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Trauriges Arabien

In kaum einer Weltgegend gibt es so viel seelisches Leid wie im Nahen Osten. Lange war es ein Tabuthema – doch das ändert sich nun.





• Ein Mann zeigt keine Schwäche. Mit dieser Haltung war Ally Salama aufgewachsen, so dachte auch er – bis er selbst Hilfe brauchte. Der Ägypter war 18 Jahre alt, ein ehemaliger Leistungsschwimmer mit breitem Kreuz und großen Plänen. Ein Jahr zuvor war er zum Studium nach Toronto gezogen, allein. Dort fühlte er sich fremd, einsam und geriet in eine Krise, aus der er nicht herausfand. Schließlich wandte er sich an die psychologische Beratungsstelle seiner Universität. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas je tun würde“, erinnert er sich. „Ich musste eine große innere Blockade überwinden.“

Heute, vier Jahre später, geht es ihm gut. Doch mit seelischen Nöten hat er weiterhin zu tun: Er entdeckt sie, wenn er mit Verwandten telefoniert und Freunde in der Heimat besucht. „Jedes Jahr, wenn ich nach Ägypten reise, sind sie trauriger“, sagt er. „Viele nehmen Drogen, auch Leute aus gutem Haus. Ein Schatten liegt über der ägyptischen Jugend, sie hat keine Träume mehr.“

Salamas Beobachtungen decken sich mit Berichten aus der gesamten arabischen Welt. Zwar lassen sich Zahlen über psychische Leiden in Ländern, in denen viele Menschen keine Hilfe suchen, nur schwer erheben. Doch mehrere Studien und Experteneinschätzungen legen nahe: Arabien ist die traurigste Region der Welt.

Die umfangreichste Untersuchung zur psychischen Gesundheit in 19 arabischen (sowie 3 nichtarabischen) Ländern in der östlichen Mittelmeerregion, 2017 veröffentlicht in der Online-Fachzeitschrift »Plos One«, kam zu dem Ergebnis: In den meisten dieser Nationen liegt die Rate von Depression und anderen seelischen Leiden erheblich über dem globalen Durchschnitt. Andere Studien stützen den Befund. Laut einem Bericht im »International Journal of Public Health« hat sich die Selbstmordrate im Nahen Osten in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt. Am schlimmsten ist die Lage in Ägypten und den Palästinensergebieten: Rund ein Viertel der ägyptischen Bevölkerung leidet nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums unter seelischen Problemen, die meisten unter Angstzuständen und Depression. Palästinensische Psychiater sprechen von einer Depressionsrate zwischen 30 bis 40 Prozent unter der erwachsenen Bevölkerung.

Besuch bei einem Fachmann: Mahmoud Sehwail, 71 Jahre alt, ist einer der bekanntesten Psychiater im Westjordanland. Neben einer Privatklinik leitet er das Treatment and Rehabilitation Center, das Folteropfer betreut. Seine Klinik befindet sich im Herzen Ramallahs über einer Eisdiele, die unter Einheimischen Kultstatus besitzt und Touristen als Wegmarke dient. In einem kleinen Wartezimmer sitzt eine vollverschleierte Frau neben einem Mann in Jeans, auf einem Fernseher an der Wand laufen arabische Seifenopern aus den Achtzigerjahren. Im Büro nebenan empfängt Mahmoud Sehwail seine Patienten: Er trägt grauen Schnurrbart zu grauem Anzug, auf seinem dunklen Holztisch stapeln sich atlasgroße Notizbücher, in die er Daten seiner Patienten per Hand einträgt. Die meisten von ihnen leiden unter Depression. „Die Menschen hier sind chronischem Stress ausgesetzt“, sagt er. „Die Besatzung, die wirtschaftliche Situation, die ganze Umgebung trägt dazu bei.“

Der Jahrzehnte währende Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern belastet alle Beteiligten. Doch als einzige Erklärung kann er nicht dienen. „Die Depressionsraten in Jordanien sind kaum besser“, sagt Mohammad Herzallah, ein palästinensischer Neurologe. Es muss demnach weitere Faktoren geben, die den verbreiteten Trübsinn in der arabischen Welt erklären.

