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In Ägypten verdienen viele so wenig, dass sie sich ein Nebengeschäft suchen. Das ist zwar nicht immer legal, dafür bisweilen recht kreativ.





• In Ägypten gibt es etliches in zweifacher Form, einer offiziellen und einer inoffiziellen: Parkplätze, Preise, Speisekarten (offiziell ohne Bier, inoffiziell mit), Uhrzeiten, zu denen man sich verabredet, bürokratische Vorgänge aller Art. Häufig ist die inoffizielle Version die entscheidende. Das gilt auch für Löhne. Ägyptens Wirtschaftswachstum hält seit Jahren nicht Schritt mit dem Wachstum der Bevölkerung, jeder dritte junge Mensch findet keinen Job. Der Spielraum für Gehaltsverhandlungen ist demnach begrenzt, weshalb viele Ägypter nach kreativen Lösungen suchen, um ihre Löhne aufzustocken.

So übersteigt der irreguläre Lohn oft das Festgehalt – sofern es eines gibt. Ägyptische Kellner etwa leben häufig vom Trinkgeld allein. An Tankstellen und Imbissen soll es gar vorkommen, dass Angestellte den Betreiber bezahlen, um in seiner Einrichtung arbeiten zu dürfen – in der Hoffnung auf Trinkgeld.

Manche Ägypter schaffen sich ihren Service-Job selbst: Halten Autofahrer in Kairos verstopften Gassen nach einem Parkplatz Ausschau, tauchen oft wie aus dem Nichts ein paar Jugendliche auf, die den Suchenden eifrig winkend zu einer Parklücke dirigieren. Anders als manche empörten Touristen strecken die meisten Ägypter einen Schein durchs Autofenster. Sie wissen, wie hart viele Landsleute für das Nötigste kämpfen.

Für manche Ägypter sind inoffizielle Löhne ein Segen. Andere leiden unter ihren Folgen. Ein besonders krasses Beispiel findet sich im Bildungssystem. Ägyptens staatliche Schulen gehören laut Weltbank zu den schlechtesten der Welt. Dafür gibt es mehrere Gründe, einer der wichtigsten ist das Lehrergehalt. Rund 350 Euro verdienen Pädagogen an staatlichen Schulen im Schnitt monatlich. Das ist zwar etwas mehr als der Durchschnittslohn, aber eine Familie lässt sich davon kaum ernähren.

Das verleitet viele zu einem zweifelhaften Nebengeschäft. Einmal fragte ich den 16-jährigen Sohn eines ägyptischen Bekannten, wie der Unterricht an seiner Schule ablaufe. Der Sohn lachte und erzählte, dass seine Lehrer oft Zeitung läsen oder gar nicht erst auftauchten. Sein Vater sagt: „Die Lehrer machen absichtlich schlechten Unterricht und halten Wissen zurück, damit die Eltern bei ihnen private Stunden buchen.“ Laut der Statistikbehörde des Landes gehen von allen Ausgaben, die ägyptische Eltern für die Bildung ihrer Kinder tätigen, im Schnitt 42 Prozent für Nachhilfe drauf (die übrigen Kosten verteilen sich auf Schulbücher und andere Ausstattung, Transport, Schuluniformen und an bestimmten staatlichen Schulen auch Gebühren). Das Nachsehen haben jene, deren Eltern sich keine Privatstunden leisten können.

Auch Verwaltungsbeamte greifen häufig zu Tricks, um ihren oft schmalen Lohn aufzubessern. Bis vor Kurzem betrug der Mindestlohn im öffentlichen Dienst 1200 ägyptische Pfund, rund 64 Euro. Vor einigen Wochen kündigte Präsident Abdel-Fattah Al-Sisi eine Erhöhung auf umgerechnet 108 Euro an. Die Korruption wird das nicht vertreiben. Ein guter Freund, der zwei kleine Firmen führt, erzählte mir kürzlich von einer früheren Angestellten: Die Frau habe bei ihm ordentlich verdient, sich aber dennoch für eine miserabel bezahlte Stelle in der Steuerbehörde beworben. Um den Auswahlprozess zu vereinfachen, zahlte sie dem verantwortlichen Beamten ein Schmiergeld, das den Jahreslohn der ausgeschriebenen Stelle überstieg. Sie hatte guten Grund zu der Annahme, dass sich die Investition lohnen würde, lässt sich doch in der Steuerbehörde besonders viel abgreifen.

Auch ich habe während meiner regelmäßigen Aufenthalte in Ägypten oft mit inoffiziellen Löhnen zu tun. Mein Arabischlehrer etwa unterrichtet regulär an einer Sprachschule, nebenbei aber gibt er hinter dem Rücken seiner Chefin unerlaubt Privatstunden und kassiert dafür rund das Doppelte seines regulären Stundensatzes. Der Bawab meiner letzten Wohnung in Kairo – eine Art Hausmeister mit erweiterten Aufgaben – fing überhaupt erst an zuzuhören, nachdem er ein, zwei gerollte Geldscheine entgegengenommen und in die Brusttasche gesteckt hatte.

Auch auf Fahrten mit dem Taxi-Dienst Uber begegnet man häufig Menschen in ihrem Zweit- oder Drittjob. So etwa Nashat (mehr als den Vornamen verrät die Uber-App nicht), der mich kürzlich zum Flughafen fuhr: Eigentlich arbeite er als Börsenanalyst und halte Vorlesungen an der Universität, erzählte er mir. Als Fahrer arbeite er erst seit zwei Monaten, stets von drei bis sieben Uhr morgens, vor den anderen Jobs. In seinem anderen Beruf verdiene er nicht gut, er habe eine Frau und vier Kinder zu versorgen. Ob Uber dafür die beste Idee ist, fragte ich mich im Stillen. Schließlich kostet die 45-minütige Fahrt von meiner Wohnung zum Flughafen gewöhnlich nur rund sieben Euro.

Die Fahrt mit Nashat war, wie ich später beim Blick auf meine Kreditkartenabrechnung feststellte, jedoch doppelt so teuer. Ich öffnete die App und sah, dass Nashat beim Eintreffen am Flughafen unsere Fahrt nicht beendet, sondern die App einfach hatte weiterlaufen lassen, bis weit in den Westen Kairos – vermutlich wohnt er dort. „Das ist meine letzte Fahrt heute“, hatte er mir noch gesagt.

Auch Taxifahrten, das weiß ich nun, können in Ägypten zweigeteilt sein: in einen offiziellen und einen inoffiziellen Part. ---