Was Menschen bewegt

Wir wollen ins Weltall fliegen

Eine Geschichte aus der Oasenstadt Herat über junge Frauen, die so gar nicht dem entsprechen, was andere üblicherweise über Afghaninnen denken.




• Es wird gleich von einigen Mädchen und jungen Frauen die Rede sein, die sich dem technischen und ökonomischen Fortschritt und der digitalen Zukunft verschrieben haben. Sie hantieren mit Schraubenziehern, Computern, Robotern und Businessplänen, programmieren Websites und Spiele und befassen sich mit Bitcoins und künstlicher Intelligenz.

Einige von ihnen bilden das Afghan Girls Robotics Team. Die sechs Teenager zwischen 14 und 18 Jahren, die stets Schuluniformen tragen, bestehend aus weißen Kopftüchern und knielangen schwarzen Mänteln und schwarzen Hosen, kassieren bei allerlei internationalen Wettbewerben für jugendliche Erfinder in den USA, Kanada und Europa Preise für ihre selbst gebauten Roboter – wobei ihnen die Visa für die Vereinigten Staaten zunächst zweimal verweigert worden waren. Später schmückte sich die Präsidententochter Ivanka Trump bei einem Fototermin mit den Mädchen, und der kanadische Premier Justin Trudeau zeigte sich mindes- tens so entzückt von ihnen wie sie sich von ihm.

Andere Mädchen haben, obwohl sie noch zur Schule gehen, ihre eigenen kleinen Unternehmen gegründet. Sie produzieren Süßspeisen, Parfüms oder Handarbeiten und verkaufen die Waren über eigene Onlineshops. Sie stehen – im Gegensatz zu dem, was im patriarchalischen Afghanistan für Frauen üblich ist – seit früher Jugend finanziell auf eigenen Beinen. Firmensitz: zu Hause, Produktion: zu Hause, Startkapital: von der Familie. Alles andere wäre hier unschicklich und damit völlig undenkbar in diesem Land.

Wie verwegen das ist, was die Mädchen und jungen Frauen wagen, lässt sich nur verstehen, wenn man sich den Schauplatz des Geschehens vor Augen führt. Wir befinden uns in Herat. Die antike Oasenstadt am Knotenpunkt uralter zentralasiatischer Handelsstraßen ist stolz auf ihre zweieinhalbtausendjährige Geschichte, ihre unter Alexander dem Großen erbaute Zitadelle, auf das intensive Blau der Kacheln in der berühmten Freitagsmoschee und auf die Grabmäler ihrer klassischen Dichter, die die Familien barfuß besuchen, aus Respekt und Liebe zur ihrer Kunst. Afghanistan ist einer der rückständigsten, frauenfeindlichsten und gefährlichsten Staaten der Welt, und Herat hat ein äußerst konservatives Gemeinwesen.

Es ist noch keine 20 Jahre her, dass die Taliban Frauen vollständig aus dem öffentlichen Leben verbannt und Mädchen jegliche schulische Bildung verwehrt hatten, sodass Unterricht höchstens heimlich stattfinden konnte. Und nachdem der hiesige Warlord die Gewaltherrscher im November 2001 aus Herat vertrieben hatte, wurde es auch nicht viel besser.

Noch immer ist Afghanistan eines der ärmsten Länder der Welt, die Wirtschaftslage ist schlecht, und nach wie vor herrscht Krieg. Auch in der Provinz Herat wird gekämpft, und es heißt, draußen vor der Stadt warteten die Taliban auf die erneute Übernahme der Macht – in etlichen Gegenden ist ihnen das in den vergangenen Monaten und Jahren schon gelungen. Sie oder die Terrororganisation IS können jeden Moment, an jedem Ort zuschlagen.

Viele Stadtbewohner sind in den vergangenen Jahren gewaltsam ums Leben gekommen, auch der Vater eines der Mädchen aus dem Robotic-Team, und nicht wenige wurden entführt von kriminellen Banden, die ihre Geiseln angeblich an die Taliban verkaufen.

Hinter eilig aufgestellten Barrikaden mit Stacheldrahtkronen und Wachtürmen stehen Schwerbewaffnete in Kampfanzügen. Öffentliche Gebäude, Hotels, Moscheen und manche Privathäuser sind hinter Sandsäcken und massiven Stahltüren verschanzt. Die ständige Bedrohung und die ungewisse Zukunft machen viele Menschen hier krank, laut der Weltgesundheitsorganisation leidet die Mehrheit der Afghanen an psychischen Erkrankungen.