Depressionen schaden auch der Wirtschaft

Zwar unterscheiden sich die 22 Länder, die zur arabischen Liga zählen, in vielerlei Hinsicht. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, die die Menschen dort belasten, etwa gewaltsame Konflikte. Viele arabische Länder haben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten unter Gewaltausbrüchen gelitten, etwa der Irak, der Libanon und die Palästinensergebiete. In Syrien, Libyen und dem Jemen wird derzeit gekämpft. In Ägypten kamen in mehreren Aufstands- und Anschlagswellen seit der Revolte von 2011 Hunderte zu Tode. Nur die kleinen Golfstaaten blieben weitgehend verschont; dort sind die Depressionsraten niedriger als anderswo in der Region.

„Der Bürgerkrieg im Libanon von 1975 bis 1990 hat viele Menschen beeinträchtigt“, sagt Michel Nawfal, libanesischer Psychologe und Vize-Präsident der Middle East Psychological Association. Etliche litten seitdem unter Angstzuständen, die das Depressionsrisiko erhöhten. Und auch politisch stabile Länder spüren die Folgen von Gewalt in der Nachbarschaft, etwa Jordanien: Das kleine Land hat seit 2011 mehr als eine Million syrischer Flüchtlinge aufgenommen. Die ökonomische Belastung und die gesellschaftlichen Spannungen, die dadurch entstehen, belasteten die Menschen, sagt Widad Jadallah, eine jordanische Psychiaterin, die in Amman als Therapeutin arbeitet. Schlimmer noch ist die Lage für die Millionen syrischen Flüchtlinge, die sich in arabische Nachbarländer gerettet haben: Viele von ihnen haben Furchtbares erlebt, leiden unter Angststörungen und Depressionen und leben ärmlich in überfüllten Camps, ohne Aussicht auf baldige Besserung.

Auch die schlechte Wirtschaftslage drückt auf die Stimmung. Die meisten arabischen Länder, geplagt von Korruption und Misswirtschaft, verzeichnen bestenfalls ein schwaches Wachstum, das nicht Schritt hält mit dem Bevölkerungswachstum. Laut einer Studie der Inter-American Development Bank gehen Arbeitslosigkeit, niedriges Einkommen und hohe Einkommensungleichheit mit hohen Depressionsraten einher. Und es droht ein Teufelskreis, denn einem Bericht der britischen Mental Health Foundation zufolge verursachen seelische Leiden wegen der damit verbundenen Arbeitsausfälle den größten ökonomischen Schaden unter allen Krankheiten.

In Ägypten, einem Land mit bald 100 Millionen Einwohnern, findet schon heute ein Drittel der Menschen unter 25 Jahren keinen Job. Zugleich stehen sie unter Druck: In Ägypten wie in anderen arabischen Staaten ist Sex vor der Ehe tabu, von jungen Menschen wird erwartet, früh zu heiraten – doch dafür muss ein Mann einen respektablen Job plus Eigentumswohnung vorweisen können. „Die Gesellschaft erwartet, dass man im Alter von 22 alles geregelt hat“, sagt der Ägypter Ally Salama. „Das stresst.“

Andernorts sieht es ähnlich aus. „Viele Libanesen haben Schwierigkeiten, ihre Rechnungen zu bezahlen“, sagt der Psychologe Michel Nawfal. „Viele leihen sich Geld von der Bank, was Stress und Angstzustände auslöst – und je länger die Angstzustände andauern, desto höher ist das Depressionsrisiko.“

Hinzu kommen kulturelle Einflüsse: Bestimmte Haltungen und Traditionen, die in arabischen Gesellschaften vorherrschen, können zu Verstimmungen beitragen. Mit Ausnahme kleiner urbaner, liberaler Eliten sind arabische Gesellschaften konservativ und patriarchalisch geprägt, für persönliche Vorlieben bleibt wenig Raum. Besonders Frauen leiden darunter. Junge Jordanierinnen, die sich an Therapeuten wenden, klagen oft über den Mangel an Autonomie, heißt es in einer Studie im »Journal of the American Board of Family Medicine«.

