Partner von
Partner von

Interview mit Anita Moorman

Das Frauenfußball-Nationalteam der USA fühlt sich von seinem Arbeitgeber diskriminiert und hat Klage gegen ihn eingereicht. Wie stehen die Chancen? Ein Interview mit der Sportjuristin Anita Moorman.





brand eins: Frau Moorman, im März dieses Jahres verklagten die 28 Spitzenspielerinnen ihren Arbeitgeber, den US-Fußballverband, wegen geschlechtsspezifischer Lohndiskriminierung: Sie würden schlechter bezahlt als die männlichen Kollegen. Stimmt das?

Anita Moorman: Es gibt definitiv eine Diskrepanz. Die Frauen stehen im Durchschnitt finanziell deutlich schlechter da als die Männer.

Die Frauen erhalten vom Fußballverband ein Festgehalt, Krankenversicherung und Mutterschaftsurlaub. Ihre männlichen Kollegen bekommen nur Gagen pro Spiel und Prämien für Siege. Das klingt erst mal nach einem Vorteil für die Frauen.

Die Frauen rechnen in ihrer Klage vor, dass sie pro Jahr 20 Freundschaftsspiele absolvieren müssen – genauso viele wie die Männer. Dafür erhalten sie mindestens 72 000 Dollar. Gewinnen sie ein Spiel, bekommen sie einen Bonus. Dadurch kommen sie auf maximal 99 000 Dollar, also 4950 Dollar pro Spiel. Den Männern zahlt der Verband dagegen 5000 Dollar für jedes Spiel, unabhängig vom Ergebnis. Rechnet man die Siegprämien hinzu, kann die Gage pro Spiel auf bis zu 17 625 Dollar steigen.

Auf welche Rechtsgrundlage können sich die Frauen berufen?

Zum einen auf den Equal Pay Act, ein Gesetz, das Arbeitgeber verpflichtet, Männern und Frauen für die gleiche Arbeit auch das gleiche Gehalt zu bezahlen. Daneben beziehen sie sich auf Titel 7 im Civil Rights Act von 1964, der die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund von Ethnie, Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder Herkunft verbietet. Die Beweislast ist in beiden Fällen sehr ähnlich. Die Klägerinnen müssen glaubhaft darlegen, dass der Fußballverband sie anders behandelt als die Spieler des Männerfußball-Nationalteams.

Wie wird der US-Fußballverband argumentieren?

Dass die Frauen eben nicht die gleiche Arbeit leisten wie die Männer – dass von den Männern zum Beispiel erwartet wird, dass sie mehr Umsatz bringen, dass sie häufiger spielen und öfter reisen. Er wird sich darauf berufen, dass auch der Weltfußballverband Fifa die Männer besser bezahlt – etwas, worauf der US-Verband keinen Einfluss hat. Für die Klage ist dieses letzte Argument jedoch irrelevant. Sollte der Verband mit diesen Begründungen nicht durchkommen, wird er wohl darauf umschwenken, dass die unterschiedliche Bezahlung nichts mit dem Geschlecht zu tun hat, sondern unternehmerisch bedingt ist: Der Markt bestimmt, wie viel gezahlt wird.

Kann das ein Argument dafür sein, die Männer besser zu bezahlen? Viel gerissen hat die Mannschaft in jüngster Zeit nicht. Für die WM 2018 war sie nicht mal qualifiziert.

Das stimmt. Der Erfolg spielt den Frauen gerade sehr in die Hände. Sie sind 2015 und 2019 Weltmeister geworden, und ihre Spiele erreichten im US-Fernsehen zuletzt höhere Einschaltquoten als die der Männer.

Auch mit dem Verkauf von Eintrittskarten spielen die Frauen laut einer Analyse des »Wall Street Journals« dem Verband mehr Geld ein als die Männer.

Das gilt zumindest für die Jahre 2016 bis 2018. Nur mit dem Argument, dass die Spiele der Männer mehr einbringen als die der Frauen, wird der Fußballverband also sicher nicht durchkommen.

Gibt es noch andere Erlöse, auf die sich der Verband berufen könnte?

Er verdient auch mit Veranstaltungen, dem Verkauf von Medienrechten und durch Sponsoring. Zudem wird er von der Fifa für die Teilnahme an Turnieren bezahlt. Die größten Einnahmen dürften die Medienrechte bringen, und die werden im Paket verkauft. Man kann also nicht so einfach sagen, welchen Teil die Männer eingespielt haben und welchen die Frauen. Das müssen wohl Ökonomen im Zeugenstand aufdröseln. Oder die Manager der Fernsehsender.

Ist damit zu rechnen, dass die Frauen in anderen Sportarten sich den Fußballerinnen anschließen und ebenfalls klagen?

In den meisten Fällen ist der Profisport in den USA immun gegen diese Art von Klagen, weil dort Geschlechtertrennung herrscht: In der National Football League gibt es keine Spielerinnen, in der Women’s National Basketball Association keine Männer, die diskriminiert werden könnten. Der Fußball ist mit seinem Dachverband für beide Geschlechter die Ausnahme.

Gehen die Spielerinnen mit der Klage ein Risiko ein?