Für Mädchen und Frauen ist das Leben besonders schwierig. Es hat lange gedauert, bis selbst die gebildeten unter ihnen sich nach dem Ende der Taliban-Herrschaft wieder trauten, das Haus zu verlassen, und bis heute gehen viele nur hinaus, wenn es unbedingt sein muss.


Auf einem Markt in Herat verkaufen Händler ihre Waren, im Zentrum drängeln sich Menschen, Auto- und Radfahrer durch die Straßen.


Im Büro des Digital Citizen Fund arbeiten die Mädchen des Afghan Girls Robotics Teams an ihren Ideen – und an ihrer Unabhängigkeit.

Der Fortschritt spielt sich im Verborgenen ab

Nach wie vor sollten Frauen in der Öffentlichkeit möglichst nicht auffallen. Sie müssen ihre Körper vollständig bedeckt halten, mit der hellblauen Burka, durch deren gesticktes Sichtgitter sie die Welt nur gerastert sehen, oder mit dem schwarzen Tschador, jenem ausladenden Tuch, das nur einen kleinen Ausschnitt des Gesichts frei lässt. So bewegen sie sich in dieser Stadt mit den Bergen von Wassermelonen am Rande der Straßen und dem Durcheinander von Autos, den bunt bemalten Motorrad-Rikschas, den Ziegen und Männern mit Turbanen und Bärten.

Noch immer geht in Afghanistan nur etwa die Hälfte der Mädchen zur Schule. Drei Viertel der erwachsenen Afghaninnen sind Analphabetinnen. Es gibt kaum Frauen in der Politik und in öffentlichen Ämtern. Nur wenige haben ein eigenes Einkommen, und noch weniger arbeiten außerhalb der eigenen vier Wände. Seit Jahrzehnten liegt ihr Anteil unter den Erwerbstätigen bei deutlich unter 20 Prozent. Die Zahl möglicher Arbeitsplätze ist sehr gering, und Tätigkeiten etwa für internationale Hilfsorganisationen gelten vielen als anrüchig, denn wer wisse schon, was in diesen Büros geschehe. Frauen dürfen nur wenige Entscheidungen für sich und ihre Kinder allein treffen. Meist bestimmen männliche Verwandte, was sie lernen, ob und was sie arbeiten, wen sie heiraten, wie sie leben, wohin sie gehen und mit wem.

So ist es umso erstaunlicher, was sich im Verborgenen im Zentrum Herats in einem der Wohnhäuser abspielt. Die meisten Häuser haben einen kleinen Innenhof und zur Straße eine hohe Mauer mit einem Tor aus dickem Blech. Hinter einer dieser Mauern befindet sich die Zentrale des Digital Citizen Fund. Ein schlichtes Gebäude mit einer kleinen Wohnung unten und einer oben, eingerichtet mit ein paar einfachen Schreibtischen, Arbeitstischen und Stühlen. Es ist der Ort, von dem aus junge Afghaninnen Anschluss an die Welt und vor allem an den technischen Fortschritt finden wollen.

Die afghanische Informatikerin und IT-Unternehmerin Roya Mahboob, 32 Jahre alt, hat den Digital Citizen Fund im Jahr 2015 gegründet, nicht hier, sondern in New York, aber dazu später. Seither versucht die Non-Profit-Organisation, Mädchen Technik nahezubringen und, wie Roya Mahboob sagt, „Frauen eine digitale Stimme zu geben“. Und als sei diese Aufgabe in einem solchen Land nicht schon groß genug, sagt Mahboob, sie wolle, „dass Afghanistan in den nächsten 20 Jahren von einem Kriegsgebiet zu einem Hightech-Land wird“.

Jeden Nachmittag nach Ende des regulären Schulunterrichts füllt sich das Haus des Digital Citizen Fund mit Schülerinnen, die sich sogleich an ihre Arbeitstische mit Computer setzen. Vor ihnen steht dann etwa Sahar Atai, selbst erst 23 Jahre alt, aber bereits Absolventin des Informatikstudiengangs der Universität von Herat und eine von sechs jungen Lehrerinnen bei der Organisation. Die Mädchen führen vor, wie sie kleine Monster über den Bildschirm jagen und Lichtorgeln elektronisch steuern können. Wie sie das machen? „Also wirklich“, rufen einige und lachen, „das ist doch ganz einfach!“, und auch die Lehrerin amüsiert sich über die ahnungslose Frage.