Weltweit sind Frauen deutlich häufiger von Depression betroffen als Männer. Das gilt Statistiken zufolge auch für den arabischen Raum. Allerdings berichten einzelne Fachleute aus dem Libanon und den Palästinensergebieten, dass unter jungen Menschen der Anteil männlicher und weiblicher Betroffenen fast gleich ist. „Das ist eines der interessantesten Ergebnisse unserer Studien“, sagt der palästinensische Neurologe Mohammad Herzallah.

Zudem fühlen sich viele junge Leute hin- und hergerissen zwischen dem liberalen Lebensstil, den sie in Hollywoodfilmen, bei Auslandsreisen oder auf Instagram sehen, und den konservativen Werten ihrer Eltern. „Auf meinem Laptop sehe ich die ganze Welt, ich lese ausländische Nachrichten und fühle mich nicht anders als junge Leute in England oder Deutschland“, sagt der Ägypter Ally Salama. „Aber wenn ich zurück nach Hause komme, dann verstehen meine Eltern mich nicht.“

Schließlich vermuten manche Fachleute, dass auch politische Repression die Psyche derer belastet, die ihr ausgesetzt sind. Die US-Denkfabrik Freedom House, die Länder weltweit nach politischen Rechten und zivilen Freiheiten bewertet, stuft im arabischen Raum einzig Tunesien als „frei“ ein. Die Herrschenden in den meisten anderen arabischen Länder lassen Wahlen manipulieren, beschneiden soziale Freiheiten und unterdrücken Andersdenkende. Wer nicht pariert, muss mancherorts mit drakonischen Strafen rechnen: Saudi-Arabien etwa lässt Menschen auspeitschen, die Alkohol trinken oder sich als homosexuell zu erkennen geben. Wer am Golf, in Ägypten oder Gaza die Mächtigen kritisiert, muss mit Haft oder Schlimmerem rechnen. Das Wissen darum kann Angst und Stress auslösen und so das Depressionsrisiko erhöhen.

Menschen in seelischer Not haben in der arabischen Welt wenige Möglichkeiten, Hilfe zu suchen. Nur ein winziger Bruchteil der staatlichen Aufwendungen für die Gesundheit fließt in psychologische und psychiatrische Betreuung. In den Palästinensergebieten kommt auf rund 100 000 Einwohner nur ein Therapeut, in Ägypten sind es 0,4, im Irak gar nur 0,05 (in Deutschland sind es zwischen 12 und 62, je nach Bundesland). In den meisten arabischen Ländern übernehmen weder Staat noch Krankenversicherung die Kosten für psychologische oder psychiatrische Behandlungen. „Die Preise für Beratungssitzungen und Medikamente in Jordanien sind so hoch, dass durchschnittliche Bürger sie sich nicht leisten können“, berichtet die Psychiaterin Widad Jadallah.

Und selbst wenn, bliebe da noch das Stigma, das mit seelischem Leiden verbunden ist. „Es betrifft nicht nur das Individuum, sondern auch seine Familie“, sagt Mohammad Herzallah, der palästinensische Neurowissenschaftler. „Die Leute sagen: Das ist die Familie mit den Verrückten. Enge Freunde ziehen sich zurück. Selbst die Schwester des Betroffenen bekommt Probleme, weil ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt sinken.“

Das Schweigen brechen

Der libanesische Psychologe Michel Nawfal sagt: „Manche Menschen glauben, Depressive seien verrückt oder hätten eine schwache Persönlichkeit.“ In weniger gebildeten Kreisen suchen viele Menschen eher Rat bei einer geistlichen Autorität oder einem traditionellen Heiler. „Von zehn Menschen, die zu mir kommen, waren acht vorher bei einem Heiler“, sagt der palästinensische Psychiater Mahmud Sehwail. Aber er sieht auch Fortschritte: Als er in den Achtzigerjahren begann, Hausbesuche zu machen, hätten Angehörige von Betroffenen ihm häufig nicht die Tür öffnen wollen. „Heute rufen sie an und bitten um Hilfe.“

