Partner von
Partner von

Wovon leben wir morgen?

Mit dem Ende der Industriegesellschaft stellt sich die Frage neu, was uns Arbeit einbringen soll. Versuch einer Antwort in sieben Thesen.





Von Sinnstiftung spricht der junge Mann, der zu den reichsten Menschen der Welt gehört, er spricht von dem menschlichen Bedürfnis, gebraucht zu werden, auf etwas Besseres hinzuarbeiten. „Purpose“, sagt Mark Zuckerberg, „ist das, was wahres Glück kreiert“, und je länger er spricht, desto mehr scheint er bewegt von den eigenen Worten. Sein Auftritt wirkt kitschig. Wenn ein Multimilliardär, dessen Geschäft darin besteht, möglichst viel Wissen über Menschen zu verkaufen, und der ständig gegen Datenschutzvor- schriften verstößt, von „höherem Zweck“ spricht, erscheint das zweifelhaft. Und doch kann man die Rede des Facebook-Gründers in der Harvard University im Mai 2017 als eine Art Manifest der neuen Arbeitsgesellschaft verstehen.

In der soll Sinnstiftung eine Hauptrolle spielen. Kaum ein Konzern entzieht sich dem Trend und formuliert nicht ein über den eigentlichen Geschäftszweck hinausgehendes Ziel. Mittlerweile gibt es Beratungen, die sich auf das Thema spezialisiert haben: Brighthouse zum Beispiel, eine Tochter der Boston Consulting Group, sie wirbt mit dem Slogan „Home of Purpose“.

Entscheidender noch: Viele Menschen sind bereit, für eine erfüllende Arbeit auf Geld zu verzichten. Laut einer 2018 von der »Harvard Business Review« in Auftrag gegebenen Studie gilt das für neun von zehn amerikanischen Arbeitnehmern. Demnach nähmen sie im Schnitt 23 Prozent weniger Einkommen in Kauf. Angestellte, die ihre Tätigkeit als sinnvoll ansehen, das ergab dieselbe Studie, arbeiten wöchentlich eine Stunde mehr und nehmen jährlich zwei bezahlte Urlaubstage weniger. Sinn wird offenbar als Bestandteil der Vergütung begriffen.

Ähnliches gilt für Zeitsouveränität. Jahrzehntelang ging es in den Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern in Deutschland vor allem um Geld. Seit 2016 aber dürfen die Mitarbeiter der Deutschen Bahn wählen: entweder 2,6 Prozent mehr Lohn oder sechs zusätzliche Urlaubstage oder eine Stunde weniger Arbeit pro Woche. Ende 2018 entschieden sich 58 Prozent der Deutsche-Bahn-Mitarbeiter für den längeren Urlaub.

Auch der jüngste Tarifabschluss zwischen den Arbeitgebern und der IG Metall sieht für Arbeitnehmer mit kleinen Kindern, pflegebedürftigen Verwandten und Schichtarbeitern die Wahl zwischen mehr Zeit und mehr Geld vor. Von den Schichtarbeitern entschieden sich rund 80 Prozent für acht zusätzliche Urlaubstage.

Die Arbeit geht uns nicht aus

Es sind nicht nur höhere Ansprüche, die unsere Arbeitswelt verändern, sondern auch die moderne Technik, die ermöglicht, dass Routinetätigkeiten künftig von Maschinen erledigt werden. Nach Veröffentlichung der Studie der beiden Oxford-Professoren Carl Benedict Frey und Michael Osborne im Jahr 2013 war die Angst vor den jobfressenden Robotern groß. In den USA könnten 47 Prozent der Beschäftigung automatisiert werden, in Deutschland 42 Prozent, hieß es. Das Grundprinzip der Arbeitsgesellschaft, wonach Menschen durch ihre berufliche Tätigkeit ihren Lebensunterhalt erwirtschaften, stand mehr denn je infrage.