Während draußen vor der Stadt die Taliban lauern mit ihren schweren Waffen, Bärten und archaischen Vorstellungen von den Frauen und von der Welt, bewegen sich diese Mädchen mühelos in anderen Sphären. Und eines Nachmittags schneit die kaum 20-jährige Studentin Yalda Amini herein, die hier bis vor Kurzem noch Schülerin war. Mit ihrer runden Brille sieht sie aus wie Harry Potter mit Tschador, sie schwärmt vom Potenzial der Blockchain, der technischen Basis für viele Kryptowährungen, und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Frauen, all das könne sie jetzt aber leider nicht ausführen, denn sie sei auf dem Weg zu einer internationalen Konferenz in Kabul.

Es muss nun endlich von Roya Mahboob geredet werden, die sich das alles ausgedacht hat. Auch sie kommt aus Herat und ist, wann immer sie kann, wieder in der Stadt, doch im Moment irgendwo zwischen New York, Texas und Kalifornien unterwegs. Konferenzen, Leadership-Workshops, Kontaktpflege mit den Denkfabriken dieser Welt, Briefe an Donald Trump, auf dass bitte auch an die Frauen gedacht werde bei den derzeitigen Friedensgesprächen mit den Taliban. Vor allem aber sammelt Roya Mahboob Geld bei amerikanischen Philanthropen für ihre Projekte, denn sie will ihr afghanisches Modell, Mädchen auszubilden, exportieren. Nach Pakistan, Mexiko und Costa Rica, und das soll nur der Anfang sein. Das Geld für die Arbeit des Digital Citizen Fund in Herat kommt von dem italienisch-amerikanischen Medienunternehmer Francesco Rulli und von Craig Newmark, dem Gründer der Internetplattform Craigslist.


Die Robotic Girls führen die Früchte ihrer Arbeit vor, mit denen sie in den vergangenen Jahren die Welt bereist und viele Preise gewonnen haben


Die Zwölftklässlerin Lida Azizi (links) mit Freundinnen in der Mehri High School

Eine Frau, die sich nicht aufhalten lässt

Was Roya Mahboob gewagt und geschafft hat, ist bislang kaum einer jungen Frau aus Afghanistan gelungen.

Als Kind war sie mit ihren Eltern im Exil im Iran, später studierte sie Informatik an der Universität von Herat. Nach dem Ende der Taliban-Herrschaft dauerte es lange, bis die afghanischen Schulen und Universitäten wieder ein akzeptables Niveau erreichten. So bestand das Informatikstudium in Herat anfangs nur aus Unterweisungen in Sachen Koran, weil die arabischen Lehrkräfte nicht anders wollten oder konnten. Das änderte sich, als 2007 Professoren von der Technischen Universität Berlin kamen, bei denen auch Mahboob studierte. Inzwischen sind von mehr als 500 Studierenden der Informatik ein Viertel Frauen.

Roya Mahboob gründete 2010, mit gerade 23 Jahren, eine Softwarefirma, als eine der ersten afghanischen Unternehmerinnen überhaupt, und hat seitdem immer wieder neue Start-ups ins Leben gerufen. 2013 landete sie als erste IT-Unternehmerin des Landes auf der Liste der 100 weltweit einflussreichsten Personen des »Time Magazine«. In Afghanistan wurde ihr Erfolg allerdings zur Gefahr. Wegen Morddrohungen gegen sie und ihre Familie zog sie 2014 nach New York – und leitete ihre afghanischen Firmen und später auch den Digital Citizen Fund über das Internet. „Das Gute an der digitalen Welt“, sagt sie, „ist ja, dass in ihr dein Bewegungsspielraum nicht eingeschränkt ist.“

Mittlerweile kann sie sich auch persönlich wieder nach Herat wagen. Die öffentliche Anerkennung ihrer Arbeit hat den Angreifern den Wind aus den Segeln genommen. Schließlich hat sich herumgesprochen, was all die Töchter der Stadt schon gelernt haben und wie weit viele von ihnen schon gekommen sind. Und mit ihnen manchmal ihre Familien – und letztlich auch das ganze Land ein klein wenig.

