Berliner Schaubühne

Wie die Berliner Schaubühne in wilden Zeiten mit gleichem Lohn für alle experimentierte. Und weshalb damit irgendwann Schluss war.





• Worüber reden Banker privat am liebsten? Über die schönen Dinge des Lebens, zum Beispiel über Kunst. Worüber reden Künstler privat am liebsten? Über Geld. Und weil die Gage in einem Theater-Ensemble immer auch zeigt, wo der Schauspieler in der Hierarchie des Hochkonkurrenzgewerbes steht, ist die individuelle Bezahlung ein gut gehütetes Geheimnis.

Wer wissen will, wie es anders geht, fragt am besten Jürgen Schitthelm, gerade 80 geworden und immer noch von beneidenswerter Energie. Mit 23 Jahren hat er zusammen mit vier Freunden ein unabhängiges Privattheater gegründet, das zu einem der berühmtesten Häuser Europas wurde, die Berliner Schaubühne. Schon die Gründung in einem Kreuzberger Veranstaltungssaal der Arbeiterwohlfahrt war 1962 ein Abenteuer – ein paar Studenten machten ihr eigenes Theater auf, finanziert mit einem kleinen, schnell verbrauchten Privatkredit. Als 1970, acht Jahre nach der Gründung, der junge Regisseur Peter Stein mit Schauspielern wie Bruno Ganz oder Otto Sander dazustieß, machte er die Schaubühne für viele Jahre zum wichtigsten Theater des Landes.

Weil Stein und seine Truppe damals stramm links waren, genügte es ihnen nicht, Brechts „Die Mutter“ auf den Spielplan zu setzen. Auch intern wollten sie alles anders machen als an den bürgerlichen Staatstheatern. Die Schauspieler sollten mehr Verantwortung übernehmen und über Stücke, Besetzungen und das Engagement neuer Kollegen mitentscheiden, ein Theater in Selbstverwaltung, ganz im Geist der 68er. „Stein und die Schauspieler kannten auch das Stadttheatersystem – da wollten sie raus.

Damals haben die Schauspieler durch einen Aushang am Schwarzen Brett erfahren, in welchen Stücken sie besetzt sind. An der Schaubühne wurde das im Ensemble diskutiert“, erinnert sich Schitthelm. Und noch etwas setzte Stein durch: eine Einheitsgage für das künstlerische Personal. Anfänger und Assistenten bekamen 2500 Mark. Erfahrene Schauspieler, aber auch Regisseure und die Theaterleitung verdienten 3500 Mark, brutto. „Ich hatte als Theaterleiter 1000 Mark mehr als ein Regieassistent“, sagt Schitthelm. Es klingt, als wäre er heute noch stolz auf dieses Modell.

Schauspieler wie Bruno Ganz oder Edith Clever hatten an anderen Theatern mehr verdient als an der Schaubühne. Sie verzichteten, genau wie Stein – schon damals ein prominenter Regisseur –, auf Geld, um an der Schaubühne nach eigenen Spielregeln zu arbeiten. „An den Staatstheatern waren die Spitzengagen zu der Zeit weit höher als bei uns, etwa bis 8000 Mark“, sagt Schitthelm. „Ein Star wie Bernhard Minetti konnte am Theater knapp 10 000 Mark im Monat verdienen.“ Dafür war die Gage für Anfänger und Assistenten an der Schaubühne höher als an anderen Häusern. An den großen Staatstheatern verdienten Anfänger damals rund 1200 Mark, also die Hälfte der Schaubühnen-Einstiegsgage.

Für die zwei Gehaltsstufen gab es nicht nur politische, sondern auch ganz praktische Gründe. Der Zusammenhalt des Ensembles wurde gestärkt, die interne Konkurrenz war nicht so hart wie an konventionellen Bühnen. Für Gehaltsoptimierer mit starrem Blick auf den eigenen Vorteil war die Schaubühne dieser Jahre kein attraktiver Arbeitsplatz.


Jürgen Schitthelm und sein Theater: die Schaubühne am Lehniner Platz

Weniger Geld, mehr Freiheit

Möglich war dieses radikale Modell nur, weil die Schaubühne vor Steins Engagement kein festes Ensemble hatte. „Also mussten wir bei den Gagen nicht auf alte Privilegien und Ansprüche Rücksicht nehmen, es ging völlig neu los“, sagt Schitthelm. Dazu gehörte auch ein gewisser Rigorismus. Damit das Ensemble zusammenwachsen und sich ganz auf die jeweilige Produktion konzentrieren konnte, stand 1970 in den Verträgen für die Schauspieler, dass sie keinen Anspruch auf Urlaub für Film- oder Synchronarbeiten hatten. Sie mussten also auf lukrative Nebeneinnahmen verzichten. „Das haben wir drei Jahre durchgehalten, dann haben wir es geöffnet“, erzählt Schitthelm.

