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Gehälter im Vergleich

Fünf Menschen sprechen über den Wert ihrer Arbeit.





5. Eine Aufstockerin

Alter: 48
monatliches Gehalt: durchschnittlich 140 Euro
wöchentliche Arbeitszeit: 10 bis 20 Stunden

Elgin Fischbach lebt in der Nähe von Heidelberg und bezieht Arbeitslosengeld II (ALG II). Das stockt sie mit dem Austragen von Zeitungen und kommunalen Blättern auf. Einen längerfristigen Vollzeitjob hatte die gelernte Industriekauffrau noch nie – trotz zahlreicher Umschulungen und Weiterbildungen.

„Während ich arbeite, schlafen die meisten Menschen. Außer in der Nacht von Freitag auf Samstag. Da treffe ich mal den ein oder anderen an, dem ich die Zeitung direkt in die Hand drücken kann. Aber das sind Ausnahmen. Oft stehe ich nachts um halb zwei auf, je nachdem, in wie vielen Bezirken ich Tageszeitungen austrage. Ich mag es, mit dem Fahrrad unterwegs zu sein – das erspart mir ein teures Fitness-Studio. Außerdem habe ich nachts meine Ruhe, anders als Briefträger, die tagsüber mit dem Verkehr zu kämpfen haben. Draußen im Dunkeln zu arbeiten macht mir nichts aus.

Vor 27 Jahren bin ich für meine Erstausbildung zur Industriekauffrau von Krefeld nach Neckargemünd gezogen. Heute verdiene ich mir etwas zum Arbeitslosengeld II hinzu. Die Tageszeitung trage ich in sechs Nächten pro Woche aus, zusätzlich verteile ich zweimal tagsüber kommunale Amtsblätter sowie ein Anzeigenblatt. Man hat mir oft gesagt, dass es nicht so sehr darauf ankomme, was für einen Job ich mache, sondern darauf, dass ich überhaupt arbeitete. Wenn man sähe, dass ich arbeitswillig bin, fände ich eher eine ordentliche Stelle. Bisher ist das allerdings nicht der Fall gewesen. Ich muss jeden Monat Bewerbungen verschicken, so will es das Jobcenter. Zu einem Bewerbungsgespräch werde ich nur sehr selten eingeladen, in den vergangenen fünf, sechs Jahren gar nicht mehr.

Dabei habe ich alles versucht: Als ich nach meiner Erstausbildung keine entsprechende Stelle gefunden hatte, absolvierte ich eine Weiterbildung zur Fachinformatikerin. Doch auch das half nicht. Deshalb habe ich eine Ausbildereignungsprüfung abgelegt, um andere Menschen ausbilden zu können. Das kostete mich mehrere Tausend Euro, einen Job fand ich anschließend nicht. Keine der Aus- und Weiterbildungen fand im Betrieb statt, vielleicht war das das Problem.

Als ich mich im Alter von 33 Jahren zur Kauffrau im Gesundheitswesen umschulen ließ, war immerhin ein Praktikum integriert. Das habe ich in einem anthroposophischen Pflegeheim gemacht. Jedoch stand schon vor Beginn fest, dass ich aus betrieblichen Gründen nicht übernommen werden könnte. Weil ich ein gutes Zeugnis für weitere Bewerbungen haben wollte, habe ich mich trotzdem angestrengt. Gebracht hat es nichts. Ich hatte in all den Jahren zwar immer mal wieder eine Arbeit. Aber nur für kurze Zeit, zum Beispiel wenn eine Mitarbeiterin auf Kur war. Etwas Längerfristiges gab es nie.

Seit einigen Jahren bin ich regulär bei zwei Arbeitgebern angestellt. Mein Arbeitspensum wechselt häufig, durchschnittlich verdiene ich rund 300 Euro im Monat. Das Jobcenter rechnet jedoch vorläufig 350 Euro pro Monat auf mein Arbeitslosengeld II an. Erst im Nachhinein, wenn ich die Lohnabrechnungen für den jeweiligen Zeitraum vorgelegt habe, erhalte ich eine Nachzahlung. 100 Euro meines monatlichen Verdienstes darf ich als Grundfreibetrag anrechnungsfrei behalten, vom Rest muss ich 80 Prozent an das Jobcenter abgeben. Deshalb bleiben von 300 Euro am Ende nur 140 Euro übrig. Selbst Nachtzuschläge werden verrechnet, obwohl sie ein kleiner Ausgleich für meine unliebsamen Arbeitszeiten wären. Die Nachtarbeit bringt den Bio-Rhythmus auf Dauer sehr durcheinander. Ich merke das immer, wenn ich mal Urlaub habe: Dann brauche ich erst einmal ein paar Tage, bis ich mich wieder an normale Zeiten gewöhnt habe.

