Gehälter im Vergleich

Fünf Menschen sprechen über den Wert ihrer Arbeit.





Eine Aufstockerin

Alter: 48
monatliches Gehalt: durchschnittlich 140 Euro
wöchentliche Arbeitszeit: 10 bis 20 Stunden

Elgin Fischbach lebt in der Nähe von Heidelberg und bezieht Arbeitslosengeld II (ALG II). Das stockt sie mit dem Austragen von Zeitungen und kommunalen Blättern auf. Einen längerfristigen Vollzeitjob hatte die gelernte Industriekauffrau noch nie – trotz zahlreicher Umschulungen und Weiterbildungen.

„Während ich arbeite, schlafen die meisten Menschen. Außer in der Nacht von Freitag auf Samstag. Da treffe ich mal den ein oder anderen an, dem ich die Zeitung direkt in die Hand drücken kann. Aber das sind Ausnahmen. Oft stehe ich nachts um halb zwei auf, je nachdem, in wie vielen Bezirken ich Tageszeitungen austrage. Ich mag es, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein – das erspart mir ein teures Fitness-Studio. Außerdem habe ich nachts meine Ruhe, anders als Briefträger, die tagsüber mit dem Verkehr zu kämpfen haben. Draußen im Dunkeln zu arbeiten macht mir nichts aus.

Vor 27 Jahren bin ich für meine Erstausbildung zur Industriekauffrau von Krefeld nach Neckargemünd gezogen. Heute verdiene ich mir etwas zum Arbeitslosengeld II hinzu. Die Tageszeitung trage ich in sechs Nächten pro Woche aus, zusätzlich verteile ich zweimal tagsüber kommunale Amtsblätter sowie ein Anzeigenblatt. Man hat mir oft gesagt, dass es nicht so sehr darauf ankomme, was für einen Job ich mache, sondern darauf, dass ich überhaupt arbeitete. Wenn man sähe, dass ich arbeitswillig bin, fände ich eher eine ordentliche Stelle. Bisher ist das allerdings nicht der Fall gewesen. Ich muss jeden Monat Bewerbungen verschicken, so will es das Jobcenter. Zu einem Bewerbungsgespräch werde ich nur sehr selten eingeladen, in den vergangenen fünf, sechs Jahren gar nicht mehr.

Dabei habe ich alles versucht: Als ich nach meiner Erstausbildung keine entsprechende Stelle gefunden hatte, absolvierte ich eine Weiterbildung zur Fachinformatikerin. Doch auch das half nicht. Deshalb habe ich eine Ausbildereignungsprüfung abgelegt, um andere Menschen ausbilden zu können. Das kostete mich mehrere Tausend Euro, einen Job fand ich anschließend nicht. Keine der Aus- und Weiterbildungen fand im Betrieb statt, vielleicht war das das Problem.

Als ich mich im Alter von 33 Jahren zur Kauffrau im Gesundheitswesen umschulen ließ, war immerhin ein Praktikum integriert. Das habe ich in einem anthroposophischen Pflegeheim gemacht. Jedoch stand schon vor Beginn fest, dass ich aus betrieblichen Gründen nicht übernommen werden könnte. Weil ich ein gutes Zeugnis für weitere Bewerbungen haben wollte, habe ich mich trotzdem angestrengt. Gebracht hat es nichts. Ich hatte in all den Jahren zwar immer mal wieder eine Arbeit. Aber nur für kurze Zeit, zum Beispiel wenn eine Mitarbeiterin auf Kur war. Etwas Längerfristiges gab es nie.

Seit einigen Jahren bin ich regulär bei zwei Arbeitgebern angestellt. Mein Arbeitspensum wechselt häufig, durchschnittlich verdiene ich rund 300 Euro im Monat. Das Jobcenter rechnet jedoch vorläufig 350 Euro pro Monat auf mein Arbeitslosengeld II an. Erst im Nachhinein, wenn ich die Lohnabrechnungen für den jeweiligen Zeitraum vorgelegt habe, erhalte ich eine Nachzahlung. 100 Euro meines monatlichen Verdienstes darf ich als Grundfreibetrag anrechnungsfrei behalten, vom Rest muss ich 80 Prozent an das Jobcenter abgeben. Deshalb bleiben von 300 Euro am Ende nur 140 Euro übrig. Selbst Nachtzuschläge werden verrechnet, obwohl sie ein kleiner Ausgleich für meine unliebsamen Arbeitszeiten wären. Die Nachtarbeit bringt den Bio-Rhythmus auf Dauer sehr durcheinander. Ich merke das immer, wenn ich mal Urlaub habe: Dann brauche ich erst einmal ein paar Tage, bis ich mich wieder an normale Zeiten gewöhnt habe.

