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Editorial

Die falsche Frage

• Die erste Anregung kam von einem Leser: Ob wir schon mal einen Schwerpunkt „Gehalt“ gemacht hätten, fragte Marco Olavarria. Er baue gerade eine teamgeführte Firma auf, „und ich kann Ihnen versichern, das Gehalt war das schwierigste und emotionalste Thema überhaupt“.

Foto: André Hemstedt & Tine Reimer


Das Überraschendste daran: Wir hatten in 20 Jahren tatsächlich nie einen Schwerpunkt zu diesem Thema gemacht. Dabei, so lernten wir schnell, ist kaum eines in Zeiten der Transformation so wichtig. Nicht nur, weil die junge Generation so manchen Personalchef mit Fragen nach Sabbaticals, Weiterbildungsmöglichkeiten und dem Wunsch nach mehr Freizeit verstört. Sondern vor allem, weil die neue Organisation, in der alle Verantwortung tragen, ohne eine Anpassung des Gehaltsgefüges nicht denkbar ist oder zumindest nicht sein sollte.

New Pay ist eine logische Folge von New Work – und ganz am Anfang. In vielen Firmen wird experimentiert, und mehr, sagt der Führungsexperte Niels Van Quaquebeke, ist auch nicht zu erwarten: Es wird kein Raster mehr geben, das problemlos zu übertragen ist, allein schon, weil sich die Rolle der Führung grundlegend verändert. Die Zeiten, in denen der Vorgesetzte allein bestimmte, was Arbeit wert ist, sind vorbei (S. 56, 60, 64, 70).

Aber wissen wir selbst, was uns Arbeit bedeutet? Und was wir für unseren Einsatz an Gegenleistung erwarten? Anabelle Körbel hat fünf Menschen gefunden, die darüber gesprochen haben, erstaunlicherweise wünschte sich dabei nur einer Anonymität. Denn tatsächlich ist das Gehalt noch immer ein Tabuthema. Wie wir fühlen, denken, handeln, teilen wir mit der ganzen Welt, was wir dafür bekommen, lieber nicht (S. 102, 76).

Das Geld ist für viele eben immer auch eine Bewertung, eine Aussage darüber, was nicht nur die Arbeit wert ist, sondern der Mensch. Wer zu wenig verdient, muss mit Mitleid rechnen, wer zu viel bekommt, mit Neid. Als habe es je einen objektiven Maßstab gegeben, als stünde die Summe auf der Gehaltsabrechnung in irgendeinem logischen Zusammenhang mit dem, was der Mensch tut. Leistung lässt sich messen, vergleichen und dann in ein angemessenes Gehalt übersetzen? Das ist eine der Illusionen der alten Arbeitswelt (S. 40, 78).

Was man verdient und was man bekommt, hängt nicht zuletzt davon ab, wo man lebt. In Südafrikas Platinminen ist die Antwort eine ganz andere als bei Gehaltsverhandlungen im Silicon Valley. Und wer in Ägypten geboren ist, kann sich zwar anstrengen und studieren, aber selbst wenn er einen Job als Lehrer findet – davon leben kann er nicht (S. 98, 66, 90).

Mit wem also will man sich vergleichen? Ab wann zufrieden sein mit dem, was man bekommt? Wer weiß, was er will, wird darauf eine Antwort finden. Sie hat auch mit Geld zu tun, aber es geht ums Leben. ---

Zum 20. Geburtstag von brand eins wollen wir Ihnen und uns etwas schenken, eine Ausgabe, die wir gemeinsam gestalten.