Jährlich nehmen 2500 bis 3000 Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren an den Kursen des Digital Citizen Fund teil. Seit 2015, dem Beginn, waren es also schon mehr als 10 000. Die meisten Kurse des Projektes finden zusätzlich zum normalen Unterricht in öffentlichen Schulen statt. Damit die Eltern wissen, dass sich ihre Töchter jederzeit an einem schicklichen Ort aufhalten.

Man muss die Schülerinnen erlebt haben, wie sie aufstehen im Klassenzimmer und mit lauter Stimme verkünden, wie ihre Zukunft aussehen wird: „Ich werde Informatikerin!“, ruft die eine, „Pilotin!“, die andere, „Ich fliege ins Weltall!“, die dritte.

Und was sagen ihre Familien zu solch kühnen Plänen?

Ja, sagen die Mädchen, sie kämen aus einigermaßen aufgeschlossenen Elternhäusern, sonst wären sie nicht hier. Manchmal jedoch machten die Brüder Ärger, und wenig fürchten sie mehr, als dass sie eines Tages mit einem Mann verheiratet werden, der ihre Berufswünsche durchkreuzt – denn auch in fortschrittlichen Familien passen traditionelle und moderne Vorstellungen oft nicht zusammen. Aber in diesem Moment im Klassenzimmer scheint es, als könne nichts und niemand die Mädchen stoppen. Kein Ehemann, keine Brüder, keine Tradition und auch keine Schwerkraft.

„Wir wollen Einkommensmöglichkeiten für Frauen schaffen“, sagt eine der jungen Frauen, denn sie wollen Handarbeiten vertreiben, nicht nur hier, sondern auch auf dem großen pakistanischen Markt. Ihre Familien seien von diesen Vorhaben ebenso überzeugt wie sie und gäben das nötige Geld, da sie unmöglich selbst außerhalb nach Investoren suchen können.

Um ihnen das für solche Vorhaben nötige ökonomische Wissen zu vermitteln, arbeiten neben den Informatikerinnen zwei junge Wirtschaftswissenschaftlerinnen für die Organisation. Sie kümmern sich um das kleine Einmaleins des Umgangs mit Geld. Die Schülerinnen lernen, was eine Bank und was ein Zinssatz ist, was Investitionen, Kosten und Gewinnmargen sind und was es bedeutet, eine Firma zu gründen. Auch die Erwachsenen kennen sich mit solchen Dingen nur selten aus, und so profitiert vom neu erworbenen Wissen der Tochter oft die ganze Familie.

Hier kommt etwa Maryam Roshan ins Spiel, eine elegante Erscheinung, 25 Jahre alt, Wirtschaftswissenschaftlerin, und zwar „eine wirklich gute“, wie sie über sich selbst sagt, die traditionelle Bescheidenheit afghanischer Frauen müsse auch ihre Grenzen haben. Sie sagt, sie sei stolz auf das, was ihre Schülerinnen schon gelernt und erreicht haben.

Da ist zum Beispiel Nooria Azimi, 15 Jahre alt, ein strenggläubiges Mädchen, das schon morgens um fünf zur Koranstunde geht, noch vor dem Schulunterricht, und das überaus erfolgreich Parfüms produziert. Zu Hause natürlich, wo sonst. Die unterschiedlichen Flakons, in die sie ihre Kreationen füllt, die Kondensatoren, die sie benutzt, das Ethanol, die Minzblätter, die getrockneten Blüten von Orangen, Rosen und Narzissen – nein, vorführen könne sie diese Dinge leider niemandem. Die Familie erlaube keine Fremden im Haus, nicht einmal ihre Schulkameradinnen dürften sie besuchen. Die Nachbarn, was sollten die von der Familie denken, wenn diese alle möglichen Leute ins Haus ließe?

Nooria Azimi sitzt im Haus des Digital Citizen Fund, den Tschador fest um den Körper gezogen, und erzählt, wie auf der Straße einmal ein Mensch an ihr vorbeiging, der stank. Sie habe den Geruch heute noch in der Nase. „Und in diesem Moment dachte ich, ich sollte Düfte kreieren, damit die Menschen besser riechen.“ Deshalb probierte sie alles Mögliche aus. Sie erzählt von ihren Mixturen, von ihrer Recherche im Internet zu technischen Verfahren, von der Hilfe ihrer Chemielehrerin, um die anfangs zu dickflüssige Konsistenz zu verbessern.

