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Ich habe versucht, über Geld zu reden. Und war nur mäßig erfolgreich.

Ein Erfahrungsbericht.





• Ich weiß von meinen Freunden nicht, was sie verdienen. Und ich frage lieber nicht. So ein Gefühl. Mich fragt ja auch keiner.

Dabei würde es mich schon interessieren. Was verdient die Programmiererin in meiner Bürogemeinschaft? Mein Nachbar, der Physiker ist, aber im Marketing arbeitet, oder die Freundin, die in der Chefetage einer Werbeagentur sitzt? Oder die Künstler, von denen ich zwar weiß, dass sie wenig verdienen – aber was heißt das schon: wenig?

Dass Fußballprofis viel verdienen, ist bekannt. Oder Manager. Aber im Privaten scheint das Gehalt ein Tabu zu sein. Es gibt Soziologen, die sagen: Geld ist ein größeres Tabuthema als Sex.

Neulich stand ich mit einer Freundin am Bahnsteig. Sie ist freischaffende Künstlerin und alleinerziehend. Ich hatte mich schon mal gefragt, wie sie das macht, die vielen Ausstellungen, die vielen Reisen, der Kindsvater in einer anderen Stadt. Gefragt hatte ich sie das bis dahin nie. Sie zögerte kurz, zählte dann ein Stipendium auf, Kindergeld, ein paar andere kleine Posten, am Ende eine Summe. Ich dachte, hm, geht ja gerade noch. Vielleicht hatte ich weniger erwartet. Dann kam der Zug, und am Abend eine Nachricht, dass sie ein komisches Gefühl habe, jetzt, da ich wüsste, was sie verdient, sie aber umgekehrt keine Ahnung habe von meinem Gehalt.

Ich wusste dann auch erst mal nicht, was antworten. Als freie Journalistin verdient man mal so, mal so. Einen mittleren Monat als Maßstab nehmen oder lieber einen schlechten? Irgendwie kann man bei dem Thema nur alles falsch machen: Entweder ich bin beschämt, weil ich weniger habe, oder ich beschäme, weil ich mehr habe und Neid provoziere. Wobei ich eigentlich selten neidisch bin, wenn andere viel mehr verdienen, es ist eher ein Kopfschütteln, so wie beim Gedanken an Pflegekräfte, die einen Bruchteil dessen verdienen, was der Vorstand eines Computerspieleentwicklers bezieht. Allerdings: Wenn der Umsatz großer Medienhäuser in keinem Verhältnis steht zu meinem Honorar, dann bin ich schon genervt. Oder wenn ich höre, was manche Berater so kriegen, da frage ich mich, warum eigentlich. Wieso kassiert ein Freund, 30, im Marketing bei einem Start-up zum Einstieg 80 000 Euro? Leisten die alle so viel mehr als ich?

Wenn es aber mal verhältnismäßig gut läuft, dann fühle ich mich wie ein Streber. Vielleicht ist das einfach nur Ausdruck unserer Kultur, in der man eher nicht so offen zur Schau trägt, wie viel man verdient. Mit so einer Druckserei wäre man anderswo, sagen wir in Amerika, schnell weg vom Radar. Dort sagt man möglichst laut und detailgenau, was man hat. Bei uns sieht das ganz anders aus, auch bei meinen Umfragen im Bekanntenkreis.

„Ich schreibe gerade einen Artikel zum Thema Gehalt, darüber, dass man so ungern darüber spricht. Würdest du da offen reden?“ – „Nee, bloß nicht.“ – „Und warum? Bleibt doch anonym?“ – „Die Leute denken sonst sowieso nur: Was? So viel? Dabei geht sowieso gefühlt alles ans Finanzamt.“ Wohl als kleines Eingeständnis werden Fixkosten aufgezählt, oder es kommen Ausweichformeln wie: „Ich muss drei, vier Filme machen im Jahr, dann komm’ ich über die Runden.“

Ein Freund wurde schon von seinem Vater gewarnt: „Sprich bloß mit keinem über dein Gehalt, das erzeugt bloß Neid.“ Und als der Sohn es dann doch tat, bekam er prompt zu hören: „Du mit deinem Professorengehalt!“ Seitdem fühle er sich unwohl mit dem Thema. Dabei ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität, man könnte also in den Besoldungs-Tabellen nachschauen, wie hoch sein Gehalt ist.

