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Wie Politiker wirken, liegt nicht mehr in ihrer Hand

Eine neuartige Fankultur wird die Gesellschaft verändern, sagt der britische Politikwissenschaftler Jonathan Dean.





brand eins: Herr Dean, Sie haben in einem Essay beschrieben, dass eine Kundgebung für den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn Sie sehr beeindruckt hat. Was haben Sie dort erlebt?

Jonathan Dean: Ich war erstaunt, wie stark durchchoreografiert der Abend war. Der dramatische Höhepunkt war erreicht, als Corbyn selbst als Überraschungsgast die Bühne betrat. Die Stimmung war wie auf einem Popkonzert, die Leute haben gejubelt und getrampelt und „Jez we can“ skandiert.

Waren Sie dort als Wissenschaftler oder als Fan?

Ich bin zwar Mitglied der Labour-Partei, aber das Ausrasten habe ich anderen über- lassen. Ich war tatsächlich eher wissenschaftlicher Beobachter.

Ihre These ist, dass eine neuartige Fankultur die gegenwärtige Politik prägt. Wie kommen Sie darauf?

Nach der Kundgebung hatte ich keinen Zweifel mehr, dass Politiker heute genau die Art von Fans haben, die man bisher aus der Popkultur kannte. Was ich bei Corbyn erlebt habe, ist heute weitverbreitet. Politische Veranstaltungen ähneln immer mehr Konzerten oder Sportereignissen, auch im Netz ist politische Fankultur stark.

Haben Sie ein Beispiel?

In Großbritannien gab es das Phänomen Milifandom. Ed Miliband war von 2010 bis 2015 Vorsitzender der Labour-Partei. Eine Zeit lang stellten die britischen Medien ihn ziemlich negativ dar. Fans richteten daraufhin den Hashtag CoolEdMiliband ein, um dem etwas entgegenzusetzen. Vor allem junge Frauen posteten manipulierte Fotos des Politikers. In Bilder von Daniel Craig als James Bond oder Sylvester Stallone als Rambo montierten sie Milibands Gesicht. Das war wahrscheinlich nicht nur lieb, sondern auch albern und ein bisschen ironisch gemeint, aber es entstand eine riesige Fanbewegung daraus.

Sehen Sie das Phänomen auch anderswo?

Der kanadische Premier Justin Trudeau hat Fans, der US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders hat welche, auch seine frühere Konkurrentin Hillary Clinton wurde während des Wahlkampfes von vielen enthusiastisch unterstützt. Donald Trump hat fanatische Anhänger, die ihren Präsidenten in kämpferischer Weise verteidigen.

John F. Kennedy oder in Deutschland zum Beispiel Willy Brandt hatten auch Fans. Inwiefern ist das Phänomen neu?

Leidenschaftliche Loyalität gegenüber Politikern gab es immer wieder, klar. Durch Social Media können Fans sich jetzt aber zusammentun und zu einer starken Gemeinschaft werden, ohne dass sie sich jemals persönlich treffen. Und sie haben so viele neue Möglichkeiten, sich kreativ auszudrücken. Sie schaffen zum Beispiel Meme, indem sie Bilder von Politikern mit Texten in einen anderen Zusammenhang rücken, oder sie bearbeiten die Rede eines Politikers so, dass er wie ein Songtext wirkt. All diese Techniken kommen ursprünglich aus der Popkultur. Neben den Fans gibt es Leute, die solche Bilder oder Videos einfach lustig finden und teilen, und die dadurch einen Hype verstärken.

Sie beschreiben sowohl Jeremy Corbyn als auch Ed Miliband als nicht besonders charismatisch. Bekommen solche Persönlichkeiten durch die neue Fankultur bessere Chancen?

Zumindest ist es weniger vorhersehbar geworden, wer gut ankommt. Politiker und ihre Medienberater haben weniger Kontrolle über ihre Wirkung in der Öffentlichkeit. Wie ihre Botschaften bearbeitet, mit einem neuen Sinn versehen und verbreitet werden, liegt nicht in ihrer Hand. Wie Politiker wahrgenommen werden, kann sich aber sicherlich durch eine Graswurzel-Bewegung ändern. Ich denke, das ist sowohl Jeremy Corbyn als auch dem konservativen Brexit-Befürworter Jacob Rees-Mogg passiert.

In Deutschland hat Martin Schulz als Kanzlerkandidat versucht, sich mit Einblicken in sein Privatleben beliebt zu machen. Kurz schien es zu funktionieren, dann konnte keiner mehr die Geschichten aus seinem Heimatort Würselen hören.

Wenn man sich anstrengt, funktioniert es auch nicht. Ein Hype, gerade in den sozialen Medien, lässt sich schwer planen. Welche Geschichte viral geht und welche nicht, ist völlig unvorhersehbar.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ist es seinerzeit gelungen, eine ganze Bewegung von Unterstützern hinter sich zu versammeln. Inzwischen protestieren die Gelbwesten, die Stimmung ist gekippt. Gehören Enthusiasmus und Enttäuschung zusammen?

