Fürstenroman „Die Liebe kam nach Grevenglut“ (Bastei Lübbe), den sie unter dem Pseudonym Catharina Chrysander geschrieben hat: „Die Kälte in ihrer Stimme hatte sein Herz gefrieren lassen. Es war ein kalter Klotz, den er gern herausgerissen und entfernt hätte.“

brand eins: Frau Basener, wie war das für Sie, als Sie diese Sätze geschrieben haben? Die sind ja schon sehr … sagen wir …

Anna Basener: (lacht) Jetzt bin ich gespannt, was kommt.

Sagen wir: floskelhaft.

Ja, das sind Floskeln. Aber sie funktionieren, auch wenn man sie schon zu oft gehört hat. Wenn man vom Groschenromanschreiben leben will, ist es sinnvoller, bekannte Bilder zu nehmen, als viel Zeit darauf zu verwenden, neue zu finden. Diese Zeit hast du nicht, und die zahlt dir auch keiner.

Die Leser müssen verstehen, dass die Prinzessin gerade abweisend war und es dem Grafen wirklich wehtut. Klar kannst du schreiben: Sie war gerade abweisend, und es tut ihm wirklich weh – aber dann doch lieber das Bild.

Das klingt ein bisschen nach Fließbandarbeit. Wie lange haben Sie denn für einen Roman gebraucht?

Für den ersten habe ich zwei bis drei Wochen gebraucht, am Ende nur noch fünfeinhalb Tage.

Und wie viel verdient man pro Werk?

Je nachdem, wie viel man schreibt, was man schreibt und wie man mit dem Verlag verhandelt. Es gibt nur einmal Geld und nicht anteilig. Ich konnte damit meine Studiengebühren finanzieren.

Das Prinzip der Liebesromane sieht ja so aus: Nach ein paar Seiten weiß man, wer sich kriegt, und am Ende ist alles Harmonie. Hat es Sie nie gestört, dass die Geschichten, die Sie geschrieben haben, nichts mit dem echten Leben zu tun haben?

Das kann man so nicht sagen. In einem Roman ging es um eine Lehrerin, die merkt, dass ein adeliges Kind, das nach England aufs Internat gehen soll, sich sehr wohlfühlt in der Dorfschule. Sie legt sich mit dem Vater, einem verwitweten Fürsten, an. Das ideale Liebespaar: Einer dafür, einer dagegen, am Ende finden sie zusammen. Warum sollte sich eine Lehrerin nicht in einen verwitweten Vater verlieben?

Ich meinte eher, dass immer alles so schwarz-weiß ist. Die Prinzessin und der Graf aus dem anfangs genannten Roman zum Beispiel sind beide noch im Studentenalter, aber nach einer gemeinsamen Nacht ist ihnen klar, dass sie bis an ihr Lebensende zusammen sein wollen. Mir kommt das unrealistisch vor.

Gut, so was wie: Die Prinzessin hat diese wundervolle Nacht, wacht am nächsten Morgen auf, sieht den Typen und denkt, ach, ganz süß, aber ich guck mal, was noch auf Tinder geht – das passiert im Groschenroman natürlich nicht. Das würde den Mann als Helden abwerten, und man hat nicht so viel Zeit, ihn wieder aufzubauen. Es geht in dem Konflikt darum, die Liebe zu testen, und da man nur 64 Romanseiten hat, geht das nicht in aller Tiefe.

Was mochten Sie am Groschenromanschreiben?

Es ist ein sicheres Terrain. Weil es so viele Regeln gibt, kannst du innerhalb dieses Regelwerks sehr produktiv sein. Was einen aufhält beim Schreiben, sind Zweifel und Entscheidungen, die man treffen muss. Wenn man sich für etwas entscheidet, entscheidet man sich gegen die anderen Möglichkeiten. Das wird einem im Groschenroman abgenommen, und das lässt es schon echt gut fließen. Ich hatte einen Wochenrhythmus und habe freitags immer das Happy End geschrieben. Dann gehst du ins Wochenende mit einem Paar, das sich gefunden hat. Das ist schon schön.

Es sind vor allem Frauen um die 50 oder 60, die solche Liebesromane lesen. Warum machen die das?

Dazu müssten wir Gisela aus Wuppertal anrufen, aber leider kenne ich sie nicht. Groschenromanautoren haben kaum Kontakt zu ihren Lesern. Sicher ist, dass die Romane gelesen werden, weil man wissen will, wie das Paar zusammenkommt. Warum das so viel Freude macht? Es gibt diese Eskapismus-Theorie – und ja, vielleicht möchte Gisela sich aus ihrer Welt davonträumen. Aber das unterstellt dem Konsumenten, dass er vor etwas fliehen muss. Ich denke, dass es oft eher die Sehnsucht nach einem geordneten System ist. Nicht im Sinne einer anderen Welt, sondern von keinen Überraschungen in der Dramaturgie. Dinge mit garantiertem Happy End verkaufen sich erwiesenermaßen auch besser.

War es für Sie Eskapismus, diese Romane zu schreiben?

Nein, ich dachte beim Schreiben nie, ich bin eine Prinzessin und laufe selbst durchs Schloss. Ich mochte diesen Trash-Faktor: geheftet, mit Schmuckfarbe bedruckt, zweispaltig, aus Altpapier, und man verkauft sehr viel mehr als bei Suhrkamp, wo meine Kommilitonen hinwollten.