In meinem Job bin ich darauf angewiesen, dass ich gesund bin. Vergangenes Jahr hatte ich einen Arbeitsunfall, da habe ich mir meinen Fuß umgeknickt. Anschließend war ich etwa sechs Wochen krankgeschrieben, weitere zwei Monate habe ich dann stufenweise wieder Schichten übernommen. Meinen Grundlohn erhalte ich zwar auch, wenn ich krank bin, aber ohne die Nachtzuschläge ist es deutlich weniger. Seitdem nehme ich mir nur so viel vor, wie ich auch schaffen kann. Das Risiko eines erneuten Unfalls will ich nicht eingehen.

Neben meiner Arbeit engagiere ich mich bei der Gewerkschaft Verdi, unter anderem als stellvertretendes Mitglied im Erwerbslosen-Ausschuss des Landesbezirks Baden-Württemberg. Außerdem berate ich ehrenamtlich Erwerbslose und Aufstocker, das macht mir Spaß. Und es ist wichtig, weil das System nur auf diese Weise politisch unter Druck kommt.

Arbeit muss sich lohnen, und sie muss zum Leben reichen. Wie kann es sein, dass jemand, der 40 Jahre in Vollzeit zum aktuellen Mindestlohn arbeitet, später seine Rente aufstocken muss? Um meine spätere Rente zumindest ein bisschen zu erhöhen, zahle ich monatlich den Mindestbetrag von fünf Euro in einen Riester-Vertrag ein – denn in der Altersgrundsicherung gibt es Freibeträge für die Altersvorsorge.

Mit meinem Einkommen ist es unmöglich, für größere Anschaffungen zu sparen. Für gewisse Dinge, von denen ich weiß, dass sie auf mich zukommen, wie eventuelle Nebenkosten-Nachzahlungen, lege ich aber immer etwas zurück. Im Vergleich zu jemandem, der Vollzeit im Niedriglohnsektor arbeitet, geht es mir gut: Das Amt zahlt die Warmmiete für die kleine Wohnung, in der ich seit mehr als 20 Jahren lebe. Und die Einbauküche gehört zum Glück meinem Vermieter. Wenn also beispielsweise ein neuer Kühlschrank hermüsste, sorgte er für den Ersatz.

Meinen Zuverdienst gebe ich vor allem für gesundes Essen aus. Darüber hinaus leiste ich mir manchmal eine CD oder ein Buch in gutem Gebrauchszustand. Ab und zu reise ich zu meiner Familie nach Krefeld, aber Auslandsreisen sind nicht möglich. An diese Einschränkungen habe ich mich schon lange gewöhnt. Deshalb empfinde ich das auch nicht so krass wie jemand, der lange Zeit gut verdient hat und dann plötzlich abstürzt. Was ich mir wünsche, ist ein Sozialticket für den öffentlichen Nahverkehr. Damit ich auch mal einen Ausflug machen kann, mal etwas anderes sehe.

Da ich die Mehrheit dessen, was ich verdiene, ans Amt abgeben muss, ist der Anreiz, mehr zu arbeiten, ehrlich gesagt gering. Solange ich als Zeitungsausträgerin in meinem Job nicht genügend verdienen kann, um dem Hartz-IV-System zu entkommen, werde ich mich nicht freiwillig um noch mehr Arbeit reißen. Wenn mich meine Chefs darum bitten, arbeite ich aber natürlich mehr. Ich will meine Jobs behalten, denn ich bin auf das Geld angewiesen. Vom ALG II allein kann man nicht vernünftig existieren.“

Über mein Gehalt spreche ich mit …

… vielen Menschen. Ich gehe offen mit meiner Situation um. Ich bin nicht allein damit: Es gibt in Deutschland viele prekär Beschäftigte wie mich, darunter etliche gut Ausgebildete. Durch die Digitalisierung wird ihre Zahl weiter steigen.

Macht ein hohes Gehalt glücklich?

Es kommt darauf an, wie man hoch definiert. Ein Millionärsgehalt brauche ich ganz sicher nicht, denn Geld allein macht nicht glücklich. Trotzdem wäre ich mit einem Gehalt deutlich oberhalb der Bedürftigkeitsgrenze zufriedener. Schon allein, weil die Schikanen des Jobcenters wegfielen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Die Regelsätze müssen steigen, sodass sie den Namen „existenzsichernd“ auch verdienen. Damit sich Arbeit wieder lohnt, sollten ALG-II-Empfänger zudem einen größeren Teil ihres Verdienstes behalten können. Vernünftig wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen. Leider halte ich eine Einführung in absehbarer Zeit nicht für realistisch – aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Eine Sozialarbeiterin im Jugendamt

Alter: 55
monatliches Gehalt: 2985 Euro brutto
wöchentliche Arbeitszeit: mehr als 40 Std.