In meinem Job bin ich darauf angewiesen, dass ich gesund bin. Vergangenes Jahr hatte ich einen Arbeitsunfall, da habe ich mir meinen Fuß umgeknickt. Anschließend war ich etwa sechs Wochen krankgeschrieben, weitere zwei Monate habe ich dann stufenweise wieder Schichten übernommen. Meinen Grundlohn erhalte ich zwar auch, wenn ich krank bin, aber ohne die Nachtzuschläge ist es deutlich weniger. Seitdem nehme ich mir nur so viel vor, wie ich auch schaffen kann. Das Risiko eines erneuten Unfalls will ich nicht eingehen.

Neben meiner Arbeit engagiere ich mich bei der Gewerkschaft Verdi, unter anderem als stellvertretendes Mitglied im Erwerbslosen-Ausschuss des Landesbezirks Baden-Württemberg. Außerdem berate ich ehrenamtlich Erwerbslose und Aufstocker, das macht mir Spaß. Und es ist wichtig, weil das System nur auf diese Weise politisch unter Druck kommt.

Arbeit muss sich lohnen, und sie muss zum Leben reichen. Wie kann es sein, dass jemand, der 40 Jahre in Vollzeit zum aktuellen Mindestlohn arbeitet, später seine Rente aufstocken muss? Um meine spätere Rente zumindest ein bisschen zu erhöhen, zahle ich monatlich den Mindestbetrag von fünf Euro in einen Riester-Vertrag ein – denn in der Altersgrundsicherung gibt es Freibeträge für die Altersvorsorge.

Mit meinem Einkommen ist es unmöglich, für größere Anschaffungen zu sparen. Für gewisse Dinge, von denen ich weiß, dass sie auf mich zukommen, wie eventuelle Nebenkosten-Nachzahlungen, lege ich aber immer etwas zurück. Im Vergleich zu jemandem, der Vollzeit im Niedriglohnsektor arbeitet, geht es mir gut: Das Amt zahlt die Warmmiete für die kleine Wohnung, in der ich seit mehr als 20 Jahren lebe. Und die Einbauküche gehört zum Glück meinem Vermieter. Wenn also beispielsweise ein neuer Kühlschrank hermüsste, sorgte er für den Ersatz.

Meinen Zuverdienst gebe ich vor allem für gesundes Essen aus. Darüber hinaus leiste ich mir manchmal eine CD oder ein Buch in gutem Gebrauchszustand. Ab und zu reise ich zu meiner Familie nach Krefeld, aber Auslandsreisen sind nicht möglich. An diese Einschränkungen habe ich mich schon lange gewöhnt. Deshalb empfinde ich das auch nicht so krass wie jemand, der lange Zeit gut verdient hat und dann plötzlich abstürzt. Was ich mir wünsche, ist ein Sozialticket für den öffentlichen Nahverkehr. Damit ich auch mal einen Ausflug machen kann, mal etwas anderes sehe.

Da ich die Mehrheit dessen, was ich verdiene, ans Amt abgeben muss, ist der Anreiz, mehr zu arbeiten, ehrlich gesagt gering. Solange ich als Zeitungsausträgerin in meinem Job nicht genügend verdienen kann, um dem Hartz-IV-System zu entkommen, werde ich mich nicht freiwillig um noch mehr Arbeit reißen. Wenn mich meine Chefs darum bitten, arbeite ich aber natürlich mehr. Ich will meine Jobs behalten, denn ich bin auf das Geld angewiesen. Vom ALG II allein kann man nicht vernünftig existieren.“

Über mein Gehalt spreche ich mit …

… vielen Menschen. Ich gehe offen mit meiner Situation um. Ich bin nicht allein damit: Es gibt in Deutschland viele prekär Beschäftigte wie mich, darunter etliche gut Ausgebildete. Durch die Digitalisierung wird ihre Zahl weiter steigen.

Macht ein hohes Gehalt glücklich?

Es kommt darauf an, wie man hoch definiert. Ein Millionärsgehalt brauche ich ganz sicher nicht, denn Geld allein macht nicht glücklich. Trotzdem wäre ich mit einem Gehalt deutlich oberhalb der Bedürftigkeitsgrenze zufriedener. Schon allein, weil die Schikanen des Jobcenters wegfielen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Die Regelsätze müssen steigen, sodass sie den Namen „existenzsichernd“ auch verdienen. Damit sich Arbeit wieder lohnt, sollten ALG-II-Empfänger zudem einen größeren Teil ihres Verdienstes behalten können. Vernünftig wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen. Leider halte ich eine Einführung in absehbarer Zeit nicht für realistisch – aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

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