Wohin die Digitalisierung führt, ist noch nicht absehbar. Inzwischen aber überwiegen die Expertenstimmen, die davon ausgehen, dass sich nicht die Gesamtzahl der Beschäftigten verändern wird, sondern der Charakter der Arbeitswelt, die Aufgaben, die dafür notwendigen Kompetenzen, die Erwerbsformen. Einer dieser Fachleute ist Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Er sagt: „Am stärksten unter Druck geraten werden die Industrie-Arbeitskräfte aus dem mittleren Lohn- und Qualifikationssegment.“ Diese Menschen werde man für anspruchsvollere Tätigkeiten qualifizieren müssen. „Generell gilt, dass wir uns weniger über den Mangel an Arbeit Gedanken machen sollten als über eine ganz neue, viel universellere Kultur der Weiterbildung.“

Persönliche Entwicklung braucht Reibung

Wer die neue Arbeitswelt sinnvoll gestalten will, muss bei der Bedeutung von Erwerbstätigkeit ansetzen, sagt die Berliner Philosophin Wenke Klingbeil-Döring. Was heißt Selbstverwirklichung? Ist größtmögliche Flexibilisierung erstrebenswert? Welche Gegenleistung erwarten wir für Arbeit? Klingbeil-Döring hat ihre Dissertation diesen Fragen gewidmet.

Arbeit diene längst nicht nur dem Geldverdienen, worin aber ihre psychologische Bedeutung liege, werde noch nicht voll verstanden, sagt sie. „In Abkehr von der starren und eintönigen Lohnarbeitsgesellschaft steht inzwischen das Bedürfnis zu persönlicher Weiterentwicklung vor allen anderen.“ Viele Menschen sehnten sich nach Selbstentfaltung und neigten dazu, um sich selbst zu kreisen. „Doch so positiv der Wunsch nach persönlicher Entwicklung ist, so falsch ist die Vorstellung, dass er sich durch größtmögliche Autonomie erfüllt.“ Nicht das Auf-sich-geworfen-Sein führe zur Selbstverwirklichung. Vielmehr brauche es die Reibung mit anderen Menschen und der widerständigen Realität, um die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen. „In Kontakt mit dem, was einem nicht entspricht, bekommt man sein Selbst gespiegelt.“

Auch sie schätze Flexibilität, sagt Klingbeil-Döring. Könne man Arbeitsort und -zeit selbst bestimmen, ließen sich Beruf und Familie besser vereinbaren. Aber in der individualisierten Arbeitsgesellschaft werde diese Flexibilität auch von den Unternehmen beansprucht. Leiharbeit, befristete Projektarbeit und Gig Economy, in der kleine Aufträge über Plattformen an Selbstständige vergeben werden, seien die Folge. Beim Clickworking ist die Flexibilität besonders groß. Die modernen Tagelöhner erledigen klar definierte Aufgaben am Computer. Wann und wie lange, entscheiden sie selbst. Die Auftraggeber kennen sie nicht persönlich, diese aber vergüten ihre Leistung, und den, den sie nicht mehr brauchen, schalten sie ab. Für Klingbeil-Döring ist Arbeit hier ihres sozialen Wertes beraubt. Es fehle der Kontext, der zu Selbsterkenntnis und Anerkennung führen kann.

„Man muss dafür nicht angestellt sein, das geht genauso gut in der Selbstständigkeit“, sagt die Philosophin. Entscheidend sei, dass man mit anderen Menschen zu tun habe und spüre, dass man einen Beitrag zu einem gemeinsamen Projekt leistet. Das werde heute etwa den selbstständigen Essensauslieferern verwehrt, die für ihre Dienstleistung ihr eigenes Fahrrad und ihr Handy nutzen sollen. „Das für das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung so entscheidende Gefühl von Zugehörigkeit wird ihnen dadurch symbolträchtig vorenthalten.“

Personalentwicklung bei Firmen in Deutschland, deren Geschäft auf dem Internet basiert, zwischen 2015 und 2017:  
Die Belegschaft aufgestockt haben: 62%
Die Belegschaft reduziert haben: 17%

Kapitalpartnerschaften werden ausgebaut

Wie lassen sich Teamarbeit, Persönlichkeitsentwicklung, vielfältige Karriereverläufe und flexible Arbeitsformen verbinden? Zum Beispiel durch die Kapitalpartnerschaft, sagt der IZA-Forscher Eichhorst. Wenn Beschäftigte, die angestellt sind oder als Selbstständige in Beziehung zu einem Unternehmen stehen, über Aktien am Gewinn beteiligt werden, fördere das nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch einen fairen Anteil am Produktivitätsfortschritt. Schon länger wächst gesamtgesellschaftlich die Bedeutung von Einkommen aus Unternehmensgewinnen und Kapitalanlagen gegenüber dem durch Arbeit. Die fortschreitende Digitalisierung werde den Trend noch verstärken, davon ist Eichhorst überzeugt. Wenn immer intelligentere Maschinen Aufgaben erledigen und die Produktivität steigern, sei es nur folgerichtig, die Mitarbeiter stärker an den Renditen zu beteiligen, so der Arbeitsforscher. „Das Thema drängt sich auch im Hinblick auf die Altersvorsorge geradezu auf.“

