Südafrika Tarifverhandlungen

In Südafrika können Tarifverhandlungen blutig enden. Besonders im Bergbau herrschen raue Sitten.





• Es ist mal wieder so weit: In Südafrika haben die Tarifverhandlungen für die Platinminen begonnen. Wo genau die Gespräche stattfinden, wird geheim gehalten. „Wir wollen nicht, dass da auch noch Journalisten herumspringen“, sagt James Wellsted, Sprecher von Sibanye-Stillwater, dem zweitgrößten Platin-Hersteller der Welt: „Die Gespräche sind schon angespannt genug.“

Wenn sich südafrikanische Kumpels mit ihren Arbeitgebern um Lohnerhöhungen streiten, hält der Rest des Landes den Atem an. Denn die Verhandlungen können blutig enden.

Wie in Marikana, gut hundert Kilometer nordwestlich von Johannesburg. Dort waren im Juli 2012 Kumpels in einen wilden Streik getreten: wild deshalb, weil ihre Gehaltsforderung nicht von der Minengewerkschaft unterstützt wurde. Die Kumpels wollten ein Mindestgehalt von 12 500 Rand im Monat durchsetzen, was damals rund 1200 Euro und einer Verdreifachung des Mindestlohnes entsprach.

Daraufhin kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kumpels, Gewerkschaftsfunktionären, Sicherheitspersonal und Polizei, bei denen mehrere Menschen starben. Die staatliche Ordnungsmacht beendete den Konflikt schließlich auf ihre Weise: Sie eröffnete mit automatischen Gewehren das Feuer auf die mit Stöcken und Steinen ausgerüsteten Bergarbeiter, 34 Kumpels wurden aus nächster Nähe erschossen, 78 mussten ins Krankenhaus.

Das Massaker von Marikana war die bislang verheerendste Konfrontation im neuen Südafrika – doch Gewalttätigkeiten während eines Lohnkonfliktes stehen durchaus auf der Tagesordnung. Wenn sich Busfahrer bei einem Arbeitskampf der Transportarbeiter als Streikbrecher betätigen, müssen sie mit Schüssen auf ihre Fahrzeuge rechnen. Auch Müllmänner, die ihren Unrat auf die Straßen kippen, oder private Wachleute, die ihre Pistolen zücken, gehören in Südafrika zum ordentlichen Tarifstreit.

Selbst die Gegenseite hat Verständnis für das raue Klima. Wellsted, der PR-Mann der Mine, spricht von den angespannten sozialen Verhältnissen – den riesigen Einkommensunterschieden und der ständig drohenden Arbeitslosigkeit. Hinzu kommt das Vermächtnis der Apartheid. Sie hatte die Entwürdigung der Arbeiter einst zur Methode erhoben.

Doch auch nach dem Ende der Apartheid konnte eine einigermaßen situierte Belegschaft wie in der südafrikanischen Autoindustrie – wo die Arbeitskämpfe schon seit Jahrzehnten nicht mehr gewalttätig ausgetragen werden – in der Minenindustrie nie entstehen: „Für uns hat sich seit dem Ende der Apartheid nichts verändert“, sagt Jimmy Gama, Verhandlungsführer der jungen radikalen Bergarbeitergewerkschaft Amcu.

Mit rund 20 Genossen sitzt Gama derzeit in der berüchtigten Marikana-Mine den acht Vertretern des Managements gegenüber, die Gespräche würden „sachlich“ geführt. Allerdings müsse man jederzeit mit Entgleisungen rechnen, sagt der Unternehmenssprecher Wellsted.

Das Management wirft Amcu vor, Marikanas Vorbesitzer Lonmin ins Grab getrieben zu haben. Nach Ablehnung der Forderung nach einem Mindestlohn von 1000 Euro pro Monat setzte Amcu im Januar 2014 zum längsten und teuersten Streik in der Geschichte des Landes an: Fünf Monate lang blieben die Kumpels den Minen fern, der Arbeitskampf soll die drei den Sektor beherrschenden Konzerne Amplats, Implats und Lonmin rund 2,25 Milliarden Dollar gekostet haben.

Lonmin erholte sich nie wieder von dem Schock: Zwei Jahre später nahm Sibanye-Stillwater Verhandlungen zur Übernahme seiner Platinminen auf, die in diesem Jahr mit Lonmins Abwicklung endeten. Den Vorwurf, mit seinen überzogenen Forderungen verantwortlich zu sein für den Tod des britischen Traditionskonzerns – er wurde 1909 in London gegründet und seit 1962 von dem legendären exilierten Hamburger Geschäftsmann Tony Rowland geführt –, weist Amcu-Verhandlungsführer Gama von sich: Lonmins Untergang sei schlechtem Management zuzuschreiben, schließlich hätten Amplats und Implats den Streik gut überstanden. Tatsächlich musste Amplats während des Arbeitskampfes zwar auf Einnahmen von mehr als einer Milliarde Dollar verzichten. Doch der Aktienkurs des Unternehmens stieg trotzdem um neun Prozent – offensichtlich, weil es genügend Platin-Reserven angesammelt hatte.

Derzeit fordert Amcu eine weitere Lohnerhöhung um fast 50 Prozent, was im Ergebnis jedoch angesichts des sinkenden Wertes der Landeswährung noch immer nur einem Mindestlohn von 1200 Dollar im Monat entspräche. „Ein Wahnsinn“, schimpft Wellsted: Auf diese Weise werde die Gewerkschaft auch noch den nächsten Platinkonzern in die Knie zwingen – mit verheerenden Konsequenzen für die 90 000 Beschäftigten des Unternehmens.

Jimmy Gama zeigt sich von solchen Drohungen unbeeindruckt. „Die Platinkonzerne machen derzeit wieder satte Gewinne“, sagt der Amcu-Mann: „Warum sollten ausgerechnet wir als Verursacher dieser Gewinne nicht davon profitieren?“ Offensichtlich wird auch in Südafrika wie überall in der Welt der Ball bei Tarifverhandlungen hin- und hergekickt. Nur dass das Match hier auf einer gefährlichen Klippe stattfindet. ---