Harith Krenitz ist seit mehr als 20 Jahren in der Jugendhilfe tätig. Sie wuchs in der DDR auf und arbeitete lange Zeit im sächsischen Bautzen. Anfang 2017 wechselte sie in ein Berliner Jugendamt.

„Wenn ich morgens gegen acht Uhr ins Büro komme, schaue ich zuerst in meine Mails und höre den Anrufbeantworter ab. Dann entscheide ich: Was muss sofort bearbeitet werden, und was kann noch warten? Ich betreue 80 bis 100 Familien – gleichzeitig. Das sind zu viele Fälle. Deshalb muss ich vor jedem Hausbesuch genau überlegen, ob er wirklich notwendig ist. Denn hinter jeder der Akten, die ich im Schrank liegen habe, stehen Menschen, die es verdient haben, dass ich mich um sie kümmere.

Mein erster Beruf war Werkzeugmacherin. Anschließend habe ich Maschinenbau studiert. Dabei habe ich gelernt, Vorgänge strukturiert abzuarbeiten. Das hilft mir heute im Jugendamt: Dort ist es sehr wichtig, schnell zu entscheiden, was Priorität hat. Anders wäre das Arbeitspensum kaum zu bewältigen.

1996 habe ich in Berlin ein berufsbegleitendes Studium zur Sozialpädagogin begonnen. Schon zu DDR-Zeiten wollte ich Erzieherin werden, aber das ging nicht, weil man für die Ausbildung mindestens eine sehr gute mittlere Reife brauchte. Nach der Wende habe ich mir gedacht: Jetzt machst du das. Nach dem Studium habe ich in meiner Heimatstadt Bautzen so ziemlich alle Stationen im sozialen Dienst durchlaufen, von der Betreuung von Pflegekindern bis zur Führungsposition. Nach einer längeren Krankheit wollte ich keine Leitungsstelle mehr und entschied mich für einen Tapetenwechsel. Hier in Berlin suche ich für Kinder, die nicht in ihren Familien bleiben können, nach einem guten Platz. Ich mag diese Aufgabe.

Ein Job im öffentlichen Dienst bietet viel Sicherheit. Das weiß ich zu schätzen. Es ist mir wichtig, jeden Monat ein geregeltes Einkommen zu haben. Als ich meine Stelle hier angetreten habe, wurde ich in die Entgeltgruppe 9 eingestuft, Erfahrungsstufe 3. Das sind netto 1900 Euro. Für das, was ich tue, ist das nicht viel. In Bautzen habe ich netto fast 500 Euro mehr verdient, dabei waren die Lebenshaltungskosten deutlich niedriger.

Wir bräuchten dringend zusätzliche Sozialarbeiter, etliche Stellen in den Berliner Jugendämtern sind unbesetzt. Irgendwann habe ich erkannt: Man muss für seine Belange kämpfen. Viele haben Angst vor Konsequenzen, ich bin mittlerweile unerschrocken. Um unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern, engagiere ich mich in der Arbeitsgruppe „Weiße Fahnen“, die vom Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit unterstützt wird. Im Februar haben wir für höhere Löhne demonstriert – mit Erfolg. Ab 2020 erhalten wir mehr Geld, vermutlich 150 bis 200 Euro netto; die Nachverhandlungen laufen noch. Die Belastung verringert sich dadurch aber nicht. Geld allein wird junge Leute nicht motivieren, diesen Job zu machen. Idealerweise sollte jeder von uns maximal 45 Familien betreuen. Die Berliner Senatsverwaltung hat immerhin versprochen, die Fallzahl auf 65 zu begrenzen – davon merken wir bislang nichts.

Wir tragen eine hohe Verantwortung: Unsere Entscheidungen beeinflussen die Entwicklung von jungen Menschen und deren Eltern. Ich denke viel an die Kinder, die ich betreut habe. Ich hatte einen Fall, den vergesse ich in meinem ganzen Leben nicht. Das Kind war ein knappes Jahr alt. Es wurde so heftig geschüttelt, dass das Bändchen im Bereich der Halswirbelsäule gerissen ist. Im Schädel sammelte sich Wasser an, das Kind musste notoperiert werden. Bis zum Gerichtstermin haben die Eltern vehement behauptet, nichts damit zu tun zu haben. Erst in der Verhandlung hat die Mutter alles zugegeben. Die Eltern waren gut situiert, aber überfordert. Wir haben für das Kind ein neues Heim gefunden. Es wird immer eine Behinderung haben, aber es geht ihm heute gut. Wenn ich meine Enkelkinder sehe, die im gleichen Alter sind, denke ich häufig an den Fall zurück.

