Levittown

Das Unternehmen Levitt and Sons errichtete nach dem Zweiten Weltkrieg auf Long Island Häuser wie am Fließband – die Geburt des amerikanischen Suburbs.





• „Little Boxes“ heißt ein Protestsong aus dem Jahr 1962. Malvina Reynolds sang von den „kleinen Schachteln“, die alle gleich aussehen und in denen Menschen wohnen, die alle gleich sind. Sie hätten hübsche Kinder, die ins Sommercamp fahren und auf die Universität gehen, um später in die gleichen Boxen gesteckt zu werden.

Der Song handelt vom typischen amerikanischen Vorort, in dem ein Haus mit Vorgarten neben dem nächsten aufgereiht ist. Jene einförmigen Siedlungen polarisierten von Anfang an. Wann die erste entstand, lässt sich genau datieren: Im Jahr 1947 wurde Levittown auf Long Island in New York gebaut – der Prototyp der amerikanischen Suburbia. Familien mit wenig Geld freuten sich über einen Neuanfang, Kritiker warnten, es würden Slums entstehen.

Die Baufirma Levitt and Sons hatte im Zweiten Weltkrieg im Auftrag der Navy Unterkünfte in Virginia gebaut. Dabei entwickelten die Unternehmer Methoden, schnell im großen Stil zu bauen. Als William Levitt, der Sohn des Gründers, von seinem Kriegsdienst nach Hause kam, hatte er eine Idee: All die jungen Veteranen, die wie er heimkehrten, würden eine Bleibe brauchen. Er schlug vor, die Erfahrung der Firma auf den Wohnungsbau für Privatleute zu übertragen. Also kaufte das Familienunternehmen auf Long Island einen Acker, auf dem bis dahin Zwiebeln und Kartoffeln wuchsen.


„Viele unterschiedliche Leben wurden dort gelebt.“

Die Häuser bekamen keine Keller, stattdessen vorgefertigte Fundamente aus Beton, auch das Holz für die Wände war bereits zugeschnitten. So ließen sich die Fertighäuser schnell errichten, Arbeiter bauten bald mehr als 30 Stück am Tag.

Das Unternehmen machte sich weitgehend von Zulieferern unabhängig: Levitt kaufte ganze Wälder, damit Holz nie knapp wurde, Nägel ließ er in einer eigenen Fabrik herstellen. Im Jahr 1951 hatte die Firma mehr als 17.000 Häuser gebaut. Nach dem Vorbild auf Long Island errichteten die Unternehmer weitere Vororte, die sie alle Levittown nannten – egal ob bei Philadelphia oder auf Puerto Rico. Levittown in New Jersey wurde später umbenannt in Willingboro Township.

Durch die effiziente Bauweise konnte das Unternehmen die Häuser billig anbieten: Ein Haus kostete anfangs um die 8000 Dollar, eine Anzahlung in Höhe von 100 Dollar genügte. Das war auch damals für eine Immobilie wenig Geld, sodass Veteranen Schlange standen. Es gibt Bilder davon, wie sie in Hängematten und Liegestühlen vor dem Büro von Levitt and Sons übernachteten, um sich morgens gleich auf die Liste der Interessenten einzutragen. Viele lebten mit ihren Familien in der Enge New York Citys bei ihren Eltern, auf unbeheizten Dachböden oder in Kellern, so groß war die Wohnungsnot. Für sie muss es wie ein Luxusproblem gewirkt haben, ob die Häuser nun alle gleich aussahen oder nicht. Sie wollten ein Zuhause haben.

In der Kurzgeschichte „The Man Who Loved Levittown“ beschreibt der Schriftsteller W. D. Wetherell die euphorische Aufbruchstimmung der ersten Bewohner. Seinen Ich-Erzähler lässt er sagen: „Wir waren Cowboys da draußen. Wir waren die Pioniere.“ Auch der Sänger Billy Joel, der in einem Levitt-Haus aufwuchs, verteidigte die Siedlung in einem Interview: „Man kann nicht einfach sagen, das sei nur eine kulturelle Ödnis gewesen oder aber nur ein Segen für GIs. Es gab viel dazwischen. Viele unterschiedliche Leben wurden dort gelebt.“

Dennoch trifft die Kritik der Einförmigkeit einen wunden Punkt der Siedlungen. Die Bevölkerung Levittowns auf Long Island war anfangs zu hundert Prozent weiß. Im Standard-Mietvertrag der ersten Häuser in Levittown stand explizit, das Haus könne nicht von Personen genutzt werden, die „nicht zur kaukasischen Rasse“ gehören, die also nicht weiß sind. Schwarze Kriegsheimkehrer wurden abgelehnt.

Offiziell wurde der Passus 1948 gestrichen, praktisch änderte sich jedoch kaum etwas. Die Bürgerrechtsbewegungen der Fünfziger- und Sechzigerjahre hatten kaum Einfluss auf die Wohnpolitik Levittowns. Und das, obwohl William Levitt selbst jüdisch war, der Enkel eines Rabbis. „Als Jude habe ich in meinem Geist oder meinem Herzen keinen Platz für rassistische Vorurteile“, sagte er. „Aber ich weiß, wenn wir einer schwarzen Familie ein Haus verkaufen, werden 90 oder 95 Prozent unserer weißen Kunden in dieser Gemeinde nicht kaufen. Das ist deren Haltung, nicht unsere.“ Bis heute wird er heftig dafür kritisiert, dass er so lange an dieser Praxis festhielt.

Im Lauf der Jahre sahen die kleinen Boxen zumindest immer weniger eintönig aus: Die bei den Bewohnern beliebte Zeitschrift »Thousand Lanes« habe sich eigens der Frage gewidmet, wie man die Levitt-Häuser umgestalten könne, schreibt die Levittown Historical Society. Man müsse die Bewohner „dafür loben“, dass sie eine monotone Siedlung zu einer „einzigartigen, attraktiven und zeitgemäßen“ gemacht hätten.

Das Unternehmen Levitt and Sons hat nicht überlebt. Es ging 2007 in der Immobilienkrise pleite. Doch der Begriff „Levittown“ ist heute ein geläufiger Begriff, der für mehr steht als für die Vororte mit diesem Namen – für einförmige, verschlossene Siedlungen. ---