Partner von
Partner von

Blick in die Bilanz – Flughafen London-Heathrow

Europas größter Flughafen London-Heathrow hat ein Problem – und das ist nicht der Brexit, sondern eine riskante Wachstumsstrategie.





• London-Heathrow ist mit rund 80 Millionen Passagieren im Jahr 2018 der größte europäische Flughafen, vor Charles de Gaulle (Paris), Schiphol (Amsterdam) und vor Frankfurt am Main. Die Spitzenstellung zahlt sich aus. Der Betreiber des Flughafens, Heathrow Airport Holdings Limited (HAH), erlöste 2018 gut 2,9 Milliarden britische Pfund (rund 3,3 Milliarden Euro): rund 1,7 Milliarden Pfund sind Entgelte, die die Airlines zahlen, vor allem für Start- und Landerechte. 716 Millionen Pfund stammen aus der Vermietung von Flughafenflächen an Shops, Restaurants, Parkhausbetreiber und Werbetreibende. 509 Millionen Pfund verdienen die Briten mit sonstigen Aktivitäten wie etwa der Gepäckabfertigung oder dem Heathrow Express, einem Schnellzug, der den Airport mit der Innenstadt verbindet.

Vergleicht man die HAH mit Fraport, dem Frankfurter Flughafen- betreiber, verliert das Bild seinen Glanz. Fraport schleuste im Jahr 2018 zwar rund zehn Millionen weniger Passagiere durch seine Gates, setzte mit knapp 3,5 Milliarden Euro aber trotzdem etwas mehr um. Vor allem aber: Die Frankfurter sind profitabler und wachsen schneller. Sie kamen auf einen Gewinn vor Steuern von 670 Millionen Euro, was einer Umsatzrendite von 19,3 Prozent entspricht. Die HAH brachte es auf 484 Millionen Pfund und kommt damit auf eine Umsatzrendite von 16,3 Prozent. Beim Wachstum ist der Rückstand der Briten noch größer, um gerade mal drei Prozent steigerten sie die Erlöse. Fraport erzielte ein Plus von 18,5 Prozent.

Der Grund für die Schwäche: Die Briten verlassen sich allein auf London als internationale Drehscheibe – und auf die Wachstumsprognose der International Air Transport Association (IATA). Demnach wird sich das jährliche weltweite Passagieraufkommen bis 2037 von heute vier auf mehr als acht Milliarden Menschen verdoppeln. Die HAH will möglichst viel von diesem Kuchen. In Frankfurt am Main will man auch Drehscheibe sein, setzt aber auch auf kleinere Regionalflughäfen, die Fraport in aller Welt – von Osteuropa über die Türkei und Griechenland bis hin zu Brasilien, China und Indien – betreibt. Und genau dort verzeichnen die Deutschen gute Profite und hohes Wachstum. Der Fraport-Umsatz stieg im ersten Quartal 2019 um 17,9 Prozent, wozu die internationalen Aktivitäten den größten Teil beitrugen. Bei der HAH sanken die Erlöse um 0,1 Prozent. Wer vermutet, die Briten litten unter den Vorboten des Brexit, der irrt. Der Flugverkehr, darin sind sich die EU und die britische Regierung ausnahmsweise einig, wird in beide Richtungen ungehindert weitergehen – mit oder ohne Deal. Dass verminderte wirtschaftliche Aktivitäten auf der britischen Insel 2018 bereits die Passagierzahlen drückten, ist unwahrscheinlich.

Das von der IATA prognostizierte Wachstum, auf das die HAH alle Hoffnungen setzt, wird zu mehr als der Hälfte von Asien getrieben, beinhaltet also auch viel innerasiatischen Verkehr. Es kommen auch Passagiere von dort nach Europa – um sie kämpfen aber alle großen Drehscheiben. Und es sind weniger Reisende, als man vermuten würde. 2013 nutzten 10,3 Millionen Passagiere aus dem asiatisch-pazifischen Raum Heathrow, 2018 waren es 11,5 Millionen. Ihr Anteil am gesamten Passagieraufkommen liegt mehr oder minder stabil bei um die 14 Prozent. Aktuelle Zahlen zeigen keinen verstärkten Aufwärtstrend, im Gegenteil: Im ersten Quartal 2019 stieg die Zahl der Reisenden aus dem asiatischen Raum, die über London-Heathrow flogen, im Vergleich zum Vorjahr um gerade 0,7 Prozent.

Dennoch investiert die HAH jährlich hohe dreistellige Millionenbeträge für den Bau einer neuen Landebahn. Das ist nicht ungefährlich: Die Firma ist hoch verschuldet, die Eigenkapitalquote beträgt nur vier Prozent. Die Verschuldung stieg 2018 weiter, kostete das Unternehmen 725 Millionen Pfund an Zinszahlungen. Man hätte den Gewinn einbehalten können, um die Lage zu entspannen – doch die Eigentümer gönnten sich eine Dividende von 502 Millionen Pfund. ---

Der Flughafen London-Heathrow, ursprünglich als Luftwaffenbasis geplant, wurde im Mai 1946 für die zivile Luftfahrt inmitten der Heide von Hounslow Heath freigegeben. Nach Passagierzahlen ist er der sechstgrößte der Welt. Er wird von der Heathrow Airport Holdings Limited betrieben, die sich im Besitz eines Konsortiums von internationalen Konzernen und Investoren befindet. Die britische Regierung hat 2018 den Bau einer weiteren Start- und Landebahn genehmigt.