Dass das Jugendamt oft zum Sündenbock gemacht wird, ärgert mich. Ich gebe jeden Tag mein Bestes und meine Kollegen auch. Ich würde mir wünschen, dass unsere Arbeit mehr geschätzt wird. Manchmal sagen Mütter oder Väter zu mir: Wenn es Sie nicht gegeben hätte, wer weiß, was dann passiert wäre. Es tut gut, so etwas zu hören.“

Über mein Gehalt spreche ich mit …

… meiner Familie offen, mit anderen eher weniger.

Macht ein hohes Gehalt glücklich?

Nein, diese Erfahrung habe ich machen müssen. Als ich in einer Leitungsposition war, habe ich wirklich viel Geld verdient. Obwohl ich mir alles leisten konnte, was ich mir gewünscht habe, hat mich das nicht glücklich gemacht.

Hat Gehalt in der DDR eine andere Rolle gespielt?

Ja, ich habe nach meinem Studium als Ingenieurin 490 Mark verdient, also nicht sonderlich viel. Wichtiger als Geld waren Güter, die man eintauschen konnte.

Ein Auftragshacker

Alter: 19
monatliches Gehalt: vierstellig
wöchentliche Arbeitszeit: 70 Stunden

Philipp Kalweit hat sich im Alter von 16 Jahren selbstständig gemacht – als einer der jüngsten Unternehmer Deutschlands. Seitdem sucht er von Hamburg aus für Firmen nach Sicherheitslücken in deren IT-Systemen.

„Nein, ich sitze nicht allein im Keller, und mit Spionage hat mein Job auch nichts zu tun. Statt Schwachstellen auszunutzen, helfe ich Unternehmen dabei, diese zu schließen. Meine ersten Kunden hatte ich mit 16 Jahren. Ich habe damals so getan, als hätte ich das alles schon zehn-, zwanzigmal gemacht. Zum Glück hat alles geklappt. Und ich hatte auf einmal 5000 Euro mehr in der Tasche, viel Geld für einen Neuntklässler. Bald hatte ich weitere Aufträge. Ich bin dann immer morgens mit einem Koffer in die Schule gekommen, um direkt danach zu den Unternehmen zu fahren. In den vergangenen eineinhalb Jahren haben mein Team und ich 22 Kunden betreut, von denen sechs börsennotiert sind. Darunter sind vor allem Dienstleister, aber auch Banken, Versicherungen und ein Automobilhersteller.

Mit neun Jahren habe ich begonnen, verschiedene Programmiersprachen zu lernen. Beim Hacken geht es darum, eine Lücke zu entdecken, die der Entwickler übersehen hat. Mir war von Anfang an klar, dass ich meine Fähigkeiten nicht für kriminelle Zwecke nutzen möchte.

Ein Unternehmen darf man in Deutschland eigentlich erst gründen, wenn man volljährig ist. Deshalb bin ich mit 16 Jahren vor Gericht gezogen, um die volle Geschäftstüchtigkeit zu erlangen. Eine Mitarbeiterin des Jugendamtes sah sich meine Lebensumstände an, als müsste ich aus meiner Familie herausgenommen werden. Sie hat mein Umfeld inspiziert, meine Freunde und meine Schule. Meine Lehrer wurden sogar aufgefordert, psychologische Gutachten zu verfassen und vor Gericht vorzutragen. Am Ende konnte ich den Richter zum Glück überzeugen.

Anfang 2018, noch bevor ich das Abi in der Tasche hatte, habe ich eine GmbH gegründet. Seit meinem 18. Geburtstag bin ich offiziell Geschäftsführer. Mein Alter hat Vor- und Nachteile: Einerseits nützt uns mein Titel als jüngster Auftragshacker Deutschlands, andererseits herrscht natürlich auch hin und wieder Skepsis. Auch im Umgang mit meinen Kollegen ist mein Alter manchmal ein Hindernis. Viele haben langjährige Berufserfahrung. Es gibt Situationen, in denen sie deshalb punkten können; aber wir ergänzen uns gegenseitig.