Nein, weil sie gemeinsam auftreten. Der Fußballverband kann ja schlecht seine 28 besten Spielerinnen feuern. Als Dachverband ist er verpflichtet, den Frauenfußball zu fördern. Insofern ist das solidarische Vorgehen eine kluge Entscheidung. Wenn das Gericht die Klage als Sammelklage akzeptiert, wird jede ehemalige, derzeitige und während des Verfahrens eingestellte Spielerin der Nationalmannschaft automatisch zur Mitklägerin – und hätte gegebenenfalls Anspruch auf Entschädigung.

Im Juni haben sich beide Seiten auf ein Schlichtungsverfahren geeinigt, im August ist es vorerst gescheitert. Was bedeutet das?

Mediation ist eine Schlichtungstechnik, die fast immer zum Tragen kommt, wenn eine Klage bei einem Bundesgericht eingereicht wird. So sollen langwierige und teure Rechtsstreitigkeiten vermieden werden. Dass beide Seiten eingewilligt hatten, war erst mal ein gutes Zeichen – es bedeutet aber nur, dass sie willens waren, miteinander zu reden. Auch während der Schlichtungsgespräche haben beide Seiten nicht aufgehört, Beweise zu sammeln, Zeugen zu präsentieren, die bereit sind, unter Eid auszusagen, oder Anträge zu stellen, um die Herausgabe wichtiger Informationen zu erwirken. Wie es weitergeht, bleibt abzuwarten.

Nachdem die Mannschaft das WM-Finale gewonnen hatte, forderten die Fans im Stadion lautstark „equal pay“ – gleiche Bezahlung. Kann diese Unterstützung das Verfahren beeinflussen?

Die Spielerinnen sind sehr beliebt, in den sozialen Medien zudem gut vernetzt. Der Rückhalt in der Bevölkerung setzt den Verband, der für die Weiterentwicklung des Fußballs im Land verantwortlich ist, unter Druck. An der Rechtslage aber verändert er nichts.

In einem offenen Brief behauptete der US-Verbandspräsident Carlos Cordeiro kürzlich, man habe dem Frauenteam in den vergangenen Jahren sogar mehr bezahlt als der Auswahl der Männer.

Das Team hat diesen Brief zurückgewiesen: Er rechne ihre Vergütung schön, um die öffentliche Meinung zu drehen. Die im Brief bezifferten Bezüge stammen nicht alle aus dem Topf des Verbandes, sondern teilweise auch aus einer Vereinbarung mit der National Women’s Soccer League, der Frauenfußball-Liga, was die Berechnung verzerrt. Was der Präsident auch nicht berücksichtigt: Die Spielerinnen haben viel mehr Spiele gewonnen als die Männer und dadurch mehr Bonuszahlungen erhalten. An der prinzipiellen Ungleichbehandlung ändert das aber nichts.

Wie stehen die männlichen US-Fußballprofis zu den Klagen ihrer Kolleginnen?

Im Jahr 2021 laufen nicht nur die Verträge der Frauen mit dem Verband aus. Auch auf die Männer kommen neue Verhandlungen zu. Sie fordern, dass der US-Fußballverband alle seine Einnahmen offenlegt: Rundfunk, Sponsoren, Ticketverkäufe, Werbung. Sie argumentieren ganz richtig, dass Ticketverkäufe allein kein guter Maßstab für die Bezahlung der Spieler ist – und dass Frauen wie Männer besser entlohnt werden sollten. ---

Ungleichgewicht

Laut der Klageschrift erhielten US-Männer für die Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft 2014 von ihrem Verband 55 000 Dollar. Die US-Frauen bekamen nur 15 000 Dollar.

Das Männerteam kam bei der WM 2014 bis ins Achtelfinale – und wurde dafür vom US-Verband mit insgesamt 5,375 Millionen US-Dollar belohnt. Die Frauen holten bei ihrer WM im Jahr 2015 den Siegerpokal und bekamen von ihrem Verband dafür 1,725 Millionen Dollar, also weniger als ein Drittel dessen, was die abgeschlagenen Männer erhalten hatten.

Die Grundgehälter von Carli Lloyd (zweimalige Weltfußballerin des Jahres) und Megan Rapinoe (beste Spielerin und beste Torschützin bei der Fußball-WM der Frauen 2019) betragen in diesem Jahr 172 500 Dollar.

Gehalt und Boni zusammengerechnet, verdient der argentinische Superstar Lionel Messi im Jahr 84 Millionen Dollar. Das Jahresgehalt der 1693 Spielerinnen aus den sieben besten Frauen-Fußball-Ligen der Welt zusammengenommen beträgt 42,6 Millionen Dollar.

Für die Teilnahme an der Weltmeisterschaft erhalten die nationalen Verbände der 32 Herrenmannschaften Prämien in Höhe von 400 Millionen Dollar, für die Teilnahme der 24 Frauenmannschaften erhalten die Verbände nur 30 Millionen Dollar. Diese Vergütungen werden vom Weltfußballverband Fifa festgelegt.

Vergleicht man die Umsätze der US-Nationalteams, lagen die der Männer laut Recherchen des »Wall Street Journals« bis 2015 immer über denen der Frauen. Danach aber änderte sich das Bild. Von 2015 bis 2018 sorgten die Spiele der Frauen für einen Umsatz von rund 50,8 Millionen, die der Männer für 49,9 Millionen Dollar.

Anita Moorman ist Professorin für Sportrecht und Rechtsfragen an der University of Louisville, Kentucky, USA