Auch das ist typisch für Fankultur: Anhänger einer Fernsehserie oder eines Musikers sind oft eine Weile sehr begeistert und loyal. Irgendwann fangen sie an, die neue Staffel oder das neue Album schlecht zu finden, oder sie halten eine neue Entwicklung sogar für einen Verrat an den alten Werten. Diejenigen, die sich abwenden, sind oft sehr bitter und persönlich enttäuscht. Auch in der Politik war es zwar immer schon so, dass gerade Hoffnungsträger Gefahr liefen, später Enttäuschung hervorzurufen. Ich glaube aber, dass dieser Zyklus sich mit der neuen Fankultur verstärkt und dass die Phasen sich immer schneller abwechseln.

Ist die neue Fankultur eine Einladung für Populisten und Extremisten?

Einen Zusammenhang gibt es sicher. Gerade Rechtspopulisten nutzen die Fankultur für sich, Donald Trump und die französische Politikerin Marine LePen zum Beispiel. Die Begeisterungsfähigkeit ist aber nicht die Ursache für den Erfolg von Extremisten. Ursachen sind meist eher strukturelle Veränderungen in Kultur und Wirtschaft, Fangemeinden sind dann nur ein Symptom.

Führt das emotionale Fan-Dasein auch zu einer rationalen Auseinandersetzung mit Politik?

Dazu haben wir noch keine Zahlen, deshalb kann ich nur anekdotisch von einigen meiner Studenten berichten, die erst Fans waren und dann angefangen haben, sich für Politik zu interessieren. Und Abby Tomlinson, eine Art Sprecherin der Miliband-Fans, führte später Youtube-Interviews mit Spitzenpolitikern. Ich glaube aber, dass es falsch ist, zwischen emotional und rational zu unterscheiden.

Warum?

Politik ist immer beides. Fans darf man sich nicht als überemotionale Hysteriker vorstellen. Viele sind leidenschaftlich und gut informiert zugleich. In jedem Fall sind durch die Fankultur neue Möglichkeiten des politischen Engagements entstanden. Viele stellen sich vor, man müsste immer zu langen, langweiligen Meetings gehen oder im Regen von Haustür zu Haustür laufen, was natürlich auch wichtig ist. Aber heute kann politisches Engagement eben viel kreativer sein und wahrscheinlich auch mehr Spaß machen. Auch das Brexit-Referendum war ein Ergebnis von politischem Engagement.

Sie halten die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen, für ein positives Beispiel politischen Engagements?

Ich persönlich halte den Brexit für schrecklich. Auch wie das Referendum durchgeführt wurde, finde ich sehr problematisch. Aber das politische Thema Brexit war in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren sehr präsent.

Ist der Brexit nicht gerade ein Beispiel für irrationale Politik?

Das sehen viele so, ich selbst tue es zum Teil auch. Trotzdem finde ich: Man kann nicht sagen, die Leute sollen sich endlich mal politisch engagieren, und wenn sie es tun, sich darüber aufregen, dass sie sich für das Falsche engagiert haben.

Die politische Fankultur, die Sie beschreiben, gab es in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit nicht.

Mir scheint auch, dass sich die politische Kultur in Deutschland tendenziell eher an Parteien als an Personen orientiert – auch wenn das so jetzt eine grobe Verallgemeinerung ist.

Woran könnte das liegen?

Ich habe den Verdacht, dass die politische Fankultur immer in Krisen besonders stark wird. Auch wenn in Deutschland die SPD schwächelt und die rechtspopulistische AfD stark ist, erscheint mir die politische Situation recht stabil. Der Brexit erschüttert Großbritannien dagegen fundamental. Außerdem fördern Zwei-Parteien-Systeme wie in Großbritannien und den USA die Fankultur: Wie im Sport ist man entweder Anhänger des einen Teams oder des anderen. ---

Jonathan Dean, 36,
ist Politikwissenschaftler an der Universität Leeds in Großbritannien.

#CoolEdMiliband
Auf Twitter posteten Fans bearbeitete Bilder des damaligen Labour-Vorsitzenden: Ed Milibands Gesicht in einem Bild von David Hasselhoff in „Baywatch“, in einem Bild von Jean-Paul Belmondo in „Außer Atem“, in einem Bild von Feiernden auf Ibiza.

#KittensForCorbyn
Um Jeremy Corbyn zu unterstützen, posteten Fans auf Twitter Bilder ihrer Katzen: Einige tragen Wahlkampf-Buttons am Halsband, andere betrachten einen Bildschirm, auf dem eine Rede Corbyns läuft, manche sehen einfach nur niedlich aus.

#feelthebern
#feelthebern2020
#bernbabybern
Seit Bernie Sanders im Februar 2019 angekündigt hat, dass er erneut als Präsident kandidieren will, ist viel los unter diesen Hashtags: Dort tauschen sich seine Anhänger darüber aus, welche Kundgebungen sie besuchen oder wie viel sie für den Wahlkampf gespendet haben, posten Videos seiner Auftritte oder Bilder: Sanders als Boxer, als Feuerball oder als Tattoo auf dem Unterarm.