Was wäre, wenn …

… Chinas Wirtschaft nicht mehr wüchse?

Ein Szenario.





• Etwa 30 Jahre lang schaute die Welt gebannt auf das exorbitante Wachstum der Volksrepublik China. In manchen Jahren vergrößerte sich die dortige Volkswirtschaft um 14 Prozent. Beobachter begannen, von einem „chinesischen Jahrhundert“ zu sprechen, das Land sei im Begriff, die USA bei der globalen Vorherrschaft abzulösen. Der Nobelpreisträger Robert W. Fogel prognostizierte 2007 beispielsweise, dass die chinesische Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2040 auf 123 Billionen Dollar ansteigen würde – etwa das Sechsfache der aktuellen US-Ökonomie und dreimal so viel, wie Fogel für die USA im Jahr 2040 voraussagte.

Die Wirklichkeit zeigt inzwischen jedoch ein anderes Bild: Chinas Wirtschaft wächst jedes Jahr weniger. Waren es im vergangenen Jahr noch 6,6 Prozent, stellte Ministerpräsident Li Keqiang für 2019 erneut niedrigere Zahlen in Aussicht.

Was wäre nun, wenn die Zuwächse immer weiter abnähmen? Wenn Chinas Wirtschaft irgendwann gar nicht mehr wüchse?

Zum einen würde die gesamte Welt in Mitleidenschaft gezogen: China ist mit rund 13 Billionen Dollar die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde und für rund ein Drittel des globalen Wachstums verantwortlich. Fiele diese Konjunkturlokomotive aus, könnte das zahlreiche andere Länder in eine Rezession stürzen. Bereits ein Rückgang des chinesischen Wachstums auf 2,4 Prozent würde das Bruttoinlands-produkt der USA innerhalb von zwei Jahren um 1,5 Prozent schrumpfen lassen, so eine Studie von Bloomberg Economics. Auch für Russland fiele ein wichtiger Markt für seine Rohstoffexporte weg. Ebenso würden wichtige Handelspartner wie Singapur und Hongkong sowie Zulieferländer wie Taiwan und Thailand unter der Schwäche Chinas leiden.

Auch Deutschland wäre stark betroffen: China ist für die Bundesrepublik seit 2016 der wichtigste Handelspartner – und Deutschland wiederum der wichtigste europäische Handelspartner für die Volksrepublik. Besonders die heimische Automobilindustrie ist abhängig vom chinesischen Markt: Volkswagen zum Beispiel verkauft inzwischen fast die Hälfte seiner Autos ins Reich der Mitte, rund vier Millionen pro Jahr. Audi, BMW und Daimler kommen zusammen auf etwas weniger als zwei Millionen.

Selbstverständlich wären die Auswirkungen auch in China groß: Denn die Macht einer der letzten kommunistischen Regierungen steht und fällt ironischerweise mit dem Erfolg des dortigen Staatskapitalismus. „Ein starkes und stabiles Wirtschaftswachstum ist für die Kommunistische Partei Chinas und die Regierung der Volksrepublik extrem wichtig“, sagt Anna Holzmann vom Mercator-Institut für Chinastudien. Das erkenne man am aktuellen Fünf-Jahres-Plan, der für das Jahr 2020 eine Wirtschaftsleistung vorsieht, die doppelt so groß ist wie die von 2010. Ebenso zeige sich dieser Anspruch am sogenannten 100-Jahr-Ziel zum 100. Geburtstag der Kommunistischen Partei im Jahr 2021. Sollte das Wirtschaftswachstum zum Erliegen kommen, so Holzmann, bedeutete dies eine schwere Legitimitätskrise für die chinesische Führung. „Es wäre außerdem deutlich schwieriger, das Wohlstandsniveau des Einzelnen zu halten.“

Der Umverteilungsdruck und der Druck auf den Arbeitsmarkt würden steigen. Letzterer nimmt bereits jetzt zu: Die chinesische Regierung geht von 15 Millionen neuen Arbeitssuchenden aus, die vom Land in die Städte ziehen. 2019 werden 8,3 Millionen Universitätsabsolventen Jobs suchen, eine Rekordzahl. Sinkendes oder komplett fehlendes Wirtschaftswachstum würde aber bedeuten, dass Firmen von Einstellungen absehen oder Menschen entlassen.

„Eine weitere Konsequenz wäre, dass die Attraktivität des chinesischen Marktes international deutlich abnähme“, sagt Holzmann. „Unternehmen, die sich überlegen, nach China zu expandieren oder ihr Geschäft dort auszubauen, hätten weniger Profitaussichten und so weniger Anreiz, auf dem chinesischen Markt zu agieren.“

Auch dass zunehmend Kapital abfließt, vor allem auch in die USA, die höhere Zinsen zahlen, ist schon jetzt ein gravierendes Problem und könnte sich weiter verschlimmern. Zusätzlich würden sich durch steigende Zinsen die Kreditkosten für Chinas wachsende Auslands- und Unternehmensverschuldung drastisch erhöhen. Schon beim jetzigen Wachstumskurs werden laut der Studie von Bloomberg Economics die Schulden von Staat, Firmen und Privathaushalten bis 2022 zusammen mehr als das Dreifache des Bruttoinlandsprodukts betragen.

Gleichzeitig könnte es für die chinesische Regierung verlockend sein, Staatsunternehmen weiterhin mit großen Krediten zu versorgen. Diese Finanzspritzen wurden bereits in der Vergangenheit dazu genutzt, das Wachstum zu fördern. Sie sind jedoch sehr ineffizient und bringen regelmäßig schlechte Renditen. Im Extremfall könnte in einer Art Dominoeffekt die ausbleibende Wirkung solcher Maßnahmen weitere wachstumshemmende Folgen nach sich ziehen.

Manche Analysten sehen sogar Parallelen zwischen Chinas heutiger Situation und der Lage Japans Ende der Achtzigerjahre. Japan war damals nach einem langen, eindrucksvollen Wirtschaftsboom in eine fast ebenso lange Phase der Stagnation gerutscht. Sie wird heute als die „verlorene Dekade“ des Landes bezeichnet.

Chinas geopolitische Rolle bliebe ebenfalls nicht dieselbe. „Wenn das Wirtschaftswachstum verschwände, würde sich das auch auf die Verhandlungsmacht Chinas auf dem weltpolitischen Parkett auswirken“, sagt Anna Holzmann. Auch Infrastrukturprojekte wie die Neue-Seidenstraßen-Initiative „Ein Band, eine Straße“ hängen maßgeblich davon ab, dass Chinas Wirtschaft weiterhin signifikant wächst. „Bei einem Rückgang würde wahrscheinlich auch weniger in solche Projekte investiert“, so Holzmann. „Das hätte einerseits Auswirkungen für die betroffenen Regionen, beispielsweise Länder wie die Mongolei, Laos oder Pakistan. Es würde aber ganz allgemein auch bedeuten, dass die Nachfrage nach Rohstoffen – etwa für den Bau von Straßen – und somit deren Preis sinken würden.“

Aber natürlich ist es keineswegs sicher, dass Chinas Wachstum weiter schrumpfen wird. Denn die dortige Digitalwirtschaft ist stark und innovativ. China setzt intensiver als die meisten anderen Länder auf Elektromobilität, Plattformökonomie und maschinelles Lernen. Langfristige Investitionen in diese Digitalsparten schlagen sich vielleicht nicht sofort in Produktivitätsgewinnen nieder. Sie könnten sich aber in einigen Jahren umso mehr auszahlen. ---