Natürlich habe ich Respekt davor, für das Einkommen meiner Mitarbeiter verantwortlich zu sein. Einige gründen gerade Familien – da überlege ich schon manchmal, ob ich der Verantwortung gewachsen bin. Aber die beruht auf Gegenseitigkeit: Wir sind ein Team. Wenn man mir vertraut, dass ich regelmäßig die Gehälter zahle, dann muss ich das Vertrauen haben, dass wir gemeinsam unsere Kunden betreuen und das Unternehmen liquide halten. Das heißt für mich auch, im Zweifel zu sagen, dass alles super ist, wenn ich gerade eine Nacht durchgearbeitet habe. Dafür kann ich es mir manchmal aber auch erlauben, mich schon mittags zu verabschieden, um mich mit Freunden zum Kuchenessen zu treffen.

Obwohl ich mir mehr auszahlen könnte, habe ich mein Gehalt nur so hoch angesetzt, dass es exakt dem entspricht, was ich monatlich ausgebe. Seitdem ich von daheim ausgezogen bin, lebe ich in einer Mietwohnung, zur Arbeit fahre ich mit der U-Bahn. Da ich die Firmengründung primär als Mittel zum Zweck sah, um nicht haftbar zu sein, hatte ich mir anfangs keine Anteile gesichert. Mittlerweile habe ich 60 Prozent der Anteile mit einem Darlehen erworben, das ich monatlich abzahle. Ich lege kaum etwas zurück. Das ist vielleicht nicht sonderlich strategisch, aber andere in meinem Alter machen gerade Work and Travel oder stehen vor dem Studium.

Da ich wenig Zeit habe, esse ich eigentlich nur auswärts. Außerdem gebe ich gerne Geld für Arbeitskleidung aus. Da ich etwas kleiner als der Durchschnitt bin, passen mir Hemden und Anzüge von der Stange nie. Manche stört es, wenn ich in Freizeitklamotten aufschlage, weil der Altersunterschied dadurch noch unterstrichen wird. Deshalb trete ich im Anzug auf, wenn ich das Gefühl habe, dass es erwartet wird. Dass mich deshalb viele für einen Schnösel halten, stört mich. Als ich jünger war, hat meine Mutter uns zeitweise als Putzfrau mit drei verschiedenen Jobs über Wasser gehalten. Ich habe gemerkt, dass es damals finanziell nicht rosig aussah. Gleichzeitig hat meine Mutter alles dafür getan, dass ich es im Alltag nicht spüre, und das ist ihr sehr gut gelungen. Mittlerweile arbeitet sie in der Automobilbranche in der Qualitätssicherung

Heute wird eine Kombination häufig gegoogelt: „Philipp Kalweit“ und „Vermögen“ – das scheint viele zu interessieren. Deswegen möchte ich mein genaues Gehalt nicht öffentlich machen. Für meine Leistungen verlange ich einen durchschnittlichen Tagessatz von 1124 Euro, ohne Reisekosten. Er kann auf bis zu 3500 Euro steigen – je nachdem, wie komplex ein Problem ist. Auch wenn ich abends zu Hause bin, checke ich meine Mails, telefoniere, oft zu absurden Zeiten. Seit Kurzem erlaube ich mir aber, am Wochenende nicht mehr auf Xing- und Linked-In-Nachrichten zu antworten.

Manchmal denke ich, dass ich einen Teil meiner Jugend verpasse. Dafür habe ich Möglichkeiten, die andere in meinem Alter nicht haben. Das Start-up-Dasein ist spannend, von einem auf den anderen Tag kann sich alles ändern: Man kann insolvent sein oder so viel Geld haben, dass man nicht weiß, wohin damit. Interessant fände ich es, auch mal einen Konzern kennenzulernen. In ein paar Jahren möchte ich nebenbei studieren, wahrscheinlich Wirtschaftspsychologie.“

Über mein Gehalt spreche ich mit …

… niemanden, außer mit meiner Mutter.

Macht ein hohes Gehalt glücklich?

Nein. Ich glaube aber, es ermöglicht, länger nach dem Glück zu suchen. Man ist unabhängiger, wenn man nicht auf Geld angewiesen ist. Dadurch kann man Dinge tun, für die man nicht zwangsläufig Geld bekommt. Ich wäre lieber unglücklich und reich als unglücklich und arm, weil sich Unglück nun mal häuft, wenn ich Rechnungen nicht mehr bezahlen kann.

Könnten Maschinen in der Zukunft Ihren Job übernehmen?

In letzter Instanz sollten Menschen für Sicherheit sorgen – auch wenn Maschinen bei vielen Tätigkeiten statistisch gesehen weniger Fehler machen. Denn wenn wir uns allein auf Algorithmen verlassen, ist es möglich, dass Entscheidungen auf einer fragwürdigen Basis getroffen werden, indem beispielsweise Leben gegeneinander abgewogen werden.