Dass die Einheitsgage nicht ewig zu halten sein würde, sei ihm und Stein klar gewesen. Zum Beispiel hatte zu Beginn keiner der Schauspieler und Schauspielerinnen Kinder. Das änderte sich und damit der Finanzbedarf. Mit dem einsetzenden Ruhm wuchs zudem nicht nur der Etat des Theaters, sondern es stiegen auch die Ansprüche der Mitarbeiter.

Aber auch als das Gehaltsgefüge ausdifferenziert wurde, blieben die Gagen intern transparent. Und: „Bis in die Neunzigerjahre sind wir bei den Spitzengagen immer unter dem geblieben, was vergleichbare Schauspieler am Staatstheater verdient haben“, sagt Schitthelm. „Wir wollten das Gagengefälle nicht zu stark spreizen.“ Der Abstand zwischen Mindest- und Höchstgage lag in den frühen Neunzigerjahren bei 3000 D-Mark.

Die Anziehungskraft der Schaubühne blieb für viele Schauspieler wichtiger als die Gagenhöhe. Thomas Thieme etwa war Anfang der Neunzigerjahre für drei Spielzeiten im Ensemble. Seine Gage lag deutlich unter dem, was er zuvor am Burgtheater hatte. Das nahm er in Kauf, weil er mit Andrea Breth arbeiten wollte, der damaligen künstlerischen Leiterin der Schaubühne.

Dass das Lohngefälle auch nach dem Ende des Einheitsexperiments relativ flach bleiben sollte, war für Schitthelm „eine Grundüberzeugung und wichtig für unsere Art, Theater zu machen, keine Äußerlichkeit. Einige Schauspieler sind gegangen, weil sie woanders lukrative Angebote hatten.“ Bruno Ganz zum Beispiel verließ das Ensemble bereits 1975, weil er Filme drehen wollte. Als Edith Clever, ein Star der Schaubühne, ihre Tochter 1984 in ein Internat geben wollte – weil sie vor lauter Proben und Spielen zu wenig Zeit für ihr Kind hatte – brauchte sie dafür 500 Mark mehr Einkommen im Monat. „Peter Stein hat sofort und sehr schroff gesagt, kommt überhaupt nicht infrage“, erinnert sich Schitthelm. Stein habe das Gagengefüge nicht antasten wollen. „Clever hat dann ihren Vertrag nicht verlängert. Von heute aus muss man sagen – ein Wahnsinn, wegen 500 Mark. Peter Steins Haltung war nicht zu verstehen, aber er ließ da nicht mit sich reden.“

Die Frage des Geldes wurde bei den Ensemble-Versammlungen offen diskutiert. „Es kam vor, dass sich Einzelne gemeldet haben, nicht um für sich selbst mehr zu fordern, sondern zum Beispiel für viel beschäftigte Kollegen“, sagt Schitthelm. „Nach solchen Diskussionen wurden Gagen unter Umständen auch korrigiert. Das war keine einsame Entscheidung der Direktion.“

Auch die Bezahlung der Hausregisseure war intern transparent – heute an den großen und kleinen Staats- und Stadttheatern undenkbar. Peter Stein etwa verdiente laut Schitthelm „Anfang der Achtzigerjahre weniger als 6000 Mark im Monat, für ein bis zwei Inszenierungen im Jahr und als Mitglied der künstlerischen Leitung. 1985, als er hier aufgehört hat, waren es höchstens 6500 Mark im Monat – zu einem Zeitpunkt, als er einer der gefragtesten Theaterregisseure war und woanders das Vielfache verdient hätte.“

Das hat Stein dann nach seinem Abschied von der Schaubühne ausgiebig nachgeholt und den dort erworbenen Ruhm ohne falsche Bescheidenheit monetarisiert. Er dürfte über Jahrzehnte einer der am besten bezahlten Theaterregis-seure Europas gewesen sein.

Für Schitthelm war das Experiment mit dem Einheitslohn eine „Erfolgsgeschichte“, auch wenn sie nur für einige Jahre funktionierte. Sie hat den Geist und die Identität der Schaubühne zumindest in den ersten Jahrzehnten mitgeprägt. Derzeit wird an den Theatern wieder heftig über faire Bezahlung diskutiert, doch eine Einheitsgage ist an keiner Bühne im Gespräch.

Und die Schaubühne? Sie ist heute ein sehr erfolgreiches Theater mit 32 fest im Ensemble engagierten Schauspielern, zahl- reichen Gästen und einem Riesenrepertoire von 45 Inszenierungen. Die Gagen offenzulegen wäre schon wegen des Datenschutzes schwierig.

Jürgen Schitthelm ist inzwischen im Ruhestand, aber dem Theater, das er erfunden hat, noch immer eng verbunden. Fragt man ihn, was Stars wie Nina Hoss, Lars Eidinger oder Mark Waschke neben ihren Filmgagen an der Schaubühne verdienen, wird der sonst so auskunftsfreudige Theaterprofi sehr schweigsam. Wir schätzen mal: Weniger als 6000 Euro im Monat dürften es nicht sein. ---