Das ist die gute Nachricht dieser traurigen Geschichte: Es gibt Anzeichen für einen Wandel. Einige Regierungen werden, aufgeschreckt von den düsteren Statistiken, aktiv. So hat das palästinensische Gesundheitsministerium mit finanzieller Unterstützung der EU eine Initiative zur Verbesserung der therapeutischen Infrastruktur ins Leben gerufen. Das libanesische Gesundheitsministerium hat 2015 eine „nationale Strategie“ zu seelischer Gesundheit entworfen. Und Ägyptens Regierung hat 2017 eine Kampagne gestartet, um über psychische Leiden aufzuklären.

Doch die vielleicht wichtigsten Impulse kommen aus der Bevölkerung. Mohammad Herzallah hatte gerade sein Medizinstudium abgeschlossen, als er 2009, im Alter von 23 Jahren, die Palestinian Neuroscience Initiative (PNI) gründete. Heute ist die PNI eine eigene Abteilung in der Al-Quds-Universität im Westjordanland. 30 Forscher, die meisten sehr jung, erforschen unter anderem, wie das Gehirn depressiver Menschen reagiert, wenn sie zum ersten Mal Antidepressiva nehmen. Rund 300 Patienten hat das PNI-Team bisher getestet. Ausländische Spender, Stiftungen und Forschungsgesellschaften unterstützen die PNI finanziell; ihr Gründer Mohammad Herzallah wurde von der Zeitschrift »Arabian Business Power« zu einem der „500 einflussreichsten Araber“ weltweit gekürt. Er forscht heute an der Rutgers Universität in New Jersey, tauscht sich aber täglich mit dem PNI-Team aus. „Ich wollte etwas schaffen, das einen Beitrag auf lokaler Ebene leistet und zugleich die internationale Forschung vorantreibt“, sagt er.

Auch anderswo blühen neue Initiativen auf: Die jordanische Therapeutin Widad Jadalla hat mit Fachkollegen die Tamkeen Association for Psychological Counselling gegründet, um Vorurteile abzubauen. Lokale NGOs bieten vielerorts kostenlos Beratung an. Und im Libanon seien TV-Sendungen, die über seelische Leiden aufklären, zu einer regelrechten Mode geworden, berichtet der Psychologe Michel Nawfal.

Ally Salama, der junge Ägypter in Toronto, ist inzwischen vom Patienten zum Aktivisten geworden. 2017 rief er die Facebook-Seite „Break the Silence Egypt“ ins Leben und eröffnete ein Onlineforum, in dem Ägypter anonym von ihren Sorgen berichten konnten. „Das Konzept war simpel: Erzähle deine Geschichte“, sagt Salama. „Ich habe den Link auf Facebook gestellt und ein paar Freunden geschickt, und es hat sich unheimlich schnell verbreitet. Die Leute schrieben Dinge, über die sie noch nie gesprochen hatten. Manches war extrem düster: Eine 14-Jährige erzählte, ihr Vater habe sie vergewaltigt.“

Inzwischen hat Salama das Forum geschlossen, die Facebookseite besteht weiter. Auf einer gleichnamigen Website publiziert Salama Interviews mit ägyptischen Prominenten wie Sportlern und Musikern über seelische Leiden. Derzeit arbeitet er außerdem an einer Youtube-Serie. Das erste Video hat er im Februar hochgeladen, es heißt: „Was ist psychische Gesundheit – in vier Minuten“. In den kommenden Jahren, sagt er, will er außerdem ein Onlinemagazin gründen und Break the Silence Egypt zur „wichtigsten Plattform für psychische Gesundheit im Nahen Osten“ machen.

„Ich bin kein Psychologe, ich bin in erster Linie eine Stimme“, sagt Ally Salama. „Aber über seelische Leiden zu sprechen ist wichtig. Und in Ägypten spricht niemand darüber. Deshalb glaube ich, ich habe etwas Wichtiges zu sagen.“ ---