Manchmal kann man überschlagen, wer in etwa was verdient. Wenn jemand ein Jahr lang eine Auszeit nimmt und um die Welt reist, denke ich, gut, der kann sich das leisten. Und der Freund mit Eigentumswohnung, zwei Kindern und einer teuren Kamera hat im Monat wohl mehr als 3000 Euro netto.

So wie der Arzt in leitender Position, den eine Freundin kennenlernte. Sie verdient um die 2500 Euro brutto (erzählte sie, als es um die Unterbezahlung in der Kreativbranche ging). Dieser Mann jedenfalls traf sich jeden Montag mit Freunden zum Essen für mehrere Hundert Euro – pro Person. Unangenehm: Selbst zahlen konnte die Freundin nicht, und einladen lässt man sich zwar einmal gern, aber nicht immer. Die Affäre dauerte dann auch nicht besonders lange.

Umfrage Nummer zwei, am Mittagstisch mit ein paar anderen aus der Bürogemeinschaft. Ein Kollege läuft vorbei, er entwickelt erfolgreich Hard- und Software: „Und, was verdienst du so?“ Grinsen, dazu ein trockenes „genug“ im Vorbeigehen. Eine Grafikerin ist sicher, dass sie einen Job nicht bekommen hat, weil sie das Honorar zu hoch angesetzt hatte. Dann gehen doch ein paar Zahlen über den Tisch, es kommt sogar eine richtige Diskussion zustande. Wir sind uns einig, dass es gut ist, zu wissen, was die anderen verdienen – im Sinne von Empowerment. 300 bis 350 Euro Tagessatz sollten schon drin sein. Die Programmiererin sagt unerwartet offen, dass sie für ihre 80-Prozent-Stelle knapp 50 000 Euro bekommt. Ich atme tief durch. Irgendwie auch befreiend, mal offen über Geld zu reden. Es ist ja was Intimes, fast wie ein Vertrauensbeweis. Und es geht ohne Scham und Neid.

Vielleicht lässt sich in dieser Runde so entspannt reden, weil wir alle Freiberufler sind und unsere Gehälter nicht gut vergleichbar. Trotzdem – zumindest für den Moment ist das Tabu gebrochen. Von den Fakten geht es weiter zum Wie und Warum, zu den Fragen der Gerechtigkeit. Und damit zu Männern und Frauen. Eine Bekannte erzählt, dass ihr Kollege für den gleichen Job gerüchtehalber das Doppelte verdiene. Sicher, sie hätte nachhaken können: Seit Juli 2017 gilt ja das Entgelttransparenzgesetz. Aber eine Studie hat gerade gezeigt: Kaum jemand fragt nach, was andere, die in einer Firma das Gleiche leisten, verdienen. Und selbst wenn, bringt es Frauen laut anderen Studien nichts: Denen zufolge vergrößert mehr Transparenz den Paygap – weil Männer das zusätzliche Wissen beim Verhandeln besser und öfter nutzen.

Hinzu kommt, dass Frauen solche Verhandlungen noch weniger geheuer sind als Männern. Glaubt zumindest eine Freundin, die in einer Führungsposition mitbestimmt: Männer stünden bei ihr mindestens einmal im Jahr mit Forderungen auf der Matte, Frauen alle drei oder vier Jahre. Studien kommen zu dem gleichen Ergebnis. Außerdem gibt es etliche Chefs, bei denen es nicht so gut ankommt, wenn Frauen genauso hart wie ihre männlichen Kollegen um das Gehalt feilschen. Aufs Geld zu achten passt wohl noch immer nicht recht in unser Bild von Weiblichkeit.

Die Finnen und Schweden haben das Thema übrigens elegant gelöst. Dort muss man nicht über das Gehalt reden – man fragt einfach beim Finanzamt nach, wie viel Steuern Nachbarn oder Freunde zahlen. Dieses System dürfte sich in Deutschland eher nicht durchsetzen.

Wobei: Wer weiß, vielleicht wird die jüngere Generation, die in Online-Communitys so gern Fotos und private Details von sich verbreitet, demnächst auch ihre Gehälter öffentlich vergleichen. ---