Ein Firmenerbe

Alter: Ende 20
monatliches Gehalt: rund 10 000 Euro brutto
wöchentliche Arbeitszeit: mehr als 60 Stunden

Der Betriebswirt Maximilian Müller * steht seit zwei Jahren an der Spitze eines westdeutschen Familienunternehmens mit mehr als 500 Mitarbeitern. Wie es ist, seit dem Kindesalter in die Rolle des Nach-folgers hineinzuwachsen, erzählt er hier.

„Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als mein Vater meine Schwester und mich in sein Arbeitszimmer gerufen hat. Das ist mehr als zehn Jahre her, ich war damals 17. Er stellte uns vor die Entscheidung: Einer erbt das Unternehmen, der andere den Rest. Ich hatte schon einige Ferienjobs in der Firma erledigt und habe deshalb gesagt, dass ich mir den Chefposten gut vorstellen kann. Meine Schwester war mit dieser Aufteilung einverstanden. Aber ich wusste damals natürlich nicht, was das bedeutet.

Meinen Mitschülern war viel früher bewusst, dass ich mir um Geld keine großen Sorgen machen muss. Ich habe mich häufig gefragt, warum mich manche nicht mögen. Da hieß es oft: ,Du hast es ja.‘ Dabei habe ich nicht mehr Taschengeld bekommen als andere. Meine Eltern sind sehr sparsam und haben mich auch so erzogen. Als ich vor vier Jahren in den Verkauf eingestiegen bin, bekam ich 4000 Euro brutto im Monat. Ich wusste gar nicht, wohin mit dem Geld. Ich erinnere mich, welches ein Highlight es damals für mich war, wenn ich im Restaurant noch ein zweites Getränk bestellen konnte.

Mein heutiges Gehalt als Geschäftsführer habe ich bewusst niedrig angesetzt – einige Mitarbeiter verdienen mehr als ich. Ich möchte mir selbst einen Leistungsanreiz setzen, denn ich habe viele Ideen. Bei meinem Vater musste alles über seinen Schreibtisch gehen. Wir hatten gut bezahlte Führungskräfte, die nie führen durften. Das ändere ich gerade: Je mehr mir dieser Wandel gelingt, desto mehr Gehalt will ich mir auszahlen.

Mein Vater hat sich aus dem Unternehmen größtenteils zurückgezogen, mir gehören jetzt 90 Prozent der Firma. Am Anfang bin ich noch wegen jeder Kleinigkeit zu ihm gekommen, doch schon im zweiten Jahr hat das stark abgenommen. Ich habe nach wie vor großen Respekt davor, in seine Fußstapfen zu treten. Aber ich versuche wenig darüber nachzudenken. Während meines Studiums hatte ich viel Kontakt mit anderen Nachfolgern. Viele neigen zu Selbstmitleid, statt ihr Privileg zu sehen. Deshalb halte ich mich von diesen Kreisen mittlerweile lieber fern.

Natürlich komme ich auch manchmal ins Nachdenken, gerade wenn ich Rückschläge erlebe. War meine Wahl eine freie Entscheidung? Mein Vater hat es jedenfalls geschickt eingefädelt: Zu Hause gab es keine Süßigkeiten, in der Firma schon. Und auch der erste Rechner stand hier, nicht daheim. So wächst man schon als Kind in die Rolle des Nachfolgers hinein.

Seit dem damaligen Gespräch im Arbeitszimmer habe ich meine Entscheidungen auf das Unternehmen abgestimmt. Während des Studiums habe ich meine Kurse so gewählt, dass ich möglichst viel lernen kann, was für uns relevant sein könnte. Nebenbei habe ich als Werkstudent im Unternehmen gearbeitet. Mit Anfang 20 hat mein Vater mir dann die ersten Anteile übertragen. Als Gesellschafter galten für mich strenge Regeln: Wenn ich irgendeinen Mist gemacht hätte, Drogen genommen zum Beispiel, hätte ich meine Anteile sofort verloren. Auch ein Ehevertrag war klare Vorgabe.

Noch heute verbringe ich mehr Zeit bei der Arbeit als mit meiner Frau. Es gab Zeiten, da kam ich abends nach Hause und wusste: Mein E-Mail-Postfach quillt über, ich habe noch zehn offene Baustellen, und den Kopf kriege ich sowieso nicht frei. Im vergangenen Jahr habe ich zwei zusätzliche Geschäftsführer eingestellt. Sie übernehmen nach und nach Aufgaben, sodass ich meistens mit einem guten Gefühl nach Hause fahren kann.