Zuerst verkaufte sie ihre Parfüms an Mitschülerinnen, dann an ein paar Händler eines Bazars. Inzwischen hat sie 15 verschiedene Düfte in ihrem Sortiment und verkauft online 100 bis 250 Fläschchen im Monat. Mit dem verdienten Geld will sie ein Studium der Wirtschaftswissenschaften finanzieren – nicht in Afghanistan, sondern in der Türkei. Dort seien die Universitäten besser als hier, und der Familie könne sie auch helfen, wenn etwas aus ihr werde, zumal der Vater arbeitslos sei.

Bei einer anderen Schülerin von Maryam Roshan, Souzan Noorzai, ist der Vater gleich mit ins Geschäft eingestiegen, sozusagen als Angestellter der Tochter. Diese Familie freut sich über Besuch zu Hause, wo das Mädchen eine kleine Produktion für eine Art Spaghetti-Eis aus Maisstärke hochgezogen hat.

Daneben spielt Literatur eine große Rolle in Souzan Noorzais Familie. Ihre Tante war die berühmteste junge Dichterin Afghanistans – sie wurde 2005 von ihrem eifersüchtigen analphabetischen Ehemann erschlagen. Mutter und Tochter tragen mit Hingabe ihre Gedichte vor. Besonders lieben sie den Sufi-Meister Rumi, geboren vor mehr als 800 Jahren. Abends rezitiert Souzan Noorzais Mutter dessen Verse für ihren Mann, der eigentlich Taxifahrer ist.

„Gedichte sind etwas Wunderbares“, sagt Souzan Noorzai, „aber ich muss mich auch um die Notwendigkeiten des Lebens kümmern.“ Sie führt die Geschäfte, ihr Vater kocht und formt die Maisstärke von morgens um fünf an im kleinen Innenhof neben der Küche. Die Masse in riesigen Töpfen bei großer Hitze auf offenem Feuer aufwallen zu lassen und dann durch ein Sieb zu pressen ist harte Arbeit. 60 bis 70 Kilogramm davon gehen täglich an Restaurants in Herat. Dort wird die geformte und gekühlte Masse mit unterschiedlichen Sirups getränkt, damit sie Geschmack bekommt. Das Geschäft ist so erfolgreich, dass die Familie sich inzwischen eine größere Wohnung leisten konnte und der Vater nicht mehr Taxi fahren muss.


„Afghanistan soll in den nächsten 20 Jahren von einem Kriegsgebiet zu einem Hightech-Land werden.“


Roboter sollen bei der Safran-Ernte helfen, Drohnen die vielen Landminen aufspüren. Die jungen Frauen haben viele Pläne für die Zukunft ihres Landes

Als Kind Erfinderin, heute Unternehmerin

Mehr als hundert solcher kleinen Betriebe, sagt die Wirtschaftslehrerin Maryam Roshan, hätten junge Mädchen in den vergangenen Jahren in Herat gegründet, manche von ihnen haben inzwischen mehrere Angestellte. Das wird die Wirtschaftslage dieses kriegsgeplagten Landes zwar nicht gleich radikal verbessern, aber immerhin: Es ist ein kleiner, lokaler Schub.

Die kühnsten Zukunftspläne für sich und ihr Land haben jedoch die sechs Teenager des Robotics Teams: Fatemah Qaderyan, Yasmin Yasinzadeh, Lida Azizi, Kawsar Roshan, Saghar Salehi und Somaya Faruqi. Jeden Nachmittag kommen sie ins Haus des Digital Citizen Funds und tüfteln an ihren Projekten. Dabei werden sie von ihren Lehrerinnen unterstützt und manchmal auch von externen Experten, die sich mit Elektrotechnik, Mechanik und Programmierung auskennen.

Die eine hat dem Vater schon als kleines Mädchen bei der Autoreparatur geholfen, im vor Blicken geschützten Innenhof versteht sich, die andere begann mit drei Jahren Roboter aus Papier zu konstruieren, und wieder eine andere hat mit sechs einen Bleistiftspitzer-Staubsauger erfunden, bestehend aus einer Plastikflasche mit Ansaugmotor. „Die mechanischen Probleme“, sagt Fatemah Qaderyan, „sind seit der industriellen Revolution gelöst. Jetzt geht es um Fortschritte bei Software und künstlicher Intelligenz.“

Einen großen Teil ihres Lebens verbringen die Teenager zusammen. Die Reisen zu den Wettbewerben oder Präsentationen im Ausland, der gemeinsame Unterricht, die Arbeit an ihren Projekten. Mehr als Schwestern seien sie füreinander.