Es gibt kaum ein Genre in der Literatur, das so gering geschätzt wird wie der Heftroman. Hat Sie das geärgert?

Es stört mich, wenn er benutzt wird, um eine negative Aussage über Hochliteratur zu treffen. Also wenn man sagt: Das Buch hat Groschenromanniveau, aber was man sagen will, ist: Das Buch ist schlecht. Hochliteratur kann schlecht sein – ist aber trotzdem kein Groschenroman. Und ein Groschenroman will nie Hochliteratur sein. Es gibt beides in Gut und in Schlecht.

Weil diese Hefte den Massengeschmack treffen wollen, spiegeln sie gesellschaftliche Veränderungen und Rollenbilder wider. Woran merkt man das heute?

Die Romane sind definitiv liberaler geworden. Männer und Frauen sind gleichberechtigter, es gibt Chefärztinnen und Professorinnen, und keine von ihnen gibt ihren Beruf am Ende des Romans auf, um zu heiraten und in einer Villa Hausfrau zu werden. Es gibt auch homosexuelle Paare, aber nur in der Nebenhandlung.

Warum haben Sie mit dem Groschenromanschreiben aufgehört?

Ich hatte irgendwann das Gefühl, ich weiß nun alles und habe alles ausprobiert.

Hatten Sie ein Bedürfnis nach komplexeren Geschichten?

Ja. Ich wollte mehr Freiheiten beim Schreiben. Als ich mein Buch „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ angefangen habe, wusste ich nicht, wie es ausgeht. Ich habe einfach drauflosgeschrieben, und das bringt einen an Ecken, mit denen man nicht rechnet. Man hat auf einmal ganz viele Ecken, und die zu verbinden, macht es schon komplex. Das geht beim Groschenroman nicht, da entwirfst du ein Exposé und verkaufst die Geschichte, bevor du sie geschrieben hast.

Ende Januar ist Ihr Roman „Schund und Sühne“ erschienen. Darin geht es um eine Groschenromanautorin aus Berlin, die ein Literaturstipendium auf einem Schloss in Niedersachsen bekommt. In dem Buch kommt alles vor, was im Groschenroman verboten ist: Sex, Selbstmord in den Rosen, ein kiffender Prinz, eine Prinzessin, die gern Tiere erschießt. War das befreiend?

Ja. Oder vervollständigend. Das ist keine Persiflage oder Abrechnung mit dem Groschenroman, eher eine Hommage. Ich hatte das Gefühl, alles, was dem Groschenroman fehlt, gebe ich ihm jetzt.

Das Buch hat auch ein Happy End.

Es geht nicht immer gut aus bei mir, aber meistens.

Brauchen wir Geschichten, die gut ausgehen?

Ich frage mich eher: Was haben wir davon, wenn sie schlimm enden? Prinzipiell bin ich immer für eine gute Geschichte, egal wie sie ausgeht, und nicht für Moral. Aber es ist doch klar, dass man nach einem Happy End besser drauf ist.

Vielleicht geht es einem nach einem schlimmen Ende aber auch gut, weil man sich denkt: Mein Leben hat Baustellen, aber es ist zum Glück nicht ganz so dramatisch?

Ja, aber das setzt voraus, dass man sich in dem Maße distanzieren kann.

Genießen Sie es, dass Sie jetzt so viel über Sex, Gewalt und Politik schreiben können, wie Sie wollen? Und noch dazu in Umgangssprache?

Ja, mir ist es schon wichtig, gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen. Und manchmal will man einfach „Fick dich!“ schreiben, wenn es für die Figuren scheiße läuft. ---

„Man schreibt die Geschichte von zwei Menschen, die sich ineinander verlieben, Mann und Frau zwischen 17 und 47 Jahre alt. Die beiden sind von Anfang an füreinander bestimmt, aber dann kommt ein Konflikt und bringt sie auseinander. Von der Liebe zu erzählen heißt, von dem zu erzählen, was trennt. Das Ganze auf 100 Manuskriptseiten ohne Politik, ohne explizite Gewalt, ohne expliziten Sex, ohne Fremdwörter, ohne Fremdsprachen, mit kurzen Sätzen. Das heißt, im Schnitt elf Wörter, ab 15 Wörtern den Satz teilen. Lieber ein Adjektiv zu viel, als gar nicht beschreiben. Ein Happy End geschieht immer aus sich selbst heraus, außer im Arztroman, da darf Dr. Stefan Frank sagen, jetzt vertragt euch mal wieder. Es endet immer in finanzieller Sicherheit. Erzählform: episches Präteritum, in der dritten Person.“
(Anna Basener)

hat in Hildesheim Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Kreatives Schreiben studiert. Damals fing sie an, Heftromane zu verfassen. Danach war sie drei Jahre lang Lektorin bei Bastei Lübbe und schrieb nebenher, wie auch den Ratgeber „Heftromane schreiben und veröffentlichen“ für den Autorenhaus-Verlag. 2012 machte sie sich als Autorin selbstständig. 2017 erschien ihr erster Roman „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ im Eichborn Verlag. Er wird als Komödie im Schauspiel Dortmund aufgeführt und aktuell vom Regisseur Adolf Winkelmann verfilmt. Im selben Verlag erschien 2019 „Schund und Sühne“. Anna Basener schreibt außerdem Drehbücher, Sachbücher, Hörspiele und moderiert einen Adels-Podcast.