Ich habe auch Verantwortung geerbt. Für die mehr als 500 Mitarbeiter, aber auch für ihre Familien. Deswegen war es für mich nie eine Option, den Laden zu verkaufen und mir ein schönes Leben zu machen. Aber ich habe mir selbst eine Vorgabe gemacht: Bis zum Alter von 35 Jahren will ich die Firma so organisiert haben, dass ich kürzertreten kann. Denn irgendwann möchte ich auch Kinder haben und für sie da sein.

Ich habe viele Momente, in denen ich denke: Verdammt, geht es mir gut. Oft passiert das beim Reisen, denn ich bin eigentlich ein Weltenbummler. Hätte ich mir einen anderen Job aussuchen können, hätte ich gern ein paar Jahre hier, ein paar Jahre dort gearbeitet. Ich kompensiere das durchs Reisen. Am liebsten campe ich mit meiner Frau. Aber die Welt sehen zu können, ohne über die Kosten nachdenken zu müssen, ist schon großartig. Es ist wirklich ein Segen, dass ich tausend andere Dinge im Kopf habe als Geld.“

Über Geld rede ich mit …

… niemandem, selbst mit meiner Frau nicht. Wir haben ein Gemeinschaftskonto, darauf überweisen beide einen Teil. Der Rest geht keinen etwas an.

Macht ein hohes Gehalt glücklich?

Nein, aber das ist natürlich aus meiner Position leicht gesagt. Es gibt bestimmt ein Mindestgehalt, um glücklich zu werden, aber auch eine Obergrenze ab der das Glück kaum mehr steigt. Es nimmt einem aber eine existenzielle Sorge.

Ist Erben gerecht?

Dass die Vorgänger-Generation etwas anspart, um es an ihre Kinder weiterzugeben, ist meiner Meinung nach nichts Verwerfliches. Es wäre allerdings sinnvoll, den Wohlstand besser zu verteilen. Als Firmenerbe bin ich privilegiert; wenn ich die Gesamtsumme der Gehälter im Betrieb sieben Jahr konstant halte, muss ich überhaupt keine Steuern zahlen. Ist das fair? Nein. Aber wenn wir zu einem Stichtag 33 Prozent des Wertes hätten versteuern müssen, hätten wir den Laden dichtmachen müssen. Bei großen Familienkonzernen ist das anders: Sie könnten das leichter schultern.

* Die Angaben sind anonymisiert.

Ein Berater

Alter: 29
monatliches Gehalt: 3400 Euro brutto
wöchentliche Arbeitszeit: mehr als 40 Stunden

Till Witzleben arbeitet im Berliner Büro von Nordlicht Management Consultants – eine Beratung, die sich auf öffentliche und Non-Profit-Unternehmen spezialisiert hat.

„Nach dem Abitur habe ich als Zivildienstleistender ein Jahr lang in einer Kindertagesstätte in Costa Rica gearbeitet. Das war eine prägende Zeit für mich. In Costa Rica spielt die Familie eine ganz andere Rolle als in Deutschland. Ich habe dort in sehr einfachen Verhältnissen gelebt – in meiner Gastfamilie gab es weder Internet noch warmes Wasser. Seit meiner Zeit dort denke ich anders über Geld und Besitz nach. Ich frage mich häufig: Wie viel brauche ich zum Leben? Und vor allem: Was brauche ich nicht?

In meinem aktuellen Job bin ich seit gut einem Jahr, und schon jetzt habe ich 10 000 Euro auf dem Konto liegen. Seitdem ich arbeite, habe ich vier größere Investitionen getätigt: Ich habe mir Anzüge gekauft, gute Kopfhörer und eine Matratze. Und ich bin Genosse bei der GLS-Bank geworden. Sonst gebe ich wenig aus. Bald werde ich aus meiner WG ausziehen und das erste Mal allein wohnen, dann steigen die Ausgaben dafür von 400 auf 700 Euro – ziemlich genau ein Drittel meines Nettogehalts. Ein weiterer Teil geht für Essen drauf, da ich oft außer Haus esse. Aber das war es auch schon.

Vor diesem Job hatte ich vieles ausprobiert: Ich habe neben Schule und Studium auf dem Bau gearbeitet, als Gärtner, ehrenamtlich für eine Jugendaustausch-Organisation und als Trainer für Design Thinking. Wenn man für einen Tages-Workshop 500 Euro berechnen kann, ist das natürlich toll. Aber Geld ist für mich nicht der Grund zu arbeiten. Ich weiß: Es ist ein großes Privileg, so etwas sagen zu können. Mir ist wichtig, dass mein Handeln etwas bewirkt. Während der Abi-Zeit habe ich gemeinsam mit meinem Jahrgang ein Musikfestival für etwa 10 000 Gäste organisiert. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie cool es ist, mit Leuten etwas auf die Beine zu stellen.