Um fünf Uhr früh sind sie heute aufgestanden. Um halb sieben zur Schule, anschließend hier im Haus zusätzlicher Unterricht in Englisch und Mathematik, dann noch drei Stunden Hausaufgaben, jetzt überlegen sie hin und her, wie das gehen könnte, all den großartigen Apparaturen, die sie schon ganz genau im Kopf haben, eine reale Gestalt zu geben.

Was wollen sie nicht alles erfinden: eine Drohne, die die hier allgegenwärtigen Landminen unschädlich macht, zum Beispiel. „Schließlich müssen wir“, ruft eine der jungen Frauen, „unseren Beitrag zur Verbesserung der Sicherheitslage im Land leisten.“ Oder eine Maschine für die extrem beschwerliche Ernte von Safran, einer wichtigen Einkommensquelle in der Gegend. Solar betrieben soll der Roboter sein und möglichst klein und billig. Alles soll er erledigen, vom Einsammeln der Blüten bis zum Verpacken der kostbaren getrockneten Fäden: „Wir sind ein landwirtschaftlich geprägtes Land, deshalb müssen wir uns Dinge überlegen, die die Arbeit auf dem Feld erleichtern!“

Ständig sagen die sechs Schülerinnen solche Sachen. Immer geht es um die Zukunft ihres Landes, für die zu arbeiten ihnen das Wichtigste sei, und nichts scheint für sie selbstverständlicher als diese Zielstrebigkeit, Entschlossenheit und Hingabe. Natürlich gingen sie demnächst weg, „nach Harvard oder nach Yale“, daran lassen sie nicht den geringsten Zweifel. Aber nicht etwa, weil sie genug hätten von diesem Land im dauerhaften Kriegszustand. Im Gegenteil, spätestens in fünf Jahren wären sie wieder da. Als Ingenieurinnen, Informatikerinnen und Spezialistinnen für künstliche Intelligenz, „und dann bringen wir so viel Wissen wie möglich zurück nach Afghanistan“.

Doch was für ein Land wird Afghanistan in den nächsten Jahren sein? Was wird aus den kühnen Geschäftsideen, den Websites, den Onlineshops, den Robotern, den Harvard-Abschlüssen?

Fieberhaft verhandeln die Amerikaner in diesen Tagen mit den Taliban. Sie wollen ihre Truppen so schnell wie möglich nach Hause holen, schließlich hat Donald Trump, der Präsident, das versprochen. Aber was, wenn die Amerikaner weg sind? Kommen dann die Taliban zurück an die Macht? Und was werden sie dann wollen? Die Mädchen wieder aus den Schulen und die Frauen aus der Öffentlichkeit verbannen?

Einige, wie die Wirtschaftslehrerin Maryam Roshan, erahnen die Rückkehr sehr dunkler Zeiten, „aber wir müssen bis zur letzten Minute weiterarbeiten, um den Boden für die nächste Generation zu bereiten“. Andere sagen, sie beten, dass es nicht so schlimm werde, wie Yalda Amini, die Blockchain-Spezialistin. Und es gibt welche, die sich innerlich schon darauf vorbereiten, ihre Heimat zu verlassen. So wie Sahar Atai, die Informatik-Lehrerin, die am liebsten bei der Nasa anheuern würde – „auch wenn es“, wie sie sagt, „am Ende egal ist, was uns umbringt, die Taliban oder die Emigration“. Roya Mahboob wiederum ruft aus Kalifornien herüber, dass es wahrscheinlich harte Zeiten geben werde, aber auch die gingen vorüber.

Nur die Robotics Girls sind durch und durch zuversichtlich. „Dies ist das 21. Jahrhundert, das technologische Zeitalter“, sagt eine, „dem können sich doch auch die Taliban nicht entziehen.“

Der Rest sei eine Frage der Mengenlehre. Schließlich seien zwei Drittel der Menschen in Afghanistan jünger als 25 Jahre. „Was können die paar Taliban gegen den technischen Fortschritt und gegen unsere Vorstellung vom Leben da groß ausrichten?“

Hoffentlich haben sie recht. ---