Anteil des Arbeitseinkommens am Volkseinkommen, (um Veränderungen in der Erwerbsstruktur bereinigte Bruttolohnquote) in Deutschland:  
im Jahr 1995: 73,5%
im Jahr 2018: 69,2%
Durchschnittliches Bruttomonatsgehalt vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer in Deutschland im 1. Quartal 2019:  
im Gesundheits- und Sozialwesen: 3893€
im produzierenden Gewerbe: 4012€

Produktivität wird neu definiert

Während die Industriearbeit an Bedeutung verliert, gelten die sozialen Dienstleistungen als die größte Wachstumsbranche. Empathie lässt sich nicht automatisieren. Doch es bedarf dringend einer Aufwertung dieser Berufe, denn schon heute mangelt es an ausgebildeten Pflegern, Erziehern und Sozialarbeitern. Christoph Schmitz, designiertes Vorstandsmitglied der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, betont, dass man schon lange in tariflichen Auseinandersetzungen für eine Besserstellung der sozialen Dienstleister kämpfe und einiges erreicht habe. Das eigentliche Problem, liege tiefer: „Arbeit an Maschinen wird mehr wertgeschätzt als Arbeit mit Menschen, weil sie anders als diese in messbare Wertschöpfung mündet. Ein Relikt der Industriegesellschaft.“

Vor wenigen Wochen machte in den sozialen Medien der Kommentar eines Sozialarbeiters die Runde, der angesichts des Hypes um Purpose fragte: „Wenn wirklich alle Millennials einen Sinn suchen, wenn sie nicht nur Geld verdienen wollen, sondern das auch ohne schlechtes Gewissen, warum verdammt noch mal ist der Fachkräftemangel im Sozialen so unfassbar groß?“

Die Antwort dürfte lauten: weil man sich in diesen Berufen aufreibt, ohne wirklich Anerkennung zu erhalten. Weil sie keinen hohen Stellenwert besitzen. Um das zu ändern, empfiehlt die von der Hans-Böckler-Stiftung ins Leben gerufene Expertenkommission zur „Arbeit der Zukunft“, neben dem Bruttoinlandsprodukt ein neues Referenzsystem für die Bestimmung von Wohlstand einzuführen. Investitionen in die Umwelt, die Bildung, die Gesundheit und die soziale Teilhabe sollen darin vorkommen. Das wäre eine neue Geschichte der Arbeit. Eine, die nicht wie üblich von klein zu haltender Abgabenlast im aufgeblähten Sozialstaat handelt, sondern von besserer Lebensqualität. Beschäftigte in sozialen Berufen erhöhen, so betrachtet, die gesamtgesellschaftliche Produktivität.

Mittleres Brutto- monatseinkommen von Crowdworkern in Deutschland:  
im Hauptberuf: 1503,72€
im Nebenberuf: 326,17€

Die Gig Economy wird gezähmt

Plattformen, die Arbeit in Form von Clickwork und Crowdwork vermitteln, gelten als Ausgeburt des ungezähmten Turbokapitalismus. Die IG Metall lehnt sie trotzdem nicht rundweg ab. Die Gewerkschaft, zeigt das, erkennt nicht mehr nur unbefristete Vollzeitbeschäftigung als echte Arbeit an. Christiane Benner, die Zweite Vorsitzende der IG Metall, wurde schon während ihres Soziologie-Studiums in den USA mit der Gig Economy konfrontiert. Später machte sie sich innerhalb ihrer Gewerkschaft dafür stark, Plattform-Arbeit mitzugestalten. Einige, wie Jovoto, findet sie „richtig gut“.