Mir macht es Spaß, Veränderungen anzustoßen. Als Berater kann ich gemeinsam mit den Menschen Lösungen finden, sodass sie zufriedener zusammenarbeiten. Meine Projekte sind oft in großen Kliniken: komplexe Organisationen mit ausgeprägten Hierarchien. Deshalb ist die Arbeit dort sehr spannend und fordernd.

Ich bin im Emsland groß geworden, nahe der niederländischen Grenze – eine ländliche, recht konservative Gegend. Die Schule, ein staatliches Gymnasium, hat mich gelangweilt. Als ich mit 17 aus meinem Auslandsjahr in Texas zurückkam, war mir klar: Da draußen ist die Welt, da gehöre ich hin. Deshalb bin ich nach dem Abitur nach Groningen in den Niederlanden gezogen, um Internationale Beziehungen zu studieren. Das Studium war sehr verschult und bestand letztlich aus Veranstaltungen, in denen man irgendwelche Sachen auswendig lernen musste, und aus Klausuren, wo man den ganzen Quatsch hinschreiben musste. Nach anderthalb Semestern habe ich das Studium abgebrochen und Philosophie, Politik und Ökonomik an der Universität Witten /Herdecke studiert. Die Ansage dort war: Mach etwas, und wenn du merkst, es ist nicht das Richtige, such dir etwas anderes. Das ist auch heute noch meine Einstellung.

Ich schätze an meinem Beruf, dass ich ganz verschiedene Welten und Menschen kennenlerne. Zwar arbeite ich mehr als der durchschnittliche Angestellte, aber für einen Berater ist es recht angenehm. In meinem Freundeskreis gibt es Ärzte, die lachen über meine Arbeitszeiten. Ich bin oft unterwegs, manchmal an drei verschiedenen Orten die Woche. Die Firma nimmt sich vor, die Vier-Tage-Woche einzuführen. Eigentlich sollte ich mir schon jetzt zweimal im Monat freitags frei nehmen können, aber in der Praxis funktioniert das noch nicht wie geplant.

Wir haben ein transparentes Gehaltssystem, das sich nach der Berufserfahrung richtet. Ich bin mit 41 000 Euro als Berater eingestiegen, die nächste Stufe liegt bei 45 000 Euro – die visiere ich für Ende 2020 an. Zweimal im Jahr habe ich ein Feedbackgespräch mit meinem Vorgesetzten, in dem wir auch über meine Einkommensvorstellungen für die nächsten Jahre sprechen.

Gehalt ist noch immer ein Tabu in Deutschland, weil viele Menschen große Teile ihres Selbstwertgefühls aus der Höhe ihres Einkommens ziehen. Wenn ich weiß, dass mein Nachbar viel mehr verdient als ich, sehe ich ihn vielleicht mit anderen Augen. Ich halte Transparenz aber für eine gute Sache: Geld spielt sowieso eine Rolle, also sollte man auch offen damit umgehen – schon allein, um ungerechte Unterschiede offenzulegen.

Nach meinem Studium habe ich eine Weiterbildung zum systemischen Berater gemacht. Im nächsten Jahr möchte ich eine zusätzliche Qualifizierung draufsetzen und meine Arbeitszeit auf 80 Prozent reduzieren: Ich lese gern, möchte mehr Zeit in der Natur oder mit Nichtstun verbringen und wieder spontaner sein können. Hätte ich schon eine Familie, würde ich wahrscheinlich anders darüber denken. Aber aktuell kann ich es mir leisten, mit weniger Gehalt auszukommen. Das Geld, was bei mir auf dem Konto liegt, ist Lebenszeit – Lebenszeit, die ich auch mit anderen Dingen verbringen könnte.“

Über mein Gehalt spreche ich mit …

… meinen Freunden, und das sehr offen.

Macht ein hohes Gehalt glücklich?

Nein, Beziehungen sind viel wichtiger. Ich genieße es sehr, dass ich einen stabilen Freundeskreis in Berlin habe – keine Selbstverständlichkeit in einer Großstadt.

Über die Generation Y sagt man, dass ihr Gehalt weniger wichtiger sei als eine sinnvolle Aufgabe, flexible Arbeitszeiten und Selbstverwirklichung. Stimmt das?

Bei meinen Freunden und mir, ja. Allerdings gibt es zwei gegenläufige Bewegungen: Andere Menschen in meinem Alter sehnen sich vor allem nach Sicherheit.