Auf dieser von Bastian Unterberg in Berlin gegründeten Plattform sind rund 120 000 Designer aus aller Welt registriert, sie sind aufgefordert, sich an Projekten zu beteiligen, die von Konzernen oder Organisationen wie Unicef ausgeschrieben werden. Es geht um Kommunikationskonzepte, Produktdesigns oder Ideen zur Zukunft der Mobilität. Viele, die auf diese Weise mitarbeiten, verdienen kein Geld, sie wollen Kontakte knüpfen und lernen. Bei Jovoto sind alle eingereichten Entwürfe für alle Projektteilnehmer sichtbar, ebenso die Kritik daran. Die Arbeit der anderen zu beurteilen ist erwünscht, besonders konstruktive Feedbackgeber erhalten Anerkennung. „Die Befriedigung sozialer Bedürfnisse spielt auf der Plattform eine sehr wichtige Rolle“, sagt Unterberg (siehe auch „Ein alternatives Karrieremodell“, brand eins 03/2017).

Und doch hat er die Plattform so verändert, dass sie einem Kreis von Leuten ein vergleichsweise sicheres Einkommen bietet. Ursprünglich wurden bei Jovoto Aufträge als Wettbewerb organisiert. Die besten Arbeiten wurden honoriert, das Gros der Menschen, die sich an den Ausschreibungen beteiligten, ging leer aus. Heute dominiert auf der Plattform Projektarbeit auf Basis fester Tagessätze in Höhe von 320 Euro. Will ein Konzern Konzepte für ein innovatives Produkt, stellen Unterbergs Leute aus dem Jovoto-Talentepool ein Team von 15 bis 50 passenden Leuten zusammen. Jeder wird für ein paar Arbeitstage bezahlt und reicht dafür mindestens einen Entwurf ein.

Die Plattform ist damit verbindlicher geworden: Sie ist nicht mehr nur Mittler, sondern wächst zunehmend in die Rolle eines Arbeitgebers. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass sich Unterberg manchmal über uninspirierte Entwürfe ärgert, seit es die festen Tagessätze gibt. „Um die besten Talente zu binden, müssen wir ihnen aber einen sicheren Hafen bieten“, sagt er. Denn sie wollten beides: selbstbestimmt entscheiden, wann, wo und für welches Projekt sie arbeiten, und finanzielle Sicherheit.

Die Gewerkschafterin Benner legt vor allem Wert darauf, dass die Plattformen transparent machen, was man für welchen Einsatz bekommt. Die Bezahlung soll fair sein, der Umgang respektvoll und motivierend. Mit den Betreibern von neun Crowdwork-Plattformen hat sie einen Leitfaden für gute Arbeit erstellt. Die IG Metall bietet zudem Workshops speziell für Crowdworker an. „Noch ist diese Arbeitsform ein Randphänomen“, sagt Benner, „aber ich bin überzeugt, dass sie an Bedeutung gewinnen wird. Darum müssen wir auch diese Beschäftigten vertreten, nicht belehren. Für den Schutz ihrer Gesundheit haben wir schon gesetzliche Verbesserungen erreicht.“

Zahl der sogenannten atypisch Beschäftigten in Deutschland:  
1991: 4,4 Millionen
2017: 7,7 Millionen

Die Sozialversicherung öffnet sich

Dass unsere Ansprüche an die Arbeit gewachsen sind, dass wir von ihr nicht nur die Existenzsicherung, sondern auch Sinn und Selbstbestimmung erwarten, heißt nicht, dass das Thema Sicherheit obsolet geworden wäre.

Werner Eichhorst ist überzeugt, dass besonders die Sozialversicherung auch in der neuen Arbeitsgesellschaft notwendig sein wird. Doch da es in dieser mehr Vielfalt geben wird, mehr Selbstständige, mehrere parallele Erwerbsquellen, häufigere Wechsel zwischen Angestelltenverhält- nissen und Selbstständigkeit, müsse sie angepasst werden. Sie wurde konzipiert für eine Welt der langfristigen abhängigen Beschäftigung. Laut Eichhorst wäre es heute konsequent, „Selbstständige aller Spielarten in die Sozialversicherung einzubeziehen und diese letztlich für alle Arten des Erwerbs zu öffnen.“ So würde man auch Alleinunternehmer für das Alter und gegen Berufsunfähigkeit und Arbeitslosigkeit absichern, den Wechsel und Kombinationen von Erwerbsformen erleichtern und den Konflikt um Scheinselbstständigkeit entschärfen (siehe auch Seite 20).

Es sei irritierend, so der Forscher, dass sich die Politik nicht schon längst dazu durchgerungen habe. „Aber über kurz oder lang wird das passieren.“ ---